„Zuhause habe ich nur das Radio an“

Ein Interview mit Tennistrainer Thorsten Moser

© Bao Han Pham

„Ja ist denn schon Fasching ?!“, schießt einem unweigerlich durch den Kopf, wenn man Thorsten Moser auf dem Tennisplatz stehen sieht. Aber nein, auch ein ganz normaler Mittwoch im Juni ist für ihn Anlass genug, sich ein ausgefallenes Outfit auszusuchen. Der Bereichsleiter Tennis des Hochschulsports in Augsburg ist inzwischen für seinen außergewöhnlichen Kleidungsstil bekannt. Auch im Hochsommer und bei Regen steht er beispielweise mit goldenen Leggings, einem Till Eulenspiegel-Hut oder einer Pilotenmütze auf dem Platz.
Doch die Kursteilnehmer schätzen nicht nur seine offene Art und seine schrägen Outfits: auch was das Tennisspielen angeht, hat Thorsten Moser wertvolle Tipps parat. Mit Presstige hat er über seinen ausgefallenen Kleidungsstil, Mode im Allgemeinen und auch seine Arbeit als Trainer gesprochen.

Zuerst eine kurze Einordnung bitte: Wann bist du zur Uni Augsburg gekommen und wie bist du Tennis-Bereichsleiter geworden?
Ich bin im Oktober 2000 an die Uni Augsburg gekommen. Mein Bruder hat hier studiert und kannte denjenigen, der vor mir den Tennisbereich geführt hat. Ich war dann drei Jahre normaler Kursleiter und als der alte Bereichsleiter 2003 gegangen ist, habe ich die Aufgabe übernommen. Währenddessen war ich noch für 22 Semester als Student in Politik und Geschichte eingeschrieben, bis der Magisterstudiengang abgeschafft wurde.

Angenommen du wärst kein Tennistrainer geworden, was wäre der alternative Karriereplan gewesen?
Ein eigener Radiosender wäre schon toll. Als Kind war mein Traumberuf Bürgermeister in Zürich. Meine Mutter hat dort viele Jahre in ihrer Jugendzeit verbracht und die Stadt hat mir schon immer gefallen. Vielleicht auch eine Karriere im Fashion- oder Modebereich. Lagerfeld fand ich schon immer toll.  

Wann hast du angefangen, dich so auffällig zu kleiden? Und warum?
Schon im Kindergarten mit fünf, sechs Jahren. Eine Lederjacke mit Fransen hatte ich zum Beispiel. Aber die Eltern haben ja in dem Alter noch zu einem gewissen Grad vorgegeben, was man trägt. Wobei meine Mutti schon auch eher auffällig unterwegs ist, was Mode angeht.
Aber damals gab’s natürlich noch nicht die gleichen Möglichkeiten wie jetzt durchs Internet. Alibaba (Online-Versandhandel) wurde im Jahr 2000 gegründet und seitdem habe ich natürlich mehr Auswahl.

Welches ist dein Lieblingsoutfit?
Einen wirklichen Favoriten habe ich nicht – hauptsache auffällig ist mein Motto!

Du hast ja immer wieder unterschiedliche Outfits an. Wie groß ist eigentlich dein Kleiderschrank?
Ich habe einen begehbaren Kleiderschrank, der zwischen 10 und 15 Quadratmeter groß ist. Im Schlafzimmer habe ich noch einen Einbauschrank und am Kleiderständer hängen Sachen, die ich nicht zusammenlegen kann. Und im Treppenhaus ist noch ein Schuhschrank. Das erscheint vielleicht viel bei insgesamt nur 80 Quadratmetern, ist aber alles sehr schön integriert.

Und wie schnell wächst deine Sammlung?
Nicht mehr allzu sehr. Ich habe jetzt noch drei, vier Sachen, die ich noch bestellen werde. Ich sortiere nicht wirklich aus, aber ich trage natürlich Dinge weniger und mehr. Vor allem im Sommer bist du ja auch eingeschränkt. Da nimmst du meistens ein T-Shirt, weil es einfach zu warm ist mit Hemd. Im Sommer fahre ich auch nur im Shirt mit dem Fahrrad zu den Kursen und da kann ich keine Hemden mitnehmen, ohne dass sie zerknicken. Und da würde ich ja durchdrehen, wenn die Sachen dann nicht perfekt gebügelt sind.

