Fisch filetieren

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Als ich den Film My Fair Lady zum ersten Mal sah, war ich noch so klein, dass ich nicht verstehen konnte, warum Eliza zu dem blöden gemeinen Professor zurück geht, sie hatte doch kurz zuvor noch triumphal davon gesungen, dass sie ihn nicht braucht und die Welt sich auch ohne ihn problemlos weiterdrehen wird.

Inzwischen bin ich klüger. Ich weiß jetzt, dass die meisten kalten Absagen, die meisten Sätze wie ‘‘ich bin drüber weg’’ gelogen sind.

Ich bin nicht über dich hinweg.

Ich bin nicht über dich hinweg, und vielleicht werde ich es nie sein. Da haste.

Du hast Spuren in mir hinterlassen. Tiefe Spuren.

Eine Auswahl:

Du hast meinen Musikgeschmack verändert. Hast mir gezeigt, wie man Fisch filetiert. Ich binde meine Schuhe jetzt so, wie du es tust, und nicht so, wie mein Vater es mir beigebracht hat. Ich weiß inzwischen, dass ich auf Curry allergisch reagiere, weil du mich darauf hingewiesen hast, und lese Hemingway mit Leidenschaft, obwohl ich ihn früher nicht mochte, vor dir.

Nach manchen Orgasmen muss ich an dich denken, weil sie fast so gut waren, wie die, die du mir verschafft hast, und jedesmal, wenn ich Zwiebeln schneide, weil du mich in drei Jahren nicht davon überzeugen konntest, dass deine Methode besser ist als meine.

Denkst du denn auch noch manchmal an mich? Wenn es schneit? Wenn Funny van Dannen im Radio läuft, oder wenn du dir wieder einmal einen Sonnenbrand auf der Nase geholt hast und sie sich schält, weil ich nicht da war, um dir zu sagen, dass du vergessen hast, sie einzucremen?

Habe ich für dich eine Bedeutung, und erinnern dich Dinge an mich und an uns? Oder bin ich nur ein episodenhafter Teil deiner Biographie, ein Gesicht aus der Vergangenheit, das in deinen Gedanken mehr und mehr verwischt, bis du eines Tages nicht mehr sicher wärest, was meine Augenfarbe nochmal war, wenn du denn an mich denken würdest… was du nicht tust.

Bist du überhaupt noch am Leben? Wo? Und werde ich es erfahren, wenn du stirbst?

Ich vertraue meinem Gefühl nicht mehr wirklich, vor allem, wenn ich auf Menschen treffe, die mir gefallen, die mich begeistern. Umso besser sich etwas anfühlt, desto misstrauischer werde ich, desto weniger erlaube ich mir, den Moment zu genießen. Ist ja schon mal schief gegangen.

Wo du mal warst, da wächst kein Gras mehr, und du warst fast überall.

Wie soll ich nochmal jemandem Kosenamen geben, meine Liebe erklären? Die Worte sind benutzt, sind besetzt, sind abgegriffen. Ich habe meine Gefühle und Gedanken auf dich verwendet, und jetzt klingt jede Zärtlichkeit hohl, mit einem Echo, das nur ich hören kann.

Überhaupt, Worte. Ich habe mir Vokabeln und Wendungen von dir angeeignet, nichts spektakuläres, nichts, das in meinem Sprachduktus auffallen würde, aber ich fühle mich jedesmal ein wenig schmutzig, als würde ich mich selbst ertappen, wenn ich sie verwende.

Verstohlen benutze ich deine Worte, und es schmerzt so gut.

Ich bin nicht über dich hinweg.

Nein, ich bin nicht über dich hinweg, aber weißt du was? Ich bin verdammt nochmal auf dem Weg der Besserung.

Ich ertrage es wieder, Fisch zu essen, und ja, ich muss jedesmal an dich denken, jedesmal, egal, auch wenn es fertig filetierte Stücke aus der Tiefkühltruhe sind. Jedes verfluchte Mal, und ich fühle deine Hand auf meiner, wie sie das Messer führt. Ich kann Fisch filetieren, und du bist schuld daran.

Aber: Ich esse. Wieder. Fisch.

Vor ein paar Wochen saß ich rauchend unten am Fluss, gar nicht weit von unserer Brücke, und telefonierte, und erst als ich später Johanna in einer Kneipe traf, ist mir aufgefallen, dass ich gar nicht an dich gedacht hatte.

Wenn ich jetzt spätnachts oder frühmorgens einen Song poste, tue ich das, weil er mir gefällt, und nicht, um dir kryptisch etwas zu signalisieren. Ich habe eingesehen, dass du nicht mehr da bist. Und übrigens trinke ich auch nicht mehr so viel.

Ich weiß es kaum noch, wer ich vor dir war, vor uns. Aber, und das ist wichtiger: Ich weiß jetzt, dass es ein nach dir gibt, denn ich lebe darin.

Und ich dachte immer, ich würde irgendwann sagen “es tut nicht mehr weh”.

Jetzt weiß ich, es muss anders heissen: “Ich habe gelernt, es zu ertragen”, und Mut ist nicht, keine Angst zu haben, sondern die Angst zu überwinden, nicht wahr? In diesem Sinne ist dann darüber-hinweg-sein wohl nicht die Abwesenheit von Schmerz, das “ist mir egal!” (wie könntest du mir je egal sein), sondern vielmehr:

“Ich habe gelernt, mit dem Phantomschmerz und deiner Abwesenheit und mit all den Narben zu leben. Ich habe gelernt, mit der Beinprothese zu tanzen. Noch ziemlich wackelig, ja, aber ich tanze wieder.”

 

Ich tanze wieder.