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		<title>Mord am Feuerwachturm &#8211; eine Kurzgeschichte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Elena Kovacevic]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Dec 2022 20:28:48 +0000</pubDate>
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									<p><span style="font-weight: 400;">Ich dachte das hier wäre ein Männerjob, nur deshalb hatte ich mich freiwillig gemeldet. Ich dachte auch nie, dass sie mich wirklich den Feuerwachturm hochschicken würden, und dann noch als eine der Ersten. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Da das Ganze für mich doch so spontan war, hatte ich nicht einmal die Möglichkeit mir auszudenken, wie ich die nächsten fünf Stunden hier verbringen würde. Ich sollte Ausschau halten und melden, wenn ich Rauch sah oder ein Feuer ausbrach. So wie ich diese Stadt kannte, würde heute nichts Interessantes passieren. Das letzte Feuer ist über acht Jahre her und das heißt was. Wundert mich eigentlich, dass dieser Job nicht abgeschafft wurde.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">In weniger als zwei Stunden würde jemand vorbeikommen und mir mein Abendessen bringen. Wenigstens darum musste ich mir keine Gedanken machen. Sitzmöglichkeiten gab es nicht viele. Nur ein einziger kleiner Holzstuhl, der mich kaum halten konnte und ehrlich gesagt wollte ich mit meinem Gewicht lieber nichts riskieren. Also stand ich, seit ich hergekommen war daneben und sah in die Ferne.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Vor mir erstreckten sich nach einer kleinen Landstraße, die ins Tal führte, kilometerlang Felder und Wiesen und der Frühling verfärbte alles in ein erfrischendes Grün. Dahinter lagen Wälder und ich erkannte Tannen und weitere Nadelbäume, dessen Namen mir nicht bekannt waren. Sie waren aber auch zu weit, um sie eindeutig identifizieren zu können. Ganz am Rande war dann das Gebirge, dessen Namen ich immer vergaß, doch ich wusste es reimte sich auf das Wort &#8216;Strauch&#8217;. Dumme Eselsbrücke, ich weiß,  aber wenigstens brachte sie manchmal doch was. Heute eher nicht.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Eine weitere Stunde verging und die Sonne verließ langsam ihren Thron. Mein Magen knurrte und ich musste an mein Essen denken. Hoffentlich bringt der Junge mir Kartoffeln oder Brot, etwas das satt macht. Um mich von diesen Gedanken abzulenken, sah ich wieder in die Landschaft, doch dort regte sich den ganzen Tag schon nichts. Um die Zeit zu vertreiben, entfernte ich den Schmutz unter meinen Fingernägeln, die von der täglichen Feldarbeit sowieso kaum noch als Nägel durchgingen. </span></p>								</div>
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									<p><span style="font-weight: 400;">Von unten kam Gelächter. Zuerst ignorierte ich es, doch es wurde schnell lauter. Ein Pärchen, beide noch ziemlich jung, liefen Händchen haltend den Weg entlang und bemerkten mich gar nicht. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Ich will nur ein schönes, einfaches Leben. Was ist daran falsch?“, sagte der Junge und ließ sich ins Gras fallen. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sie stand weiterhin am Rande des Wegs und sah zu ihm runter. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Ich meinte doch nur, du sollst mehr an deine Zukunft denken und nicht alles so gelassen sehen. Mehr sag ich doch gar nicht.&#8221; Das Mädchen ging in die Hocke. &#8220;Ich muss wissen, ob das mit uns so weitergeht“ </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Wie auch immer.“ Der Junge schnaufte aus und schloss seine Augen, ohne weiter auf das Gespräch einzugehen. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich konnte sogar von hier oben die angespannte Stimmung spüren. Wie schnell sich das ändert. Sie waren doch eben noch so glücklich verliebt unterwegs gewesen. Ich sollte eigentlich nicht mehr zuschauen, es ging mich schließlich nichts an. Ich wollte mich gerade zurückziehen als ich das Mädchen schreien hörte. Schnell war ich wieder am Geländer des Turms und sah wieder zu ihnen. Er hatte sie zu sich auf den Boden gezogen. Sie hatte es wohl nicht kommen sehen und ist ungeschickt hingefallen. Gut, nichts Schlimmes. Ich atme wieder auf und beobachte weiter. Mehr Entertainment würde es heute nicht mehr geben und jemand muss ja den Erwachsenen spielen und auf die Kinder aufpassen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Das Mädchen legte sich auf ihn und sie fingen an sich zu küssen. Ich unterdrückte meinen Ekel, konnte trotzdem den Blick nicht abwenden. Ich sollte nach Feuer Ausschau halten, nicht Teenagern beim Rumschmusen zuschauen. Er war nun über ihr und sie hörten nicht auf, bei dem was sie machten. Seine Hände glitten über ihren Körper und ich hörte sie stöhnen. Nun war mir das doch etwas peinlich, aber sie wussten ja nicht, dass sie beobachtet wurden. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Nein, nicht.“, ächzte sie unter seinem Gewicht und versuchte ihn wegzudrücken, doch er war wohl zu schwer. Mit einer Hand stütze der Junge, sich im Gras ab, mit der Anderen hielt er ihren Körper fest an sich gepresst.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Was ist denn nun los, meine Süße?“, lachte er und sie versuchte weiterhin sich loszulösen, erfolglos. Ich konnte die Lage nicht mehr richtig einschätzen und wurde nervös.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Seine freie Hand wanderte wieder ihren Körper hinauf und blieb an ihrem Hals stehen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Ach komm, dir gefällt das doch.“ Sie schüttelte den Kopf und er erwidert nur: „Letzte Nacht hast du noch was Anderes gesagt.“, bevor er anfing ihr mit seiner Hand die Kehle zuzuschnüren. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Sie schüttelte ihren Kopf noch heftiger als vorher und durch ihren Mund kamen nur gedämpfte Schreie raus. Ich wusste nicht, was geschah und was ich tun sollte. Seine Hand war immer noch fest um ihren Hals und nun nahm er auch die andere und drückte noch fester. Ich sah noch nie ein so erschrecktes und panisches Gesicht wie das des Mädchens in diesem Moment.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Weißt du was? Ich hab es satt andauernd deine dummen Kommentare zu mir und wie ich leben soll anzuhören. Ich möchte-” Er wurde lauter. “doch nur-” Noch lauter. “einen Moment-” der Junge stemmte sein ganzes Gewicht gegen seine Freundin. “Ruhe!“, schrie er in ihr laut in das blasse Gesicht. Ich sah ihre Beine zappeln und ihre dünnen Arme versuchten ihn von sich zu reißen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Abrupt sanken ihre Gliedmaßen zu Boden und das Schreien hörte auf. Es wurde still und ich versuchte keinen Mucks zu machen und unbemerkt zu bleiben. Mit zugepresstem Mund ging ich langsam einen Schritt nach hinten und setzte mich auf den Hocker, der etwas knautschte und ich zuckte zusammen. Ich hatte einen Mord beobachtet. Ich konnte es kaum fassen und traute mich nicht zu atmen, mich zu bewegen oder nochmal nach unten zu sehen. Nach dem Mädchen zu sehen. Dem jetzt toten Mädchen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Laute Schritte rissen mich aus meiner Trance und auf einmal hatte ich das Gefühl der Angst in meiner Brust. Jemand kam die Turmtreppe hoch und es konnte nur der Junge sein. Ich sah mich nach etwas um, das ich im Notfall als Waffe benutzen könnte, doch ich war ihm ausgeliefert. Seine Schritte wurden lauter und der er kam näher. Ich versuchte mich zu beruhigen und blieb still auf dem Stuhl sitzen. Und wartete. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich tat so als hätte ich ihn nicht hochkommen gehört und beschäftigte mich wieder mit meinen Fingernägeln. Er war oben angekommen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Diane Chapman?“, fragte er laut und ich sah erschrocken auf. Er setzte ein Lächeln auf und erst jetzt erblickte ich den Korb, den er bei sich trug. Er hielt ihn mir entgegen und sprach: „Ihr Abendessen. Brot, Aufstrich und etwas Gemüse. Ich hoffe, das passt.“ </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich nahm den Korb entgegen und hielt seinen Blick, aber brachte kein Wort raus.. Ahnte er etwas? Ich war mir nicht sicher.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Na, dann. Schönen Tag noch.“, sagte er mit einem Lächeln und verschwand wieder.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. Schließlich stand ich auf und ging zum Geländer. Der Junge war schnell wieder unten, nahm das Mädchen an den Füßen und fing an ihren Körper Richtung Wald zu schleifen. Bevor ich unbemerkt wieder verschwinden konnte, begegnete der Junge meinem Blick und mir stockte der Atem.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Er hielt kurz an, winkte mir zu und lächelte wieder, bevor er und seine leblose Freundin im Wald verschwanden.</span></p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2022/12/mord-am-feuerwachturm-eine-kurzgeschichte/">Mord am Feuerwachturm &#8211; eine Kurzgeschichte</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Veränderung</title>
		<link>https://presstige.org/2019/07/veraenderung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jul 2019 14:14:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zum wiederholten Mal an diesem Tag holte ich den, inzwischen abgegriffenen Brief hervor und dachte darüber nach, ob ich im Stande wäre dem Absender eine zufriedenstellende Antwort auf seine Frage zu geben. Ich blickte nach draußen. Ohne dass ich es...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2019/07/veraenderung/">Veränderung</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Zum wiederholten Mal an diesem Tag holte ich den, inzwischen
abgegriffenen Brief hervor und dachte darüber nach, ob ich im Stande wäre dem
Absender eine zufriedenstellende Antwort auf seine Frage zu geben. Ich blickte
nach draußen. Ohne dass ich es bemerkt hatte, war es Abend geworden und die
goldene Mittagssonne war bereits so gut wie komplett am Horizont verschwunden.
Wundern Sie sich nicht, denn wenn ich eins mit Bestimmtheit sagen kann, dann
dass selbst die Zeit alles andere als linear verläuft.</p>



<p>„Schön sie wiederzusehen, Herr Professor“. Der Fischhändler
schenkte mir ein breites Lächeln, wobei es ihm nichts auszumachen schien, dass
sich in seinem Mund nur noch ein einzelner, recht einsam wirkender Zahn befand.
„Was darf es denn heute sein?“ Ich warf einen Blick auf die Auslage. Keiner der
Fische sah heute besonders appetitlich aus und von einem ging sogar ein
unangenehmer Geruch aus. Der Händler schien meinen Blick bemerkt zu haben, denn
sein Lächeln schwand: „Leider ist das zur Zeit alles was wir haben und es kann
durchaus passieren, dass ich in den nächsten Wochen überhaupt nichts mehr
anzubieten habe, also vielleicht sollten Sie mit diesem hier vorliebnehmen“. Er
wies auf einen kleinen Fisch am Rande der Auslage. „Ich weiß nicht“, sagte ich,
„es gibt doch sicherlich noch mehr Fische im Teich“. Mein Gegenüber schüttelte
bedauernd den Kopf. „Tut mir leid, nein, Sie wissen schon die Überfischung“.
Ich beugte mich tiefer über die Fische und betrachtete die schillernden
Schuppen des Kleinen. „Nun gut, ich schätze, dann muss ich Ihnen wohl vertrauen
und nehme diesen kleinen, ähm, Barsch“.</p>



<p>Ich atmete tief ein und aus und genoss die Dunkelheit und
die Stille um mich herum. Kaum jemand war zu dieser späten Stunde noch
unterwegs und so konnte ich in Ruhe nachdenken. Eine Antwort würde schon sehr
bald vonnöten sein, doch ich war mir mehr als deutlich bewusst, dass ich diese
heute Nacht nicht mehr in mir finden würde. Es war ein fantastischer Abend
gewesen, das musste ich zugeben. Ich hatte die Handschellen bei ihr gelassen,
doch den Schlüssel hatte ich wieder mitgenommen. Ich seufzte. Noch nie hatte
ich diesen aus der Hand gegeben, doch wie immer im Leben würde irgendwann ein
Wendepunkt kommen, an dem man sich endgültig festlegen müsste.</p>



