Gedanken über politisch korrekte Sprache

Sprache wurde wohl selten so stark unter die Lupe genommen, wie es aktuell der Fall ist. Bisher sollte man lediglich gewisse sprachliche Höflichkeitsformen beachten, wie etwa „Bitte“ und „Danke“ sagen, Schimpfwörter durfte man nicht verwenden und unterbrechen sollte man die Leute nicht. Diese Regeln sind für die Allgemeinheit sinnvoll und werden schon den kleinsten Kindern beigebracht. Nun, über die Jahre kamen ein paar weitere Regeln hinzu, die aber von vielen nicht einfach so angenommen werden, wie die bereits bestehenden – der „Verfall der deutschen Sprache“ wird hoffnungslos erwartet. „Political Correctness“ als Synonym für verbale Haarspalterei? Floskeln wie „Mensch, das mein ich doch nicht so, ihr kennt mich doch.“ und „Man wird ja wohl noch Witze machen dürfen.“ als Totschlagargument, oder doch ignorante, inhaltsleere Ausreden im Zuge unserer eigenen Sprech-Bequemlichkeit?

 „Kalkulierte provozierende Verstöße gegen Höflichkeitsregeln und Taktempfinden, die sich die Verstoßenden als Trophäen ihres vorgeblichen Kampfes gegen Denkschablonen und Sprechverbote einer allgegenwärtigen political correctness ans Revers heften.“ (Heinrich Detering in „Was heißt hier „wir“?“)

Ich will nicht falsch verstanden werden, alles Neue mit blindem Vertrauen einfach anzunehmen ist natürlich kein Ideal das man anstreben sollte, allerdings erscheint mir der „Verfall der deutschen Sprache“ doch ein wenig dramatisch formuliert. Es ist sowieso ein Irrglaube, Sprache würde oder hätte irgendwann in feststehender, starrer Form existiert. Sie war und ist ein lebendiges Gebilde und somit stetig im Wandel. Was sich früher beispielsweise durch verschiedene Lautwandelprozesse, wie einer  sogenannten „neuhochdeutschen Diphtongierung“ („hus“ zu „Haus“) äußerte, zeigt sich heute häufiger durch das Hinzukommen von Neologismen, also Neuwörter, etwa in Folge von technischen Neuerungen. Einflüsse aus anderen Regionen spielten immer schon eine Rolle.

Gehen wir nun genauer auf die Regeln ein, die im Fokus des Konflikts stehen. Was sind das für Regeln? Hier gilt erstmal nicht viel, außer, dass man gewisse Wörter, wie etwa „Neger“ oder „Mohren“, zum Beispiel als Bezeichnung für die Süßigkeit „Mohrenkopf“ vermeiden möchte. „Flüchtling“ könnte durch „Geflüchteter“ ersetzt werden, oder Änderungen im Bezug auf gendergerechte Sprache könnten vorgenommen werden. Bleiben wir hier beim Beispiel „Flüchtlinge“. Warum ist es netter, „Geflüchteter“ zu sagen? Das Suffix „-ling“ steht am Ende von Substantiven, „die durch eine bestimmte Eigenschaft charakterisiert sind. Solche Bildungen haben häufig stark abwertenden Charakter“ (Duden). Häftling, Neuling, Feigling, Flüchtling. Zudem wäre in der Wortbedeutung des „Geflüchteten“ die Flucht bereits in der Vergangenheit liegend, er wäre also bereits angekommen, akzeptiert.
Hier kommt unser Totschlagargument ins Spiel. Der Sprecher mag diesen Ausdruck nicht unbedingt böse meinen und der überwiegende Teil der Menschen wird wohl kein Wort in seine Einzelteile zerstückeln um es zu analysieren. Jedoch geht die Bedeutung des – eventuell wirklich nicht böswillig, durchaus aber unbedachten – Gesagten oft um einiges tiefer als das, was man in den ersten paar Sekunden aufnimmt. Das, was in uns verarbeitet und gespeichert wird, hat eine weitaus weit reichendere Wirkung.
Außerdem es ist nicht zu leugnen, dass manche Wörter eben überwiegend in negativen Kontexten verwendet werden und somit einen unguten Beigeschmack entwickeln. Vor allem für die Betroffenen.
Empfindlichkeit des Gegenübers ist hier ein weiteres gängiges Gegenargument, was im ersten Moment zurecht eingeworfen wird. Man müsse auch ein bisschen was „aushalten können“, nicht alles so ernst nehmen. Klar, doch vergisst man hier oft, dass man wahrscheinlich nicht die erste Person, die sich fahrlässig äußert. Nach zahlreichen negativen Erfahrungen wird man nun mal sensibler und das ist keineswegs verwerflich. Ist es dann nicht unsere Aufgabe, einen Schritt aufeinander zuzugehen, uns entgegen zu kommen, verständnisvoller zu sein, ein wenig auf unseren Umgangston zu achten?

