Studentenverbindung Algovia in Augsburg

Ich bin unterwegs zur Augsburger Studentenverbindung Algovia. Relativ zentral gelegen, in der Nähe der Haltestelle Senkelbach, erkennt man das Verbindungshaus schon beim Aussteigen aus der Tram: „Algovenhaus“ prangt in großen Buchstaben auf der weißen Fassade mit den blau-grauen Fensterläden. Die Verbindung hat hier seit 1996 ihren Hauptsitz, in den früheren Räumlichkeiten einer Apotheke. Im Eingangsbereich fällt der erste gravierende Unterschied zum deutschen Durchschnittshaushalt sofort auf: der Weihnachtsbaum steht auch Mitte Januar noch. Aber deswegen bin ich nicht hier.

Ich komme ursprünglich aus München und dort werden Studentenverbindungen spätestens zum Gesprächsthema, wenn sich die Konversation um DAS Münchner Problem Nummer 1 dreht: Mietpreise. Jeder Student, der hier auf den einschlägigen Portalen schonmal nach Wohnraum gesucht hat, stößt früher oder später auf verlockend gute Annoncen wie „Studentenzimmer, 20qm, 200€, in Schwabing“ oder „Zimmer in studentischer Wohngemeinschaft für 250€ inkl. Nebenkosten“. In den meisten Fällen stammen solche unglaublich günstigen Angebote von Verbindungen. Aber auch abgesehen davon kennt jeder jemanden, der angeblich jemanden kennt, der in einer Verbindung ist. Immer schwingt dabei dieses geheimnisvolle Element mit, schließlich weiß keiner so wirklich, was in einer Studentenverbindung passiert und sowieso, trinken die nicht total viel Alkohol und tragen geheime Fechtduelle aus?! Mich interessiert, was wirklich an den ganzen Gerüchten dran ist und wie das Leben in einer Verbindung tatsächlich aussieht.

An der Uni Augsburg scheinen mir Verbindungen deutlich seltener Gesprächsthema zu sein als in Münchner Studentenkreisen. Lediglich die Pinnwände auf dem Flur zwischen C- und D-Gebäude verraten, dass sie auch hier existieren, denn die Verbindungen Algovia und Ludovicia werben dort um neue Mitglieder. Auf ihrer Homepage stellt die Verbindung KDStV Algovia sich vor: Sie ist farbentragend, nichtschlagend und existiert seit 1962. Sie ist Mitglied im Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen CV und möchte unter anderem die Tradition des Coleurstudententums pflegen [1]. Für alle, die nicht in der Materie stecken, sind das erstmal ziemlich viele Fachtermini. Die Website des Cartellverbands erklärt: farbentragend bedeutet, dass die Mitglieder bei offiziellen Veranstaltungen ein Band in den Farben der Verbindung sowie eine Studentenmütze (=Coleur) tragen. Katholische Studentenverbindungen, die im CV organisiert sind, tragen zudem prinzipiell keine scharfen Waffen und lehnen das studentische Fechten ab, sind also nichtschlagend [2].

Die Eckdaten sind damit abgehakt, aber wie das Leben in einer Verbindung aussieht, ist noch nicht geklärt. Um dieser Frage nachzugehen, bin ich jetzt also im Algovenhaus am Senkelbach. Das Erdgeschoss besteht zum größten Teil aus einem Eingangsbereich mit Sofas und besagtem Weihnachtsbaum, sowie einem größeren Kneipsaal, in dem Veranstaltungen stattfinden. In einem kleineren Raum nebenan werden unter anderem Degen aufbewahrt – also doch geheime Fechtduelle? Nein, wie mir erklärt wird, werden die Waffen nur an offiziellen Anlässen zu repräsentativen Zwecken getragen und nicht eingesetzt. Ein Stockwerk darunter ist der Keller optimal ausgestattet für Studentenpartys: Es gibt eine Bar, einen Billardtisch, Sitzgelegenheiten und der Boden klebt noch von der letzten Feier. Im oberen Stockwerk befinden sich Küche, Bibliothek und mehrere Zimmer. Sie werden an Studenten vermietet, die bereit sind, sich das Verbindungsleben zumindest mal anzuschauen.

