Von der Ermordung des Christkinds

Christkind
Text: Heike Strobl – Foto: Isabell Beck

Blondes lockiges Haar, ein süßes Gesicht und natürlich weiße Flügel. So kennen wir  unser geliebtes Christkind, das jedes Jahr zahlreiche, schön verpackte Geschenke unter den Baum legt. Nein! So kannten wir das Christkind. Denn wann habt ihr es zum letzten Mal gesehen?

In jedem weihnachtlich geschmückten Kaufhaus, jedem blinkenden und blitzenden Schaufenster, jedem Vorgarten und natürlich in der Werbung wird ein dicker alter Mann mit roten Mantel und langem Bart gezeigt, der die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legt – oder war das nicht eben noch der Christbaum?

Der Star des Dezembers

Roter Mantel, langer Bart: Ist das nicht der vom 6. Dezember? Der Nikolaus? Nein, das war der Nikolaus. Jetzt ist er der Weihnachtsmann, der auch unser Christkind still und heimlich, hinterrücks zur Strecke gebracht hat. Denn heutzutage legt er an Weihnachten die Geschenke unter den festlich geschmückten Nadelbaum. Er bringt Kinderaugen zum Strahlen und ist der heimliche Verbündete der Eltern. Er erfährt die sehnlichsten Kinderwünsche und ist der Hauptdarsteller in Radio und Fernsehen.

Im Dezember wird der Mann mit dem roten Mantel zur wichtigsten Person in den TV-Spots. Darin verbindet er Menschen aller Gesellschaftsschichten und Altersklassen – und das nur mit einer Flasche koffeinhaltigen Getränkes. Er ist auch der Bekannte, der im Supermarkt um die Ecke einkauft. Dabei übertreibt der Gute wohl gerne ein bisschen, denn ein kleiner blonder Junge hat doch tatsächlich Angst, dass der Weihnachtsmann nicht mehr durch den Kamin passt.

Das Christkind kam nie durch den Kamin

Aber wieso sollte er das überhaupt? Das Christkind kam doch nie durch den Kamin – und es brauchte auch bestimmt kein Rentier mit einer leuchtenden roten Nase, um die Geschenke zu verteilen. Aber wenn ich daran denke, was früher unter unserem Christbaum lag und was heute in der Werbung angepriesen wird: Flatscreen-Fernseher, PlayStation und Co. passen wohl wirklich besser in einen riesengroßen Schlitten.

1:0 für den Weihnachtsmann.

Die festlich geschmückten Häuser bieten ja auch die perfekte Start und Landebahn. Ausreichend beleuchtet sind sie auf jeden Fall, denn die neuen LED-Lichterketten erstrahlen im einzigartigen blaustichigen Licht von Tankstellen. Kaum zu übersehen also.

Dem Christkind hat früher immer eine kleine Kerze am Fenster gereicht, um meinen Wunschzettel zu finden und die richtigen Geschenke kamen auch immer an. Der Weihnachtsmann bekommt das wohl nicht so ganz auf die Reihe. Sonst müssten doch nicht so viele Eltern bei den großen Versandhäusern bestellen, die extra für Weihnachten Helfer einstellen. Die Leute auf Erden haben anscheinend mehr Vertrauen in einen  Postboten als den Weihnachtsmann. Punkt für das Christkind.

Damit steht es 1:1.

Zu guter Letzt das Internet

Das letzte Wort überlasse ich der online Suchmaschine, die unser ganzes Leben verändert hat. Wer das Christkind in die Eingabeleiste eintippt, findet nette Bildchen. Wer sich auf die Suche nach dem Weihnachtsmann begibt, wird sofort von einem bunten Bild mit „Santatracker“ in den Bann gezogen. Der Weihnachtsmann hat dort sogar ein eigenes Dorf, das zum Besuch einlädt.

Traurig aber wahr: 2:1 für den Weihnachtsmann.

Damit nehme ich wohl Abschied von unserem Christkind. Der Weihnachtsmann, er möge kommen.