<p>Als ich sie das erste Mal erblickte, lösten sich meine
kompletten Überzeugungen in Luft auf. Helena war einfach umwerfend. Von der
ersten Sekunde an wusste ich, dass sie mehr war und nun, ich konnte mein Glück
kaum fassen, war es so weit, da stand sie, in einem wunderschönen, blutroten
Abendkleid, ihr schulterlanges goldenes Haar nach hinten gebunden und ihre
Augen von solcher Tiefe, dass es mich nicht gewundert hätte, hätte ich mich
darin verloren und wäre wie in einem schlechten Film gegen eine Laterne
gelaufen, als ich auf sie zuging. Zugegeben ihr BMI entsprach nicht komplett
dem niedrigen Wert, den ich mir gewünscht hätte, doch die meisten Frauen hätten
Helena um ihre Figur beneidet. Wir nahmen Platz und ein livrierter Kellner
reichte uns wortlos die Karte. Ich ballte die Hand unter dem Tisch zur Faust.
Gleich würde sie gestellt werden, die berühmte Grätchenfrage. Sie nahm Barsch,
ich Scholle. Das Feuer im Kamin uns gegenüber loderte auf. Helena lehnte sich
zurück: „Das Essen war wirklich vortrefflich und ich muss sagen, es war bisher
ein wundervoller Abend!“. Ich lächelte und betrachtete das wunderbare Schillern
in ihren Augen, gerade als ein ältlicher Mann neben unserem Tisch stehen blieb:
„Fräulein Moor, es muss ja eine Ewigkeit her sein, dass wir uns zuletzt gesehen
haben!“. Sie wischte sich mit ihrer Serviette über den Mund. „Dr. Eschenbach,
wie geht es Ihnen?“. Der Doktor lächelte nicht: „Mir geht es gut, ich muss aber
leider weiter, meine Verabredung wartet. Nur gebietet es der Anstand Sie als
ehemalige ähm Klientin zu grüßen“. Das Feuer loderte nun immer heller, während
langsam die Nacht hereinbrach. Ich wappnete mich. Diesmal würde es an mir sein
eine Frage zu stellen, eine Frage, auf die es nur eine zufriedenstellende
Antwort geben konnte. „Werden wir uns wiedersehen?“. Sie lehnte sich wieder
nach vorne und in ihren Augen spiegelte sich so viel mehr als das prasselnde Feuer.
Für den Bruchteil eines Herzschlags, meinte ich eine Welle von Zuneigung zu
spüren. In meinem Inneren pulsierte es und Glück strömte in jede Zelle meines
Körpers, als sie den Mund öffnete: „Nein!“.</p>



<p>Der Schlag traf ihn mit der Wucht eines herannahenden
Schnellzugs. Die Menge jubelte und johlte. Mit einem hässlichen Knirschen,
brach der Kiefer und der Boxer sackte in sich zusammen. „Was für ein Kampf
meine Damen und Herren, was für ein Kampf. Der Favorit geht zu Boden und ich
glaube nicht, dass er sich davon nochmal erholt“. Mein Blick wanderte vom Ring
zum Kommentatorenplatz und fiel dann auf Nele, die neben mir eingeschlafen war.
Ich seufzte, nahm meinen Mantel und ging nach draußen, ohne ihr hübsches
Gesicht noch einmal zu betrachten. Ich holte mein Handy hervor, doch ehe ich
dazu kam zu wählen, kam eine Frau auf mich zu gerannt: „Sie haben doch
sicherlich einen kleinen Moment Zeit?“. Ich kam nicht einmal dazu ja oder nein
zu sagen, denn schon fuhr sie fort: „Haben Sie davon gehört, dass in dieser
schönen Stadt ein Ring von Menschenhändlern aktiv ist? Sie können uns helfen
dagegen vorzugehen, ganz einfach in dem Sie hier unterschreiben…“.</p>



<p>Lea wischte sich über die Mundwinkel und wollte gerade gehen, als ihr plötzlich noch etwas einfiel: „Herr Professor, es tut mir schrecklich leid, ich habe vergessen ihnen zu sagen, dass gestern Atef Ben Ali angerufen und sich für heute Nachmittag angekündigt hat!“. Ich lächelte: „Danke Lea, das ist wirklich nicht schlimm. Du bist eine wundervolle Sekretärin!“ Sie verschwand und es klopfte. Atef kam grinsend in mein Büro und ließ sich in einen der Sessel gleiten. „Denkst du etwa immer noch über die Sache nach? Ich habe dir doch letzte Woche erst gesagt, dass du damit aufhören musst, überleg mal wie lange das ganze schon her ist.“ Ich blickte aus dem Fenster: „Du hast ja recht und ich bin dir wirklich dankbar, dass du immer für mich da bist, aber mich beschäftigt einfach nur die Frage nach dem Wieso. Und mal im Ernst, unkreativer als ein bloßes Nein geht es wohl nicht“. Atef lachte: „Den ersten Punkt kann ich ja verstehen, aber was stört dich denn an einem Nein? Wie hättest du dich denn ausgedrückt?“. „Ich weiß es nicht, vielleicht ‚Es tut mir leid, aber die Gefühle zwischen uns sind wie ein Würfel im R²: etwas einseitig‘“.</p>



<p>Ich beobachtete Helena durch das
Schaufenster und drehte den Ring zwischen meinen Fingern. Mein Herz klopfte.
Ich konnte nicht fassen, welche Gefühle sie in mir auslöste, wie sie da in
ihrem Kleid vor dem Spiegel stand und sich prüfend von links nach rechts
drehte. Es begann zu regnen und ich überlegte, ob ich einfach nach Hause gehen
sollte, doch das konnte ich nicht, nicht jetzt.</p>



<p>Atef hatte sich vor mir aufgebaut. „Was
tust du da eigentlich gerade?“. Ich sah ihn an. „Du warst immer jemand der
logisch gedacht hat, der sich nicht von seinen Gefühlen überrollen ließ. Du.
Als Physiker, solltest wissen, dass es nicht wichtig ist wie hell ein Stern leuchtet,
sondern wie nah uns dieser ist. Es gibt weitaus größere und beeindruckendere
Sterne dort draußen, als unsere Sonne, aber nur sie ist uns so nah, dass sie
uns wärmt und uns am Leben erhält. Auch wenn sie nicht das Zentrum unseres
Universums ist, so ist sie doch das wichtigste und der einzige Stern den wir
brauchen“. „Verdammt Atef!“, auch ich war jetzt aufgestanden, „du kannst nicht
alles mit Himmelskörpern vergleichen. Die Anziehungskraft die ein Planet auf
den anderen auswirkt ist immer gleich groß und niemals einseitig!“. Atef setzte
sich: „Bitte, du weißt nicht mehr was du tust, du bist krank, lass mich dir
doch helfen!“. Mein Körper verkrampfte sich und ich ging zur Tür: „Weißt du
noch damals Atef, was wir gesagt haben: ‚Ich glaube an dich und du glaubst an
mich.‘ Was ist davon noch übriggeblieben?“. Und ich verließ mein Büro.</p>



<p>Es war dunkel und Helena beschleunigte
ihre Schritte. Ich versuchte an ihr dranzubleiben, doch mit meinem schmerzenden
Knie war das leichter gesagt als getan. Ich keuchte, biss die Zähne zusammen
und passte mich ihrem Tempo an. Eine Straße weiter fuhr ein Auto mit offenem
Fenster vorbei. Dann war es wieder still. Endlich holte ich wieder auf. Ich
griff in meine Tasche und spürte wie sich das Metall an meine Hand schmiegte.</p>



<p>„Du?“, ich war so wütend. Ich konnte es
nicht fassen. „Wie konntest du mir das antun, nicht nur bei Helena, sondern
auch bei den anderen?“ Atef war ein wenig zusammengezuckt, ob meiner lauten
Stimme, stand jedoch kerzengerade vor mir: „Ich habe das für dich getan. Du
warst nicht bereit, warst es nie. Es hätte niemals geklappt“. „Das glaubst du
doch nicht wirklich, das ist so…“. Ich stockte. „Du, du, du bist auch in sie
verliebt, oder?“. Atef wich keinen Schritt zurück, als ich langsam auf ihn
zuging: „Siehst du es den immer noch nicht? Du bist zu klug um an mich zu
glauben, das weißt du. Ich bin nur eine Ausrede für diejenigen Menschen, die
sich ihre Schuld nicht selbst eingestehen können. Aber du weißt es besser, tief
in dir drinnen weißt du, was für ein jämmerlicher kleiner Versager du doch
bist. Ich, Du, Wir, egal, ein und dasselbe…“. Ich schlug ihm mitten ins Gesicht
und der Spiegel zerbrach. Scherben fielen zu Boden, bohrten sich in meine Hand
und Blut tropfte zu Boden.</p>



<p>Da war so viel Blut. Ich hielt Helena in
meinen Armen und strich ihr sanft über das goldene Haar. Sie hatte die Augen
geschlossen, atmete aber noch flach. Ich küsste sie auf den Mund und sie
öffnete ihre Augen: „Bitte,… bitte,…“. Ich packte sie fester, hob ihren Kopf
und zwang sie mir in die Augen zu sehen: „Das hier ist nicht das Ende, das ist
erst der Anfang“. Und während in der Ferne die Sirenen immer näher kamen,
glitten die beiden Schlüssel auf den schleimigen Boden.</p>



<p>„Kannst du endlich mal weiter gehen?“.
Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich mitten in der Tür stehen geblieben war,
doch scheinbar hatte ich einen Moment gebraucht, um diesen letzten Schritt zu
gehen. Ich schloss die Augen und dachte noch einmal nach, dann griff ich in
meine Hosentasche und holte ihn hervor. Mit einem Schlag wusste ich es, das war
die Antwort, nach der ich so lange gesucht hatte. Ich öffnete meine Hand und
betrachtete für einen kurzen Moment den Schlüsselring, dann machte ich einen
Schritt nach vorne, im vollen Bewusstsein die Universität zu verlassen und nie
mehr zurückzublicken. Ich war angekommen, nun war es Zeit weiterzugehen. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2019/07/veraenderung/">Veränderung</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Erinnerungsklang</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sabrina Schäfer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 May 2019 08:03:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn man ihr etwas sagte, hatte sie es im nächsten Moment schon wieder vergessen. Sie vergaß die Milch auf dem Herd, die dann überkochte und sie mit einem knisternden Ton samt einem durchdringenden Geruch im Wohnzimmer erreichte. Sie folgte diesem...</p>
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<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="1024" height="683" src="http://presstige.org/wp-content/uploads/2019/04/guitar-3745124_1920-pixabay-edwin-valencia-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-11070" srcset="https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/04/guitar-3745124_1920-pixabay-edwin-valencia-1024x683.jpg 1024w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/04/guitar-3745124_1920-pixabay-edwin-valencia-400x267.jpg 400w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/04/guitar-3745124_1920-pixabay-edwin-valencia-768x512.jpg 768w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/04/guitar-3745124_1920-pixabay-edwin-valencia.jpg 1920w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>Bild: (c) Pixabay</figcaption></figure>


