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	<title>Menschen Archive | presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</title>
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	<description>Das Magazin für Studierende der Universität und Hochschule Augsburg.</description>
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		<title>Gartengeräusche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lilli Riedmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 May 2022 08:00:00 +0000</pubDate>
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									<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda lässt sich den Berg hinter der Bahnbrücke hinunterrollen. Sie Lässt den Rädern ihren Lauf, nur um kurz danach scharf abzubremsen und ihr Fahrrad in einer engen Rechtskurve in den Hof des alten Hauses an den Gleisen zu lenken. In Schlangenlinien fährt sie um die tiefen Schlaglöcher, aus denen große und kleine Steine herausbrechen und sich im ganzen Hof verteilen. Die überdurchschnittlich große Würstchen-Statue aus Stein, die sonst alle Ankommenden begrüßt hatte, ist weg. An ihrer Stelle steht mittlerweile ein blühender Fliederbusch. Links daneben beginnt der Garten des komisch rosafarben gestrichenen Hauses an den Gleisen.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda schwingt ihr Bein über das Fahrrad und bringt ihr Fahrrad vor </span><span lang="DE">den Unmassen an anderen Fahrrädern zum Stehen. Sie scheinen ihre eigenen Reihen zu bilden. Sie sind Hinterbliebene längst vergangener Mitbewohner und Sprösslinge frischer Neuankömmlinge. Tagein, Tagaus richten sie ihren Blick auf die Bahngleise hinter dem Zaun. Lehnen sich aneinander an und lauschen dem Leben der Bewohner hinter ihnen. Frieda dreht sich um, während sie ihren unordentlichen Dutt richtet, aus dem die langen Haare wieder anfangen herauszufallen. Vor ihr, auf dem kleinen Stück Dreck, sitzen die Bewohner des Hauses Nummer Sechs auf alten Plastiksitzgelegenheiten. Sie ruft ein gemütliches „Hey“ in die Runde und grinst. Niemand schaut sie komisch an, fragt sie was sie hier wolle. Man kennt sich. Sie läuft an Harry und Peter und Mimi und Fine vorbei, die wie immer tief im Kartenspiel stecken und all ihre Konzentration auf den nächsten Zug richten. Die Füße ruhen im Dreck, stecken in Schlappen und dicken Socken. Die Beine sind in Jogginghosen gewickelt und die Oberkörper in mehrere Schichten bunte Kleidung eingepackt, denn die Sonne hat es noch nicht ganz geschafft ihre wärmenden Strahlen auf die Bewohner:innen zu richten. </span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda läuft mit Schwung durch die durchgehend geöffnete Haustür, die nur im Winter bei Minusgraden geschlossenen ist. Fünf Treppenstufen später steht sie vor der Wohnungstür zu der sie wollte. Sie dreht den Schlüssel, der im Schloss steckt. Immer im Schloss steckt, denn irgendjemand ist immer da. Das letzte Mal, als sie geklingelt hat, ist ewig her. Die Mitbewohnerin meinte nur irgendwann: „Mach dir die Türe doch ruhig selber auf“. Seitdem öffnet sie sich die Tür selbst. Sie späht den Flur hinunter, kann aber nicht das entdecken, was sie gesucht hat. „Bist du daheim?“, schreit sie, zieht dabei ihre Schuhe aus und lässt den Rucksack von der Schulter gleiten. Die Tür zum ersten Zimmer steht sperrangelweit offen, auf dem Fenster wiegen sich die Blätter der jungen Avocadobäume in einer leichten Briese. Führen einen Tanz auf, in dem Zug zwischen Haustür, Wohnungstür und Fenster. Frieda schmeißt ihren Rucksack ins Zimmer und macht sich auf die Suche nach ihm. </span></p><p> </p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">„Erwin?“, schreit sie durch den Flur. </span></p>								</div>