© KDStV Algovia

Manuel Reichart, 23, studiert Theologie und nimmt sich Zeit, meine Fragen zur Algovia zu beantworten. Er ist momentan Senior und damit gewissermaßen Vorstand der Verbindung. Neben dieser Position gibt es noch den Consenior, den Fuxmajor, den Scriptor und den Quaestor – alles samt leitende Positionen, die von den Studenten selbst übernommen werden und mit verschiedenen Aufgaben einhergehen. Zu unserem Gespräch stößt noch Dietrich Kirschner. Er ist Philistersenior, also gewissermaßen Vorstand aller Verbindungsmitglieder, die nicht mehr studieren.
Wie kann man für Außenstehende kurz und einfach erklären, was eine Verbindung ist? „Eine Studentenverbindung ist ein Zusammenschluss aus jungen Männern, die sich an vier Prinzipien orientieren und sich auch neben ihrem Studium in der Freizeit treffen und den freundschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch pflegen. Und das ganze generationenübergreifend und mit lebenslanger Mitgliedschaft“, bricht Reichart es herunter. Die angesprochenen Prinzipien werden auch auf der Homepage erklärt: Religio (das Bekenntnis zum katholischen Glauben), Amicitia (lebenslange Freundschaft), Scientia (erfolgreiches Studium) und Patria (Liebe zur Heimat) [1].
Und wie wird man Mitglied? Die Algovia hat momentan knapp über 200 Mitglieder und 5 von ihnen wohnen auf dem Verbindungshaus am Senkelbach. Um Mitglied werden zu können, muss man männlich, katholisch und in einem Studiengang vor Ort eingeschrieben sein; die politische Einstellung spielt hingegen keine Rolle. Wer beitreten will, verfasst einen formlosen Antrag (zum Beispiel auf einem Bierdeckel) und stellt sich vor. Erfüllt man alle Voraussetzungen, wird man in der Regel aufgenommen und hat dann zwei Semester Fuxenzeit vor sich – eine Art Probezeit, in der man sich die Verbindung anschaut, Veranstaltungen miterlebt und Hintergrundinformationen lernt. Am Ende dieses Jahres steht eine mündliche Prüfung. Besteht man sie, wird man lebenslang in die Verbindung aufgenommen. Sobald man sein Studium abschließt, wird man vom Aktiven zum Alten Herren und unterstützt die nächste Generation an Studenten.
Welche Aufgaben erwarten einen in einer Studentenverbindung? Oberste Verpflichtung für die aktiven Verbindungsstudenten ist, ihr Studium erfolgreich abzuschließen. Zusätzlich sollte man auch bereit dazu sein, Verantwortung in leitenden Positionen zu übernehmen und damit Zeit und Arbeit in die Verbindung zu investieren. Für jedes Semester gibt es zudem ein Programm mit Veranstaltungen, die von wissenschaftlichen Vorträgen bis hin zu lockeren Grillabenden reichen. Gerade die Veranstaltungen, die einem strengeren Protokoll folgen, sind vermutlich jene, die man klischeemäßig vor dem inneren Auge hat, wenn man an Verbindungen denkt. Bei manchen dieser Zusammenkünfte herrscht Anwesenheitspflicht für die Studenten.