<p>Wenn man ihr etwas sagte, hatte sie es im nächsten Moment schon wieder vergessen.</p>
<p>Sie vergaß die Milch auf dem Herd, die dann überkochte und sie mit einem knisternden Ton samt einem durchdringenden Geruch im Wohnzimmer erreichte. Sie folgte diesem Ton und diesem Geruch und fand die übergekochte Milch auf dem Herd, sich wundernd, was sie mit dieser hatte machen wollen.</p>
<p>Sie vergaß, dass ihre Tochter sie einmal im Monat besuchen kam und so verharrte sie jedes Mal, wenn sie den Schlüssel im Schloss der Eingangstüre klimpern hörte, mit angehaltenem Atem an Ort und Stelle, mit der Hand nach einer möglichen Waffe tastend.</p>
<p>Sie vergaß, dass dreimal in der Woche eine Frau vom Pflegedienst nach ihr schaute, eine junge Frau aus dem Osten, die zuerst klingelte, bevor sie den Schlüssel in das Schloss steckte und dann mit ihrem starken Akzent nach ihr rief.</p>
<p>Sie vergaß, wo sie die Bücher, die sie las, hingelegt hatte und wenn sie dann ein Buch an einem unmöglichen Ort fand, im Blumentopf der Orchidee auf dem Fensterbrett, in der Schublade mit den Socken im Schlafzimmer, im Schirmständer im Flur, konnte sie sich nicht erklären, wie dieses dahingekommen war.</p>
<p>Sie vergaß nicht nur die Bücher.</p>
<p>Sie vergaß, welcher Wochentag war.</p>
<p>Sie vergaß, dass sie Enkelkinder hatte.</p>
<p>Sie vergaß, wann Winter und wann Sommer war.</p>
<p>Sie vergaß, wenn sie spazieren ging, wohin sie hatte gehen wollen.</p>
<p>Sie vergaß, wie sie wieder zu ihrem Haus zurückkam.</p>
<p>Sie vergaß, was sie alles vergessen hatte.</p>
<p>Und weil sie so viel vergaß, sollte sie an einen Ort, an welchem das Vergessen normal war. An dem es nicht schlimm war, wenn man ein Buch in einen Blumentopf legte. Oder in eine Schublade mit Socken. Oder in einen Schirmständer.</p>
<p>Eine Seniorenresidenz.</p>
<p>Ein Seniorenwohnsitz.</p>
<p>Ein Seniorenheim.</p>
<p>Ein Altenheim.</p>
<p>Ein Abstellgleis.</p>
<p>Mit Rund-um-die-Uhr-Pflege.</p>
<p>Ihre Tochter hatte ihr alles erklärt. Wie sie dort wohnen würde, in einem Einzelzimmer, schon komplett möbliert, sie müsste gar nichts mehr mitbringen, sei das nicht schön? Und jeden Tag gäbe es in dem Aufenthaltsraum ein buntes Programm, malen, basteln, einfache Spiele, Gymnastik natürlich auch. Und einmal im Monat einen Ausflugstag, der sei sehr beliebt, habe ihr die freundliche Frau gesagt, die sie durch das Heim, also die Residenz, geführt hatte. Drei Mahlzeiten und am Nachmittag Kaffee und Kuchen, beim Essen würde sehr auf Qualität geachtet werden. Und…</p>
<p>Und all das und noch vieles andere sagte ihre Tochter zu ihr.</p>
<p>Sie hörte ihrer Tochter zu.</p>
<p>Aber im nächsten Moment hatte sie all das schon wieder vergessen.</p>
<p>Als ihre Tochter wieder gegangen war, setzte sie sich in ihren alten Sessel im Wohnzimmer.</p>
<p>Sie saß einfach nur da.</p>
<p>Das Licht von draußen wanderte langsam über den Boden, kletterte an der Schrankwand entlang, kroch über die Regale mit den Büchern, immer verfolgt von den Schatten des Fensterrahmens, des Blumentopfs der Orchidee, des Umrisses ihres Sessels.</p>
<p>Sie saß so lange da, bis die Schatten das Licht eingeholt hatten und zu einem einzig großen Schatten verschmolzen. Erst dann erhob sie sich und ging durch das Haus. Es war ihr egal, dass es dunkel war. Sie musste nichts sehen. Sie kannte das Haus gut. Sie war in diesem Haus aufgewachsen.</p>
<p>Sie kannte die Stellen, an welchen der Boden zu knarren pflegte, sobald man sein Gewicht darauf verlagerte. Sie wusste, wo die Türschwellen waren, über die ein Fremder leicht stolperte. Sie konnte die Lichtschalter blind finden, wenn sie denn Licht gebraucht hätte.</p>
<p>Langsam ging sie die Räume ab.</p>
<p>Einer nach dem anderen.</p>
<p>Das Schlafzimmer.</p>
<p>Die Küche.</p>
<p>Das Gästezimmer.</p>
<p>Das Bad.</p>
<p>Die Abstellkammer.</p>
<p>Das Wohnzimmer.</p>
<p>Das Arbeitszimmer.</p>
<p>Und immer wieder dazwischen, die Verbindung der Räume:</p>
<p>Der Flur.</p>
<p>Der Flur, dessen Dielen vor der Schwelle zum Arbeitszimmer knarrten.</p>
<p>Sie wog nicht besonders viel. Aber ihr Gewicht reichte aus, um das Holz unter ihren Füßen zu einem tiefklingenden Ächzen zu bringen.</p>
<p>Sie war wieder zwölf Jahre alt.</p>
<p>Die Tür des Zimmers war verschlossen. Ihr Vater arbeitete dahinter. Sie hatte sich angeschlichen und wollte hören, was er tat. Aber die Dielen verrieten sie.</p>
<p>Sie hielt den Atem an.</p>
<p>Langsam öffnete sich die Tür vor ihr.</p>
<p>Sie durchschritt in der Dunkelheit das Arbeitszimmer. Auch wenn sie nichts sah, wusste sie, dass alles noch genauso aussah wie früher.</p>
<p>Früher, als ihr Vater noch lebte und dort gearbeitet hatte.</p>
<p>Eigentlich war seine richtige Arbeit in einer Fabrik gewesen. Dort hatte er Möbel gebaut. Aber zu Hause hatte er das gemacht, was er wirklich liebte.</p>
<p>Er reparierte Instrumente.</p>
<p>Er hatte sich im Haus eine kleine Werkstatt eingerichtet und bezeichnete die als Arbeitszimmer. In einem Regal stapelten sich mehrere Dutzende von kleinen Holzkisten, in welchen er die unterschiedlichsten Ersatzteile aufbewahrt hatte.</p>
<p>Sie wusste, dass sie in ihnen verschiedene Schrauben, Klappen und Polster finden würde, alle in einer von ihm erschaffenen Ordnung. Dem Regal gegenüber war sein Tisch, auf welchem er die Instrumente auseinander genommen hatte, um sie zu reparieren. Unten am Tisch waren Schubladen angebracht, in welchen sich seine Werkzeuge befanden.</p>
<p>Er hatte hauptsächlich Holzblasinstrumente repariert, aber auch ab und zu Zupfinstrumente wie eine Gitarre.</p>
<p>Die Tür öffnete sich weiter.</p>
<p>Immer noch wagte sie es nicht zu atmen.</p>
<p>Dann stand er vor ihr. Die Augenbrauen standen eng beieinander, nur durch eine Falte, die sich ihren Weg von der Stirn bis zur Nase suchte, getrennt. Die Falte verschob sich. Sie wurde weicher, glatter, bis sie schließlich ganz verschwunden war. Stattdessen vertieften sich kleine Gruben um seine Mundwinkel herum.</p>
<p>Er ließ sie hinein.</p>
<p>Auf seinem Tisch lag eine auseinander genommene Oboe. Neugierig betrachtete sie die vielen Einzelteile. Sie verstand nicht, woher ihr Vater wusste, wie er alles wieder zusammenfügen musste, sodass danach wieder ein Ganzes entstand. Ein Ganzes mit welchem man Töne spielen konnte.</p>
<p>Es war alles so wie früher.</p>
<p>Das Regal, der Tisch, seine Werkzeuge.</p>
<p>Und doch war es anders.</p>
<p>Nicht nur weil er nicht mehr da war.</p>
<p>Nicht nur weil keine zu reparierenden Instrumente mehr da waren.</p>
<p>Es war anders wegen ihr. Sie hatte sich verändert. Die Welt um sie herum hatte sich verändert.</p>
<p>Das einzige was so war wie früher, waren die Bilder, welche sie in sich trug. Das Bild, wie sich ein zwölfjähriges Mädchen an eine Tür anschleicht. Das Bild, wie aus einer Falte Gruben werden. Das Bild, wie sich das Mädchen über einen Tisch beugt. Das Bild vieler kleiner Einzelteile.</p>
<p>Der Mond warf einen blassen Schleier in das Zimmer hinein, der wie Seide über den Fensterrahmen auf den Boden hinabfloss, sich über den Tisch ausbreitete, um dann in den Schatten der Ecken zu verschwinden.</p>
<p>Die Bilder in ihr lösten sich auf wie der Schleier in den Schatten.</p>
<p>Sie wollte sie festhalten, aber die Konturen verschwammen nur noch mehr, bis nichts mehr da war.</p>
<p>Sie atmete tief ein, sie versuchte den schwachen Geruch nach Holz und Arbeit wieder zu finden, doch es gelang ihr nicht.</p>
<p>Der Schleier wanderte.</p>
<p>Wie als würde er sacht gezogen werden, wandelte er durch den Raum. Er floss am Regal hinauf, über die Oberfläche der Holzkisten, immer weiter, bis er bei einem Gegenstand länger verweilte.</p>
<p>Der Schleier hüllte den Gegenstand in ein silbrig weißes Gewand und der Gegenstand gab dem Gewand seinen Glanz.</p>
<p>Er war nicht besonders groß.</p>
<p>Aus einer Kugel erwuchs ein gerader Stamm, der sich bald schon in zwei gleich lange Äste aufgabelte, die sich parallel verlaufend etwas entgegenzustrecken schienen.</p>
<p>Sie griff danach.</p>
<p>Der Gegenstand passte in ihre Handfläche. Auf dem Stamm waren ein Buchstabe und eine Zahl eingraviert. Sanft fuhr sie mit dem Daumen darüber.</p>
<p>Dann nahm sie ihn am Stamm und schlug einen der Äste gegen das Regal. Sie spürte die Vibration der Äste und hielt den Gegenstand an ihr Ohr.</p>
<p>Ein schwingender Ton erklang.</p>
<p>Er nahm ihr den Gegenstand aus der Hand.</p>
<p>Sie wollte wissen, was es mit diesem auf sich hatte. Er erklärte ihr, dass sie ihn nur unten berühren dürfe und ihn gegen etwas Hartes schlagen müsse. Er schlug mit dem Gegenstand gegen den Tisch und hielt ihn an ihr Ohr.</p>
<p>Seine kleinen Gruben um die Mundwinkel vertieften sich, als er sie beobachtete.</p>
<p>Der Ton schwang stetig weiter.</p>
<p>Sie hatte das Gefühl, als schwänge er durch ihren Kopf, wie ein endloses ewig gleiches Band zog er sich durch sie hindurch. Und dieses Band zog die Bilder hervor.</p>
<p>Er zeigte ihr, dass wenn sie mit der Kugel des Gegenstandes den Körper der Gitarre berührte, der Ton sich verstärkte.</p>
<p>Ein lauter schwingender Ton.</p>
<p>Ein starkes Band und die Bilder.</p>
<p>Nicht alle Bilder.</p>
<p>Und auch nicht alle Einzelheiten.</p>
<p>Aber dennoch.</p>
<p>Sie waren wieder da.</p>
<p>Sie lächelte.</p>
<p></p>
<p>Am nächsten Morgen war ihre Tochter da.</p>
<p>Sie wollte, dass sie damit anfing, sich Sachen hinzurichten. Für den Umzug. In ihr neues Zuhause.</p>
<p>Da sie sich nicht schnell genug dazu rührte, fing ihre Tochter an selbst Sachen aus ihren Schränken zu holen. Sie stapelte sie alle auf dem Bett. Hauptsächlich Kleider. Ein paar Bücher. Eines hatte sie im Schirmständer gefunden. Ein paar Fotos. Kosmetiksachen. Ein wenig Schmuck.</p>
<p>Dann holte sie den Koffer. Es passte alles hinein. Ein kleines Stückchen Leben. In einem Koffer.</p>
<p>Ob sie noch etwas mitnehmen wolle.</p>
<p>Sie stand im Flur. Und sah sich um.</p>
<p>Jede einzelne Tür. Jede Schwelle.</p>
<p>Das Haus, in welchem sie aufgewachsen war.</p>
<p>Ein Leben.</p>
<p>Erinnerungen.</p>
<p>Klänge.</p>
<p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
<p>Ihre Hand umschloss fest die Stimmgabel.</p><p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2019/05/erinnerungsklang/">Erinnerungsklang</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Der Baumkronenprinz</title>
		<link>https://presstige.org/2019/04/der-baumkronenprinz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lisa Metzger]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Apr 2019 09:52:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[ausdruck]]></category>
		<category><![CDATA[frühling]]></category>
		<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[natur]]></category>
		<category><![CDATA[umweltschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mächtig thronte er dort oben, über den Dächern seines Palastes aus Laub und Geäst und sah hinab auf ein Königreich, dessen Untergang unabwendbar schien. Er hatte alles versucht.&#160; Doch die Dämonen gegen die er kämpfte waren zu mächtig. Sie fielen...</p>
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<p>Mächtig thronte er dort oben, über den Dächern seines Palastes aus Laub und Geäst und sah hinab auf ein Königreich, dessen Untergang unabwendbar schien.<br></p>