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									<p><span lang="DE">Ihre Füße stecken im Dreck. Graben sich mit den Zehen immer tiefer, bis jeder Zeh mit einer hellbraunen Schicht bedeckt ist. Ihre Mutter hätte ihr das verboten. Früher im Garten, da durfte sie nie barfuß gehen. „Bienen, Scherben, wer weiß was da alles rumliegt“, hat ihre Mutter gesagt. Aber hier ist es egal, wie viel Dreck sie an ihren Füßen hat. Oder ob sie mit dreckigen Füßen ins Haus läuft. Hier kann sie sein, wie sie will. Auf einmal rauscht ein angebissener Apfel gegen ihren Kopf. Sie reibt sich über die leicht schmerzende Stelle und dreht sich um. „Du Arsch!“, ruft sie und schmeißt den Apfel dahin zurück, wo er hergekommen ist. Die anderen sitzen um sie herum und lachen, als das Stück statt Erwin den alten Schuppen trifft. Erwin lacht laut auf. Frieda streckt dem Übeltäter die Zunge raus und legt sich zurück in das Gras. Hände hinter dem Kopf verschränkt, Blick auf den blauen Himmel über sich gerichtet. Um sie herum ist milder Trubel, immer mehr Bewohner kommen aus den Wohnungen in den Garten und setzen sich auf die Wiese neben sie oder fläzen auf abgewetzten Sitzmöbeln, die irgendwer schon vor zehn Jahren als zu schäbig für den eigenen Garten empfunden hatte. „Bloß nicht auf die frisch angesäte Wiese mit den Gartenmöbeln!“, wie immer mal wieder eine Stimme schreit, sollte jemand wagen das zu vergessen. Zum Glück waren die Möbelsenioren hier an einer guten letzten Ruhestätte angekommen. Obwohl Ruhestätte vielleicht das falsche Wort für diesen Ort ist, denn eigentlich ist es hier selten leise. Während sie die Wolken vorüberziehen sieht, überlegt Frieda wie viel ihrer Lebenszeit sie wohl an diesem Ort, dem Haus mit dem großen kleinen Garten verbracht hat. Tage? Wochen? Und das, obwohl sie doch eigentlich immer nur zu Besuch ist. </span></p>
<p><span lang="DE">Ein schrilles Fiepen reißt Frieda aus ihren Gedanken. Baron steht an der großen Musikbox und versucht zum hundertsten Mal seine neue Spotify Playlist abzuspielen. Hinter ihm spitzt Blitzi um die Ecke des Hauses, die braunen Haare in zwei kleine Dutts gewickelt, und kommt mit schwingenden Schritten auf die Kartenspieler in der Mitte des Gartens zu. Frieda setzt sich auf und lässt ihren Blick durch den Garten wandern. Ganz auf der anderen Seite, noch hinter Baron, schraubt Bert an einem der alten Fahrräder herum, dreckige Hände und einen Kopf voller wilder Dreadlocks, die hinter den umgedrehten Rädern verschwinden. Auf der Wiese, die sich noch gar nicht lange als Wiese bezeichnen darf, liegen die anderen Gesellen, inklusive Erwin und spielen ein Spiel nach dem anderen.</span></p>
<p><span lang="DE">„Kurt, geh runter von dem Polster!“, schimpft Inge den großen Braunhaarigen, der sich gerade mit Wucht zu ihr auf das rot-braune Sitzposter geschmissen hat. Kurt kann nicht umhin, die Vorlage für eine Show anzunehmen. So springt er wieder auf, landet auf beiden Beinen, stützt die Hände auf die Knie und schaut angriffslustig in die Runde. Er Klopft sich mit den Fäusten an die Brust und macht Affengeräusche dazu. Die Diskokugel, an dem alten korsetttragenden Apfelbaum über ihm wirft kleine Lichtfunken auf Kurt, der sich nun seinen Weg zum Spieletisch bahnt. Halb laufend, halb hopsend. Kurz vor dem Tisch entscheidet er sich anders und klettert behände auf das Dach des kleinen Gartenhäuschens, überwuchert von Efeu und beinahe am Zusammenfallen, aber nur beinahe. Irgendjemand hatte sich eine halbe Mühe gemacht und versucht das Dach zu flicken, scheiterte an der eigenen Lustlosigkeit und so öffnete sich kurz danach an einer anderen Stelle ein weiteres Loch. Kurt findet seinen Weg um die Löcher herum und schwingt sich an die Vorderkante des Häuschens. Dreht seinen Kopf nach links und nach rechts, bevor er seinen Blick mittig auf das zweite Fenster in der untersten Reihe vor ihm fokussiert. Giesis Kopf schiebt sich langsam durch das Küchenfenster und ihre kurzen weißblonden Haare reflektieren das Licht der Sonne fast so sehr wie die Diskokugel im Apfelbaum. Auch sie schaut nach links und nach rechts, entdeckt schließlich Kurt auf der Hütte und bleibt mitten in ihrer Bewegung stehen. Einen kurzen Blickwechsel später kommt ein Knurren aus Kurts Hals und er schreit: „Futter!!!“ </span></p>
