Denken wir queer!

Bild: Bao Han Pham

Die Zeit der Prideweeks ist in vollem Gange; am 13. und 14. Juli fand beispielsweise das große CSD-Straßenfest in München statt. Doch auch an unserer Universität bekommt die queere Community Aufschwung: am 10. Juni wurde der neue Vorstand des Queerreferats, Paul Kunstmann, vom studentischen Konvent bestätigt. Wir von Presstige haben mit Paul Kunstmann und Paul Hennig, einem freien Mitarbeiter des Queerreferats, gesprochen – über mehr Gleichberechtigung an der Uni, Aufklärung an Schulen und Pride in der Öffentlichkeit.

Presstige: Das Queerreferat war ja für längere Zeit sehr inaktiv, in den letzten Monaten habt ihr es wieder ins Leben gerufen. Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen, das selbst wiederzubeleben?

Paul Kunstmann: Ich habe schon in der Schule nach dem Queerreferat an der Uni gesucht, weil ich mir dachte, dass es da irgendetwas geben muss. Neben einem Artikel von euch über das damalige Referat habe ich auf deren Homepage gesehen, dass quasi gar nichts stattfindet, es aber einen Verantwortlichen gibt. Also habe ich mir als Ziel gesetzt, diese zuständige Person ausfindig zu machen. Bei einer Campusführung der Jura-Einführungstage wurden wir auch zum AStA geführt und dort stand in Persona der amtierende Queerreferent. Anschließend bin ich zur Grünen Hochschulgruppe gegangen, habe mir seine Nummer geben lassen und mit ihm abgesprochen, dass ich gerne mithelfen kann. Paul kam dann auch noch dazu, weil im AStA immer fleißig Designer gesucht werden. Irgendwann haben wir dann den Posten übernommen, weil der alte Vorstand die Universität verlassen hat.

Presstige: Und wie bist du dazu gekommen?

Paul Hennig: Wir kannten uns schon vorher.

Paul Kunstmann: Er ist mein freier Mitarbeiter.

Paul Hennig (grinst):  Wir sind gleichberechtigt, obwohl ich nur freier Mitarbeiter bin. Ich kann einfach nicht Queerreferent sein, weil ich an der Hochschule studiere.

Presstige: Vielen ist vielleicht gar nicht so klar, welche Aufgaben ihr als Queereferat übernehmt. Was macht ihr denn so?

Paul Kunstmann: Wir haben Treffen und Veranstaltungen, zum Teil laden wir auch Referenten ein. Ansonsten bieten wir die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen, über persönliche Fragen und zu reden, aber auch bei Spiele- oder Kochabenden Spaß zu haben, wie zum Beispiel auch bei Queerbeet.

Presstige: Welche Aktionen plant ihr denn noch für unsere Studierenden?

Paul Kunstmann: Dazu gibt es bisher hauptsächlich Pläne. Wir sind übrigens offen für alle, es dürfen also nicht nur Studenten teilnehmen, sondern auch zum Beispiel Schüler oder Berufstätige. Jeder ist willkommen.

Paul Hennig: Genau, da machen wir keine Unterschiede. Wir haben vor, ein Camp zu organisieren, auf dem sich queere Leute kennenlernen können. Außerdem haben wir bereits eine Notrufnummer eingerichtet, an die sich Leute wenden können, egal ob zu familiären, schulischen oder anderen Problemen, die mit queeren Identitäten zu tun haben.

Paul Kunstmann: Auf lange Sicht wollen wir auch eine größere Gleichberechtigung und Akzeptanz an der Uni erreichen, zum Beispiel auch die Einrichtung von Unisex-Toiletten. Die sind unserer Ansicht nach ziemlich leicht umzusetzen, entgegen der häufigen Meinung. Anstatt der Schilder für Männer- und Frauentoiletten hängt man einfach Schilder mit den Bezeichnungen „Sitztoilette“ sowie „Steh- und Sitztoilette“ auf.

Presstige: Welche Maßnahmen ergreift ihr denn, um diese langfristigen Ziele zu verwirklichen?

Paul Hennig: Was die externe Kommunikation betrifft, sind wir mit vielen anderen Verbänden wie Queerbeet, dem CSD Augsburg oder diversity München verbunden.