<p>Er hatte alles versucht.&nbsp;</p>



<p>Doch die Dämonen gegen die er kämpfte waren zu mächtig. Sie fielen in sein Reich ein wie eine Seuche und genauso schnell hatten sie es geschafft ihn zu entmachten.&nbsp;</p>



<p>Ihn, dessen Herrschaft so alt war wie die Bäume selbst.&nbsp;</p>



<p>Seit jeher wachte er über all dies, über Flur und Forst und jedes Wesen, gleich ob gut oder schlecht. Er gewährte den Schutzsuchenden Zuflucht und den Heimatlosen ein Zuhause. Und er allein bewachte die Pforten seines Reiches und all jene die es betraten.&nbsp;</p>



<p>Aber diese Feinde, die sich anfangs als Freunde tarnten, hatte er unterschätzt.&nbsp;</p>



<p>Dabei hatten ihn alle gewarnt. Sie alle hatten ihn gewarnt, er möge ihnen nicht vertrauen.&nbsp;</p>



<p>Ihre Habsucht kennt keine Grenzen, hatten ihm seine Verwandten im Norden berichtet und von den Durchreisenden seines Königreiches hatte er erfahren, dass ihre Ignoranz sogar die der Mächtigsten übertrifft. Nur ein Narr würde ihnen vertrauen.&nbsp;</p>



<p>Und so hatten sie ihn gewarnt, sie alle und dennoch wollte er sich gnädig erweisen gegenüber diesen armseligen Kreaturen, die so verloren zu sein schienen und so verzweifelt nach einem Platz für sich in dieser Welt suchten. Und so ließ er sich auf sie ein, vertraute ihnen und öffnete diesen falschen Freunden die Tore seines Königreiches.&nbsp;</p>



<p>Doch statt sich seiner dankbar zu zeigen, traten sie ihn und sein Reich mit Füßen und bemächtigten sich seines Zuhauses. Die anderen hatten recht. Nie hätte er ihnen erlauben dürfen die Grenzen seines Reiches zu überschreiten. Doch dafür war es nun zu spät.&nbsp;</p>



<p>Schwerfällig erhob er sich von seinem Thron und sah in die Ferne.&nbsp;</p>



<p>Am Rande seines Reiches verkündete die aufgehende Sonne einen neuen Tag und als ihr Licht schließlich den Horizont verließ und seinen prachtvollen Zauber sanft über die mächtigen Baumkronen legte, erwachte das Schloss unter seinen Füßen zum Leben. Durch das Dickicht drangen die Stimmen seiner Bewohner, allesamt so unterschiedlich und doch klang es wie ein einziges großes Orchester.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Es war die unbeschreibliche Magie eines neuen Tages, die nun in sein Reich Einzug hielt.&nbsp;</p>



<p>Und während sich das Licht wie Nebel seinen Weg durch das ewige Grün suchte geschah etwas, dass außergewöhnlich und hier doch alltäglich zu gleich war.&nbsp;</p>



<p>Der Dunst der Nacht, der wie Perlen auf jedem Ast und noch so kleinem Blatt saß, begann zu vibrieren als die goldenen Strahlen ihn trafen. Der Tag forderte ihn zum Gehen auf und man konnte es nahezu hören, wie er sich dagegen wehrte und versuchte sich am Geäst und Gestrüpp festzuklammern. Doch aller Kräfte vergebens, der Gegner war zu stark und wie sich eines von ihnen erhob, so taten es diesem alle anderen gleich. Sie stiegen empor, wie kleine Diamanten und verharrten für einen Augenblick zwischen den mächtigen, mossbewachsenen Säulen seines Palastes. Es war ein Moment der Vollkommenheit.&nbsp;</p>



<p>Doch dann ertönte mit einem mal ein Schrei, der dem eines gigantischen Vogels gleich kam und was danach folgte geschah so schnell, dass man es um ein Leichtes hätte verpassen können.&nbsp;</p>



<p>Die kleinen Wassertropfen schossen durch das Geäst hindurch aufeinander zu und prallten mitten in der Luft mit voller Wucht zusammen. In Sekunden formte sich aus diesem riesigen Wasserball eine Gestalt, die zuerst die eines Drachen, dann die eines Vogels und schließlich die Form eines großen Phönix annahm.&nbsp;</p>



<p>Und noch ehe der Verstand es ganz begreifen konnte, was die Augen dort sahen, breitete dieses stolze Geschöpf seine Flügel aus und flog anmutig und elegant seine Kreise zwischen den Baumstämme hindurch, hinauf zu den Dächern des Schlosses, schoss darüber hinaus und tauchte wieder hinab bis zu seinen Grundmauern. Ein erneuter Schrei durchdrang die Hallen des Waldes. Und das Tier gehorchte. Es änderte den Kurs und flog geradewegs an einen Baum, zerschellte an ihm und seine Tropfen prasselten zu Boden wie tausend Kristallsplitter. Sein Flug war beendet, das Spektakel vorbei und der Tag hatte nun letztlich doch die Oberhand gewonnen über dieses fantastische Reich.&nbsp;</p>



<p>Er kannte nichts Vergleichbares, nichts Magischeres als diesen Ort, den er sein Zuhause nennen durfte. Jeden Morgen verbreitete sich dieser Zauber und verlieh ihnen allen neuen Mut sich den Feinden zu stellen, die ihnen übermächtig waren.&nbsp;</p>



<p>Die Hoffnung hielt sie alle am Leben und er fühlte sich nach diesem Ereignis stets verjüngt, auch wenn seine knorrigen, hölzernen Glieder ihn Anderes lehrten. Voll neu gewonnener Energie verließ er das Dach, und stieg hinab in das Innere seines Palasts, so wie er es jeden Morgen tat. Treppe für Treppe, Ast für Ast glitt er hinab, wohl wissend, dass der Abriss ihres Zuhauses wohl nur eine Frage der Zeit war. Er ging weiter und als er weit genug herab gestiegen war machte er halt und begutachtete den bereits entstandenen Schaden.</p>



<p>Es war katastrophal.&nbsp;</p>



<p>Nicht nur, dass das einst so strahlende Grün der Blätter nur noch einem fahlen Olivton glich – nein, auch die Bäume selbst wirkten gestresst und verwirrt.&nbsp;</p>



<p>Welch hitzigen Diskussionen hatte er als Schlichter schon beisitzen müssen. Streitigkeiten zwischen denen, die ihr Blätterkleid bereits trugen und denen die ihre Knospen noch zurück hielten. »Es sei zu früh«, behaupteten die einen. »Es sei aber schon warm genug«, klagten die anderen. Und als würde dieser Konflikt ihm nicht schon genug Kopfzerbrechen bereiten, so beklagten sich die Bewohner des Unterholz darüber, dass die Eindringlinge über sie hinwegtrampelten und ihren Müll zurück ließen, wohin sie auch gingen.&nbsp;</p>



<p>Es konnte nicht mehr lange dauern bis dieser Unmut auch in die letzten Winkel seines Reiches drang. Er musste etwas unternehmen. Doch was?&nbsp;</p>



<p>Seine Macht war groß, doch gegen die Ihre konnte er nichts ausrichten.&nbsp;</p>



<p>Sie waren diesen Dämonen ausgeliefert, wie ein verletztes Tier einer hungrigen Bestie.&nbsp;</p>



<p>Wie sollten sie diesen Angriff nur überstehen?</p>



<p>Er wollte sich gerade abwenden, als das Unerwartete geschah.</p>



<p>Fremde Stimmen drangen durch den Wald und sie kamen näher.&nbsp;</p>



<p>Die Stimmung unter den Schlossbewohnern änderte sich rasant. Panik war zu spüren.&nbsp;</p>



<p>So schnell sie konnten versteckten sie sich in ihren Löchern oder krochen in irgendwelche Winkel, die sie auf die Schnelle finden konnten.&nbsp;</p>



<p>Keiner verstand was die Stimmen sagten und doch verstand jeder was sie bedeuteten.&nbsp;</p>



<p>Sie kommen.&nbsp;</p>



<p>Die Dämonen hatten ihren Weg nun auch in diesen Teil des Waldes gefunden.&nbsp;</p>



<p>Wütend über dieses erneute Eindringen in sein Reich sprang er einige Treppen aufeinmal hinunter und verharrte schließlich, gut abgeschirmt von den Blicken dieser Kreaturen, hinter einem dicken Ast. Diesmal würde er sie im Auge behalten.&nbsp;</p>



<p>Gerade als die letzten Bewohner seines Reiches sich zurückgezogen hatten, sprangen sie auch schon hervor – fünf an der Zahl. Sie rannten durch diese grünen Hallen wie gewohnt ohne Rücksicht und Bedacht und ganze Äste und Sträucher mussten sich ihrem wilden Sturm ergeben. Von hier oben hatte er alles im Blick und doch zögerte er keine Sekunde. Er eilte die langen Flure entlang, von Baum zu Baum, um ihnen folgen zu können. Erst jetzt fiel ihm auf, dass diese Dämonen viel kleiner waren als die die er bislang gesehen hatte – sogar deutlich kleiner. Ihre Gliedmaßen schienen nicht ansatzweise die Form zu haben, die sie eigentlich haben sollten und ihre Gesichter wirkten ründlicher, weniger ausgeprägt als die Fratzen ihrer Verwandten. Er musste noch weiter hinab, um es genau sehen zu können.&nbsp;</p>



<p>Ohne Mühe sprang er die Stufen hinunter bis er schließlich so dicht über ihren Köpfen war, dass er schon um seine Deckung fürchtete.&nbsp;</p>



<p>Aber diese Knaben schienen ihn nicht zu bemerken. Zu sehr waren sie damit beschäftigt einander nachzujagen. Wobei es bei genauerem Hinsehen den Anschein hatte, dass nur einer von ihnen gejagdt wurde.&nbsp;</p>



<p>Ein einziger, der Kleinste von ihnen, preschte voran dicht gefolgt von den anderen. Hastige Blicke über seine Schulter und sein angsterfüllter Gesichtsausdruck ließen darauf schließen, dass er sich nicht freiwillig und nicht aus Spaß von diesen Bestien jagen ließ. Und auch die Schreie der vier Verfolger, wirkten alles andere als freundlich.&nbsp;</p>