<p><span lang="DE">Rund um Frieda versetzt sich alles in Bewegung. Darauf haben die knurrenden Mägen seit einer Stunde gewartet. Die Spieler in den Kreisen schrecken hinter ihren Spielkarten hervor und packen sie eilig zurück in die Schachtel. Die Menschen rund um die Lagerfeuerstelle stehen langsam und gemächlich aus ihren Sitzmöbeln auf, packen das Plastiketwas, auf dem sie saßen, in eine Hand und die noch halbvolle Bierflasche in die andere. An dem Kartenspieltisch, mitten auf dem Stück Dreck, werden die Schafkopfgewinne in die jeweilige Hosentasche gesteckt und die Karten gleich mit dazu. Stühle werden verrückt und Tische herbeigetragen. Kurze Zeit später steht die Tafel. Giesi, Mauri und Lenni tragen die großen Kochtöpfe voll duftendem Essen aus der unteren rechten WG nach draußen. Wieder andere holen das Geschirr aus der linken WG und so ist nach wenigen Minuten auch die Tafel gedeckt, die Plätze eingenommen und die Kellen stecken in den designierten Töpfen. Das Festmahl kann beginnen. </span></p>
<p><span lang="DE">Frieda genießt das Spektakel vor sich. Sie Lässt alle Leute aufspringen und die große Tafel aufbauen. Der Tisch, an dem alle einen Platz haben sollen. Bewohner:innen, wie nicht Bewohner:innen. Alle sind willkommen. Irgendwer wird schon zur Seite rücken und Platz machen. Schon wieder schleicht sich ein Lächeln auf Friedas Wangen. Irgendwo im Haus wird noch ein letzter Fensterladen aufgestoßen, bevor die Person dahinter die Treppe in den Garten hinunterrast. Selbst die Fensterläden sind individuell, gleichen den Menschen, die hinter ihnen wohnen. </span></p>
<p><span lang="DE">An der Stelle, an der eben noch die letzten Sonnenstrahlen auf Friedas Gesicht geschienen haben, breitet sich auf einmal Schatten aus. Frieda schaut auf die nackten Füße vor sich, die haarigen Beine und schließlich auf eine ausgestreckte Hand. „Futter“, sagt Erwin, mit einem Blitzen in den Augen, und zieht Frieda hoch.</span></p>
<p></p>
<p><span lang="DE">Bert und Baron machen auf der blauen Plastiksitzbank Platz und Frieda kann sich gerade so noch mit hin quetschen. Von der anderen Tischseite wird ihr ein Teller rübergeschoben und irgendjemand steckt ihr eine Gabel in die Hand. Semmelknödel landen auf dem Teller und dazu viel Blaukraut und ein bisschen Rahmsoße. Die Kochfreudigen haben sogar für zwei verschiedene Salate gesorgt. „Jemand noch eine Gabel über?“, fragt Erwin in die Runde. „Nö sind keine mehr da, aber du kannst meine haben,“ sagt Leo, der zu Erwins anderer Seite sitzt, und fügt ein genuscheltes „Ich bin eh schon fertig“ dazu. Während Frieda sich eine Gabel voll mit all dem guten Essen in den Mund steckt, schaut sie kurz in die Runde. Alle futtern und reden abwechselnd, die Stimmung am Tisch ist ausgelassen. Schließlich ist das einer der ersten Frühlingstage, an denen alle draußen gemeinsam essen können. Obwohl sich selbst im Winter manchmal fünfzehn Leute in einer Küche wiederfinden, in der normalerweise Fünf ihr Essen zubereiten und einnehmen. Für alle gibt es einen Platz. Erwin lehnt sich im Stuhl zurück und legt den Arm auf die Plastikbank hinter Frieda. Er reibt sich zufrieden über seinen Bauch und fragt in die Runde: „Wer will ein Bier?“. Fünf Arme gehen hoch. Mit einem Seitenblick auf Frieda sagt er: „Sieben Bier, kommen sofort.“</span></p>								</div>
