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	<title>profi Archive | presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</title>
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	<description>Das Magazin für Studierende der Universität und Hochschule Augsburg.</description>
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		<title>Ein Gespräch mit Willi Singer, ehemaliger Profi-Radrennfahrer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gundi Woll]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Jun 2018 10:47:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[freiraum]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Fußball hat mir dann irgendwann nicht mehr gepasst“ Seine Radwerkstatt liegt in einem Innenhof in der Bäckergasse, mitten in der Augsburger Altstadt. Auf dem Gehweg weist ein gelbes Schild mit roter Aufschrift in den Innenhof zu „Willis Werkstatt“. Der ganze...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2018/06/ein-gespraech-mit-willi-singer-ehemaliger-profi-radrennfahrer/">Ein Gespräch mit Willi Singer, ehemaliger Profi-Radrennfahrer</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<figure id="attachment_9733" aria-describedby="caption-attachment-9733" style="width: 400px" class="wp-caption aligncenter"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-9733 size-medium" src="http://presstige.org/wp-content/uploads/2018/06/Willi-Singer-in-seiner-Werkstatt-400x300.jpg" alt="" width="400" height="300" srcset="https://presstige.org/wp-content/uploads/2018/06/Willi-Singer-in-seiner-Werkstatt-400x300.jpg 400w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2018/06/Willi-Singer-in-seiner-Werkstatt-768x576.jpg 768w, https://presstige.org/wp-content/uploads/2018/06/Willi-Singer-in-seiner-Werkstatt-1024x768.jpg 1024w" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" /><figcaption id="caption-attachment-9733" class="wp-caption-text">Text: Gundi Woll – Foto: © Gundi Woll</figcaption></figure>
<p><strong>„Fußball hat mir dann irgendwann nicht mehr gepasst“</strong></p>
<p>Seine Radwerkstatt liegt in einem Innenhof in der Bäckergasse, mitten in der<br />
Augsburger Altstadt. Auf dem Gehweg weist ein gelbes Schild mit roter Aufschrift in<br />
den Innenhof zu „Willis Werkstatt“. Der ganze Hof ist mit Rädern zugeparkt und auch<br />
hinter dem Werkstatttor warten zahlreiche Räder auf ihre Genesung. An einer<br />
Regalwand hängen Sättel verschiedenster Art, daneben in einem Bilderrahmen<br />
Fotos von Willi Singer im Bianchi-Trikot, oben drauf stehen fünf Pokale, in einer<br />
Vitrine sind ein paar Medaillen zu sehen, neben Reifen an der Decke hängt ein<br />
riesiger, goldener Siegerkranz aus dem Jahr 1975 vom Rennen „Rund um<br />
Schwaben“. Noch während seiner Profikarriere baute er den Laden auf. Das war vor<br />
40 Jahren. Heute kann sich die Augsburger Radsportkoryphäe kaum noch retten vor<br />
ratsuchenden und für eine erfahrene Hand dankbaren Radfahrern aus Leidenschaft.<br />
Für den Interview-Termin hat Willi Singer einen Teil der Mittagspause geopfert. Willi<br />
Singer ist eine echte Augsburger Radsportlegende. Die Bodenhaftung hat der<br />
inzwischen 69-Jährige trotzdem nie verloren. Gefragt nach seinen Platzierungen<br />
beim größten Radrennen der Welt und dem von Radsportfans heiß geliebten Giro<br />
d’Italia, meint er nur, bei der Tour sei er 48. geworden. Die zwei Platzierungen beim<br />
Giro habe er jetzt aber nicht im Kopf. Für einen Domestiken sei es aber ohnehin<br />
„wurscht“, ob er 50. oder 150. werde. Das einzige, was zähle, sei die Leistung für die<br />
Mannschaft. Der Augsburger fuhr in den 70er und 80er Jahren als Profi für das<br />
traditionsreiche, italienische Radsportteam Bianchi. 1977 nahm er an der Tour de<br />
France teil, 1976 und ’78 beim Giro d’Italia.<br />
Was ihn zum Radsport brachte und über die deutschen Radsportfans, die einfach<br />
nicht verzeihen können…Willi Singer steht Presstige Rede und Antwort.</p>
<p><strong>Der italienische Journalist und Literat Dino Buzzati hat über die Italienrundfahrt</strong><br />
<strong>Giro d’Italia aus dem Jahr 1949 mitreißende Streckenreportagen geschrieben.</strong><br />