Paul Kunstmann: In Zukunft wollen wir auch mit den queeren Christen hier in Augsburg zusammenarbeiten. Über diese Netzwerke wollen wir uns einfach eine Stellung aufbauen, mit der man dann auch etwas erreichen kann.

„So eine gewisse Normalität sollte den Jugendlichen einfach vermittelt werden.“

Presstige: Als das alte Queerreferat noch aktiver war, gab es auch ein Schulprojekt. Wie sieht es denn damit aus?

Paul Hennig: Das Schulprojekt soll es in Zukunft auch wieder geben. An vielen anderen Orten gibt es sowas auch schon und für uns wäre es natürlich schön, an unserer alten Schule, dem Holbein-Gymnasium, mit Aufklärung aktiv zu werden und Präsenz zu zeigen.

Presstige: Geht ihr dann in Klassen und gebt Workshops?

Paul Hennig: Wir wollen den Leuten eine Erfahrung bieten – Workshops klingt immer etwas kindisch –, bei der einem nähergebracht wird, was es heißt, diskriminiert zu werden, und auch eigene Erlebnisse mit ihnen teilen.

Presstige: Solche Projekte sind auf jeden Fall dafür eine gute Sache. Es gibt aber mittlerweile ja auch vermehrt Forderungen, queere Themen stärker in den bayerischen Lehrplan mitaufzunehmen, auch ganz konkret in einzelne Fächer. Was haltet ihr davon?

Paul Kunstmann: Soweit ich weiß, besitzt Bayern als einziges Bundesland noch keinen Aktionsplan „Regenbogen“ oder dergleichen. So einen Plan halten wir für notwendig, auch wenn es mit der aktuellen Politik in Bayern wahrscheinlich eher wenig Chancen darauf gibt. Es ist aber wichtig, um Akzeptanz zu schaffen, Vorurteile abzubauen und Betroffenen zu helfen.

Paul Hennig: Wobei queere Inhalte schon in bestimmten Fächern miteingebaut sind, allerdings eher als optionale Themen. Bei mir am Gymnasium gab es tatsächlich mehrmals solche Einheiten, allerdings lag das wahrscheinlich hauptsächlich am Engagement der Außenstehenden.

Presstige: Fändet ihr es dann zum Beispiel auch wichtig, dass im Biologieunterricht nicht nur über heterosexuellen Geschlechtsverkehr und Verhütung gesprochen wird, sondern auch über gleichgeschlechtliche Beziehungen?

Paul Kunstmann: Bei mir wurde jedes Jahr Sexualaufklärung wiederholt und in einem Jahr haben Leute von Pro Familia auch über gleichgeschlechtliche Paare gesprochen.

Paul Hennig: Dem muss ich leider widersprechen, ich hatte diese jährlichen Aufklärungsthemen nicht im Unterricht und auch kein Angebot von Pro Familia miterlebt. Ja, man sollte über Verhütung reden, nein, man sollte nicht darüber reden, wie Sex funktioniert, das finden die Leute schon selbst heraus. Viel wichtiger ist es, Druck abzubauen bezüglich Einstellungen wie „Bis zu diesem Alter muss man sein erstes Mal gehabt haben“ oder „Ein Outing hätte katastrophale Folgen“. So eine gewisse Normalität sollte den Jugendlichen einfach vermittelt werden.

Paul Kunstmann: Ich finde es schon sinnvoll, dass Jugendliche im Unterricht auch verstehen, wie Sex funktioniert. Wichtig wäre es aber auch, gezielt übertriebene Geschlechterrollen abzubauen. Dazu hätten wir beispielsweise auch hier an der Uni die Idee, als Queerreferat nächsten Sommer ein Drag-Event zu veranstalten.

Bild: Sharon McCutcheon, pexels.com

Presstige: Beim Abbau solcher Stereotype sollen ja auch Christopher‑Street‑Days einen Beitrag leisten. Am 13. Juli seid ihr zum CSD nach München gefahren, wie war es denn?