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									<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Über den Köpfen der Bewohner:innen und Nicht-Bewohner:innen flackern die Birnen der langen bunten Lichterkette auf. Giesi hat die Lichterkette eingesteckt und fängt langsam an, den Tisch abzuräumen. Alle scheinen aus ihrer Trance zu erwachen und jeder packt mit an. Teller stapeln und das Besteck in den nun leeren Töpfen sammeln. Spülmaschinen anschmeißen und was nicht reinpasst wird von Hand gespült. Frieda hilft, Töpfe zu spülen. Auf Friedas anderer Seite klappern Leo und Giesi mit den Kühlschranktüren, führen einen Tanz in der Küche auf, voreinander und nebeneinander. Aneinander vorbei und doch miteinander. Als Kurt in der Küchentüre steht steigt er auch mit ein und die drei Mitbewohner lachen, singen und tanzen. Frieda wird mitgerissen und wackelt mit dem Spülschwamm in der Hand mit. Sie stellt die letzte Schüssel aufs Abtropfgestell, gerade als Erwin von draußen den Kopf durchs Fenster steckt: „Feuer ist an, Leute“. „Ab nach draußen“, brüllt Kurt und die braunen Locken hüpfen genauso um den Kopf herum wie seine Beine, die ihn nach draußen tragen. </span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE"> </span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Die Menschen sind ein bisschen weniger geworden und alle die noch am Feuer sitzen, haben mindestens zwei Pullis und eine Jacke an und selbst wenn jemand keine hat bekommt man irgendwo her eine gereicht. Das Feuer brennt munter unter dem alten Apfelbaum und wärmt die Gesichter, die fröhlich ins Feuer starren. Fast wie damals vor drei Jahren, als der ganze Keller von altem Krempel befreit wurde und daraus einer der erinnerungswürdigsten Abende in Friedas Kopf entstand. Fernseherverpackungen und alte Zeitungen wurden gleichermaßen auf ihren eigenen Scheiterhaufen geworfen. Nur die vergilbten Pornohefte, die irgendwer aus der letzten Ecke des Kellers herausgezogen hatte, wurden einmal im Kreis gereicht. Der Keller wusste damals noch nicht, was ihm bevorstand. Dass er für kleine und große und riesengroße Partys sorgen wird. Dass er für unvergessliche Erinnerungen sorgen wird. Dass neben zahllosen unglaublichen und aberwitzigen Geschichten auch ganz andere Dinge entstehen werden. Zarte und grobe Teile, Freundschaften und Beziehungen.</span></p><p> </p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bert hat mittlerweile fertig gedreht, was auf seinem Schoss lag und gibt weiter, sodass jeder etwas abhaben kann. Im Kreis wandert es weiter und weiter, bis Giesi den letzten Zug nimmt. Sie schaut mit beiden Augen fest ins Feuer, als wäre sie damit innerlich verbunden. Schweigt und lässt auch Frieda schweigen, die sich genauso wenig vom Anblick des Feuers losreißen kann. Selbst Baron gegenüber, der so gerne große Reden schwingt, starrt geistesabwesend ins Feuer. Das Knistern des Feuers ist für kurze Zeit das einzige Geräusch zwischen dem Dutzend Menschen. An keinem Ort können so viele Menschen zur gleichen Zeit schweigen wie hier. Obwohl man sich nicht kennt oder nicht gut kennt oder sich sehr gut kennt. Frieda hat gelernt wie es ist, einfach inmitten von anderen Menschen zu sein und nichts zu sagen. Gemeinsam nichts zu sagen bis irgendwo her wieder ein Satz in die Runde geschmissen wird. </span></p>								</div>
