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	<title>short story Archive | presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</title>
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	<description>Das Magazin für Studierende der Universität und Hochschule Augsburg.</description>
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		<title>Mord am Feuerwachturm &#8211; eine Kurzgeschichte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Elena Kovacevic]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Dec 2022 20:28:48 +0000</pubDate>
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									<p><span style="font-weight: 400;">Ich dachte das hier wäre ein Männerjob, nur deshalb hatte ich mich freiwillig gemeldet. Ich dachte auch nie, dass sie mich wirklich den Feuerwachturm hochschicken würden, und dann noch als eine der Ersten. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Da das Ganze für mich doch so spontan war, hatte ich nicht einmal die Möglichkeit mir auszudenken, wie ich die nächsten fünf Stunden hier verbringen würde. Ich sollte Ausschau halten und melden, wenn ich Rauch sah oder ein Feuer ausbrach. So wie ich diese Stadt kannte, würde heute nichts Interessantes passieren. Das letzte Feuer ist über acht Jahre her und das heißt was. Wundert mich eigentlich, dass dieser Job nicht abgeschafft wurde.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">In weniger als zwei Stunden würde jemand vorbeikommen und mir mein Abendessen bringen. Wenigstens darum musste ich mir keine Gedanken machen. Sitzmöglichkeiten gab es nicht viele. Nur ein einziger kleiner Holzstuhl, der mich kaum halten konnte und ehrlich gesagt wollte ich mit meinem Gewicht lieber nichts riskieren. Also stand ich, seit ich hergekommen war daneben und sah in die Ferne.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Vor mir erstreckten sich nach einer kleinen Landstraße, die ins Tal führte, kilometerlang Felder und Wiesen und der Frühling verfärbte alles in ein erfrischendes Grün. Dahinter lagen Wälder und ich erkannte Tannen und weitere Nadelbäume, dessen Namen mir nicht bekannt waren. Sie waren aber auch zu weit, um sie eindeutig identifizieren zu können. Ganz am Rande war dann das Gebirge, dessen Namen ich immer vergaß, doch ich wusste es reimte sich auf das Wort &#8216;Strauch&#8217;. Dumme Eselsbrücke, ich weiß,  aber wenigstens brachte sie manchmal doch was. Heute eher nicht.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Eine weitere Stunde verging und die Sonne verließ langsam ihren Thron. Mein Magen knurrte und ich musste an mein Essen denken. Hoffentlich bringt der Junge mir Kartoffeln oder Brot, etwas das satt macht. Um mich von diesen Gedanken abzulenken, sah ich wieder in die Landschaft, doch dort regte sich den ganzen Tag schon nichts. Um die Zeit zu vertreiben, entfernte ich den Schmutz unter meinen Fingernägeln, die von der täglichen Feldarbeit sowieso kaum noch als Nägel durchgingen. </span></p>								</div>
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									<p><span style="font-weight: 400;">Von unten kam Gelächter. Zuerst ignorierte ich es, doch es wurde schnell lauter. Ein Pärchen, beide noch ziemlich jung, liefen Händchen haltend den Weg entlang und bemerkten mich gar nicht. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Ich will nur ein schönes, einfaches Leben. Was ist daran falsch?“, sagte der Junge und ließ sich ins Gras fallen. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sie stand weiterhin am Rande des Wegs und sah zu ihm runter. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Ich meinte doch nur, du sollst mehr an deine Zukunft denken und nicht alles so gelassen sehen. Mehr sag ich doch gar nicht.&#8221; Das Mädchen ging in die Hocke. &#8220;Ich muss wissen, ob das mit uns so weitergeht“ </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Wie auch immer.“ Der Junge schnaufte aus und schloss seine Augen, ohne weiter auf das Gespräch einzugehen. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich konnte sogar von hier oben die angespannte Stimmung spüren. Wie schnell sich das ändert. Sie waren doch eben noch so glücklich verliebt unterwegs gewesen. Ich sollte eigentlich nicht mehr zuschauen, es ging mich schließlich nichts an. Ich wollte mich gerade zurückziehen als ich das Mädchen schreien hörte. Schnell war ich wieder am Geländer des Turms und sah wieder zu ihnen. Er hatte sie zu sich auf den Boden gezogen. Sie hatte es wohl nicht kommen sehen und ist ungeschickt hingefallen. Gut, nichts Schlimmes. Ich atme wieder auf und beobachte weiter. Mehr Entertainment würde es heute nicht mehr geben und jemand muss ja den Erwachsenen spielen und auf die Kinder aufpassen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Das Mädchen legte sich auf ihn und sie fingen an sich zu küssen. Ich unterdrückte meinen Ekel, konnte trotzdem den Blick nicht abwenden. Ich sollte nach Feuer Ausschau halten, nicht Teenagern beim Rumschmusen zuschauen. Er war nun über ihr und sie hörten nicht auf, bei dem was sie machten. Seine Hände glitten über ihren Körper und ich hörte sie stöhnen. Nun war mir das doch etwas peinlich, aber sie wussten ja nicht, dass sie beobachtet wurden. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Nein, nicht.