Akzeptierte Respektlosigkeiten. Über Mansplaining, Missbilligung und Monika Gruber.

© Julia Birner

Nachdem ich vor einigen Wochen wutentbrannt von einem Heimaturlaub zurückkehrte, tippte ich ein paar lose Zeilen in mein Smartphone, wie ich es immer tue, um meiner Laune Luft zu machen. Nun, aus ein paar losen Zeilen wurden Absätze und schnell verlor ich mich in Gedanken. Immer wieder gelange ich an diesen Punkt. Immer wieder ärgere ich mich über dieselben wiederkehrenden Dinge, die mich mittlerweile heimzusuchen scheinen. Zusammenfassen würde ich diese Dinge unter der Kategorie „akzeptierte Respektlosigkeiten des Alltags“. Drei davon möchte ich folgend besprechen.

Erste akzeptierte Respektlosigkeit: Missbilligung

Ich wohnte also einst in einer kleinen Stadt. Wie jede Stadt, oder besser gesagt, wie absolut jeder Ort, der eine Gruppe von sozial aktiven Menschen beheimatet, hat auch diese Stadt eine gewisse Dynamik, die daraus zu bestehen scheint, unverhältnismäßig oft und unverhältnismäßig ausführlich über die Lebensgestaltung anderer Menschen zu diskutieren. Inhalte dieser Diskussionen sind zumeist Gewicht, Kleidung, Frisur, Partner:innen und vor allem: beruflicher Werdegang und Grad der Andersartigkeit zu dem Kreis, mit dem man sich gerade unterhält. In Gruppen von mindestens zwei Personen wird besprochen, was an der Lebensgestaltung von x (beliebige Person, über die zumeist nur oberflächliche Informationen bekannt sind) sinnvoller, schneller, langsamer, besser, anders gemacht werden könnte. Kritisiert wird allerdings nicht etwa ein Fehlverhalten, welches Leid und Schaden nach sich zieht. Nein, kritisiert wird – naja, einfach des Kritisierens wegen. Nun, ganz so banal wird der Grund wohl nicht sein. Sicher gibt es verschiedene alltagspsychologische Erklärungen für dieses Phänomen. Angewohnheit, Druck, Neid, Unsicherheit, Sozialisation, Unzufriedenheit. Bei mir war es eine Mischung aus allem. War? Es  i s t  eine Mischung aus allem. Es mag pessimistisch erscheinen, aber ich bezweifle, dass jemand in der Lage ist, diese Dysfunktion langfristig loszuwerden. Definitiv aber kann man sie hinterfragen, bearbeiten, stumm stellen und abschwächen. So gelingt es mir weitestgehend, diesen Dämon im Griff zu haben, mich die meiste Zeit von diesem Verhalten zu distanzieren – nach radikaler und unangenehmer Arbeit an mir selbst. Was aber vor Allem eins bedeutet: Es fällt mir auf, wenn andere diesen Dämon nicht im Griff haben. Selbstverständlich haben wir alle unsere Schwächen. Einen großen Unterschied macht es jedoch, wie wir mit diesen Schwächen umgehen.

Hierin besteht der Kern meines Ärgers: Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Ideale, Urteile, Gedanken, Taten und Worte immer wieder zu hinterfragen und ehrlich mit uns selbst zu sein. Wieso stehe ich ein, wofür ich einstehe? Ist es tatsächlich der Grund, den ich angebe, oder stört mich in Wirklichkeit etwas Anderes? Reagiere ich mit meiner Antwort auf die aktuelle Situation, oder laufen in meinem Kopf Dinge ab, die hier und jetzt gar nicht stattfinden? Wer diese Arbeit an sich selbst immer und immer wieder verwehrt, schadet nicht nur einem respektvollen Miteinander, sondern auch Einzelpersonen und schließlich sich selbst, denn wer mit anderen so hart ins Gericht geht, wird bei sich keine Ausnahme machen. Und umgekehrt. Wer in dieser Weise über andere Menschen spricht, gibt vielmehr Einblicke in sich selbst.

Natürlich ist diese Reflexionsarbeit keine leichte Angelegenheit und fällt unterschiedlichen Personengruppen mit unterschiedlichen Vorgeschichten und Lebenssituationen unterschiedlich schwer. Daher plädiere ich nicht auf Perfektion, sondern lediglich auf Respektanz. Die Bereitschaft zu respektieren. Wie könnte man Menschen, ihre Eigenheiten und Entscheidungen akzeptieren und respektieren, wenn man sie laufend herabstuft?