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									<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda schmeißt ihren Rucksack in den Fahrradkorb ihres Klapprads.  Ein paar letzte Bewohner:innen und Nicht-Bewohnerinnen sitzen über dem immer kleiner werdenden Feuer. Langsam schiebt sie ihr Fahrrad rückwärts aus der Fahrradkolonie. Währenddessen fängt das Vorderlicht an schwach zu flimmern. „Danke Bert“, denkt sie sich im Stillen. Er hatte innerhalb von 5 Minuten die Lösung gefunden, über die sie mehrere Tage gebrütet hatte. „Einfach den Stromkreis schließen“, waren die einzigen Worte, die er dazu verloren hatte. Während sie ein Bein auf die andere Seite des Fahrrads schwingt, wirft sie einen letzten Blick nach oben. Manche Zimmer sind hell erleuchtet. Andere schon lange dunkel. Fensterläden werden zugezogen und auf den Balkonen werden die letzten Lichterketten ausgesteckt. Frieda atmet tief ein. Atmet ein letztes Mal für diesen Tag, der eigentlich schon der nächste ist, die Luft im Garten des komisch rosafarben gestrichenen Hauses direkt neben den Gleisen und rollt aus dem Hof.</span></p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2022/05/gartengeraeusche/">Gartengeräusche</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Wenn junge Menschen sterben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Charlotte Theis]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Jul 2021 08:00:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dieser Text thematisiert Trauer und Verlust. Jeder Mensch trauert anders. Hier gibt es kein richtig und falsch. Das hier ist nur eine Geschichte von vielen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/07/wenn-junge-menschen-sterben/">Wenn junge Menschen sterben</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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						<span class="elementor-alert-title">Triggerwarnung</span>
			
						<span class="elementor-alert-description">Dieser Text thematisiert Trauer und Verlust. Jeder Mensch trauert anders. Hier gibt es kein richtig und falsch. Solltest du Hilfe bei der Auseinandersetzung und Bewältigung deiner Trauer brauchen, findest du am Ende des Artikels Anlaufstellen.</span>
			
			
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									<p>Ich rede kaum mit meinen Freunden oder meiner Familie über seinen Tod. Ich habe das Gefühl, dass die meisten überfordert sind. Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen und gucken höchstens mitleidig oder reagieren gar nicht. Der Tod an sich ist schon ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Was komisch genug ist, schließlich ist er fester Bestandteil des Lebens und das, was das Leben erst lebenswert macht. Wir alle wissen, dass das Leben irgendwann endet &#8211; und zwar ein jedes Leben. Und trotzdem versuchen wir gekonnt diesen Teil unserer Wirklichkeit auszublenden und zu ignorieren. Wenn eine Oma oder ein Opa stirbt, selbst dann sind schon viele überfordert mit den Beileidsbekundungen. Aber oftmals können sie die Trauer trotzdem nachempfinden, weil sie schon mal in einer ähnlichen Situation waren oder die Situation von anderen kennen. Es ist nun mal „normal“ das alte Menschen irgendwann sterben. Dann kann man trösten mit „Er oder sie hatte ein langes und erfülltes Leben und das ist doch gut so“ oder man erinnert die Trauernden an die ganzen schönen gemeinsamen Momente und Erinnerungen und dass man dankbar für diese sein sollte. Wenn jedoch ein junger Mensch stirbt, sind alle überfordert. Es ist weder „normal“ noch etwas mit dem man gelernt hat umzugehen. Man kann weder sagen „Er hatte doch ein langes, erfülltes Leben“ noch „Ihr hattet genug schöne Momente zusammen“. Wenn schon der Tod ein Tabuthema ist, dann ist der Tod von jungen Menschen und der Umgang damit ein noch viel Größeres.</p><p><b>Deswegen beschloss ich einfach gar nicht darüber zu reden.