Faszination Hautsicht – Die Tätowierung als globales Phänomen

Teil 1: Von Ausgrenzung, Zusammenhalt und Südseeträumen

Text: Julia Krauss & Michael Müller – Illustration: Isabell Beck
Text: Julia Krauss & Michael Müller – Illustration: Isabell Beck

Die Tätowierung hat einen langen Weg hinter sich. Nicht nur in der Tattooszene war es ein gutes Stück von „Old Port“ bis zur „New School“, sondern vor allem auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Unsere Redakteure haben hierzu einen kleinen Überblick zusammengestellt.


Die Geschichte des Tattoos reicht bis in die Steinzeit. Egal ob Ästhetik, Identität, Identifikation, religiöse Verbundenheit, Mode oder eine politische Gesinnung – seit jeher lassen sich Menschen tätowieren. Die 59 genauestens platzierten Kreuz- und Linientätowierungen in der Haut der ca. 5300 Jahre alten Gletschermumie Ötzi hatten vermutlich medizinische Gründe. Der Hautstich wurde jedoch genauso zur Grenzziehung zwischen sozialen Schichten oder Glaubensvorstellungen eingesetzt, wie die schmerzhafte psychosoziale Brandmarkung Krimineller oder unerwünschter Personen zeigt.

Das Tattoo als Brandmarkung

Die Römer und Griechen zeichneten um 100 v. Chr. gezielt Soldaten, Sklaven, Kriminelle und die in ihren Augen ketzerischen Christen. Ihre Tätowierung brandmarkte sie als böse, ungerecht, minderwertig und ungläubig. Unter den frühen Christen wandelten sich die gewaltsam aufgedrückten „Out-Group-Stigmata“ so allerdings schnell zu gruppenstärkenden und sogar freiwillig erworbenen „In-Group-Erkennungszeichen“. Bereits hier zeigt sich der ambivalente Charakter der Tätowierung, den sie bis heute nicht verloren hat. Einerseits diffarmierende Brandmarkung, andererseits positives Gruppenzeichen.
Besonders grausam wurden Menschen bei ihrer Ankunft in den Konzentrationslagern des dritten Reichs gebrandmarkt. Die Zahl auf dem linken Unterarm sollte nicht auf der Haut halt machen, sondern bis ins Hirn wirken. Vom Körper in die Seele sollte sie das Individuum zu einer Nummer unter vielen reduzieren. Von einem Menschen zum Nichts. Auf andere Weise wirken diese Zahlen bis in die Gegenwart fort. Viele junge Erwachsene veranlasst das Gedenken an den Holocaust dazu, sich diese KZ-Matrikelnummer ihrer Vorfahren ebenfalls tätowieren zu lassen. So zeigen sie, dass die geliebten Großeltern weit mehr als eine Nummer waren. Damit wird eine Brandmarkung zum Versuch, das Vergangene aufzuarbeiten und die Geschichte des jüdischen Volkes und der eigenen Familie weiterzutragen.

Tätowierungen als Importschlager aus der Südsee

Im 18. Jahrhundert wandelte sich das Tattoo zum Symbol für den Traum vom Leben auf einer Südseeinsel. Matrosen brachten wilde Abenteuergeschichten und den Begriff tattow von ihren Reisen mit nach Europa. Dieser ist eine Abwandlung des polynesischen tatau, einer Kulturtechnik, bei der die Tahitianer ihre Tätowierung erhalten. Auf diesem Wege wurde die „bodymodification“ in Europa weitläufig wiederbelebt. In der Folge entwickelte sie ihre eigene Dynamik in der Körperkunst und löste geradezu eine Tätowierungswut aus.
Ausgabe 28: Körper Dieser Artikel erscheint exklusiv als Onlinebeitrag zur Ausgabe 28 unseres gedruckten Magazins.