Zweite akzeptierte Respektlosigkeit: Kompetenzabsprache

Ich stehe vor zwei Problemen.

1. Ich schlug nicht den allgemein anerkannten Werdegang „Studium mit determinierter beruflicher Laufbahn, bestenfalls in der Wirtschaft“ ein, trage keine Schaufenster-Kleidung mehr und begann auf tierische Produkte in meiner Ernährung zu verzichten.

2. Mein biologisches Geschlecht ist weiblich.

Diese Kombination erhöht meinen Grad der Andersartigkeit zu zahlreichen erdenklichen Gruppenkonstellation aus Personen, die höheres Ansehen genießen, maßgeblich. Und macht es mir damit tatsächlich schwer, mir Respekt zu verschaffen, mir Gehör zu verschaffen und überhaupt ernst genommen zu werden. Besonders in der aktuellen Zeit, in der Debatten auf Internetplattformen stattfinden, Meinungen weiter und weiter auseinander gehen und Diskussionen hitzig sind, ist eine Begegnung auf Augenhöhe besonders wichtig. Umso dramatischer, wenn einer Gruppe von Menschen systematisch ihr Wissen aberkannt, ihre Kompetenz abgesprochen wird und somit keinerlei Kontakt auf Augenhöhe stattfinden kann.

Der Punkt Kompetenzabsprache wird nicht nur, aber häufig von Männern (die erfolgreich als solche sozialisiert wurden) und nicht nur, aber häufig von Menschen, die aufgrund ihrer Lebenssituation und -weise flächendeckend gesellschaftlich anerkannt sind, vollbracht. Sicher ist der seit 2003 von Rebecca Solnit geprägte Begriff „Mansplaining“ schon bekannt. „Es handelt sich dabei um ein Phänomen, bei dem ein Mann einer Frau etwas erklärt – und dabei überhört, dass sie sich bestens auskennt“ (Bähr 2015). Kurz gesagt: Egal, wie gut ich als Frau informiert bin, ein am Gespräch beteiligter Mann (der als solcher erfolgreich sozialisiert wurde) denkt, es besser zu wissen und klärt mich auf. (Hier höre ich schon die ersten Gegenstimmen, die genau das bestätigen, was ich im Folgenden schreiben möchte). Die Betonung liegt hier auf dem d e n k t , es besser zu wissen. Grund dafür: persönliche Selbstüberschätzung und Kompetenzabsprache des Gegenübers.

Oftmals gibt es Menschen, die wissen es besser, ja. Oftmals gibt es Menschen, die sind besser informiert und oftmals gibt es einfach verschiedene Meinungen, die nicht einem Mangel an Information geschuldet sind, sondern unterschiedlichen Herangehensweisen, Perspektiven oder anderen Idealen. Sofern diese Herangehensweisen, Perspektiven und Ideale niemandem schaden, sind sie, wie sie auch aussehen mögen, vollkommen akzeptabel. Wovon ich aber spreche sind Situationen, in welchen das Gegenüber herabgestuft wird, bevor es überhaupt zu einer Auseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene kommen kann. Diese Herabstufungen führen dazu, dass bestimmte Personen von vornherein nicht als gleichwertige Gesprächspartner:innen angesehen werden. Meist passiert das unterbewusst und unbeabsichtigt, was es umso schwerer macht, dieses Problem zu beheben. Unterbewusst und unbeabsichtigt heißt jedoch keinesfalls unbemerkt. Bleiben wir beim Thema Geschlecht, da es dasjenige ist, was ich selbst erlebe – und mit mir ungefähr 50% der Gesellschaft!

Die Redeweise von Männern und von Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Männer schon von klein auf, sowohl von der Gesellschaft, als auch vom Elternhause beigebracht bekommen, wie man redet, wie man sich darstellt und wie man sich in Szene setzt, um zu überzeugen, wird Frauen vermittelt, dass sie brav, ruhig und verständnisvoll sein sollen. Ein Mann (dessen männliche Sozialisierung erfolgreich war) kann denselben Inhalt vermitteln wie eine Frau – er wird mehr Zustimmung, mehr Beifall, mehr Respekt erhalten. Diese Unterschiede in der Gesprächsstrategie sind allerdings nicht der einzige Grund, weshalb der Mann hier mehr Zustimmung erhält. Auch die gesellschaftliche Erwartungshaltung und die damit verbundene „self fulfilling prophecy“ an ihn ist eine andere: Wissen, Können, Kompetenz. Eine Frau hingegen kann noch immer vor allem eines sein: Schön.

