Müller will über „Kommunikation“ reden

Text: Michael Müller - Illustration: Isabell Beck
Text: Michael Müller – Illustration: Isabell Beck

Grauenhafte Rechtschreibung, inhaltsleeres Geschwätz und wüste Beschimpfungen – immer wieder wird das Internet verdächtigt, unserer Kommunikation zu schaden. Doch ist wirklich das Netz als solches der Grund für die Entgleisungen seiner Nutzer, vor allem wenn es plötzlich um Streit, Hass oder Hetze geht? Darüber sollten gerade wir Digital Natives einmal reden!

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Mit diesem Satz hat schon 1969 der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick darauf aufmerksam gemacht, dass jedes menschliche Verhalten, damit auch das non-verbale, Botschaften transportiere. Heute scheint der Satz, wenn auch aus etwas anderem Blickwinkel, aktueller denn je. Durch Instant Messaging, Social Media und das mobile Internet sind wir alle praktisch ständig vernetzt und kommunizieren dabei – manchmal sogar ohne es zu wollen. Seit vor gut dreißig Jahren die erste E-Mail in Deutschland ankam, hat der Austausch über den Computer einen wahren Siegeszug angetreten. Ursprünglich noch der Wissenschaft, der Industrie und dem Militär vorbehalten, hat die digitale Kommunikation spätestens mit den Communities auch das Privatleben erreicht. Dank Foren, Chatrooms und vor allem den sozialen Netzwerken können wir unser Leben in einen Livestream verwandeln. Insgesamt werden dabei so viele Informationen um den Globus geschickt wie nie zuvor. Doch haben wir uns mit dem Internet nur ein neues Kommunikationsmittel gesucht, oder hat sich durch das neue Medium auch der Austausch selbst verändert – am Ende gar zum Schlechteren?

Alles eine Frage der Technik?

Wer die Diskussion über Hasskommentare im Internet verfolgt hat, kann durchaus diesen Eindruck erhalten. Spätestens seit es in Internetforen vermehrt zu Beschimpfungen kam, geht auch die Forschung solchen Phänomenen. Schon Mitte der 1990er Jahre ist so das SIDE-Modell entstanden. Danach kommt es vor allem darauf an, ob sich Nutzer im Internet als Teil einer sozialen Gruppe wahrnimmt. Identifiziert er sich vor allem mit der Community, in der er agiert, oder seinem Gegenüber, versucht er diese Verbindung zu erhalten. Deshalb hält er sich an die Regeln, die in der Gruppe vorherrschen. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn diese Identifikation fehlt. Dann ist der Nutzer auf sich selbst zurückgeworfen, zieht die eigenen Maßsstäbe heran und ist oftmals auch bereit, sie gegen andere zu verteidigen. Gerade wenn sich ein Gesprächspartner als Teil einer unfair behandelten oder ausgegrenzten Minderheit sieht, kann es hier schnell zur Eskalation kommen. Der Grund für die Auseinandersetzungen selbst liegt dabei aber jenseits des Internets. Außerdem lassen sich so zwar Hasskommentare erklären, aber ebenso häufig wird auch von Konflikten unter Kollegen, Freunden oder sogar in der Familie erzählt. Auch im eigenen Umfeld habe ich schon erlebt, dass Streit unter Personen, die sich sonst sehr nahestehen, im Internet scheinbar schneller hochkocht als beim Gespräch am Küchentisch.