<p>Was waren dies doch für sonderbare Gestalten?&nbsp;</p>



<p>Nicht einmal vor Ihresgleichen machten sie Halt.&nbsp;</p>



<p>Flink hastete er über die Äste bis er schließlich den Kleinsten von ihnen eingeholt hatte.&nbsp;</p>



<p>Zu seiner Überraschung war dieser viel schneller als seine Größe vermuten ließ. Und wie durch ein Wunder hatte er es doch tatsächlich geschafft seine Verfolger fürs Erste abzuhängen. Scheinbar hatte auch er es gemerkt, denn er blieb für einen kurzen Moment stehen, beugte sich vorn über und hielt sich die Seite. War der Kleine verletzt? Oder war er nur erschöpft?&nbsp;</p>



<p>Die Stimmen der Anderen rückten wieder näher. Es würde nicht lange dauern bis sie ihn wieder eingeholt hätten. Doch sollte der Knirps dieses Tempo beibehalten, so würde er nicht durchhalten. So viel war sicher.&nbsp;</p>



<p>Sollte er ihm helfen?&nbsp;</p>



<p>Die Schritte der Dämonen hallten durch den Wald wie Donnerschläge und wie Donner ein Gewitter ankündigte, so war es nur eine Frage der Zeit bis auch dieser Sturm den kleinen Dämon einholte.&nbsp;</p>



<p>Er sah hinab auf den Knaben. Dicke, silberne Streifen rannen nun über seine Wangen. Es waren Tränen der Erschöpfung und der Angst.&nbsp;</p>



<p>Was würden diese Kreaturen mit ihm anstellen, wenn sie ihn fanden?</p>



<p>Er musste ihm helfen. Aber nein, das durfte er nicht!</p>



<p>Wie konnte er nur darüber nachdenken einem dieser Monster zu helfen?</p>



<p>Was würde sein Volk zu einem solchen Verrat sagen? Wäre es überhaupt Verrat?&nbsp;</p>



<p>Er sah auf und zwischen den Säulen seines Zuhauses sah er ihre Schatten näher rücken.&nbsp;</p>



<p>Der kleine Dämon hatte offenbar aufgegeben und versteckte sich nun hinter einem Baum, der ihn aber kaum vor den Blicken der Anderen zu schützen vermochte.&nbsp;</p>



<p>In wenigen Sekunden würde ihm dies dann wohl auch auffallen.&nbsp;</p>



<p>Er wusste nicht warum er das tat, was er als nächstes tat. Es widersprach jeglicher Logik.&nbsp;</p>



<p>Es war ein Instinkt &#8211; mehr noch, ein inneres Wissen.&nbsp;</p>



<p>Und so erwuchs scheinbar aus dem Nichts direkt hinter dem Knaben eine schützende Höhle aus dichtem Blätterwerk, gerade groß genug für ihn. Und so wie er dies sah, kroch der kleine Dämon hinein. Gerade rechtzeitig, denn seine Verfolger waren auch schon da.&nbsp;</p>



<p>Sie blieben stehen und sahen sich um, offenbar unsicher in welche Richtung sie nun gehen sollten.</p>



<p>Dann hörten sie in der Ferne offenbar ein Geräusch, drehten sich um und rannten weiter.&nbsp;</p>



<p>Aber der kleine Dämon, der noch immer in seinem Versteck ausharrte, rühte sich nicht ehe die Stimmen und Schritte gänzlich verstummt waren. Dann war es still.&nbsp;</p>



<p>Über den Dächern seines Reiches brach bereits die Dämmerung herein und die Nacht kam so schnell über sie wie sie zuvor gegangen war. Kein Laut war zu hören.&nbsp;</p>



<p>Außer ein Schluchzen, dass aus einem der Büsche drang. Das kleine Unheil saß immer noch in seinem Versteck. Es saß dort zusammen gekauert und winselte in sich hinein.&nbsp;</p>



<p>Hatte er das Richtige getan? Wieso kam es nicht raus?&nbsp;</p>



<p>War dies wieder nur eine Taktik oder gar ein weiterer Hinterhalt dieser Kreaturen?</p>



<p>Die Minuten vergingen und das Schluchzen hörte nicht auf. Dann fiel es ihm auf.</p>



<p>Konnte es tatsächlich sein, dass sich ein Dämon vor der Dunkelheit fürchtet? Wie absurd!</p>



<p>Und doch &#8211; wieder einmal war es nur ein Gefühl, eine Intuition.&nbsp;</p>



<p>Sein Blick wanderte durch den dunklen Forst und ohne dass er etwas sagte, kamen die Lichter der Nacht auch schon herbeigefolgen. Ihre kleinen Flügelschläge waren kaum zu hören. Sie kamen aus allen erdenklichen Richtungen, ließen sich – einer nach dem anderen auf den Zweigen und Ästen nieder und versammelten sich so um den kleinen Dämon.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Augenblicklich trat Stille ein. Ob ihr warmes Licht ihn nun verschreckt oder beruhigt hatte, wie dem auch sei – das Schluchzen kam nicht wieder. Und noch ehe das kleine Lichterzelt ganz vollendet war, schlief das Monster auch schon ein.&nbsp;</p>



<p>Die ganze Nacht verbrachte er damit darüber nachzudenken was all dies zu bedeuten hatte.&nbsp;</p>



<p>Nahezu ununterbrochen beobachtete er das Gebüsch unter ihm und die kleinen flackernden Lichter, die es schmückten.</p>



<p>Diesen Dämonen zu helfen bringt nur Unglück. Wieso also hatte er es getan?</p>



<p>Sie verdienten seinen Schutz nicht, sie verdienten es nicht einmal sein Schloss zu betreten und doch hatte er diesem kleinen Monster nicht nur Schutz gewährt. Er hatte ihn getröstet und umsorgt und letztlich sogar erlaubt in seinem Palast zu nächtigen. Wieso?&nbsp;</p>



<p>Er wusste, all diesen anderen Kreaturen hätte er nicht geholfen.&nbsp;</p>



<p>Er hätte sie nie umsorgt und nie hätte er ihnen erlaubt hier zu bleiben.&nbsp;</p>



<p>Doch dieser kleine Dämon war anders als alle anderen, die er bislang kannte.&nbsp;</p>



<p>Er war in so vielen Dingen anders.</p>



<p>Er wusste nicht woher er dieses Wissen nahm.&nbsp;</p>



<p>Es war ein Gefühl, ein Instinkt, der jeglichen Zweifel hinfällig machte.&nbsp;</p>



<p>Und es war obskur, es war sonderbar, aber die Antwort nach die er so lange suchte, sie lag direkt vor ihm. Sie lag dort unter ihm auf dem Boden zwischen all dem Geäst und schlief tief und fest vor sich hin.&nbsp;</p>



<p>Ein Dämon kann nur durch einen anderen Dämon bezwungen werden.&nbsp;</p>



<p>Und sollte es tatsächlich möglich sein, dass ein Einzelner und noch dazu so kleiner Dämon, sich all den anderen widersetzen könnte? Er musste es versuchen. Er musste ihm eine Botschaft zukommen lassen. Doch wie sollte er dies anstellen? Sollte er sich ihm zeigen? Nein! Das war zu gefährlich!&nbsp;</p>



<p>Dieser Dämon war zwar anders, aber er war immer noch einer der Ihren.&nbsp;</p>



<p>Er würde den anderen von ihm erzählen und vielleicht würden sie ihm nicht glauben, aber schlimmstenfalls würden sie ihm hierher zurückfolgen.&nbsp;</p>



<p>Das durfte nicht geschehen. Sie würden ihn nicht verstehen.&nbsp;</p>



<p>Sie würden ihn und sein Volk als Wesen nicht verstehen können.&nbsp;</p>



<p>Wenn sie schon einander jagdten, so würden sie sicherlich auf seinesgleichen Jagd machen.&nbsp;</p>



<p>Und wie mit allem, so würden sie auch ihn und sein Volk versklaven, um sich an ihnen zu bereichern. Das durfte er nicht zulassen.&nbsp;</p>



<p>Die Nacht war schon fast vorbei als ihm schließlich der Einfall kam.&nbsp;</p>



<p>Er selbst durfte sich diesem Dämon nicht zeigen, aber er durfte ihm die Wunder seines Königreiches zeigen. Er musste sie ihm zeigen, um ihm klar zu machen was auf dem Spiel stand. Er hatte sich entschieden. Das war sein Plan.&nbsp;</p>



<p>Alles was er jetzt noch tun musste, war abwarten. Warten bis dieser Moment kam.&nbsp;</p>



<p>Und er kam.&nbsp;</p>



<p>Zwischen den Baumkronen drang nun erneut das Licht der Morgensonne und ihre Strahlen drangen immer tiefer in das Innere seines grünen Palast hinein. Nun konnte es nicht mehr lange dauern. Ein Windstoß kam auf und fegte sanft durch die Sträucher und Büsche und der kleine Dämon erwachte. Langsam kroch er aus seinem Versteck und richtete sich auf, sichtlich irritiert davon wo er sich befand.&nbsp;</p>



<p>Das goldene Licht hatte nun auch die untersten Etagen erreicht und wie Tags zuvor, so nahm das Schauspiel seinen Lauf.&nbsp;</p>



<p>Auf ein Neues erhob sich der Dunst und abermals schwebte alles anmutig den Baumkronen entgegen. Und der kleine Dämon rieb sich die Augen, um sicher zu gehen, dass er auch nicht mehr träumte. Gebannt folgte er diesen kleinen silbernen Kugeln.&nbsp;</p>



<p>Er streckte schon seinen Arm danach als ein weiterer Schrei ertönte und die Wiedergeburt des großen Vogels verkündete.&nbsp;</p>



<p>War es nun Schrecken oder Skepsis, so ganz konnte er den Gesichtsausdruck des Knaben nicht deuten und doch schien es so, als obsiegte die Neugier und Begeisterung.&nbsp;</p>



<p>In den&nbsp;&nbsp;Augen des Dämon spiegelten sich plötzlich Farben, die er noch nie zuvor bei diesen Kreaturen gesehen hatte.&nbsp;</p>



<p>Anmutig zog der silberne Phönix seine Runden um den Jungen, als wollte er ihm mitteilen er möge ihm folgen. Und der Junge verstand offenbar und folgte diesem prachtvollen Geschöpf den Weg zurück, den er gestern gekommen war.</p>



<p>Auch er folgte ihnen. Er setzte sich auf ein Blatt und der aufkommende Wind trug ihn sanft und stetig hinter ihnen her. So durchquerten sie sein Reich und als sie die Tore seines Schlosses erreicht hatten, ließ der Wind nach und sie hielten an.&nbsp;</p>



<p>Weiter konnten sie nicht gehen.&nbsp;</p>



<p>Hinter diesen Säulen begann das Reich der Dämonen.&nbsp;</p>



<p>Ein letztes Mal nun zog der mächtige Vogel seine Kreise um den kleinen Dämon, der seinem Gefährten dabei voller Bewunderung zusah.&nbsp;</p>



<p>Dann &#8211; ein letzter Schrei, ein Aufprall und feiner, silberner Staub regnete auf den Jungen herab. Erst als er die Augen öffnete, schien er zu merken, wo er war.&nbsp;</p>



<p>Er war zuhause.&nbsp;</p>



<p>Etwas unsicher, ob er diesen magischen Ort auch wirklich verlassen wollte, ließ er den Wald schließlich hinter sich.&nbsp;</p>