Wir betrachten Sprache immer als etwas mit geringerem Wert als der einer Handlung. „Spreche nicht, handle.“ heißt es oft. Doch, ist Sprechen nicht ein Teil einer Handlung, für den man genauso Verantwortung übernehmen muss? Worte können, genau wie Taten, Schaden anrichten, verletzen, Narben hinterlassen, nur eben keine physischen. Was nicht bedeutet, dass sie nicht existieren, dass man sie weniger ernst nehmen darf. Im Gegenteil, seelische Narben sind für die Betroffenen oftmals viel schlimmer. Mir erscheint es fast, als waren wir uns der Verantwortung und dem Wirkungsspektrum, das Kommunikation durch Sprache mit sich bringt, nie bewusst. Sie ist nicht unmissverständlich und klar, sie ist voller Emotionen. Wir haben sprechen gelernt, ja, zahlreiche Wörter, Fachbegriffe, schöne blumige Ausdrücke. Nie haben wir jedoch gelernt, wirklich mit Sprache umzugehen – den Kommunikationsfaktor in den Vordergrund zu stellen. Was kommuniziere ich mit dem Gesagten? Man kann sich niemals sicher sein, wie das Gegenüber meinen „Witz“ aufnimmt, weiß, „wie ich es gemeint habe“. Wenn Worte ausgesprochen wurden, entwickeln sie eine Eigenwirklichkeit, egal ob sie so gemeint waren, oder nicht.

Natürlich ist nicht zu bestreiten, dass hier der Kern des Problems nicht allein in den sprachlichen Ausdrücken liegt, sondern vielmehr in dem, was dahinter steckt – der Einstellung. Ebenso wenig lösen sich dieselben Probleme in Luft auf, wenn man im Stechschritt reihenweise Wörter aussortiert, einfach bestimmte Begriffe aus dem Wortschatz streicht, in keinem Kontext mehr verwendet und vor jedem Gespräch Angst hat, dem Gesprächspartner auf den Schlips zu treten. Was daraus folgen würde, wäre Unehrlichkeit. Das ist sicherlich auch niemandes Ziel in dieser Debatte. Ziel ist vielmehr Rücksicht und Reflexion auf sprachlicher Ebene in den Vordergrund zu stellen. Mehr Bewusstsein für unsere Kommunikation zu schaffen. Aufmerksam zu machen, auf ein Thema, dem bisher nicht viel Bedeutung beigemessen wurde. Einen Schritt in eine förderliche Richtung zu gehen.
Wir reden viel und wir reden schnell. Wir werden mehr und mehr Menschen und alle sind unterschiedlich, ein Austausch kann immer problemloser stattfinden, Meinungen gehen auseinader – und Schlagfertigkeit gilt als besonders beneidenswertes Können. Doch, ist es nicht viel erstrebenswerter, ein ausführliches Gespräch zu starten, in dem Zuhören an erster Stelle steht?
Es heißt, wir reden oft bevor wir denken. Doch, ist das überhaupt möglich, zu sprechen, ohne davor zumindest kurz darüber nachgedacht zu haben? Gibt es diese „leeren Worte“ überhaupt? Ich würde sagen, wir denken sehr wohl nach, bevor wir sprechen, jedoch manchmal einfach nicht lang genug.