</b> Ich hatte die mitleidigen Blicke und die unangenehme Stille satt und sowieso das Gefühl, dass die anderen niemals verstehen könnten, wie sich so etwas anfühlt. Dabei hätte ich manchmal so gerne von ihm erzählt. Dass er nicht nur ein guter Freund war, sondern wie mein großer Bruder. Dass er mich immer „Kleine“ nannte und ich ihn „Großer“. Dass wir uns jedes Mal, wenn wir uns sahen, neckten und kitzelten und vor allem uns angrinsten und lachten. Er redete zehnmal so viel wie ich, aber war trotzdem ein guter Zuhörer. Er ging in seiner Rolle als „großer Bruder“ auf. War stolz darauf, als er mir anbot mich von Partys abzuholen, da er ja schon Auto fahren konnte. Ich liebte es mit ihm Auto zu fahren. Jeden Tag holte er mich zu Hause ab und wir fuhren zur Schule. Wir kannten uns von klein auf, waren zusammen groß geworden und verstanden und mochten uns. Er gehörte zur Familie dazu, schaute immer mal wieder bei uns vorbei, brachte nach seinem alljährlichen Urlaub auf Texel Käse für meinen Vater mit und plauderte oft mit meiner Mutter. An unserem letzten Telefonat war er fröhlich – so wie immer, auch wenn man in seiner Stimme eine leichte Ernüchterung hören konnte. Er blieb optimistisch (Was bleibt einem auch anders übrig?) und teilte uns mit, dass die Ärzte meinten, wenn die Tumore einfach nicht weiterwachsen würden, dann könnte er ohne größere Beschwerden weiterleben. Die Chemo hatte ihn fast umgebracht – er hatte sie nicht vertragen und sie musste abgebrochen werden. Jedoch war er so felsenfest davon überzeugt, dass die Tumore aufgrund der zumindest angefangen Therapie nicht weiterwachsen würden, dass ich ihm glaubte und versuchte, jegliche andere Versionen der Geschichte zu verdrängen. Ich war mittlerweile nach Augsburg zum Studieren gezogen und ich liebte es. Er wollte mir eigentlich beim Umzug helfen (Sowas macht man doch für seine kleine Schwester), doch schaffte es zeitlich nicht, was ihn mitnahm und was er zutiefst bedauerte. Dafür versprach er mir, er würde mich bald besuchen kommen und ich versprach ihm, er würde es hier mögen. Doch sein Zustand wurde schlechter und auch wenn er es sich vor mir nicht anmerken ließ, so bekam ich es doch durch meinen Bruder oder meine Eltern mit. Das machte mir eine riesige Angst und ich weinte nachts viel – konnte mich aber niemanden anvertrauen. In Augsburg waren alle freundlich und offen, aber sie waren fremd, kannten ihn und seine Geschichte nicht und hätten es auch nach Erklärungen nicht begreifen können. Deswegen blieb ich still und lenkte mich ab mit Feiern gehen und ins neue Leben stürzen.</p><p><b>Wahrscheinlich wusste ich tief in mir drin schon, dass er vielleicht sterben könnte, doch ich ließ die klare Formation dieses Gedankens nicht zu und schluckte es runter, bis er tief in mir zu einem kleinen schwarzen Punkt schrumpfte. </b>Dann kam Covid. Wie die meisten meiner Kommilitonen reiste ich zurück nach Hause und verbrachte den ersten Lockdown dort bei meinen Eltern. Er lag im Krankenhaus und ich hatte ihn schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen, sehnte mich danach und fürchtete es zugleich. Das spielte jedoch keine Rolle, denn aufgrund der Pandemie war ein Treffen mit ihm sowie nicht erlaubt. Der Krebs hatte sich bis in seine Lunge vorgekrochen und machte ihn zum Risiko-Patienten. Der schwarze Punkt in meinem Inneren wurde immer größer, bis ich es fast nicht mehr aushielt und trotzdem verdrängte ich die Angst und die Tatsache, dass auch junge Menschen, Menschen mit denen du aufwächst, Menschen, die so alt sind wie du, im Sterben liegen können.