<p>Er sah ihm nach und zum ersten Mal seit langem fühlte er Hoffnung.&nbsp;</p>



<p>Vielleicht hatte er ihn erreicht.&nbsp;</p>



<p>Vielleicht konnte der kleine Dämon die Wunder, die er erlebt hatte, auch in seine Welt tragen. Und womöglich konnte er damit die Dunkelheit besiegen, die letztlich doch in ihren beiden Königreichen herrschte.&nbsp;</p>



<p>Ja, damit hatte er ihn erreicht.&nbsp;</p>



<p>Denn dessen war er sicher:&nbsp;</p>



<p>Die Farben in seinen Augen würden nie wieder erlischen.&nbsp;&nbsp;<br></p>



<p></p>



<p><em>Für die tapferen, jungen Menschen, die selbst dann noch für ihr Königreich kämpfen, wenn es so aussieht, als hätten die Dämonen unserer Zeit schon längst gewonnen. </em></p>
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		<title>Fisch filetieren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Cornelia Salz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Feb 2019 09:30:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[ausdruck]]></category>
		<category><![CDATA[herzscheiße]]></category>
		<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als ich den Film My Fair Lady zum ersten Mal sah, war ich noch so klein, dass ich nicht verstehen konnte, warum Eliza zu dem blöden gemeinen Professor zurück geht, sie hatte doch kurz zuvor noch triumphal davon gesungen, dass...</p>
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<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="1024" height="685" src="http://presstige.org/wp-content/uploads/2019/01/woman-1148923-1024x685.jpg" alt="" class="wp-image-10577" srcset="https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/01/woman-1148923-1024x685.jpg 1024w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/01/woman-1148923-400x268.jpg 400w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2019/01/woman-1148923-768x514.jpg 768w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption>(c) Pixabay</figcaption></figure>


<p>Als ich den Film My Fair Lady zum ersten Mal sah, war ich noch so klein, dass ich nicht verstehen konnte, warum Eliza zu dem blöden gemeinen Professor zurück geht, sie hatte doch kurz zuvor noch triumphal davon gesungen, dass sie ihn nicht braucht und die Welt sich auch ohne ihn problemlos weiterdrehen wird.</p>
<p>Inzwischen bin ich klüger. Ich weiß jetzt, dass die meisten kalten Absagen, die meisten Sätze wie ‘‘ich bin drüber weg’’ gelogen sind.</p>
<p>Ich bin nicht über dich hinweg.</p>
<p>Ich bin nicht über dich hinweg, und vielleicht werde ich es nie sein. Da haste.</p>
<p>Du hast Spuren in mir hinterlassen. Tiefe Spuren.</p>
<p>Eine Auswahl:</p>
<p>Du hast meinen Musikgeschmack verändert. Hast mir gezeigt, wie man Fisch filetiert. Ich binde meine Schuhe jetzt so, wie du es tust, und nicht so, wie mein Vater es mir beigebracht hat. Ich weiß inzwischen, dass ich auf Curry allergisch reagiere, weil du mich darauf hingewiesen hast, und lese Hemingway mit Leidenschaft, obwohl ich ihn früher nicht mochte, vor dir.</p>
<p>Nach manchen Orgasmen muss ich an dich denken, weil sie fast so gut waren, wie die, die du mir verschafft hast, und jedesmal, wenn ich Zwiebeln schneide, weil du mich in drei Jahren nicht davon überzeugen konntest, dass deine Methode besser ist als meine.</p>
<p>Denkst du denn auch noch manchmal an mich? Wenn es schneit? Wenn Funny van Dannen im Radio läuft, oder wenn du dir wieder einmal einen Sonnenbrand auf der Nase geholt hast und sie sich schält, weil ich nicht da war, um dir zu sagen, dass du vergessen hast, sie einzucremen?</p>
<p>Habe ich für dich eine Bedeutung, und erinnern dich Dinge an mich und an uns? Oder bin ich nur ein episodenhafter Teil deiner Biographie, ein Gesicht aus der Vergangenheit, das in deinen Gedanken mehr und mehr verwischt, bis du eines Tages nicht mehr sicher wärest, was meine Augenfarbe nochmal war, wenn du denn an mich denken würdest… was du nicht tust.</p>
<p>Bist du überhaupt noch am Leben? Wo? Und werde ich es erfahren, wenn du stirbst?</p>
<p>Ich vertraue meinem Gefühl nicht mehr wirklich, vor allem, wenn ich auf Menschen treffe, die mir gefallen, die mich begeistern. Umso besser sich etwas anfühlt, desto misstrauischer werde ich, desto weniger erlaube ich mir, den Moment zu genießen. Ist ja schon mal schief gegangen.</p>
<p>Wo du mal warst, da wächst kein Gras mehr, und du warst fast überall.</p>
<p>Wie soll ich nochmal jemandem Kosenamen geben, meine Liebe erklären? Die Worte sind benutzt, sind besetzt, sind abgegriffen. Ich habe meine Gefühle und Gedanken auf dich verwendet, und jetzt klingt jede Zärtlichkeit hohl, mit einem Echo, das nur ich hören kann.</p>
<p>Überhaupt, Worte. Ich habe mir Vokabeln und Wendungen von dir angeeignet, nichts spektakuläres, nichts, das in meinem Sprachduktus auffallen würde, aber ich fühle mich jedesmal ein wenig schmutzig, als würde ich mich selbst ertappen, wenn ich sie verwende.</p>
<p>Verstohlen benutze ich deine Worte, und es schmerzt so gut.</p>
<p>Ich bin nicht über dich hinweg.</p>
<p>Nein, ich bin nicht über dich hinweg, aber weißt du was? Ich bin verdammt nochmal auf dem Weg der Besserung.</p>
<p>Ich ertrage es wieder, Fisch zu essen, und ja, ich muss jedesmal an dich denken, jedesmal, egal, auch wenn es fertig filetierte Stücke aus der Tiefkühltruhe sind. Jedes verfluchte Mal, und ich fühle deine Hand auf meiner, wie sie das Messer führt. Ich kann Fisch filetieren, und du bist schuld daran.</p>
<p>Aber: Ich esse. Wieder. Fisch.</p>
<p>Vor ein paar Wochen saß ich rauchend unten am Fluss, gar nicht weit von unserer Brücke, und telefonierte, und erst als ich später Johanna in einer Kneipe traf, ist mir aufgefallen, dass ich gar nicht an dich gedacht hatte.</p>
<p>Wenn ich jetzt spätnachts oder frühmorgens einen Song poste, tue ich das, weil er mir gefällt, und nicht, um dir kryptisch etwas zu signalisieren. Ich habe eingesehen, dass du nicht mehr da bist. Und übrigens trinke ich auch nicht mehr so viel.</p>
<p>Ich weiß es kaum noch, wer ich vor dir war, vor uns. Aber, und das ist wichtiger: Ich weiß jetzt, dass es ein nach dir gibt, denn ich lebe darin.</p>
<p>Und ich dachte immer, ich würde irgendwann sagen “es tut nicht mehr weh”.</p>
<p>Jetzt weiß ich, es muss anders heissen: “Ich habe gelernt, es zu ertragen”, und Mut ist nicht, keine Angst zu haben, sondern die Angst zu überwinden, nicht wahr? In diesem Sinne ist dann darüber-hinweg-sein wohl nicht die Abwesenheit von Schmerz, das “ist mir egal!” (wie könntest du mir je egal sein), sondern vielmehr:</p>
<p>“Ich habe gelernt, mit dem Phantomschmerz und deiner Abwesenheit und mit all den Narben zu leben. Ich habe gelernt, mit der Beinprothese zu tanzen. Noch ziemlich wackelig, ja, aber ich tanze wieder.”</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ich tanze wieder.</p>


<p><br></p>
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		<title>Kurzgeschichte: Der Schnee kommt immer in der Nacht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Laura Schwetz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Dec 2018 11:20:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[ausdruck]]></category>
		<category><![CDATA[geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[schnee]]></category>
		<category><![CDATA[weihnachten]]></category>
		<category><![CDATA[weihnachtsspecial]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Meine Zehen froren innerhalb der wollenen Socken, welche ich in meinen Lederschuhen trug. Es war kalt geworden die letzten Tage – extrem kalt. Von Osten her zog die gesamte letzte Zeit ein eisiger Schauer über das Land, doch die Kaltfront,...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2018/12/kurzgeschichte-der-schnee-kommt-immer-in-der-nacht/">Kurzgeschichte: Der Schnee kommt immer in der Nacht</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="560" height="315" src="http://presstige.org/wp-content/uploads/2018/12/Presstige-Weihnachtspecial.png" alt="" class="wp-image-10235" srcset="https://presstige.org/wp-content/uploads/2018/12/Presstige-Weihnachtspecial.png 560w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2018/12/Presstige-Weihnachtspecial-400x225.png 400w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2018/12/Presstige-Weihnachtspecial-300x170.png 300w" sizes="(max-width: 560px) 100vw, 560px" /><figcaption>Text: Laura Schwetz &#8211; Bild: (c) Pixabay &#8211; Illustration: Julia Brandl</figcaption></figure>



<p>Meine Zehen froren innerhalb
der wollenen Socken, welche ich in meinen Lederschuhen trug. Es war
kalt geworden die letzten Tage – extrem kalt.</p>



<p>Von Osten her zog die
gesamte letzte Zeit ein eisiger Schauer über das Land, doch die
Kaltfront, mit der wir es dieses Mal zu tun hatten, war besonders
hartnäckig.</p>



<p>Die Bäume wiegten sich in
einem Wind aus schneidender Kälte und kühlem Trotz und die dunklen
Wolken, die über unsere Häupter hinweg zogen, tilgten längst jeden
Sonnenschein.</p>



<p>Die Wasser froren langsam zu
und ein Winter zeichnete sich ab, der nicht so war, wie die vor ihm.</p>



<p>Wir schrieben das Jahr 1918
und ich war allein. <em>Wir alle waren allein.</em></p>



<p>Die letzte Zeit brachte
viele Veränderungen mit sich; wann immer mein altes Mütterchen in
der Küche stand und ihren schwarzen Lappen durch die Luft schwang,
murmelte sie:</p>



<p>&gt;&gt;Niemand hätte mit
einem solchen Ausgang gerechnet. Vieles, aber nicht das. Und jetzt?
Jetzt sind wir alle allein, sie haben uns alle zurück gelassen! Der
Kaiser weg, die Anarchie da. Was soll denn jetzt nur werden?&lt;&lt;</p>



<p>Es war der Übergang in ein
neues Jahr, von dem keiner wusste, was es mit sich bringen würde.</p>



<p>In der Tat war der Kaiser
seit Oktober nicht mehr an der Macht und wir standen in den Trümmern
unseres eigenen Ruins. Ach ja, und heute war Heiligabend.</p>



<p>Ein Weihnachten, das auf
einen verlorenen Weltkrieg folgte, ein Weihnachten, in dem viele
einsam unter dem Weihnachtsbaum saßen und ein Weihnachten, von dem
keiner von uns wusste, was darauf folgte. Das erste Weihnachten einer
blutjungen Republik.</p>



<p>Es waren in der Tat Tage, in
denen viele Dinge an Bedeutung verloren und in denen viele Menschen
auf der Suche nach ein wenig Halt in einer sehr unruhigen und
unsicheren Zeit waren, mich selbst eingeschlossen.</p>



<p>Ich war junge achtzehn Jahre
alt, meine Beine waren viel zu lang für mein Alter, meine
Handflächen und Kleider viel zu aufgerissen und zerschlissen von der
Arbeit, die vor keinem Halt machte, besonders, wenn die Männer
selbst nicht da waren, die sie sonst verrichteten.</p>



<p>Mein Glück war es, dass ich
damals, als der große Krieg begann, noch zu jung war, um eingezogen
zu werden und bis jetzt dem Schicksal – wie durch eine glückliche
Fügung – von der Schippe springen konnte.</p>



