Bandportrait: Trio Zahg

13.10.2012 - Trio Zahg FOTO: BOGDAN KRAMLCZEK
Text: Michael Müller – Fotos: Trio Zahg – Layout: Alexandra Kiefer

In der aktuellen Jazzszene sind Klaviertrios seit einiger Zeit im Aufwind. Nicht selten, weil sie sich mehr als andere Combos von engen Genrebegriffen lösen und Einflüsse aus Pop, Rock und Klassik aufgreifen. Wer sich für diesen frischen Jazz interessiert, muss dafür aber gar nicht bis ins Ausland schauen. Direkt hier in Augsburg spielt das Trio Zahg modernen Jazz, der ganz ohne elitäres Gehabe ebenso klug wie aufgeschlossen ist.

Jazz-Combos gehören auf einer Vernissage oft zum lebenden Inventar. Meistens sollen sie zwischen Grußworten und Danksagungen unauffällig für eine wohlige Cocktailatmosphäre sorgen. Manchmal kann es jedoch auch anders kommen, wie auf der Eröffnung der aktuellen Ausstellung der Augsburger Puppenkiste. Ganz ohne die üblichen Jazzstandards, dafür mit jeder Menge Drive brauchte das augsburger Trio Zahg nur wenige Takte, um alle Anwesenden in seinen Bann zu ziehen. Im Jahr 2008 kam die Band auf Initiative des Pianisten Tobias Reinsch erstmals in Augsburg zusammen. Zusammen mit Stefan Berger (Bass) und Matthias Fischer (Drums) hat das Trio einen eigenen, kraftvollen Sound entwickelt, der alle Klischees hinter sich lässt.
Auch wenn das Trio in Augsburg zusammengefunden hat, fällt es schwer, von einer lokalen Band im klassischen Sinne zu sprechen. Die drei studierten Musiker leben und arbeiten nämlich nicht nur in Augsburg, sondern auch in München und Köln. Deshalb treffen sie sich vor allem im Umfeld gemeinsamer Auftritte, um an neuem Material zu arbeiten. Das allerdings zumeist sehr intensiv, wie der Augsburger Tobias Reinsch erklärt: „Weil wir so weit auseinander wohnen, kommt es eigentlich nicht vor, dass wir uns sehen und nichts machen.“ Für alle drei Musiker zählt das Trio Zahg zu ihren jeweiligen Hauptprojekten. Dabei hebt Reinsch hervor, dass  es innerhalb der Band keinerlei Hierarchien gibt: „Wir drei schreiben zu gleichen Teilen und es ist uns auch ganz wichtig, dass es keinen Frontmann gibt. Bei uns steht die Musik im Vordergrund.“ Wenn sich die Band trifft, bringt jeder bereits Material und Skizzen mit, in die sich das Trio dann gemeinsam einarbeitet. So entsteht aus langjähriger, gemeinsamer Erfahrung der typische Zahg-Sound.

Ausgabe 29: Europa
Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 29 unseres Magazins als E-Paper.

 

„Wir machen einfach Musik“

Diese ist, wie auf dem aktuellen Album Oscar Lima Fango zu hören, vor allem von einer großen Variabilität gekennzeichnet. Mal swingend, mal tänzelnd und verträumt, dann wieder vertrackt und immer kraftvoll präsentiert sich die Band dabei als eine stimmige Einheit. Das ausgewogene Klangbild verleiht jedem der Musiker eine eigene und freie Stimme. Dass die Linien dabei scheinbar mühelos ineinander fließen, beweist die Vertrautheit der Band. Die Basis des Sounds legt Matthias Fischer mit ebenso druckvollen wie präzisen Beats. In Verbindung mit Stefan Bergers mal trockenen, mal melodiösen Grooves öffnet sich so der Raum für Tobias Reinschs oft lyrische Linien. Hier wird die Philosophie der Band hörbar: Kein Frontmann, kein Imponiergehabe und vor allem kein Genredenken.
„Ich würde niemals sagen, dass wir eine klassische Jazzband sind. Diese Labels sperren ja auch ein. Leute, die nur Pop oder nur Klassik hören, die würden uns sonst nie finden. Auch richtige Hardcore-Jazzer hören uns vielleicht nicht, weil wir nicht ausschließlich die Jazztradition aufgreifen. Wir machen einfach Musik und wollen gute Stücke schreiben, die ruhig auch ihre Ecken und Kanten haben, aber vor allem aus dem Bauch heraus kommen.“ Mit Einflüssen aus Pop, Rock und Klassik liegt das Trio Zahg damit auf der Wellenlänge anderer Grenzgänger wie The Bad Plus, dem Avishai Cohen Trio oder der ruhigen Projekte eines John Zorn. Das Aufzählen und Vergleichen wird dem eigenen Charakter der kompakten Stücke allerdings nicht gerecht. Die Experimentier- und Spielfreude der Band machen die Musik am Ende doch wieder zu Jazz, allerdings ohne jene elitäre Hochnäsigkeit, die dem Genre oft unterstellt wird.

Mit Augsburg verbunden

Trotz Auftritten in ganz Deutschland bleibt das Trio Zahg dabei Augsburg verbunden. Bereits im Jahr 2012 widmete es dem historischen Wassersystem der Stadt ein ganzes Album, lange vor der aktuellen Bewerbung um das UNESCO Welterbe. An verschiedenen Orten in und um Augsburg sammelten die Musiker Eindrücke und widmeten der Stadt eine eigene „Wassermusik“, die nicht nur auf der angesprochenen Vernissage für Aufmerksamkeit sorgte. Die Offenheit für alle Arten der Inspiration zeigt sich auch in einem anderen Herzensprojekt der Band, dem „Zahg Tag“. Seit einigen Jahren entstehen unter diesem Namen gemeinsame Projekte mit Künstlern mit einer Behinderung, wie die Vertonung von Skulpturen oder Gedichten. Ein besonderes und bereicherndes Projekt, das inzwischen einen festen Platz in der Augsburger Inklusionslandschaft hat.
Im vergangenen Jahr fand der Zahg Tag am 21. November in Zusammenarbeit mit einem Rollstuhlballett statt. Wer die Band einmal in der weiteren Umgebung live erleben möchte, hat dazu im Herbst wieder die Gelegenheit, z. B. am 27. Oktober im Audi-Forum in Ingolstadt. Weitere Daten gibt es auf der Website der Band. Auf der Suche nach jungem Jazz mit Herz, Kopf und offenen Armen führt in Augsburg jedenfalls kaum ein Weg am Trio Zahg vorbei.

Steckbrief: Trio Zahg

  • Bandname: Trio Zahg
  • Wer genau: Tobias Reinsch (Klavier) / Stefan Berger (Bass) / Matthias Fischer (Drums)
  • Musikrichtung: Independent Jazz, Zahg-Sound
  • Wünsche für Augsburg: eine weitere Öffnung der Kulturszene Augsburgs auch nach außen, ein Erfolg der UNESCO-Bewerbung, eine zukunftsfähige Lösung für das Stadttheater
  • Als Bundeskanzlerin Merkel würde ich: Musik breitenmäßig und ohne elitären Anstrich fördern und irgendetwas mit Griechenland machen