</p><p><b>Der Tag an dem der schwarze Punkt platzte, war sein Geburtstag. </b>Ich überredete meine Eltern dazu mit mir in einer Sprachnachricht „Happy Birthday“ zu singen. Er bedankte sich und schickte einen lächelnden Smiley – alles wie immer, redete ich mir ein. Doch die Angst kroch wieder in mir hoch und deshalb fragte ich ihn, wie es ihm ging. Schon während ich es schrieb, hatte ich Angst vor der Antwort, obwohl ich gleichzeitig eine „Alles gut“-Nachricht von ihm erwartete. Er antwortete erst am nächsten Tag und es war nur ein einziges Wort, ohne Smiley und ohne Optimismus, ohne Fröhlichkeit und so wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Er antwortete: „Beschissen“. Das Wort brannte sich in mir ein und der schwarze Punkt in mir kam zum Platzen, denn ab da war es unabwendbar, dass er sterben würde. Das war nicht der Mensch, der mich immer beschützen wollte und seine Schmerzen vor mir verbarg. Er konnte nichts mehr vor mir verbergen, denn es war klar, dass er uns verlassen würde. Und daran gab es auch nichts zu beschönigen: Das ist beschissen. Beschissen für ihn. Beschissen für seine Familie, seine Freunde und seine Freundin und ja, es war beschissen für mich. Ich konnte ihn aufgrund der Pandemie immernoch nicht besuchen. Es war sein 23. Geburtstag gewesen, an dem er mir durch ein einziges Wort offenbart hatte, dass er sterben würde. Und ich habe jetzt schon Angst vor dem Tag, an dem ich älter sein werde als er. Bin ich dann noch die Kleine und er der Große? Wenig später, im April 2020 starb er, inmitten einer weltweiten Pandemie.</p><p><b>Dies war der Beginn einer Trauerphase, die von Verzweiflung, Verwirrung und Schmerz geprägt war. </b>Zu Anfang konnte ich es nicht realisieren und tröstete alle um mich herum, ohne selbst eine Träne zu weinen. Ich hatte das Gefühl nicht abschließen zu können, hatte mich nicht verabschieden können und die Pandemie hatte uns die Chance auf eine Teilnahme bei der Beerdigung unseres besten Freundes genommen. Wie realisiert man, dass jemand gestorben ist, den man so lange nicht gesehen hatte, aber der doch immer da war? Wie realisiert man, dass jemand gestorben ist, der mit dir aufgewachsen ist, der so alt ist wie du, der Pläne hatte, eine Zukunft? Wie realisiert man das? Er gehörte schon immer zu mir und meinem Leben. Es kam für mich damals überhaupt nicht in Frage, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Wir sind zusammen groß geworden und würden auch gemeinsam alt werden. Aber das wird nie passieren. Manchmal ist das Leben eben beschissen und manchmal passieren Dinge, die weder „normal“ sind noch eingeplant. Ich denke, das dies die simple Antwort auf die schwerwiegende, dich zerreißende Frage ist:</p><h6><b>Warum?</b></h6>								</div>
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									<p><strong>Ich weiß nicht, ob ich mich jemals mit dieser Antwort zufrieden geben kann. </strong>Denn der Tod eines jungen Menschen stellt alles in Frage. Wenn selbst dieser eine Mensch dich verlassen kann, dann kann das doch jeder? In keiner anderen Situation wird man so mit der Endlichkeit allen Lebens konfrontiert. Und mit der Unberechenbarkeit des Schicksals. Plötzlich findest du dich wieder, wie du alles in Frage stellst, wie du vergeblich den Sinn in Alltäglichkeiten suchst, wie dir alles egal und dann doch wieder alles zu viel ist. Ich war verloren und verwirrt und verletzt und ich hatte das Gefühl allein damit zu sein, denn: Der Tod eines jungen Menschen ist nichts, was man mal so eben zwischen einer Kaffeepause und der nächsten Online-Vorlesung anspricht.</p>								</div>