<strong>Ein Land, das damals vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet war und vom hoch</strong><br />
<strong>emotionalen und von sportlichem Ehrgeiz getriebenen Kampf zweier ungleicher Nationalhelden. Man fieberte entweder mit dem in sich gekehrten</strong><br />
<strong>und äußerst frommen Gino Bartali oder verehrte den jüngeren, dynamischen</strong><br />
<strong>Fausto Coppi. War es dieses historische Duell, das Sie für den Radsport</strong><br />
<strong>begeisterte?</strong></p>
<p>Als ich damals selber angefangen habe, Rad zu fahren, habe ich von Coppi und<br />
Bartali gar nix gewusst. Als Jugendlicher bin ich auf dem Land aufgewachsen und da<br />
wird halt immer Fußball gespielt. Aber der Mannschaftssport hat mir dann<br />
irgendwann nicht mehr gepasst. Es gab immer einige, die haben nix gemacht und nix<br />
trainiert und am Sonntag ist dann beim Spiel nix vorwärts gegangen. Das hat mir<br />
dann irgendwann mal gestunken. Dann habe ich irgendwann mal bei einem<br />
Radrennen mitgemacht. Das habe ich zufälligerweise gleich gewonnen und so bin<br />
ich in den Verein gekommen. In Memmingen war das damals. Und so ging das alles<br />
los bei mir. Aber ich habe erst relativ spät angefangen, erst mit 18 Jahren. Das ist für<br />
heutige Verhältnisse sowieso alles viel zu spät. Heute fangen sie ja mit acht an oder<br />
mit zehn.</p>
<p><strong>Wie kam’s, dass Sie nach Italien gingen, um dort hauptberuflich Rad zu</strong><br />
<strong>fahren?</strong></p>
<p>Es gab ja zu der Zeit, wo ich Profi geworden bin, in Deutschland keinen Rennstall. Es<br />
gab ein paar Jahre zuvor einen und danach wieder. Aber 1976 gab’s keinen<br />
deutschen Rennstall. Ich war als Amateur schon Fahrer bei der Bianchi-Mannschaft<br />
und dann bin ich in Italien auch den „Piccolo Giro di Lombardia“ gefahren (wichtiges<br />
italienisches U-23 Radrennen) und dann war ich paarmal unter den ersten Zehn<br />
platziert und auch in der Gesamtwertung war ich Zehnter. Da sind die Italiener dann<br />
doch ein bisschen aufmerksam geworden und deshalb habe ich dann bei Bianchi<br />
einen Vertrag gekriegt. Das war mit das Größte, was man erreichen kann.</p>
<p><strong>Sie waren als sogenannter „Wasserträger“ für Ihr Team unterwegs. Als Helfer</strong><br />
<strong>verzichteten Sie damit auf den eigenen Erfolg und stellten sich ganz in den</strong><br />
<strong>Dienst der Mannschaft, spendeten dem Kapitän Windschatten oder holten neue</strong><br />
<strong>Wasserflaschen. Auch der britische Radrennfahrer Charly Wegelius war Helfer.</strong><br />
<strong>Elf Jahre lang nahm er an den weltweit härtesten und berühmtesten Rennen</strong><br />
<strong>teil. Über diese Zeit schrieb er 2013 in seinem Buch: „Ich lernte, im Dienste meiner Kapitäne unglaubliche Schmerzen auf mich zu nehmen und</strong><br />
<strong>buchstäblich das Letzte aus mir herauszuholen, aber ich selbst gewann nie</strong><br />
<strong>auch nur ein einziges Rennen. Ich war nur ein bezahltes Arbeitstier, ein</strong><br />
<strong>Wasserträger, ein Domestik.“ Haben Sie das damals auch so empfunden?</strong></p>
<p>Nein, kann ich jetzt so nicht sagen. Ich mein‘, man hat ja gewusst, wenn man zu den<br />
Profis kommt, da ist das nochmal ein riesiger Klassenunterschied zu den Amateuren<br />
damals. Und ich wusste ja, dass ich da jetzt keine Kapitänsrolle übernehmen kann.<br />
Man muss ja erstmal in die ganze Hierarchie reinkommen und sehen, wie die<br />
Rennen laufen. Also ich habe das auch nie bereut so.</p>
<p><strong>„Bereuen“ das ist ein gutes Stichwort für das nächste große Thema, wenn’s</strong><br />
<strong>um Radrennsport geht: Doping &#8211; das den Radsport bis in die Gegenwart</strong><br />
<strong>verfolgt. Den ersten Doping-Toten im Radrennsport gab’s bereits 1886. Derzeit</strong><br />
<strong>sorgt der momentan weltweit beste Radprofi, der Brite Chris Froome, für</strong><br />
<strong>Aufsehen. Trotz positiver Probe fuhr er den Giro d’Italia, den er dann auch</strong><br />
<strong>gewann, und wird vermutlich auch bei der Tour de France im Juli an den Start</strong><br />
