43 Tage Klimacamp – Ende offen

Aktivist*innen vor dem Klimacamp © Justin Lautenbach

„Seid ihr von Fridays For Future Augsburg?“, frage ich die drei jungen Frauen, die am Rathausplatz vor dem Klimacamp stehen und ein Video für Instagram aufnehmen. Es ist ein heißer Samstagnachmittag, das Thermometer zeigt 32 Grad an, im Schatten ist es kaum kühler. Der  Rathausplatz in Augsburg ist belebt. Kinder fahren Kettenkarussell, ich höre ihre Schreie. Daneben sitzen Eltern und Schaulustige auf Stühlen und Bänken, bestellen sich einen Eiskaffee oder ein kühles Wasser. Gegenüber des „Mini-Plärrers“ besetzen seit einem Monat Aktivist*innen das Augsburger Rathaus. Ich nähere mich dem Platz zwischen Rathaus und Perlachturm.

Banner sind gespannt, mit Kreide steht auf dem Boden geschrieben: „Klimacamps im ganzen Land, weiter geht der Widerstand“.  Vor mir überquert der König von Augsburg den Platz und schaut sich auf dem Klimacamp um. Auf der einen Seite stehen Sofas überdacht mit einem Sonnendeck , nebendran die „Soli-Küche“, auf der anderen Seite ein großes Bundeswehrzelt und weitere kleine Zelte, in denen die Aktivist*innen übernachten. Ein großes Plakat fasst die Forderungen der Aktivist*innen zusammen: CO2-Grenzwerte einhalten, Energiewende in Augsburg, das Projekt Fahrradstadt Augsburg vorantreiben.

Ja, sie sind von Fridays For Future Augsburg, meinen die Frauen, die ich angesprochen habe. Aus ganz Deutschland sind Ortsgruppen von Fridays For Future angereist, um das bis dato einzigartige Klimacamp zu unterstützen. Auch andere Organisationen sind hier vertreten: die Jungen Grünen, Ende Gelände, Extinction Rebellion und Students for Future. Es geht um ihre Zukunft – um unsere Zukunft – deshalb ist es ihnen so wichtig hier zu sein. „Die Studierenden der Hochschule und der Universität Augsburg schließen sich all den Schüler*innen an, die unter dem Motto Fridays For Future bereits für mehr Klimaschutz kämpfen. Wir streiken, bis ihr handelt!“ Unter diesem Motto haben sich auch Studierende unter der Bezeichnung “Students for Future” bereits den freitäglichen Demonstrationen angeschlossen und unterstützen auch im Camp die streikenden Schüler*innen.

Das Camp am Rathausplatz besteht nunmehr seit 43 Tagen. Aufgebaut wurde es am 1. Juli 2020, um gegen die Verabschiedung des Kohleausstiegsgesetztes (von den Besetzer*innen des Camps als KohleEINstiegsgesetz bezeichnet) im deutschen Bundestag zu demonstrieren. Vom Augsburger Stadtrat forderten sie, sich öffentlichkeitswirksam gegen den Gesetzesentwurf zu stellen, der einen Kohleausstieg bis 2038 vorsieht. Dies sei zu spät, argumentieren die Aktivist*innen, da damit das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, nicht mehr erreicht werden könne. Im Augsburger Stadtrat passierte nichts, das Gesetz wurde verabschiedet – und die jungen Leute blieben. Sie sehen keine Alternative, meinen sie, außer zu bleiben: „Wir stellen uns hier auf die nächsten Wochen und Monate ein,“ betont Dr. Ingo Blechschmidt.