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									<p><b>Ich hatte Angst davor, dass Leute denken würden, ich übertreibe in meiner Trauer</b> – schließlich gab es Menschen, die ihm noch viel nähergestanden hatten. Ich hatte Angst vor komischen Reaktionen, vor Unverständnis und vor Überforderung. Also googelte ich nachts „Besten Freund verloren“ und fand nur Blogbeiträge über Teenager, die davon erzählten, dass sie sich furchtbar mit ihrer besten Freundin gestritten hatten. Ich weinte nachts und unterdrückte das komische Gefühl tagsüber, wenn ich mich mit Freunden traf und mich fragte, warum ich all diese schönen &#8220;Jungen-Menschen-Aktivitäten&#8221; erleben durfte und sie ihm verwehrt blieben. Ich las beinahe täglich unsere alten Chatverläufe und konnte es nicht fassen, als sein Instagram-Account eines Tages spurlos verschwunden war. Ich schrieb Gedichte über das Vergangene und über meine abhanden gekommene Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken. Ich ärgerte mich darüber, dass er immer derjenige gewesen war, der hinter der Kamera stehen wollte, sodass ich kaum Fotos von uns gemeinsam hatte. Ich besuchte sein Grab und redete mit ihm, weinte und beobachtete ein kleines Glühwürmchen, dass über dem Schriftzug seines Namens hin und her schwebte.</p>								</div>
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									<p><strong>Und irgendwie ging es weiter.</strong> Denn das ist die Wahrheit. Menschen werden geboren und Menschen sterben und Menschen haben keinen Einfluss darauf, wann dies geschieht. Und auch wenn das Leben beschissen sein kann, auch wenn es bergab und bergauf geht, so geht es nun Mal weiter und weiter und weiter. Ich könnte jetzt sowas schreiben wie „Macht das Beste draus“ oder „Er hat das Beste draus gemacht“, aber das will ich gar nicht. Ich rege mich oft über diese Filme auf, die auf dramatische Art und Weise die Leiden von Teenagern, die an Krebs erkranken, in eine fiktive Lovestory verpacken, bei der die erkrankten Jugendlichen etwas Großes bewegen, nochmal die Reise ihres Lebens machen oder bis zum Ende fröhlich und stark bleiben. Denn das ist Bullshit. Junge Menschen, die sterben, müssen nichts Großartiges bewegen oder erleben, nur damit die Gesellschaft ihren frühen Tod für sich rechtfertigen kann. Sie müssen auch nicht bis zum Ende kämpfen und positiv sein. Denn auch wenn es zum Leben dazu gehört, kann Sterben scheiße sein. Und ich bin es satt, dass das tabuisiert oder romantisiert wird. Sein Tod ist jetzt über ein Jahr her und ja, ich trauere immer noch ab und an und ja, es gibt Tage, an denen ich kaum an das, was passiert ist, denke und manchmal schäme ich mich danach deswegen und manchmal bin ich erleichtert. So ist das nun mal mit dem Tod. Ich versuche aufzuhören, es zu verstehen und manchmal halte ich inne und manchmal mache ich einfach weiter. Aber vor allem versuche ich mich daran zu erinnern, dass ich dabei nicht allein bin und es nie sein werde. Junge Menschen sterben auf der ganzen Welt und junge Menschen trauern auf der ganzen Welt. Das passiert und darüber muss geredet werden. Und wenn ich das nächste Mal nachts weinend in der Hoffnung auf Verständnis trauergeladene Wörter in meinen Browser tippe, dann wünsche ich mir Suchergebnisse, die Erfahrungen, Berichte, Gedichte und Konversationen darstellen, die echt sind und ehrlich und vielleicht traurig, aber letztendlich Mut machend.</p><p><strong>Vielleicht kann ich mit meiner Geschichte ja einen kleinen Beitrag leisten.</strong></p>								</div>
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						<span class="elementor-alert-title">Hier findest du Hilfe bei der Auseinandersetzung mit deiner Trauer:</span>
			
						<span class="elementor-alert-description"><b>Telefonseelsorge:</b> 0800/111 0 111

<b>Trauergruppe Augsburg: </b>0821/50 81 18 50 oder kontakt@trauma-praxis-augsburg.de

<b>Trauerbegleitung des Bistums Augsburg: </b>0821 / 3166 2611 oder kontaktstelle.trauerbegleitung@bistum-augsburg.de
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/07/wenn-junge-menschen-sterben/">Wenn junge Menschen sterben</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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