© KDStV Algovia
© KDStV Algovia

Und inwiefern profitiert man davon, in einer Verbindung zu sein?
Der Vermutung, dass man über das Netzwerk hier sicherlich leichter an Praktikumsplätze und Ähnliches kommt, widerspricht Reichart bestimmt: „Eine Verbindung sollte keine Vetternwirtschaft sein und wir heben uns auch nicht gegenseitig in Positionen“. Stattdessen nennt er eher soft skills, die man erlernt. Dazu gehört, größere Gruppen zu leiten und zu koordinieren, dabei klare Anweisungen zu geben sowie Veranstaltungen zu organisieren. Eine leitende Position in der Verbindung zu übernehmen, sei eigentlich auch Führungskräftetraining. Er persönlich profitiere vom generationenübergreifenden Austausch und vertraue auch auf den Rat ältere Mitglieder, die mehr Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen, meint Reichart. Kirschner ergänzt, dass sich in Verbindungen besonders intensive Freundschaften bilden, die oft sehr lange halten, weil man auch nach seiner Studentenzeit regelmäßig zu Veranstaltungen zusammenkommt und ähnliche Grundwerte teilt.
Das klingt vom Prinzip her ähnlich wie das Vorgehen vieler Stiftungen, die Stipendien vergeben und auch ideelle Förderung anbieten. Man lernt Gleichgesinnte aus ganz Deutschland oder auch anderen Ländern kennen, wodurch man in fremden Städten oft schon erste Anlaufpunkte hat. Reichart ist beispielsweise während seines Studiums in Rom in eine Verbindung eingetreten, weshalb er vor Ort gleich Anschluss fand. Dazu kommen noch die Veranstaltungen zu verschiedenen Themen, die ermutigen sollen, über den eigenen, fachlichen Tellerrand zu schauen. Im Wintersemester 19/20 sind das zum Beispiel Vorträge wie „Grabenkämpfe und Mythen der theologischen Wissenschaft von Liturgie und Altar“, aber auch „Was unsere Lebensmittel zum Genuss macht – Moderne Methoden der Lebensmittel-Analytik“.
Wie leicht haben es Verbindungen heutzutage, neue Mitglieder zu finden?
Laut Kirschner haben Verbindungen auch in der heutigen Zeit kein Problem bei der Mitgliedersuche. Im Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen steigen die Mitgliederzahlen in den letzten Jahren leicht an, wobei diese sehr ungleich auf alle 125 Verbindungen im Verband verteilt sind. Die Verbindungen innerhalb eines Verbandes begegnen sich meist freundschaftlich. Geht es um das Verhältnis zu Verbindungen aus anderen Verbänden, sind eher Einzelpersonen miteinander befreundet, als ganzen Verbindungen an sich.
Und wie reagieren Außenstehende oder Bekannte, wenn man von der Verbindung erzählt?
Die meisten sind neugierig und fragen interessiert nach, sind sich alle Anwesenden einig. Häufige Fragen sind, weshalb Verbindungsstudenten bunte Bänder tragen und ob es wirklich Fechtduelle gibt.

Und was ist mit den Vorurteilen, die mich unter anderem hierher geführt haben? Zum Beispiel, dass in Studentenverbindungen nur getrunken wird und zwar exzessiv? Abstinenz scheint nicht gerade das Motto zu sein, während einer lockeren Grillfeier in der selben Woche werden die Bierkrüge fleißig gefüllt und geleert. Bevor man an dieser Stelle den moralischen Zeigefinger hebt, ist allerdings Selbstreflexion angebracht. Schließlich wird auch auf der durchschnittlichen studentischen Hausparty nicht gerade wenig getrunken. Harter Alkohol wird hier dagegen weniger ausgeschenkt, in der Regel gibt es hauptsächlich Bier. Zum Trinken gezwungen wird außerdem niemand, betonen Reichart und Kirschner. Wer keinen Alkohol verträgt oder mag, bekommt genauso Spezi oder Wasser angeboten.
Ähnlich verbreitet ist vermutlich das Klischee, Verbindungen seien politisch rechts orientiert. Wird darüber intern geredet? Kirschner meint, in der Verbindung selbst sei das kein Thema. Eher werden sie von Außenstehenden damit konfrontiert. Die Verbindung ist unpolitisch und jedem steht frei, sich für die Partei seiner Wahl zu engagieren. Unter sämtlichen Verbindungen gäbe es einen geringen Prozentsatz, der eine kritische Ausrichtung verfolge. Es ärgert ihn, dass von dieser Minderheit auf die Gesamtheit geschlossen werde. Nach außen hin klar Stellung gegen diese Minderheit zu beziehen, sieht er allerdings auch nicht als Verpflichtung der Verbindung: „Wenn die Leute ihre Vorurteile haben, dann pflegen sie die auch in der Regel. Die sind dann jetzt auch nicht offen. Wir sind offen. Es kann jeder vorbeikommen und sich das anschauen.“