© Bao Han Pham

Gibt es ein Teil, das dir in deiner Sammlung noch fehlt?
Ich hätte gerne noch eine Destroyed-Jeans und eine Jacke dazu, am besten als Kombination. Eine große Muschelkette wünsch ich mir auch noch. Mir hat mal eine Kursteilnehmerin eine aus Kroatien mitgebracht. Die ist sehr schön an sich, aber zu klein. Es sind noch so zwei, drei Dinge, die mir fehlen momentan.

Gibt es irgendein Teil, das du NIE anziehen würdest?
Ne, ich bin da eigentlich relativ offen. Selbst ein Korsett trage ich. Oder Hotpants mit Strasssteinchen hatte ich neulich an, aber die trage ich natürlich über der Hose. Ansonsten gehe ich da relativ weit. Häufig musst du auch im Damenbereich bestellen, weil es viele Sachen im Herrenbereich nicht gibt.

Läufst du eigentlich zu Hause auch so rum, wenn dich niemand sieht?
Zuhause hab ich nur das Radio an! Ich lebe ja alleine, da kann ich machen was ich will.

Deine Klamotten sind ziemlich auffällig und oft ziehst du damit alle Blicke auf dich. Gibt es auch Anlässe, an denen du zu schlichter Kleidung greifst?
Wenn ich einkaufen gehe, bin ich zum Beispiel eher schlicht unterwegs. Da gehe ich dann beispielsweise komplett in schwarz. Also es sollte schon nach was ausschauen. Aber ansonsten habe ich normalerweise schon immer was Auffälliges an, wenn ich rausgehe.

Welchen Stellenwert misst du persönlich Kleidung zu?
Vielleicht ein bisschen Schutz. Schon aber auch, etwas darzustellen, ein Lebensgefühl zu vermitteln. Ich bringe dadurch meinen Freigeist und meine Individualität zum Ausdruck. So wie Will Smith als Prinz von Bel Air, der selbst im Internat sein Sakko anders herum als alle anderen getragen hat, um einfach anders zu sein. Oder um es mit Tele 5 zu sagen: „Anders ist besser “.

Viele deiner Outfits sind ja von Musik, Film und Fernsehen geprägt. Wer sind deine persönlichen Stilikonen?
Don Johnson aus Miami Vice und Boy George. Dann natürlich auch George Michael, der sich komplett gewandelt hat, als er Solo aufgetreten ist. Axel Rose fand ich auch großartig mit dem Schottenrock. Auch Michael Jackson, Prince, Steven Tyler und The Fresh Prince of Bel Air haben mich inspiriert.
Es ist mir auch sehr wichtig, dass das bunt durchgemischt ist und die Outfits eine große Bandbreite haben. Das würde mich sonst auch wieder langweilen, wenn ich nur in eine Stilrichtung gehen würde.
Lagerfeld fand ich auch immer toll mit den Fingerhandschuhen und mit den vielen Ringen am Finger. Auch John Galliano, der Modeschöpfer mit den Hüten. Und für meine Sonnenbrille ist Jack Nickolson wichtig, der mal gesagt hat: „Ohne Sonnenbrille bin ich ein fetter 70-Jähriger. Mit Sonnenbrille bin ich Jack Nickolson“. Und dann hab ich natürlich auch immer die Modezeitschriften gelesen, die meine Eltern hatten, zum Beispiel die Vogue.
Aus der jetzigen Zeit fällt es mir schwer, modische Vorbilder zu finden, weil alles schon mal da war. Ich habe auch keinen Kontakt zu den neueren Musikern oder im Filmbereich.

Ist dir im Sommer nicht manchmal brutal warm in deinen Outfits ?
Das fragen viele Leute, aber ich habe ja ein atmungsaktives Untershirt an und bewege mich in den Tennisstunden wenig. Wenn ich jetzt mitspielen würde, klar, das wäre dann schwierig. Einzelstunden mache ich auch nicht in den Outfits und den Schuhen. Wenn ich wirklich laufen muss, dann ziehe ich die Outfits nicht an.

© Bao Han Pham

Magst du eigentlich Fasching? Schließlich stichst du dann nicht mehr aus der Masse heraus, weil fast alle Menschen plötzlich auffällig gekleidet sind.
Das ist eine schwierige Zeit für mich. Letztes Jahr war ich auch am Aschermittwoch in der Bäckerei und alle dachten, ich komme vom Fasching. Viele Leute fragen mich ja auch, ob heute schon Fasching ist. Aber mit Fasching kann ich gar nichts anfangen, ich find’s auch überhaupt nicht lustig. Das wird dann ja auch so viel im Fernsehen gezeigt, das ist überhaupt nicht meins.