Dr. Ingo Blechschmidt
© Larissa Ischwang

Die Beharrlichkeit der jungen Menschen erntet Anerkennung: „Innerhalb der Bewegung FridaysForFuture hat es so etwas noch nicht gegeben, also ein so langes Camp mit einem offenen Ende“ sagt Luisa Neubauer, als sie das Camp vergangene Woche besucht und auch die Nacht dort verbringt. „Ich kann mir auch vorstellen, dass sich andere in der Bewegung davon inspirieren lassen“. Der Besuch der bekannten Klimaaktivistin lockt die Medien an, doch auch schon davor wurde viel von regionalen und überregionalen Medien berichtet. Die Resonanz auf das erbrachte Engagement sei weitgehend positiv, auch von Seiten der Bürger*innen wächst das Interesse am Klimacamp. Es entwickeln sich viele Gespräche, es werden immer wieder Lebensmittel gespendet. Dazu habe sich auch der Umgang mit städtischen Politiker*innen verändert: „Die Politiker kommen jetzt auf uns zu, statt dass wir wochenlang um einen Termin betteln müssen“. Daran merke man das veränderte Gewicht der Organisation.

Heute, an diesem heißen Sommertag, an dem ich das Camp besuche, findet eine Gesprächsrunde mit Politiker*innen statt. Beginn 13:30 Uhr. Auch deswegen bin ich gekommen.  Vertreten sind die städtischen Oppositionsparteien SPD, Freie Wähler, ÖDP, FDP und Linke. Auch die Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr ist vor Ort, um mit den Aktivist*innen ins Gespräch zu kommen. Besonders heikel: Vertreter*innen der Stadtregierung sind nicht erschienen. Die Grüne Fraktion war bereits letzte Woche im Camp. Oberbürgermeisterin Weber sichert den Aktivist*innen ihre Unterstützung zu – und verbringt den Tag an der Wertach. Dazu passt, dass der zuletzt von “Augsburg in Bürgerhand” gestellte Antrag zum Beginn einer dezentralen Energiewende (eine der FFF-Forderungen) durch die Oberbürgermeisterin bis nach der Sommerpause vertagt wurde. „Die Klimakrise kennt aber keine Ferien! Die Beschlussvorlage war sorgsam vorbereitet und hätte sofort beschlossen werden können,“ meint Blechschmidt. Bundestagsabgeordnete Bahr äußert sich im Kurzinterview zum Klimacamp:

“ Ich wünsche mir, dass die kreativen Ideen, die hier diskutiert wurden, in den Parlamenten, auch bei uns im Bund ankommen. Die Kommunikation muss dabei eine kritisch-konstruktive Auswirkung haben und dass man sich als Bündnispartner für das Klima mit den verschiedenen Nuancen und Interessenlagen sieht. Immer mit dem Ziel vor Augen, gemeinsam in Sache Klima am besten voranzukommen.“

Ulrike Bahr, MdB und Vorsitzende der SPD Augsburg

 

Der Account des Klimacamps hat nach wenigen Wochen bereits über 800 Abonnent*innen. Dort wird man über aktuelle Aktionen auf dem Laufenden gehalten. Die Aktivist*innen freuen sich aber auch über Besuch, wenn gerade nichts Besonderes ansteht. Und wer kann schon von sich sagen, den Perlachturm schonmal in einem Schlafsack liegend, unter offenem Sternenhimmel bewundert zu haben? „Wisst ihr eigentlich, wie schön nachts die Aussicht auf den Perlachturm ist? Außerdem ein Pluspunkt ist, dass er nachts keine Geräusche von sich gibt“, meinen die Besetzer*innen des Camps.

Ich verlasse das Klimacamp nach rund zwei Stunden. Der König von Augsburg inspiziert den restlichen Platz, Aktivist*innen unterhalten sich mit ihm. In der Soli-Küche wird ein veganer Aufstrich an die Teilnehmer*innen der Gesprächsrunde ausgeteilt. Das Augsburger Klimacamp wird bleiben- Ende offen. Ich hoffe, dass das Engagement der Aktivist*innen etwas bewegt – im Stadtrat, im Verkehr, im Denken von uns, den Bürger*innen. Die Klimakatastrophe rollt auf uns zu. Dazu passend stellt eine Aktivistin fest: “Wir schwitzen ja heute schon, und das im Schatten!”.