<p>Auf meine Familie traf das
nicht zu: viele waren aus dem Dorf gerissen worden, um auf
kaiserliches Geheiß gen Westen oder wohin auch immer zu ziehen&#8230;</p>



<p>Das betraf ebenfalls meinen
Vater und meine beiden größeren Brüder, Tristan und Jakob, wobei
von Papa und Tristan seit Monaten jede Spur fehlte&#8230; Kein Brief.
Kein Lebenszeichen. Gott allein wusste, wo sie waren.</p>



<p>Vor circa zwei Jahren dann
erreichte unseren Haushalt eine Eildepesche, worin stand, dass Jakob
an der Front in Verdun gefallen war. Meine Mutter war außer sich und
hatte tagelang nur vor dem Fenster gestanden, hinaus gesehen und
still geweint.</p>



<p>&gt;&gt;Hannes, mein kleiner
Hannes&lt;&lt;, hatte sie dann immer gesagt. &gt;&gt;Wenn wir
wüssten, was da draußen alles passiert, dann kämen wir drüber
rein. Du bist da, wenigstens du bist da.&lt;&lt;</p>



<p>Sie hatte recht, ich war da
– im Gegensatz zu so vielen anderen, also versuchte wenigstens ich
einen Hauch von Normalität in unser kleines Leben zu bringen, sodass
sie und ich den Weltschmerz wenigstens für ein paar Augenblicke aus
dem Kopf bekamen.</p>



<p>Ich sah auf und betrachtete
den Himmel, der langsam immer dunkler wurde, weil allmählich die
Dämmerung hereinbrach.</p>



<p>Heute hatte es ohnehin nicht
viel Licht gegeben, doch auch das versank langsam in der Dunkelheit,
was für mich bedeutete, dass ich langsam zum Haus zurück laufen
sollte, also setzte ich gemächlich einen Fuß vor den anderen,
verlor mich im Knirschen meiner eigenen Schuhe im knöchelhohen
Schnee und schlenderte nach einer kurzen Runde über den Marktplatz
an der Kirche vorbei, die kleine Straße hinauf, die zu unserem etwas
abseits gelegenen Haus führte.</p>



<p>Sanfter, weißer Rauch stieg
aus dem Kamin empor und in der Ferne sah man das Licht in den
Fenstern brennen und ein kurzes Gefühl der Wärme stieg in mir auf.
Meine Mutter war zu Hause und damit der einzige Mensch, mit dem ich
auch schon die letzten Jahre mein Weihnachtsfest verbracht hatte&#8230;</p>



<p>Ich meine, es war nicht
viel, aber genug. Wir waren uns selbst genug, denn wir wussten,
irgendwo ging es immer weiter.</p>



<p>Als ich auf der Schwelle
angekommen war, zog ich den rostigen Schlüssel aus meiner Tasche,
drehte ihn im Schloss herum und zog die Schuhe im Flur aus. Meine
dicken Socken trennten meine kalten Füße von der Kälte des Bodens
und so betrat ich die warme Küche, in welcher es schon nach Essen
duftete.</p>



<p>Ich schritt hinüber zum
Tisch, nahm die kleine Kerze in die Hand, die auf einem Ständer auf
einem großen Tannenzweig ruhte, entzündete ein Streichholz und
stellte sie mit zuckender Flamme wieder zurück.</p>



<p>In diesen Tagen war ein
Tannenbaum die letzte Sorge der Menschen: das Geld war knapp und
damit irgendeine Form von Weihnachtsgeist noch knapper.</p>



<p>Ich wollte das so nicht
stehen lassen und hatte beschlossen, wenigstens einen kleinen Hauch
von Weihnacht in unser Haus zu holen, also hatte ich mich vor einigen
Tagen auf den Weg in den Wald gemacht, einige Tannenzweige
geschnitten, sie im Hause aufgehängt und ein oder zwei Kerzen dazu
gestellt.</p>



<p>Viel mochte es nicht helfen,
doch meiner Mutter schien es zu gefallen; sie hatte einen
hoffnungsvollen Schimmer in den Augen, als sie mich darauf ansprach
und meinte nur wieder mal:</p>



<p>&gt;&gt;Hannes, mein kleiner
Hannes. Du bist wie dein Vater, er wäre auch auf solche Ideen
gekommen&#8230;&lt;&lt;</p>



<p>Dann war ihr Blick wieder in
die Ferne geschweift, zu einem Ort, den nur sie kannte. Sie hatte
sich abgewendet und war gegangen, aber ich wusste, dass ich ihr
wenigstens für einen kurzen Augenblick ein Stückchen Hoffnung
zurück gebracht hatte und das war dies alles wert.</p>



<p>Ich saß am Tisch und ich
weiß wirklich nicht, wie lange ich nur dort verharrte und die
Maserung des Holzes auswendig lernte, aber irgendwann waren meine
Augen der Musterung so lange gefolgt, bis ich meinte, eine Art System
in ihr wiederzuerkennen.</p>



<p>Eine Art Monotonie überkam
mich und meine Finger fingen an, in einem seltsamen Takt zu wippen,
der irgendwann zu einem Rhythmus verkam, den ich sicher einige
Minuten gedankenlos vor mich hin klopfte, als ich plötzlich aufsah
und mich eine seltsame Stille überkam.</p>



<p>Ich drehte den Kopf und
wurde ganz leise. Das Klopfen, das ich langsam aufgehört hatte, war
immer noch da.</p>



<p>Wie konnte das sein?</p>



<p>Meine Finger bewegten sich
nicht.</p>



<p>Ich sah Richtung Flur. Es
war wirklich noch da. Ein leises Klopfen. Und es kam von der Tür.</p>



<p>Konnte das denn sein?</p>



<p>Es war dunkel und kalt
draußen, wer hatte sich um diese Zeit, an diesem Abend, auf den Weg
zu uns gemacht?</p>



<p>Von einer seltsamen Neugier
gepackt, machte ich mich auf und schlurfte bedächtig in den Flur,
nur um mir meinen Rock überzustreifen und die Tür einen Spalt weit
aufzuziehen.</p>



<p>Als sie sich immer mehr
öffnete, stieß mir kalte Luft entgegen und ich merkte, dass es noch
kühler geworden war, seitdem ich nach Hause zurück gekehrt war.</p>



<p>Meine Hand wand sich immer
stärker um die Klinke und ich musste im ersten Augenblick blinzeln,
weil ich für einen Moment gar nicht klar einordnen konnte, wem die
Silhouette gehörte, die ich da im Schein der Eingangslaterne sah.</p>



<p>Das Gesicht kam mir bekannt
vor, aber es stimmte nicht mit dem überein, dem ich es zuerst
zugeordnet hätte: die Wangenknochen standen deutlich hervor und die
Gesichtszüge waren allgemein hager, über dem Bart an der Oberlippe
klaffte eine Narbe, die ich noch nicht kannte und die Haare waren
zerzaust und sahen aus, als ob sie seit Wochen keinen einheitlichen
Schnitt mehr gesehen hätten.</p>



<p>Nur die Augen waren immer
noch die gleichen, sie erkannte ich auf Anhieb und ihre grünliche
Färbung versetzte mich für einen Moment in eine Art Trance. In mir
stieg schlagartig ein Gefühl der Verbundenheit auf, so als ob ich
diesen Menschen nicht vor Jahren das letzte Mal gesehen hätte.</p>



<p>Es war, als ob er uns
gestern verlassen hätte.</p>



<p>Genau diese Augen umgab nun
ein Ausdruck, der nicht mehr der derselbe war, wie der, als ich sie
zuletzt gesehen hatte.</p>



<p>Auch sie mussten so vieles
gesehen haben, was man an einem Abend nicht erzählen konnte, so
vieles gesehen haben, das man nicht in Worte fassen konnte, so vieles
gesehen haben, das diesen Menschen so verändert hatte.</p>



<p>Einem spontanen Impuls
folgend, streckte ich meine Hand aus, ich wusste nicht genau nach
was, oder was ich genau erwartete, doch irgendwie wollte ich die
Entfernung überbrücken, die zwischen uns entstand.</p>



<p>Die metaphorisch all die
Jahre zwischen uns entstanden war und nun innerhalb weniger
Augenblicke wie nichts in sich zusammen fiel. Die all die Jahre wie
ein grauer Schleier über dieser Familie gelastet hatte und nun auf
einmal heruntergerissen wurde.</p>



<p>Und so standen wir nun da.
Getrennt nur durch die Türschwelle zwischen unseren Fußspitzen.</p>



<p>Keiner von uns bewegte sich.</p>



<p>Nicht mal ein Finger rührte
sich.</p>



<p>Niemand verzog eine Miene.</p>



<p>Wir standen bloß da.</p>



<p>Stille kehrte ein. Abermals.</p>



<p>Die kalte Luft biss uns in
die Gesichter und in der Ferne fegte dieser eisige Wind über die
Felder, doch wir rührten uns nicht.</p>



<p>Wir standen nur da, wie
angewurzelt und sahen uns tief in die Augen. Sogen die Gesichtszüge
des anderen ein, glichen sie mit dem ab, was über all die lange Zeit
zu einer verschwommenen Erinnerung geworden war.</p>



<p>Plötzlich wurde ich von
einem starken Arm nach vorne gezogen und gegen einen rauen Feldrock
gedrückt. Ich fand mich in dieser energischen, bestimmten Umarmung
wieder und konnte zunächst nicht fassen, was geschah, da das alles
so surreal für mich war, bis ich begriff, dass das alles hier
wirklich sein musste, weil ich warme Tränen auf meiner kalten Haut
spürte und das Schluchzen unüberhörbar wurde.</p>



<p>Auch ich bemerkte nun den
Knoten in meinem Hals und musste schlucken, um wieder einen klaren
Gedanken zu fassen.</p>



<p>Erst, als ich mich nach
einiger Zeit wieder löste, räusperte ich mich etwas und sprach mit
erstickter Stimme:</p>



<p>&gt;&gt;Tristan, wir sollten
hinein gehen&#8230; Mama hat das Essen schon aufgesetzt&#8230;&lt;&lt;</p>



<p>Mir war gar nicht klar, mit
welch einer Gelassenheit ich so etwas alltägliches aussprach, obwohl
es mehr als alltäglich war, dass mein Bruder jemals wieder mit uns
am Tisch sitzen würde.</p>



<p>Wortlos lösten wir uns aus
der Umarmung und erst jetzt bemerkte ich, dass er mit einem Arm eine
großzügige Ledertasche über die Schulter hievte und mit den
schneebedeckten Schuhen über die Schwelle in unseren weiß gekalkten
Flur trat.</p>



<p>Da, wo der andere Arm sein
sollte, war die Jacke umgeschlagen und an die Front gepinnt.
Anscheinend hatte der Krieg seine Spuren hinterlassen.</p>



<p>Ich blinzelte nur ein paar
Mal, wischte mir selbst die Tränen aus den Augen und deutete wortlos
zur Küche hinüber, von wo man Mama leise eine Melodie summen hörte.</p>



<p>Tristan nickte mir nur zu,
ließ die Tasche auf den Boden sinken und ging langsam zur Tür. Ich
blieb im Gang zurück und bekam mit, wie die Melodie schlagartig
erstarb, ein unterdrückter Schluchzer zu hören war und unsere
Mutter meinem Bruder um den Hals fiel.</p>



<p>Ich ging nicht hinein, ich
wollte ihnen diesen Moment nicht klauen.</p>



<p>Ich stand einfach nur da,
wie vorher schon und spürte nur, wie auch mir die Tränen die Wangen
hinunter liefen.</p>



<p>Das war das erste Mal seit
Monaten, dass diese künstliche Mauer aus Abgeklärtheit und Trotz in
sich zusammen brach und wahrer Freude wich.</p>