Paul Hennig: Es war echt toll, trotz des Regens ein wunderschöner Tag. Wir waren auch positiv überrascht, dass einige Leute sich der Fahrt angeschlossen haben, trotz unserer erst kürzlichen Neueröffnung. Einige unserer Gruppe waren sich auch nicht sicher, ob sie im Straßenzug mitlaufen wollen oder lieber am Rand zuschauen sollen, aber letztendlich haben sie sich dann doch mitreißen lassen von der positiven Stimmung. Die Leute sind ultrafreundlich – wenn man mal Luftküsse herumwirft, fangen auch selbst die grimmigsten Leute an zu grinsen. Wobei ich auch Schwule kenne, die den CSD anzweifeln, ob wir uns damit als Community nicht wieder zu unnormal darstellen würden. Letzten Endes geht es aber auch einfach darum, zu zeigen, dass wir keine kleine Minderheit von 2 bis 3 Prozent sind, sondern einen wesentlichen Teil der Gesellschaft ausmachen.

Presstige: Was denkst du dann, sind die CSDs zu ausgelassen, sollten sie politischer sein?

Paul Kunstmann: Im Endeffekt sind die CSDs politische Agenda, man zeigt Präsenz. Dieses Denken, dass CSDs unnötig oder schlecht wären, setzt ja voraus, dass in unserer Gesellschaft schon jeder so sein kann, wie man möchte, aber man muss sich zum Beispiel immer noch outen oder sein Leben nach bestimmten Geschlechterrollen leben.

Paul Hennig: Ich finde es auch wichtig, dass CSDs stattfinden, allerdings finde ich den Namen etwas unpassend, da die heutigen Aktionen nicht mehr wirklich viel mit dem Ursprung zu tun haben. Was mir aber bei meinem ersten CSD in München aufgefallen ist, war, dass die Paraden sehr kommerzialisiert und teilweise zweckentfremdet werden. Da fahren Unternehmen und Parteien mit riesigen Wägen auf und wir als Untergruppe von diversity München gurken mit einem kleinen Traktor hinterher. Da hat man schon das Gefühl, dass viele Politiker und Unternehmen den Pride auch für ihre eigenen Zwecke nutzen, ohne sich um die eigentlichen Themen wirklich zu kümmern. Wenn hunderttausende von Euro in so einen Wagen gesteckt werden, um damit für sich Werbung zu machen, und die ehrenamtlichen Vereine in den Hintergrund rücken, finde ich auch ehrlich gesagt ziemlich erbärmlich.

Paul Kunstmann: Ich finde es auch ziemlich fragwürdig, Politiker von der CSU einzuladen, die vor zwei Jahren noch gegen die Ehe für Alle gestimmt haben und plötzlich bei so einer Veranstaltung auftauchen, ohne auf queere Politik näher einzugehen. Hauptsache anwesend sein und den Leuten zustimmen, um sich nicht in fragwürdige Fahrwasser zu begeben.

„Dieses Denken, dass CSDs unnötig oder schlecht wären, setzt ja voraus, dass in unserer Gesellschaft schon jeder so sein kann, wie man möchte.“

Presstige: Es gibt also sowohl Gruppen, die Akzeptanz und Gleichberechtigung vorantreiben, als auch solche, die diese ausbremsen. Wie seht ihr die zukünftige Entwicklung Deutschlands für die queere Gemeinschaft?

Paul Kunstmann: Die Akzeptanz ist ja in den letzten Jahrzehnten ziemlich deutlich gestiegen, trotz aktueller Gegenströmungen in der Politik. Ich bin auch zuversichtlich, dass es in Bayern irgendwann einen queeren Aktionsplan für die schulische Ausbildung geben wird. Momentan wird ja auch schon das Transsexuellengesetz überarbeitet.

Paul Hennig: Für Deutschland sehe ich es sehr optimistisch, für andere Länder sehr schwierig. In vielen Ländern geht es eher in die andere Richtung. Wir erleben auch oft, dass queere Menschen aus anderen Ländern, gerade in Osteuropa, nach Deutschland oder andere westliche Länder kommen, weil sie in ihrer Heimat sehr starke Ablehnung erfahren. Da gehört nicht nur Russland dazu, sondern auch zum Beispiel die baltischen Länder, die ja in anderen Bereichen als sehr liberal gelten. Es gibt also noch einiges zu tun.

Die nächsten Treffen des neubelebten Queereferats finden wieder nach den Semesterferien statt. Wer Interesse hat, kann auf der Homepage up to date bleiben: www.queerreferat-augsburg.de

Den Presstige-Artikel, auf welchen Paul damals gestoßen ist, könnt ihr hier nachlesen: http://presstige.org/2010/10/schwul-oder-was/