Exkurs:
Besonders in öffentlichen Kontexten, wo die Rede statusaufbauend wirken kann, ist zu beobachten, dass Männer mehr Redezeit beanspruchen, als Frauen, deren Redezeit eher in privaten, kooperativen Kontexten zunimmt. Geschlechtsspezifischer Redestil ist besonders an soziale Erwartungshaltungen gekoppelt. Leet-Pellegrini führte 1980 eine Studie durch (Kotthoff 2018: 283), aus welcher die eben schon angesprochenen Probleme ersichtlich wurden: Mehrere Zweiergruppen sollten über das Thema „Gefahren des Fernsehens für Kinder“ diskutieren, wobei jeweils eine der beiden Personen, im Unwissen der zweiten, im Vorfeld Infomaterial bekam, welches sie im Gespräch zum Experten/ zur Expertin machte. Das Wissensverhältnis wurde somit schnell auffallend different, die uninformierte Seite stellte mehr Rückfragen, gab Hörersignale und beanspruchte weniger Redezeit. Dieses Muster zeigte sich in allen Fällen, außer wenn die Frau die Expertin, also die in dieser Situation überlegene Person war. Der Mann bestätigte sie nicht in ihrer Rolle, stellte keine Fragen, beanspruchte ein gleiches Maß an Redezeit und sie trat ihm wiederum nicht deutlich genug entgegen (ebd.: 284). Zahlreiche weitere Studien, die in den 80er und 90er Jahren stattfanden, konnte diese männliche Neigung zur Kompetenzdarbietung und Autoritätsinszenierung bestätigen (ebd.).
Aussagen von weiblichen Sprecherinnen finden zum einen weniger Gehör, zum anderen wird in unsachlicher Weise, etwa durch Anspielungen oder Anzüglichkeiten, Bezug genommen (Kotthoff 2018: 273 – 284, Burkhardt 1990: 61). Der Faktor Status mag in dieser Angelegenheit von großer Gewichtung sein, doch weist er gewissermaßen auf einen Teufelskreis. „Bis auf den heutigen Tag sind Männer in allen Gesellschaften innerhalb [der] Hierarchie höher platziert“ (Kotthoff 2018: 283). Sie werden von Geburt an auf diese Umstände vorbereitet und entsprechend mit einem Stil der Selbstdarstellung und Kompetition sozialisiert (ebd.: 284). Frauen hingegen werden in die andere Richtung sozialisiert (ebd.273ff.), was sich im Hinblick auf das Ziel der Gleichstellung gegenseitig nicht bedingt. Durch Sozialisation werden folglich entsprechende Stereotype weitergegeben. Männer erlangen somit weiterhin leichter einen höheren Status und machen dies durch bestimmte Gesprächsstile kenntlich, was ihnen wiederum weitere Chancen ermöglicht und. Im Gegenzug wird Frauen durch diese unbewusst stattfindenden Unterdrückungsmechanismen der Weg erschwert.

Verstehen ist auch eine Frage des Wollens. Wenn man einen Menschen schon vor seiner Rede gedanklich in eine Ecke drängt, ist ein Verstehen nahezu unmöglich. Das lähmt nicht nur jede Diskussion, es zensiert systematisch bestimmte, eigentlich qualifizierte Personengruppen und nimmt ihnen ihre Stimme.

Dritte akzeptierte Respektlosigkeit: Tarnumhang Humor

Besonders deutlich wird Respektlosigkeit als komplett anerkannte Umgangsform in Sachen Humor/Comedy. Ob es nun der oben schon angesprochene andere Werdegang („anders“ meine ich in allen Beispielen im Sinne von „das Andere zu uns, die wir gerade darüber sprechen“), die andere Ausführung eines ähnlichen Werdegangs, die andere Ernährung, die andere Kleidung, das andere Gewicht, das andere Geschlecht, die andere Kultur, die andere Hautfarbe, die anderen Sitten, die andere Lebensform oder die andere Beziehungsform ist (man könnte die Liste unendlich weiterführen): es gibt immer etwas, was man auf die möglichst ulkigste Art und Weise darstellen kann, um als Witz getarnt seinen Unmut darüber kund zu tun. Natürlich, Humor bedeutet auch Gelassenheit, Freude, Leichtigkeit. Ohne Humor wäre die Welt ein ganzes Stück langweiliger und wahrscheinlich unerträglich. Es liegt aber auf der Hand, dass es verschiedene Kategorien des Humors gibt und manche davon einfach über ihr Ziel hinaus schießen. Wie bei so vielen Dingen ist der Übergang fließend, Grenzen sind nicht klar erkennbar. Vielleicht kann ich es so formulieren: Ein kleiner Scherz über Andere sollte die Ausnahme sein, nicht die Grundlage eines gesamten Humorverständnisses.

