„Ich bin eigentlich fucking integriert“- Wie Rassismus den Wohnungsmarkt beeinflusst

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Es ist Oktober 2020 in Augsburg. Student_innen aus ganz Deutschland haben für Apps wie ImmoScout oder WG-gesucht Speicherplatz auf ihren Smartphones freigeräumt. Bewerbungsgespräche und WG-Castings, die neuerdings meistens über Skype stattfinden, füllen genauso die Kalender wie Einführungsveranstaltungen. Doch während sich manche lediglich Gedanken machen, wie sie die Frontkamera für die erste Vorlesung am vorteilhaftesten einstellen, haben andere wirkliche Probleme. Denn auch wenn Augsburg auf den ersten Blick aufgeschlossen, tolerant und weltoffen wirkt, ist die Grundprämisse von Antirassismus wohl noch nicht bei allen angekommen. Besonders manche Augsburger Vermieter_innen machen es Menschen mit Migrationshintergrund und Ausländer_innen schwer. Ich habe mich mit Emel Aydin, die – jaa liebe Leute auch ganz ursprünglich   aus Deutschland kommt, unterhalten und war schockiert darüber, wieviel Aufklärungsarbeit in Augsburg doch noch nötig ist.

Emel ist Anfang zwanzig, studiert Jura an der Uni Augsburg und ist fürs Studium aus Köln hergezogen. Sie fühlt sich in Augsburg wohl und zu Hause. Vor ein paar Monaten beschließt die 23-Jährige mit zwei Freundinnen eine neue WG zu gründen. Eine der Frauen wohnt bereits in der WG, die beiden anderen wollen miteinziehen. Emel bewirbt sich auf das Zimmer, genau wie ihre Freundin Sophia. Sophia bekommt eine Zusage. Emel muss finanzielle Auskünfte vorlegen und bekommt die Nachricht, dass die Vermieterin auch noch andere Bewerberinnen präsentiert bekommen möchte. Auch ein Telefonat kann daran nichts ändern. Emel Aydin, das ist keine Anna Bauer, das ist der Vermieterin wohl wichtig. Doch so richtig zugeben kann das die ältere Frau nicht. „Sie muss sich jetzt nicht rechtfertigen, man muss auch mal ein ‚Nein‘ akzeptieren“, rekonstruiert Emel die Antwort der Vermieterin, als sie sie mit diesem Vorwurf konfrontiert. Ein Scheiß-Tag für die junge Studentin, wie sie selbst sagt. „Am Anfang, als ich das erfahren habe, war ich super perplex und emotional, weil es das erste Mal war, dass ich wegen meiner Herkunft diskriminiert und benachteiligt worden bin“, erzählt sie. „Ich hab überlegt, was ich da mache, wie ich rechtlich vorgehen kann, ob ich zum Anwalt gehen soll, ob ich mich in die Wohnung einklagen soll. Habe meine Schwester um Rat gefragt und wir haben einen Plan ausgesponnen, wie ich doch einziehen kann.“ Nach einem sehr emotionalen Tag, an dem auch die Option „Hundescheiße-vor-die-Tür-legen“ nicht ganz ausgeschlossen werden konnte, geht Emel jedoch ganz rational an die Sache und schreibt der Vermieterin eine E-Mail. Sachlich und nicht beleidigend, möglichst unemotional und doch so, dass klar wird, dass sich eine deutsche junge Frau die Bestätigung abholen will, dass sie nicht in einem Land lebt, in dem sie von anderen Menschen wegen ihrer Herkunft abgestempelt wird. „Ich wollte ihr nicht die Genugtuung geben, ihr nicht zeigen, dass sie mich aus der Bahn werfen kann.“ Doch sie bekommt keine Antwort.

Emel spricht vor allem mit ihrer Familie über die Situation, die sie wahnsinnig wütend macht und in der sie sich so ungerecht behandelt fühlt.

„Als ich mit meinem Dad gesprochen habe, meinte der vor allem, dass mir bewusst sein muss, dass sowas öfter passieren wird“, meint Emel, „auch im Job oder Studium.“

Die Jurastudentin kannte dumme Sprüche von älteren Damen, die fragen, woher sie denn jetzt wirklich kommt – dass sie aber wirklich aufgrund ihres türkischen Nachnamens diskriminiert wird, hat sie getroffen. Bewundernswert ist, dass sie trotzdem sogar noch Verständnis gegenüber skeptischen Vermieter_innen aufbringen kann: „Ich kann den Gedankengang von den Vermietern irgendwie auch verstehen, weil sie jemanden Verantwortungsbewussten in der Wohnung haben möchten. Und je nachdem, wie man aufgewachsen ist, hat man eben Vorurteile und die Gesellschaft ist eben so aufgebaut, dass man in Schubladen denkt.“ Frei vom Schubladendenken jeden einzelnen Menschen unvoreingenommen kennenlernen und niemanden auf seine Herkunft zu reduzieren, das wünscht sich Emel.

„Was mich so traurig macht, ist, dass ich fucking integriert bin. Ich fühl mich mehr deutsch, als dass ich mich türkisch fühle, weil das hier ist meine Heimat, das ist mein Zuhause und trotzdem werde ich noch anders behandelt.“

Ein Einzelfall werden manche nun optimistisch denken. Nach einem Gespräch mit meinem rumänischen Mitbewohner, für den es massenweise Wohnungsabsagen gehagelt hat, glaube ich das eher nicht. Habe ich doch zur gleichen Zeit mit einem ziemlich „deutsch-klingenden“ Namen die zweite Wohnung bekommen, die ich besichtigt habe. Auch Emel erzählt von einem weiteren Freund, der mit tschechischem Namen weniger Glück bei der Wohnungssuche hatte als ein Kumpel mit deutschem Namen, der sich auf die gleichen Wohnungen mit ähnlichem Text beworben hat. Auch mein alter Vermieter machte einen Ausspruch dazu, dass jetzt für die Wohnung wieder allerhand „Araber und sowas“ anrufen würden und denen müsse er dann immer irgendwelche Ausreden auftischen, warum sie nicht einziehen dürfen. Was man gegen diesen ganz offensichtlichen Rassismus auf dem Augsburger Immobilienmarkt tun kann? Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sieht hier einen Verstoß gegen das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, Schadenersatz oder zukünftige Unterlassung der Diskriminierung könnten im besten Fall erreicht werden. Emel, die ja angehende Juristin ist, meint Anzeigen sei schwierig: „Keiner wird zugeben, dass du die Wohnung aufgrund deiner Herkunft nicht bekommen hast.“ Das einzige, was ihrer Meinung nach hilft, ist auf das Problem aufmerksam zu machen, im Freundeskreis davon zu erzählen, vielleicht etwas auf sozialen Medien zu teilen und vor allem: keine Rassist_innen mit monatlicher Miete belohnen und bei ihnen einziehen. Emel und ihre zwei Freundinnen haben eine neue Wohnung gefunden, die Vermieterin der vorherigen WG hat bis heute nicht auf  ihre E-Mail geantwortet.