© KDStV Algovia

Und wie werden Verbindungen in der Zukunft aussehen?
An den bestehenden Organisationsformen wie beispielsweise den Ämtern des Seniors, Scriptor oder Quästors wird sich vermutlich auch in Zukunft wenig ändern, vermutet Manuel Reichart. Die Mitgliederzahlen könnten leicht ansteigen, da die Menschen momentan vermehrt auf der Suche nach Struktur und Orientierung seien und eine Verbindung diesen Rückhalt bieten könne. Studentenverbindungen mögen auf Außenstehende in ihrem Vokabular und ihren Traditionen noch so antiquiert wirken – was die Selbstvermarktung anbetrifft, ist zumindest die Algovia definitiv im 21. Jahrhundert angekommen: es gibt sowohl eine Facebook-Seite als auch einen Instagram-Account. Hier werden Fotos und kurze Informationen von Veranstaltungen geteilt und ein Einblick ins Verbindungsleben gewährt. Reicharts Einschätzung nach wird sich diese mediale Präsenz auch in der Zukunft noch weiter ausbauen.

„Kennst du sie eine, kennst du sie alle“, gilt für Studentenverbindungen wohl kaum. Wie die Algoven ihr Verbindungsleben gestalten, was die dahinterstehenden Überzeugungen und Einstellungen sind – davon habe ich sowohl im Gespräch mit Manuel Reichart und Dietrich Kirschner als auch bei meinem Besuch eines Grillabends in der Verbindung einen Eindruck bekommen. Auf sämtliche existierende Verbindungen lässt sich daraus aber sicher nicht schließen, denn dafür ist die Bandbreite zu groß. Wie eingangs erwähnt, ist die Algovia farbentragend, nichtschlagend und im Cartellverband CV organisiert. Es gibt in Deutschland aber auch Verbindungen, die beispielsweise nicht farbentragend sind und dafür schlagend, also studentisches Fechten ausüben. Zudem gibt es noch andere Organisationsformen wie Burschenschaften, Landsmannschaften oder Corps [2]. Die Ausrichtung und Aktivitäten einer Verbindung stehen und fallen letztendlich wie in jedem anderen Verein auch mit den Mitgliedern. Wie im Interview auch zur Sprache kam, gibt es diesen geringeren Prozentsatz an politisch extremen Verbindungen durchaus. Diesen Vorwurf deshalb aber pauschal auf alle Verbindungen anzuwenden, erscheint mir nicht gerechtfertigt.
Gerne hätte ich an dieser Stelle das Thema noch von einem Experten auf dem Gebiet, beispielsweise einem Politik- oder Geschichtsprofessor, einordnen lassen. Von der Uni Augsburg war hierzu aber niemand bereit, weshalb ich nur meine persönlichen Eindrücke festhalten kann. Neben den ganzen interessanten Fakten, die ich während der Recherche und auch im Gespräch erfahren habe, ziehe ich vor allem ein Fazit: es lohnt sich, offen und neugierig zu sein und nicht alle Vorurteile und Gerüchte für bare Münze zu nehmen. Stattdessen sollte man die Gelegenheiten wahrnehmen, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen, wie das Leben in einer Studentenverbindung aussieht.

© KDStV Algovia
© KDStV Algovia