Gibt es auch negative Reaktionen auf deine Outfits?
Bei den älteren Leuten im TCA, die hatten dann oft Probleme mit mir. Für die verkörpere ich die Etikette nicht mehr, die das Tennis darstellt. Dann kommen natürlich Vorurteile auf, dass man kein guter Trainer sein kann, wenn man solche Klamotten trägt. Und selbst in diesem Semester hat ein Kursteilnehmer aus dem Anfängerbereich sich abgemeldet, weil er nicht von einem verkleideten Tennistrainer trainiert werden möchte. Das hat er dann auch noch als E-Mail geschrieben. Das ist sein gutes Recht, aber ich finde es sehr schade, denn er hat mich nach einem Training ja noch gar nicht richtig kennen gelernt.
Aber gerade bei einem ehemals so elitären Sport wie Tennis ist es sehr interessant, die Etikette zu brechen und ich bin auch sehr dankbar, dass ich das machen kann. Ich denke nicht, dass das in so vielen anderen Positionen möglich wäre.

Hast du noch alternative Karrierepläne, wenn du mal keine Lust mehr hast, Tennisstunden zu geben?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mal keine Lust mehr habe, Tennistrainer zu sein. Ich mach das jetzt fast schon 20 Jahre und habe genau das gefunden, was ich machen möchte. Ich hab mir hier auch was Schönes aufgebaut und kann es auch so gestalten, wie ich möchte. Klar muss ich mich an Hallenzeiten halten, aber gerade draußen kannst du dir die Tenniskurse legen, wie du willst.

Was macht Thorsten Moser eigentlich, wenn er mal nicht auf dem Tennisplatz steht?
Dann sitze ich vorm Fernseher. Also ich bin großer Filmfan, das war schon immer so. Ins Kino geh ich eigentlich nicht, aber mit meiner Mutti war ich in Bohemian Rhapsody und mit meinem Bruder würde ich sehr gerne in den neuen Tarantino gehen. Und ansonsten Musik, das Radio läuft immer zu Hause, das ist ganz wichtig. Mit meinen Eltern gehe ich natürlich gerne shoppen oder spazieren in der Stadt und mit meinem Bruder spiele ich gerne Tennis. Oder mal Tischfußball und auch Tischtennis. Bücher lesen würde ich gerne, aber ich finde es zu anstrengend. Ich habe kein einziges Buch zu Hause, jedes Regal ist mit Klamotten voll.
Sonst bin ich auch gerne für mich alleine, das war ich aber schon immer. Schon in der Schulzeit war ich eher für mich. Die wollten mich immer mitnehmen zu irgendwelchen Clubs und Partys. Hauspartys fand ich ganz ok. Da konnte man es auch ein bisschen steuern, von den Leuten und der Musik her. Essen gab‘s dann auch immer.
Vor drei Jahren war ich hier auf einer WG-Party. Am Anfang war’s sehr schön, aber dann hat der Mitbewohner von der Kursteilnehmerin, die mich eingeladen hatte, die Musik so laut aufgedreht, dass man sich nicht mehr unterhalten konnte. Laute Musik geht gar nicht, man sollte sich schon unterhalten können.

Zum Abschluss noch eine kleine Entweder/Oder-Fragerunde:
Du bist ja sowohl für deine Sonnenbrillen, die du immer trägst, als auch deine Vorliebe für H-Milch bekannt. Aber worauf würdest du eher verzichten, wenn du müsstest ?
Auch wenn es schwierig ist, muss ich H-Milch sagen.
80er oder 90er-Jahre?
80er Jahre!
Du musst einen anderen Kurs aus dem Hochschulsportangebot besuchen. Lieber Quidditch oder Bauch-Beine-Po?
Bauch-Beine-Po.
Lieber mal selbst einen großen Star interviewen oder selbst interviewt werden?
Lieber selbst interviewt werden.
Nie wieder Tennis oder nie wieder schräge Outfits?
Da muss ich jetzt nie wieder schräge Outfits sagen, denn mit Tennis verdiene ich ja letztendlich meine Brötchen.

Vielen Dank für das Interview!