„Studenten haben bessere Karten als Wohnungslose“

Ein Interview mit Dominik Appelt, einem Berater für Wohnungslose

Text: Katharina Knopf & Alexandra Kiefer, Foto & Illustration: Lisa Luthardt
Text: Katharina Knopf & Alexandra Kiefer, Foto & Illustration: Lisa Luthardt

Geschichten wie diese kennen wir höchstens aus der Zeitung: Sieben Jahre lang lebt ein Mann allein im Wald, schläft Sommer und Winter gleichermaßen im Zelt und hält sich mit Flaschensammeln und allem, was die Natur so zu bieten hat, über Wasser. Für unseren Interviewpartner Dominik Appelt sind solche und ähnliche Schicksale jedoch Teil des Alltags.

Presstige: Herr Appelt, können Sie uns bitte kurz erklären, wer Sie sind und was Sie machen?

Dominik Appelt: Ich bin Sozialpädagoge und seit zehn Jahren beim SKM-Augsburg in der Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe tätig. Der SKM, der katholische Verein für soziale Dienste e.V., betreibt in Augsburg auch eine Wärmestube. So versuchen wir, Kontakt mit Wohnungslosen herzustellen und ihnen Unterstützung zu bieten. Hier können sie und andere Menschen kostenlos zu Mittag essen. In der dazugehörigen Kleiderkammer kann jeder gespendete Kleider mitnehmen und die wenigen, die in Augsburg tatsächlich auf der Straße leben, können duschen und Wäsche waschen.

Warum werden Menschen obdachlos?

Der häufigste Grund ist ein Schicksalsschlag wie eine Trennung, der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Krankheit. Das wirft die Menschen aus der Bahn. Entweder sie sind vom Alltag irgendwann überfordert oder, auch das gibt es oft, sie wählen bewusst ein Leben auf der Straße. Denn anfangs scheint dieses Leben leichter: Man muss sich vor niemandem rechtfertigen, keine Briefe mehr beantworten, man kann machen, was man will. Aber das ist auch mit vielen negativen Konsequenzen verbunden: Man hat keinen Krankenversicherungs- schutz, kein geregeltes Einkommen und lebt von dem, was man durch Betteln, Flaschensammeln oder Gelegenheitsjobs verdient. Denn für Hartz IV muss man sich an einer Stelle wie dem SKM anmelden und diese Leute wollen lieber durch die Städte ziehen oder ganz außerhalb der Gesellschaft leben.

Außerhalb der Gesellschaft?

Ja, das ist eine Geschichte, die man immer wieder hört: der Rückzug in den Wald. Ich kenne das Beispiel von einem jungen Mann, etwa Mitte 20, der von seiner Freundin verlassen worden ist. Das hat ihn so schwer getroffen, dass er aussteigen wollte. Er hat dann in einem Zelt im Wald gewohnt und vom Flaschensammeln gelebt. Im Winter hat er 0 Grad in seinem Zelt halten können, indem er es mit Planen isoliert und die Gärung von Laub in Plastiksäcken als Wärmequelle benutzt hat. Angenehm ist das trotzdem nicht. Aber er ist sieben Jahre lang im Wald geblieben, bevor er beschlossen hat, dass das auf Dauer keine Lösung ist. Dann ist er zu uns gekommen und heute braucht er keine Unterstützung mehr.

Wie helfen Sie ihm und anderen, die zu Ihnen kommen?

Wir versuchen zuerst ihre grundlegenden Bedürfnisse zu sichern: Wir vermitteln ihnen ein Zimmer in einem Übergangswohnheim und erklären ihnen, wie sie staatliche Unterstützung bekommen. Zudem helfen wir bei den Finanzen und der Wohnungs- suche. Zurzeit ist das aber sehr schwierig, da der Wohnungsmarkt für Objekte mit 397 Euro Warmmiete stark ausgedünnt ist.

Im selben Bereich liegt auch das typische Studentenbudget, konkurrieren beide Gruppen?

Ja, indirekt schon. Und die Studenten haben bessere Karten als Wohnungslose, weil sie keine negativen Schufa-Einträge, sondern im Gegenteil oft eine Bürgschaft der Eltern vorweisen können. Insgesamt sind sie bei den Vermietern beliebter. Auch deshalb wäre es wichtig, vermehrt präventiv zu arbeiten. Da das Sozialamt weiß, wann eine Zwangsräumung ansteht, könnte man versuchen, den Menschen zu helfen, bevor sie ihre Wohnung verlieren. Aber im Moment fehlen uns die personellen Mittel dazu.

Ausgabe 27: Wohnen Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 27 unseres gedruckten Magazins.

Noch einmal zurück zu den Gründen der Wohnungslosigkeit: Was ist mit den Menschen, die ungewollt auf der Straße landen?

Es zeigt sich, dass ihnen Bewältigungsmechanismen für den Umgang mit Problemen fehlen. Der bereits erwähnte Schicksalsschlag bringt sie aus der Bahn und viele versuchen, ihre Gefühle durch Alkohol oder andere Suchtmittel zu überwinden. Zugleich versäumen sie ihre Pflichten: Sie ignorieren Rechnungen, vernachlässigen und verlieren ihren Job bis die Miete nicht mehr gezahlt wird und der Gerichtsvollzieher kommt. Und sie suchen sich in dieser Überforderungs- situation keine Hilfe. Erst, wenn sie wirklich auf der Straße stehen, kommen sie zu uns. Zudem sind 80 Prozent unserer Klienten suchtkrank oder psychisch krank. Nicht nur eine unbezahlte Miete, sondern auch Streit mit den Nachbarn aufgrund ihres auffälligen Verhaltens kann zum Verlust der Wohnung führen. Oder sie beenden eine längere Behandlung im Krankenhaus und haben dann keine Wohnung mehr. Ähnlich ist es auch bei Häftlingen. Hier versuchen wir, präventiv anzusetzen.

Sie verhindern sozusagen, dass entlassene Häftlinge auf der Straße stehen gelassen werden?

Das Leben auf der Straße ist schließlich auch ein gefährliches Leben: draußen sein im Sommer bei praller Hitze, im Winter bei durchdringender Kälte, ohne Rückzugsort, ohne Privatsphäre. Und immer lauert die Gefahr von Gewalt. Obdachlose werden oft verprügelt. Häufig ist dabei Alkohol im Spiel. Die Täter denken: Das ist ja nur ein Obdachloser, der ist eh nichts wert. Bekommen die Verletzten kein Hartz IV, haben sie auch keine Krankenversicherung und erhalten nur eine Notfallbehandlung.

Können wir als Außenstehende etwas tun, um zu helfen?

Ja, es gibt viele Möglichkeiten, sich beim SKM-Augsburg ehrenamtlich zu engagieren: die Arbeit in der Wärmestube, der Kleiderkammer oder die Betreuung eines Wohnungslosen. Letzteres kann Hilfe bei Bewerbungen oder ein wöchentliches
Gespräch sein. Die meisten Betroffenen kennen niemanden, bei dem sie sich öffnen wollen, deshalb brauchen sie diese Unterstützung.

Kontakt

Wärmestube Augsburg
Klinkertorstr. 12
Tel.: 0821 516 569
www.skm-augsburg.de