Geschmack braucht Zeit

Über Individualität, Algorithmen und die Kunst, wieder langsam zu sein

Secondhand-Mode boomt. Sie ist günstiger und nachhaltiger, klar. Junge Menschen treibt laut einer italienischen Studie mit fast 400 jungen Leuten, die meisten davon Studierende, aber vor allem etwas anderes an: der Wunsch nach Einzigartigkeit. Am liebsten suchen sie dafür offline, beim Stöbern im Laden. Trotzdem landen wir dann doch auf Vinted, und dort sieht die Einzigartigkeit erstaunlich gleich aus: dieselbe Lederjacke, dieselbe Jeans, dieselbe kleine Schultertasche. Selbst das Anderssein ist inzwischen ein Trend.

Wie viel eigener Geschmack steckt also noch in unserem Geschmack?

Die Wissenschaft hat darauf eine Antwort, die erst einmal ernüchtert. Der Medienwissenschaftler Johannes Paßmann und der Soziologe Cornelius Schubert beschreiben, dass wir Geschmack auf Social Media nicht einfach nur zeigen. Wir stellen ihn dort überhaupt erst her, durch Likes, Kommentare und das, was andere gut finden. Unsere Vorlieben entstehen also nie ganz unabhängig von den Plattformen, auf denen wir unterwegs sind.

Das muss nichts Schlechtes sein. Das Internet bringt uns Musik, Kunst und Ideen, die wir sonst nie gefunden hätten. Wir haben auch nicht verlernt, einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Wir haben uns nur angewöhnt, zuerst im Außen nach Orientierung zu suchen.

Dabei entsteht Geschmack vor allem dadurch, dass wir Dinge ausprobieren, scheitern, verändern und manchmal einfach scheiße finden. Genau dieser Teil fällt oft weg. Wir speichern Rezepte, die wir nie kochen, sammeln Bücher, die wir angeblich lesen müssen, und legen Moodboards für Projekte an, die wir nie anfangen. Forschende von Pinterest haben untersucht, wie oft Nutzer*innen zu ihren gespeicherten Inhalten zurückkehren. Am liebsten übrigens zu allem, was besonders ästhetisch ist. Das Ziel der Studie: dass wir öfter auf die Plattform zurückkommen. Ob am Ende ein Kuchen oder eine genähte Tasche herauskommt, interessiert dabei niemanden.

Dass es auch anders geht, habe ich ausgerechnet beim Feiern gemerkt. Lange konnte ich nicht greifbar machen, welche Musik ich eigentlich mag. Mein Feed hat mir viel zugespielt, aber nichts hat mich wirklich gecatcht. Weiter kam ich erst, als ich Worte dafür hatte. Mithilfe von KI habe ich gelernt, Genres auseinanderzuhalten und zu benennen, was ich eigentlich höre. Damit konnte ich auf Bandcamp und SoundCloud gezielt weitersuchen, von einem Artist zum nächsten, von einem Subgenre ins andere. Heute merke ich viel schneller, was mir gefällt und was neu rauskommt. Daraus werden Playlists, die sich nach mir anfühlen und nicht nach einem Algorithmus.

Dieselben Tools, die beim Entdecken helfen, gewöhnen uns aber auch daran, dass alles sofort da ist. Antworten, Meinungen, Lösungen, Unterhaltung: Alles ist nur einen Prompt oder einen Swipe entfernt. Das ist praktisch, verändert aber unsere Erwartungen. Wir wollen Ergebnisse sehen, und zwar jetzt. Alles, was länger dauert, fühlt sich schnell wie Zeitverschwendung an.

Nur braucht Kreativität genau diese Zeit. Ideen müssen sich entwickeln, und Projekte, die gut werden, beinhalten Scheitern und Rückschritte. Es braucht Ausruhen, Nichtstun, verworfene Drafts und Stunden an Arbeit, nach denen man merkt, dass es doch die falsche Richtung war. Es braucht Gespräche bis tief in die Nacht, Spaziergänge ohne Podcast und Nächte, in denen man zu lange wach bleibt, weil die Inspiration gerade kickt.

Das Internet ist dabei nicht der Gegner. Es kann der Anfang von etwas sein, wenn wir uns die Zeit nehmen, selbst etwas daraus zu machen. Ohne Leistungsdruck, ohne Anspruch auf Perfektion und vielleicht auch mal, ohne das Ergebnis direkt zu posten.

Ich weiß nicht, wie das bei euch ist. Aber ich will wieder mehr Tiefe, mehr Echtheit, mehr Langsamkeit. Vielleicht müssen wir gar nicht lernen, individueller auszusehen. Vielleicht müssen wir uns nur wieder die Zeit nehmen, herauszufinden, was uns eigentlich gefällt.

Quellen

Branca, G., D’Arco, M., Marino, V., & Resciniti, R. (2025). Beyond sustainability narratives: Exploring Generation Z’s shopping motivations in vintage fashion. Journal of Consumer Behaviour, 24, 3082–3103. https://doi.org/10.1002/cb.70050

Jiang, W., Ordorica, A., Yang, J., Gudmundsson, O., Tu, Y., & Duan, H. (2025). Save, revisit, retain: A scalable framework for enhancing user retention in large-scale recommender systems (arXiv:2511.18013). arXiv. https://doi.org/10.48550/arXiv.2511.18013

Paßmann, J., & Schubert, C. (2021). Liking as taste making: Social media practices as generators of aesthetic valuation and distinction. New Media & Society, 23(10), 2947–2963. https://doi.org/10.1177/1461444820939458

 

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