Die Feststellung, dass so mancher Witz fragwürdig sein kann, ist im Übrigen kein Phänomen der heutigen Zeit. Spätestens mit dem Beginn des rührenden Lustspiels in der Epoche der Empfindsamkeit wurden unsere Vorfahren mit der Erkenntnis beglückt, dass ein Theaterstück, in welchem ausschließlich über tollpatschige Bürger:innen gelacht wird, doch irgendwie sehr eintönig und unangenehm ist. Wie der Name der Epoche schon erahnen lässt: die Empfindsamkeit wurde entdeckt. Es scheint mir jedoch, als sei nach dieser Erkenntnis im 18. Jahrhundert nicht mehr viel gefolgt. Karbarettist:innen wie Dieter Nuhr oder Monika Gruber sind die wohl besten mir bekannten Beispiele für solch ein, im Schafspelz „Humor“ verkleidetes, respektloses Miteinander. Ihr Programm besteht im Wesentlichen daraus, dass früher alles besser war und aus allem, was sich im Ansatz zu ihrer eigenen Lebensweise unterscheidet, eine halbstündige Bühnenshow zu machen, die (entgegen dem, was sie selbst wahrscheinlich behaupten würden) weder zu einer gesunden Multimeinungs-Diskussionskultur beiträgt, geschweige denn zu einem friedlichen, respektvollen Miteinander. Ich denke da an eines der vielen Beispiele „menstruierende Personen“ statt „Frauen: Wenn es um das Thema Periode geht, möchte man künftig nicht mehr nur Frauen nennen, sondern alle menstruierenden Personen, da zum einen nicht nur Frauen, sondern auch Transgender- oder nicht-binäre Personen Monatsblutungen haben können, zum anderen auch nicht alle Frauen menstruieren. Somit ist es faktisch falsch, in Sachen Periode einfach allgemein von Frauen zu sprechen. Monika Gruber, wie auch Dieter Nuhr und weiß Gott wer noch alles thematisieren dieses Anliegen in mehreren ihrer Auftritte – natürlich ganz nach dem Motto: Ich hab ja nichts gegen schwule oder Transmenschen, aber das ist doch lächerlich.

Themen wie solche scheinen für einen Teil der Gesellschaft unrelevant. Klar, sie sind auch nicht direkt betroffen. Für einen anderen Teil haben sie jedoch einen extrem hohen Stellenwert. Interessen von Personengruppen, die weniger hohes Ansehen genießen, sind ohnehin schwer durchzusetzen, so ist es nicht nur nicht förderlich, daraus eine Comedyshow zu machen, sondern auch schlichtweg verwerflich. Mit anderen Worten: Frau Gruber und co. schütten Öl in ein Feuer aus Sturheit, Empathielosigkeit und Unwissen. Einen kurzen Witz in privaten Kreisen zu machen ist eine Sache. Die Grenzen anderer Menschen stecken zu wollen, eine andere. Diskussionen, die für einen Teil der Gesellschaft wichtig sind, des inhaltlichen Unverständnisses wegen, auf einer Bühne für verzichtbar und lächerlich zu erklären, ist keine kreative Leistung, sondern unverschämt. Respektvolles Miteinander, respektvoller Austausch kann nicht funktionieren, wenn ein großer Teil unseres Lebens daraus besteht, andere Menschen, ihre Bedürfnisse und Grenzen zu verspotten. Was in Grundschulen als Mobbing bestraft wird, kann nicht im Erwachsenenalter mit fehlender Humorbereitschaft und übersteigerter Empfindlichkeit gerechtfertigt werden.

Quellen:

Kotthoff, Helga 2018: Genderlinguistik. Tübingen. 3 – 293.

Bähr, Julia 2015: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wortschoepfung-mansplaining-allwissende-erzaehler-13413483.html (letzter Zugriff: 06.11.2020).

Burkhardt, A. 1990: „Das ist eine Frage des Intellekts, Frau Kollegin“ Zur Behandlung weiblicher Redner in deutschen Parlamenten. Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 65. 61-83.

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