<strong>gehen. Was sagt das über das System des internationalen Radrennsports aus?</strong></p>
<p>Erstmal grundsätzlich: Gedopt wird in allen Sportarten. Aber der Radsport ist halt<br />
schon eine brutal schwere Sportart und da ist natürlich die Gefahr da, dass da<br />
mancher zu gewissen Mitteln greift. Und dann geht es auch heute einfach um sehr<br />
viel Geld. Das ist mit ein Grund, warum sich da irgendwelche Leute verführen lassen.<br />
Und das jetzt mit Froome, was da jetzt im Moment läuft, das finde ich auch nicht ok.<br />
Einen anderen hätten sie schon längst rausgenommen und gesperrt. Dass er jetzt<br />
noch weiterfährt, bis irgendwelche Anwälte das alles noch zurechtbiegen können,<br />
das verstehe ich auch nicht.</p>
<p><strong>Insbesondere Ausdauersportarten sind prädestiniert fürs Doping. Bereits in</strong><br />
<strong>der Antike nahmen Sportler Mittel zur Leistungssteigerung. Der erste deutsche</strong><br />
<strong>Sportler, der nachweislich an Doping starb, war der Boxer Jupp Elze. Das war</strong><br />
<strong>1968. Warum wurde dem Doping damals keine so große Bedeutung</strong><br />
<strong>beigemessen und heute schaut die ganze Welt auf jeden einzelnen</strong><br />
<strong>Dopingverdachtsfall?</strong></p>
<p>In Deutschland ist das schon auffallend. Wenn einer mal gut fährt, wird er<br />
hochgehoben und fährt er mal nicht gut, wird er verdammt. Das ist dann sowieso der<br />
Fall, wenn irgendwas mit Doping auftaucht. Das ist ja auch richtig so. Aber das wird<br />
in Deutschland schon (überlegt lange, ringt nach Worten und atmet hörbar aus) –<br />
weiß jetzt nicht, wie ich’s ausdrücken soll… Es wird also wahnsinnig überall alles<br />
breitgetreten. Die sollen den dann sperren und dann auch in Ruhe lassen. In Italien<br />
und Spanien sind auch zig Rennfahrer erwischt und gesperrt worden. Die waren<br />
dann nach ein oder zwei Jahren wieder da und sind wieder bejubelt worden. Die<br />
Fans haben es denen irgendwie verziehen und bei uns ist das nicht so.</p>
<p><strong>Wäre es nicht am einfachsten, Doping zu legalisieren?</strong></p>
<p>Nö, das finde ich nicht gut. Dann muss es ja nirgendwo mehr Gesetze geben. Da bin<br />
ich sehr dagegen.</p>
<p><strong>Was braucht es, um den Profiradsport für den Nachwuchs wieder attraktiv zu</strong><br />
<strong>machen?</strong></p>
<p>Wenn es zumindest von den deutschen Radfahrern keine Dopingfälle mehr gibt,<br />
dann ist es bestimmt so, dass auch die Eltern der Jugendlichen es unterstützen, dass<br />
sie beim Radsport bleiben.</p>
<p><strong>Wie stehen Sie zur viertägigen Deutschland Tour, die nach zehn Jahren Pause</strong><br />
<strong>im August ihre 11. Auflage feiert?</strong></p>
<p>Für das deutsche Publikum ist das natürlich toll, dass sie da die ganzen guten oder<br />
(lacht) nicht so guten Radrennfahrer alle wieder mal direkt sehen können. Beim Start<br />
und im Ziel oder unterwegs. Für die Begeisterung und auch für den Nachwuchs finde<br />
ich schon gut, dass es die Deutschlandrundfahrt wieder gibt.</p>
<p><strong>Welche Gedanken und Gefühle schießen Ihnen durch Kopf und Herz, wenn am</strong><br />
<strong>7. Juli die dünnen Reifen der grazilen Rennmaschinen auf französischen</strong><br />
<strong>Straßen und Sträßchen wieder heiß laufen?</strong></p>
<p>Ich denke dann selber dran, wie das bei meiner Tour-de-France-Teilnahme war<br />
1977. Gerade bei der ersten Etappe. Heute bin ich drüber weg, dass ich dem<br />
nachweinen würde. Das hat sich eben so ergeben, dass die Karriere dann zu Ende<br />
ist und da habe ich jetzt nie irgendwie groß Emotionen gehabt, dass ich gesagt hätte,<br />
ich hätte vielleicht noch länger fahren können. Das ist erledigt. Aber wenn die die<br />
gleichen Pässe fahren oder die gleichen Berge und Zielankünfte &#8211; klar erinnert man<br />
sich, wie es damals war, wer da vorne war und wie es einem selber gegangen ist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2018/06/ein-gespraech-mit-willi-singer-ehemaliger-profi-radrennfahrer/">Ein Gespräch mit Willi Singer, ehemaliger Profi-Radrennfahrer</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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