Müller will über „Internetsolidarität“ reden

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Text: Michael Müller – Illustration: Isabell Beck

 

Jeden Tag lockt im Internet das Gute. Egal, ob es um Menschenrechte, die Umwelt, fairen Welthandel oder die lokale Energieversorgung geht, das Richtige ist nur einen Klick entfernt. Ein Wort, über das der geneigte User dabei gerne stolpert lautet „Solidarität“. Manch einer mag sich vielleicht fragen, was denn dagegen spricht, sich gemeinsam mit anderen für eine gute Sache stark zu machen. Eigentlich nichts – und doch macht ein äußerst prominentes Beispiel nachdenklich.

Am 7. Januar 2015 sollte eine schrecklich Tat das Leben vieler Menschen verändern. Bei einem Anschlag islamistischer Terroristen auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wurden zwölf Menschen getötet. Doch womit die Täter nicht gerechnet hatten, war, dass ihr unbegreifliches Verbrechen weltweit eine Welle der Solidarität auslösen würde. Unter dem Slogan „Je suis Charlie“ drückten unzählige Menschen auf der ganzen Welt ihr Mitgefühl mit den Opfern aus. Sie wollten sich damit für eine Welt einsetzen, in der die Presse- und Meinungsfreiheit uneingeschränkte Geltung beansprucht. Doch trotz oder gerade wegen des riesigen Erfolgs der Kampagne kam es bald zu Irritationen. Plötzlich wollte einige der Unterstützer gar nicht mehr Charlie sein. Doch warum ging der Zusammenhalt verloren?

Der Begriff der Solidarität kommt aus dem Lateinischen und meint in der Regel, dass Gleichgesinnte sich für ein geteiltes Ideal stark machen. So weit, so gut. Im Falle von „Je suis Charlie“ tun das allein auf der dazugehörigen Facebook-Seite momentan über 145.000 Nutzer. Der Erfinder des Slogans wollte ursprünglich zum Ausdruck bringen, dass wir alle von Gewalt gegen die Meinungsfreiheit betroffen sind. Durch die virale Verbreitung und Zustimmung im Internet versammelt sich scheinbar eine sehr große Zahl Menschen dahinter. Das kann unter demokratischen Verhältnissen nicht ignoriert werden Aber Moment, scheinbar? Richtig, denn ganz so einfach ist die Sache nicht.

Der Grund dafür liegt unter anderem im Internet selbst. Hierzulande vernetzt es inzwischen einen Großteil der Bürger in Sekundenschnelle mit der ganzen Welt. Wollten in analogen Zeiten viele Menschen gemeinsam für eine Sache eintreten, mussten sie sich erst einmal an einem gemeinsamen Ort versammeln. Deshalb haben an vielen Demos oder Kundgebungen vor allem Leute aus der näheren Umgebung teilgenommen. Für allen anderen war die Teilnahme meistens einfach zu aufwendig. Denken wir an die eigentlich französische Aktion „Je suis Charlie“, mussten Deutsche, die mitmachen wollten, nicht mal das Auto anlassen. Ein schneller Klick vom gemütlichen Wohnzimmer aus genügte. Politikwissenschaftlich gesprochen senkt das Internet also die Beteiligungsschwelle für eine Aktion und das ist gut für die Demokratie.

Allerdings verliert sich im Netz oft auch noch etwas anderes: Identifikation. Wer großen Mühen auf sich nehmen muss, um an einer Aktion teilzunehmen, wird dies nur tun, wenn er auch wirklich dahinter steht. Das schafft zwischen den Teilnehmer ein sehr ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie zeigen sich also solidarisch im klassischen Sinne. Für den Internethype „Je suis Charlie“ gilt das nur eingeschränkt. Bereits nach kurzer Zeit tauchten immer wieder neue Namensvettern auf, die gar nicht wussten, was es eigentlich mit „Charlie Hebdo“ auf sich hat. Einige davon stellten mit Verzögerung fest, dass ihnen das französische Blatt viel zu bissig oder radikal war, und wollten plötzlich gar nicht mehr „Charlie“ sein. Schon hier hörte so manche Solidarität auf.

Kolumne: Müller will reden

Meinung ist tot? Nicht mit uns, denn unser Chefredakteur Michael Müller ist überzeugt, dass es Dinge gibt, die man nicht wissen kann, aber über die es sich zu reden lohnt. In Zeiten harter Fakten glaubt er an das lose Mundwerk, denn wohin sonst mit all den gesammelten Informationen? Mal geht es um Wichtiges, mal um den Rest, aber immer gilt: Keine Angst, Müller will nur reden. Die Kolumne erscheint immer donnerstags und wird von Isabell Beck illustriert. Alle Folgen von „Müller will reden“ zum Nachlesen.

Ein zweites Problem ergibt sich paradoxerweise gerade daraus, das im Internet so viel demokratisches Potenzial schlummert. Deshalb wird es nämlich gerade auch für politische Akteure interessant, deren Liebe zu Volksherrschaft und Pressefreiheit ein wenig fragwürdiger ist. In Deutschland schlossen sich „Je suis Charlie“ auch die NPD oder die umstrittene PEGIDA-Bewegung, die Journalisten sonst gerne als „Lügenpresse“ betitelt, an. Warum sich gerade diese Gruppen mit einem besonders scharfen Satireblatt solidarisieren? Die Antwort lautet: Weil sie es gar nicht tun.

Sie interpretieren den Slogan nämlich ganz anders als seine ursprünglichen Erfinder. Für sie hat sich in Paris nicht ein Anschlag grausamer Terroristen auf die freie Presse abgespielt, sondern der Kampf des gesamten Islams gegen den Westen gezeigt. Mit solch platter Islamfeindlichkeit kann sich in Deutschland zum Glück nur eine Minderheit identifizieren, der missbräuchliche Verweis auf „Je suis Charlie“ soll die aber viel größer erscheinen lassen. Klar, hier haben pietätlose Rechtspopulisten die Opfer einer Gewalttat und ehrlich gemeinte Solidarität instrumentalisiert. Streng genommen konnten andere Teilnehmer der Aktion nun aber nicht mehr sicher wissen, wie viele ihrer vermeintlich Gleichgesinnten in Wahrheit von rechts außen kamen. Auch hierin konnte ein guter Grund liegen, nicht mehr Charlie sein zu wollen.

Deshalb ist es immer noch lange keine schlechte Idee, sich an „Je suis Charlie“ oder einer anderen Solidaritätsaktion im Internet zu beteiligen. Es bleibt dabei, dass die direkte Meinungsäußerung im Internet eine ganz neue Chance bietet, wichtige Überzeugen zu verbreiten und groß zu machen. Wer weiß, vielleicht können deutsche Klick sogar am anderen Ende der Welt eine Kleinigkeit bewegen. Dennoch gilt auch im Internet, dass Solidarität immer eine persönliche Komponente hat. Hier machen sich Menschen miteinander gemein. Deshalb sollte man vorher gut darauf achten worum es geht, wer noch mitmacht und dass man nicht ungewollt vor einem fremden Karren landet. Wenn alle Stricke reißen, bleibt ja noch immer die gute alte analoge Demo. Für die kann man sich übrigens auch über das Internet verabreden.