Selbst dafür gibt es wissenschaftliche Ansätze, die auch wieder ein wenig an Watzlawick erinnern. Sie verweisen auf eine Vielzahl non-verbaler Hinweise, die wir im persönlichen Gespräch quasi zwischen den Zeilen einstreuen. So geben wir durch Gestik, Mimik und Tonlage eine Bewertung unseres Gegenübers ab. Auch die soziale Situation oder das Alter des Gesprächspartners können wichtige Tipps geben, welches Verhalten angemessen ist. Solche sozialen Reize fehlen im Chat. So geht die Einschätzung des anderen als Orientierung verloren und auch generell steigt das Risiko von Missverständnissen. Allerdings gilt diese Einschränkung nicht erst seit der Entstehung des Internets. Auch der als besonnen und höflich geltende Brief bereitet das gleiche Problem. Hinzu kommt, dass gerade der Chat durchaus Ersatz für die sozialen Reize bietet, zum Beispiel in Form einer breiten Palette an Emoticons. Wenn aber weder die Psychologie, noch die Technik abschließend erklären kann, wie es zu so viel Streitereien im Internet kommt, bleibt nur noch ein Grund übrig: Der Umgang der Nutzer mit dem neuen Medium.

Spielwiese mit Folgen

Vor allem in der Anfangsphase stand das Internet für eine Kultur der Freiheit. Es war eine Umgebung, die den Nutzern Raum gab, sich gemeinsam mit Gleichgesinnten und jenseits der üblichen Zwänge auszuprobieren. Auch hinter dem Web 2.0, der Wiege der sozialen Netzwerke, steht dieser Gedanke. Diese Ursprünge prägen die Netzkultur noch immer, auch wenn sie immer geregelter erscheint. Deshalb herrscht bei der digitalen Kommunikation noch immer mehr Ungezwungenheit als beim Bewerbungsgespräch oder auf dem Campus. Die Aussagen sind knapper, oft umgangssprachlich oder im eigenen Slang und Rechtschreibung wird nicht so ernst genommen. Manchmal kann diese Atmosphäre auch zu unbedachten Aussagen führen und jetzt machen sich die fehlenden sozialen Informationen bemerkbar. Häufig wirken Aussagen, die im persönlichen Gespräch durch Mimik oder den Tonfall abgeschwächt würden, im Chat ungleich schärfer und es kommt zum Streit. Außerdem legen die Nutzer bei den meisten Social Web-Angeboten ein Profil an, das als ihre virtuelle Identität fungiert und etliche persönliche Informationen enthält. Deshalb wirkt der Kontakt über solche Accounts auch intimer als anonymere schriftliche Kommunikation in Mails oder Briefen. Schon fühlen sich die Gesprächspartner von Angriffen eher getroffen. In diesem Fall können die technischen und psychischen Mechanismus besonders effektiv gegen uns greifen.

Kolumne: Müller will reden

Meinung ist tot? Nicht mit uns, denn unser ehemaliger Chefredakteur Michael Müller ist überzeugt, dass es Dinge gibt, die man nicht wissen kann, aber über die es sich zu reden lohnt. In Zeiten harter Fakten glaubt er an das lose Mundwerk, denn wohin sonst mit all den gesammelten Informationen? Mal geht es um Wichtiges, mal um den Rest, aber immer gilt: Keine Angst, Müller will nur reden. Die Kolumne erscheint immer donnerstags und wird von Isabell Beck illustriert. Alle Folgen von „Müller will reden“ zum Nachlesen.

Aber heißt das nun, Finger weg vom Social Web? So pauschal sicher nicht. Allerdings kann es nicht schaden, seine Ursprünge und Besonderheiten nicht zu vergessen. Das Internet ist noch auf schnellen und kurzen Informationsaustausch ausgerichtet. Außerdem stammen viele übliche Verhaltensweisen noch immer aus einer Zeit, in der die Netzgemeinde klein und verschworen war. Selbst wenn diese Zeiten praktisch vorbei sind, wirken sie in der Netzkommunikation noch nach. Für berufliche Zwecke, kurze Absprachen oder das Kontakthalten ist sie trotzdem zu praktisch, um sie wieder aufzugeben. Wird es allerdings sehr persönlich, sollten wir besser zweimal überlegen. Denn manchmal gilt noch immer: So wenig der Account den Menschen ersetzt, ersetzt ein Chat den Küchentisch.