Interview mit Prof. Dr. Sabine Doering-Mannteufel

Der Universitätsrat hat gewählt: Am 1. Oktober 2011 bekommt die Uni Augsburg eine neue Chefin. Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel wird die erste Präsidentin einer bayerischen Landesuniversität sein. Die Professorin für Europäische Ethnologie/Volkskunde ist seit 1995 an der Universität Augsburg. Neben dem „Abenteuer Forschung“ hat Doering-Manteuffel schon immer Hochschulpolitik betrieben. Seit 2008 ist sie Dekanin der Philologisch-Historischen Fakultät, nun beginnt der bis jetzt wichtigste Abschnitt ihrer Laufbahn.

Von Tassilo Holz & Michael Klink – Foto: Christian Oliar

presstige: Glückwunsch zur Wahl. Hat Ihr Sieg Sie überrascht?

Doering-Manteuffel: Ich war nicht wirklich überrascht. Der Ausgang der Wahl stand über viele Monate auf der Kippe. Die Universität Augsburg musste eine Richtungsentscheidung treffen. Diese hätte auch zu Gunsten von Herrn Loidl ausfallen können, der ein sehr interessantes Konzept hatte. Aber im Endeffekt war die Universität eher breit orientiert und mir war früh klar, dass vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten ein großes Bedürfnis besteht, den Erhalt zu sichern. Mit der Wahl wurden viele Weichen gestellt.

Wie sehen Ihre Pläne für die Uni Augsburg aus?

Ich will die Universität zu einer Netzwerk-Universität ausbauen. Das ist eine neue Idee von Universität. Im Mittelpunkt steht dabei die stärkere Vernetzung von Forschungsthemen, die verschiedene Fakultäten betreffen. Außerdem die Bildung von Netzwerken, die Studierende und Mitarbeiter der Universität einschließen. Die Hierarchien sollen dabei bewusst flach gehalten werden. Es sollen sich immer wieder Teams bilden, die ganz bestimmte Aufgaben in der Universität lösen – egal ob im Personalmanagement oder in der Forschung. Das ist eine innovative Vorgehensweise, die es an anderen bayerischen Universitäten nicht gibt.

„Den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verkleinern“

Wie wollen Sie dieses Konzept konkret umsetzen?

Ein zentrales Projekt ist der Ausbau des „Wissenschaftszentrum Umwelt“ zu einer Transferstelle, in der Natur- und Geisteswissenschaftler zusammen arbeiten. Dort sollen Übersetzungsleistungen erbracht und sogenanntes „public understanding of science“ ermöglicht werden: Wissenschaft wird öffentlich und wirkt beratend auf Wirtschaft und Gesellschaft ein. Außerdem hoffe ich, mit dieser Stelle den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu verkleinern.

Grundsätzlich ist es mein Ziel, neue Institutionen zu bilden, die geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Forschung repräsentieren. Ich könnte mir vorstellen, dass daran auch auf Seiten der Naturwissenschaft großes Interesse besteht und werde dort Gespräche führen.

Was wird sich unter Ihrer Leitung für die Studierenden ändern?

Eine Idee besteht in neuen Studiengängen, die an der Transferstelle und damit zwischen den Disziplinen angesiedelt sind. Auch hier führe ich Gespräche, vor allem mit dem „Wissenschaftszentrum Umwelt“. Das wäre ein attraktives Angebot für Studierende, das es an anderen Hochschulen nicht gibt. Außerdem will ich den vielen Geistes- und Sozialwissenschaftlern an der Universität Perspektiven für kleine Startup-Unternehmen bieten. Diese könnten sich zum Beispiel mit dem „Kulturpark West“ 1 vernetzen. Mir geht es darum, unternehmerische Tätigkeiten dieser Studierenden zu fördern und ihnen Alternativen zu den klassischen Feldern Lehramt, Archiv und Museum aufzuzeigen.

„Studentenzeit ist etwas anderes als reines Lernen“

Welches Verständnis von „Universität“ liegt Ihrem Konzept zugrunde?

Ich will weg vom Begriff der Kompetenz, der in den letzten zehn Jahren so oft gebraucht wurde. Ich habe nichts gegen Kompetenzen, aber ich strebe eine breitere Bildung an. Mir ist wichtig, dass Studierende neben ihrem Fachstudium auch noch andere Sachen machen – egal ob Theater spielen, auf ein Konzert gehen oder andere Dinge im Rahmen der Universität: Eine Art Studium generale, das den Horizont der Studierenden erweitert. Denn Studentenzeit ist etwas anderes als reines Lernen.

Heißt das, Sie wollen zurück zu den Bildungsidealen Wilhelm von Humboldts?

Was die Idee der universellen Bildung betrifft, ja. Aber ich bin keine Traditionalistin, die zurück zu Idealen des 19. Jahrhunderts will. Unsere Situation ist eine andere und ich halte Praxisorientierung und Kooperation mit der Wirtschaft für wichtig. Im Übrigen ist mir Alexander von Humboldt – der Weltreisende mit seinen großen Horizonten – als Vorbild lieber. Und der war Naturwissenschaftler.

„Ich habe keinen Masterplan“

Geht mit diesem Umdenken auch ein anderer Führungsstil einher?

Ich stehe für Vernetzung und deshalb für Gesprächsbereitschaft. Das geht gar nicht anders: Um die Netzwerk-Idee zu forcieren, muss man selbst in Netzwerken denken und mit flachen Hierarchien arbeiten. Natürlich werde ich in bestimmten Fragen die letzte Entscheidung treffen. Aber ich bin gegen ein hierarchisches und für ein kommunikatives Modell von Führung.

Sie übernehmen die Leitung der Universität am 1. Oktober. Was werden ihre ersten Schritte sein?

Die Fakultäten sollen bestehen bleiben, wie sie sind. Wir müssen zunächst über Inhalte nachdenken und einige Generalideen finden: Wollen wir Umweltschutz und Umwelttechnik oder Friedens- und Konfliktforschung zu unserer Generalidee machen? Oder wollen wir bestimmte Sparten der Hochtechnologien stark machen? Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement sind auch interessante Themen für die Universität Augsburg.

Wo es genau hingeht weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Das sind Fragen, die wir uns jetzt stellen müssen. Wir versuchen die Reform einer Reformuniversität. Dazu müssen wir herausfinden, wo die Potenziale in dieser Universität sind, quasi die verborgene Exzellenz. Damit habe ich auch schon angefangen, durchforste alles und spreche mit vielen Menschen. Im Übrigen: Ich habe keinen Masterplan. Das wird sich dann Schritt für Schritt entwickeln.


1 Anm. d. Red.: Ein „Kreativareal“, in dem Aktivitäten in den Bereichen jugendkulturelle Szenen, interkulturelle Begegnung und intergenerative Performance vernetzt werden sollen. – www.kulturparkwest.de

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