<p>Mit einem zarten Grinsen auf
meinen Lippen, wendete ich mich zur Tür, ließ sie ins Schloss
schnappen und lehnte mich dagegen.</p>



<p>Eine ganze Zeit lang stand
ich noch so da und ließ diesen überwältigenden Moment erst einmal
zur Gewissheit werden. Tristan war wieder da. Er lebte. Und war nach
Hause zurück gekehrt.</p>



<p>Erst jetzt wurde mir klar,
dass dies ein ganz besonderes Weihnachten war: wir würden nicht zu
zweit am Tisch sitzen und leise unsere Lieder singen, dieses Mal
waren wir zu dritt und würden mehr eine Familie sein, als wir es die
letzten Male jemals waren.</p>



<p>Auch ich machte mich nun auf
den Weg in die Küche und musste noch einmal die aufkeimenden Tränen
unterdrücken, als ich meinen Bruder, die zitternden Hände meiner
Mutter in seiner haltend, mit ihr am Tisch sitzen sah.</p>



<p>Zwischen ihnen lag nur der
Tannenzweig, mit der Kerze darauf, deren Flamme aufgeregt hin und her
flackerte.</p>



<p>Keiner sagte etwas, nur ich
setzte mich mit einem Stuhl dazu und sah beide an.</p>



<p>Die Stille wurde erst
unterbrochen, als mein Bruder sich mir zuwandte, einen alten,
heimeligen Schimmer in den Augen.</p>



<p>&gt;&gt;Hannes, wie ich
sehe, hast du dich gut um Mama gekümmert. Ich bin stolz auf dich.&lt;&lt;</p>



<p>Ich lächelte ihn an und
erwiderte nur:</p>



<p>&gt;&gt;Ich tat mein
Bestes.&lt;&lt;</p>



<p>Tristans Augen leuchteten
und er atmete hörbar aus: &gt;&gt;Ich denke, das taten wir alle,
nicht war? Über all die Zeit taten wir unser Bestes und manchmal
reicht es eben, aber manchmal auch nicht.&lt;&lt;</p>



<p>Ich sagte nichts. Er fuhr
fort.</p>



<p>&gt;&gt;Ich bin erleichtert
zu sehen, dass es dieses eine Mal wohl gereicht hat. Euch hier sitzen
zu sehen, war alles, was ich für vier Jahre wollte.&lt;&lt;</p>



<p>Mutter fing an zu weinen und
drückte seine Hand nun fest in ihren.</p>



<p>Ich sah auf den leeren Ärmel
seiner Uniform und fragte nur leise: &gt;&gt;Doch zu welchem Preis?&lt;&lt;</p>



<p>Sein Blick folgte dem meinen
und er schwieg kurz, dann erwiderte er: &gt;&gt;Weißt du,
Bruderherz, was beobachtest du, sobald du aus dem Fenster siehst?&lt;&lt;</p>



<p>Ich stockte, nicht wissend,
in welchem Kontext ich diese Frage zu verorten hatte.</p>



<p>&gt;&gt;Lichter in der
Ferne, es ist dunkel draußen.&lt;&lt;</p>



<p>&gt;&gt;Und wenn du hinauf
zum Himmel schaust? Was siehst du dann?&lt;&lt;</p>



<p>Ich überlegte.</p>



<p>&gt;&gt;Wolken? Sterne sieht
man keine, es ist bewölkt&#8230;&lt;&lt;</p>



<p>Er bedachte mich nur mit
seinem warmen Blick, wie er es früher öfter getan hatte und
lächelte mich an.</p>



<p>&gt;&gt;Genau. Die Wolken
sind zwar da, aber sie fallen uns nicht auf, weil es dunkel ist und
wir im Finstern öfter mal stolpern. Aber weißt du was? Das ist
nicht schlimm, denn wir fallen weich.&lt;&lt;</p>



<p>Ich war unschlüssig, was er
mir sagen wollte.</p>



<p>Begriffsstutzig entgegnete
ich nur: &gt;&gt;Aber wir fallen hart, draußen ist alles gefroren.&lt;&lt;</p>



<p>Mein Bruder lachte nur und
schüttelte den Kopf.</p>



<p>&gt;&gt;Es ist gefroren
draußen, weil es kalt geworden ist in letzter Zeit. Und mit der
Kälte kommt der Schnee.&lt;&lt;</p>



<p>Er legte die verbliebene
Hand auf meine Schulter und sah mich tief an.</p>



<p>&gt;&gt;Der Schnee kommt
immer in der Nacht.&lt;&lt;</p>



<p>Die Landschaft lag an jenem
Abend im Schnee und alles, was in dieser Nacht Helligkeit bot, waren
die vereinzelten Lichter in den Häusern der Dörfer.</p>



<p>Sterne waren keine zu sehen,
aber weiße Flocken brachen aus der Wolkenschale und glitten langsam
aber stetig zum Boden auf uns alle herab.</p>
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		<title>Kurzgeschichten, die berühren und provozieren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Palina Dautfest]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Feb 2017 19:39:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[freiraum]]></category>
		<category><![CDATA[buch]]></category>
		<category><![CDATA[buchtipp]]></category>
		<category><![CDATA[einsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[marina keegan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Buchtipp: „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan Provokant, sarkastisch und melancholisch: Eigenschaften, die nicht nur auf die junge US-Autorin Marina Keegan selbst zutreffen, sondern auch auf ihre literarischen Figuren. In ihrem Bestseller „Das Gegenteil von Einsamkeit“ berührt sie mit...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><figure id="attachment_9512" aria-describedby="caption-attachment-9512" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-9512 size-medium" src="http://presstige.org/wp-content/uploads/2017/02/Buchcover3-1-300x400.jpg" width="300" height="400" srcset="https://presstige.org/wp-content/uploads/2017/02/Buchcover3-1-300x400.jpg 300w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2017/02/Buchcover3-1-768x1024.jpg 768w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2017/02/Buchcover3-1.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-9512" class="wp-caption-text">Text &amp; Foto/Illustration: Palina Dautfest</figcaption></figure></p>
<h2>Buchtipp: „Das Gegenteil von Einsamkeit“ von Marina Keegan</h2>
<p><strong>Provokant, sarkastisch und melancholisch: Eigenschaften, die nicht nur auf die junge US-Autorin Marina Keegan selbst zutreffen, sondern auch auf ihre literarischen Figuren. In ihrem Bestseller „Das Gegenteil von Einsamkeit“ berührt sie mit Kurzgeschichten und regt mit ihren Essays zum Nachdenken an.</strong></p>
<p>Marina Keegans Buch „Das Gegenteil von Einsamkeit“ ist allein deshalb etwas Besonderes, da sich hinter der erst 22-jährigen Autorin selbst eine tragische, aber bemerkenswerte Geschichte verbirgt. Tragisch, weil sie nur fünf Tage nach ihrem Abschluss an der Elite-Uni Yale bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sie war auf dem Weg zum Geburtstag ihres Vaters, als ihr Freund am Steuer einschlief. Keegan starb noch am Unfallort; ihr Freund überlebte.</p>
<p>Bemerkenswert, weil sie während ihres Studiums nicht nur ihre eigenen Geschichten verfasste, sondern auch in der Literaturredaktion des New Yorkers arbeitete und für die Yale Daily News schrieb. Zwei ihrer Stücke wurden im Theater aufgeführt. Das alles klingt nicht nach einer jungen, erfolgreichen Frau, die genau weiß, was sie will. Wer jedoch ihre Geschichten liest und ganz besonders ihre Yale-Abschlussrede, mit der ihr Buch beginnt, lernt eine andere Marina Keegan kennen. Eine etwas unsichere Frau, mit der man sich identifizieren kann.</p>
<h3>Früher aufstehen, weniger prokrastinieren&nbsp;&nbsp;</h3>
<p>In ihrer Rede versucht sie ihre Gefühle kurz vor ihrem Abschluss in Worte zu fassen – eine Mischung aus Wehmut und Optimismus. Wer selbst Student ist und noch dazu kurz vor seinem Abschluss steht, findet sich mindestens in einem der Sätze wieder. Marina Keegan gelingt es, die Unsicherheit und Zukunftsangst zu beschreiben, die wohl prägend für unsere Generation ist: Keiner weiß, was er genau will, außer natürlich perfekt zu sein und in allem immer noch besser zu werden. Mehr Bücher lesen, früher aufstehen, weniger prokrastinieren. Wer kennt es nicht? „Einige von uns wissen genau, was sie wollen, und sie sind auf dem Weg dorthin“, schreibt sie. „Euch sage ich: Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an.“</p>
<p>Damit gelingt ihr etwas, was sie auch mit ihren Kurzgeschichten und Essays schafft: Sie berührt ihre Leser und trifft einen Nerv. Wer sich jedoch erhofft, sich bei ihren Geschichten vor Lachen kugeln zu müssen, wird enttäuscht. Meistens regen sie zum Nachdenken an und sind eher deprimierend. Ziemlich deprimierend. Ihre Kurzgeschichten sind außerdem sehr unterschiedlich – von dem üblichen Liebesdrama, in der eine Frau erfährt, dass ihr Mann sie betrügt, bis zu einem Unterwasser-Abenteuer, ist alles dabei. Und eigentlich ist in fast jeder Erzählung irgendjemand stoned.</p>
<p>Ihre Kurzgeschichte „Vorlesen“ erinnert tatsächlich sehr an „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Es handelt von einer alten Frau, die einen blinden Mann jede Woche besucht und ihm etwas vorliest, während sie dabei nacheinander ihre Kleidung auszieht, bis sie nackt ist. Eine weitere Erzählung spielt elftausend Meter unter Wasser in einem U-Boot, in dem eine fünfköpfige Besatzung in völliger Dunkelheit gefangen ist. Nachdem es zu einem Kurzschluss gekommen ist, funktioniert die Innenbeleuchtung des U-Boots nicht mehr. Die fünfköpfige Besatzung und der Kapitän erkennen ihre eigene Hand vor Augen nicht mehr. Als Leser leidet man mit den verzweifelten Insassen mit und verliert ähnlich wie diese, langsam den Verstand.</p>
<h3>Von dem Bösewicht Gluten</h3>
<p>Man merkt, dass Keegan sich nicht davor scheut, vieles auszuprobieren. Auch in ihren Essays ist sie offen und direkt. In einem schildert sie sehr ausführlich ihre Glutenunverträglichkeit. Wie sie bereits als Kind fast alles wieder erbrochen hat, bis Ärzte nach zahllosen Untersuchungen schließlich dahinterkamen, dass sie an Zöliakie leidet. Es ist spannend diesen Essay in einer Zeit zu lesen, in der es inzwischen als supertrendy gilt, glutenfrei zu leben, während die Autorin selbst noch als Außenseiterin an ihrer Schule galt.</p>
<p>&nbsp;„Warum wir uns um Wale kümmern“ lautet der Titel eines weiteren Essays. Dabei spricht sie ein kritisches Thema an, das wohl die Tierschützer, Vegetarier und Veganer unter uns aufschreien lassen würde. Sie wiegt Tier- und Menschenleben gegeneinander auf. Mutig stellt sie die Frage, warum für die Rettung von gestrandeten Walen ein riesiger Aufwand veranstaltet wird, bei dem hunderte Rettungshelfer im Einsatz sind. Oder warum zehntausende Dollar gespendet werden, damit die Wale in ein Aquarium transportiert werden. Wäre das Geld nicht besser für krebskranke Kinder investiert? Oder für Hungernde?</p>
<p>Spätestens nachdem ihr Buch gelesen habt, stellt sich die Traurigkeit darüber ein, dass jemand wie sie nicht mehr die Gelegenheit hat, zu schreiben – und wir nicht mehr die Chance, an ihren Gedanken und Fantasien teilzuhaben.</p>
<p>&nbsp;</p>
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