“, ächzte sie unter seinem Gewicht und versuchte ihn wegzudrücken, doch er war wohl zu schwer. Mit einer Hand stütze der Junge, sich im Gras ab, mit der Anderen hielt er ihren Körper fest an sich gepresst.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Was ist denn nun los, meine Süße?“, lachte er und sie versuchte weiterhin sich loszulösen, erfolglos. Ich konnte die Lage nicht mehr richtig einschätzen und wurde nervös.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Seine freie Hand wanderte wieder ihren Körper hinauf und blieb an ihrem Hals stehen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Ach komm, dir gefällt das doch.“ Sie schüttelte den Kopf und er erwidert nur: „Letzte Nacht hast du noch was Anderes gesagt.“, bevor er anfing ihr mit seiner Hand die Kehle zuzuschnüren. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Sie schüttelte ihren Kopf noch heftiger als vorher und durch ihren Mund kamen nur gedämpfte Schreie raus. Ich wusste nicht, was geschah und was ich tun sollte. Seine Hand war immer noch fest um ihren Hals und nun nahm er auch die andere und drückte noch fester. Ich sah noch nie ein so erschrecktes und panisches Gesicht wie das des Mädchens in diesem Moment.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Weißt du was? Ich hab es satt andauernd deine dummen Kommentare zu mir und wie ich leben soll anzuhören. Ich möchte-” Er wurde lauter. “doch nur-” Noch lauter. “einen Moment-” der Junge stemmte sein ganzes Gewicht gegen seine Freundin. “Ruhe!“, schrie er in ihr laut in das blasse Gesicht. Ich sah ihre Beine zappeln und ihre dünnen Arme versuchten ihn von sich zu reißen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Abrupt sanken ihre Gliedmaßen zu Boden und das Schreien hörte auf. Es wurde still und ich versuchte keinen Mucks zu machen und unbemerkt zu bleiben. Mit zugepresstem Mund ging ich langsam einen Schritt nach hinten und setzte mich auf den Hocker, der etwas knautschte und ich zuckte zusammen. Ich hatte einen Mord beobachtet. Ich konnte es kaum fassen und traute mich nicht zu atmen, mich zu bewegen oder nochmal nach unten zu sehen. Nach dem Mädchen zu sehen. Dem jetzt toten Mädchen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Laute Schritte rissen mich aus meiner Trance und auf einmal hatte ich das Gefühl der Angst in meiner Brust. Jemand kam die Turmtreppe hoch und es konnte nur der Junge sein. Ich sah mich nach etwas um, das ich im Notfall als Waffe benutzen könnte, doch ich war ihm ausgeliefert. Seine Schritte wurden lauter und der er kam näher. Ich versuchte mich zu beruhigen und blieb still auf dem Stuhl sitzen. Und wartete. </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich tat so als hätte ich ihn nicht hochkommen gehört und beschäftigte mich wieder mit meinen Fingernägeln. Er war oben angekommen.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Diane Chapman?“, fragte er laut und ich sah erschrocken auf. Er setzte ein Lächeln auf und erst jetzt erblickte ich den Korb, den er bei sich trug. Er hielt ihn mir entgegen und sprach: „Ihr Abendessen. Brot, Aufstrich und etwas Gemüse. Ich hoffe, das passt.“ </span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich nahm den Korb entgegen und hielt seinen Blick, aber brachte kein Wort raus.. Ahnte er etwas? Ich war mir nicht sicher.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">„Na, dann. Schönen Tag noch.“, sagte er mit einem Lächeln und verschwand wieder.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. Schließlich stand ich auf und ging zum Geländer. Der Junge war schnell wieder unten, nahm das Mädchen an den Füßen und fing an ihren Körper Richtung Wald zu schleifen. Bevor ich unbemerkt wieder verschwinden konnte, begegnete der Junge meinem Blick und mir stockte der Atem.</span></p><p><span style="font-weight: 400;">Er hielt kurz an, winkte mir zu und lächelte wieder, bevor er und seine leblose Freundin im Wald verschwanden.</span></p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2022/12/mord-am-feuerwachturm-eine-kurzgeschichte/">Mord am Feuerwachturm &#8211; eine Kurzgeschichte</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Die Leiden des jungen Blobfischs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Blaschek]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Jan 2022 09:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine unterhaltsame Kurzgeschichte für zwischendurch. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2022/01/die-leiden-des-jungen-blobfischs/">Die Leiden des jungen Blobfischs</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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									<p>Sie erkannte an den fest zusammengepressten Lippen, dass Ärger im Anmarsch war. Ärger hatte zwei Sekunden zuvor die Tür ruckartig aufgestoßen. Sie stand nackt vor ihm und rubbelte sich mit einem Handtuch die Haare trocken. Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Er verharrte kurz, und für den Bruchteil einer Sekunde nahm sein Gesicht einen liebevollen und sehnsüchtigen Ausdruck an. Sie liebte es, wenn er sie so ansah. Dadurch fühlte sie sich jedes Mal wie Aphrodite persönlich. Die zusammengepressten Lippen kehrten schneller als ihr lieb war, zurück.</p><p>„Hast du die Balkontür aufgelassen?“</p><p>Eine eindeutige Drohung schwang in dieser lapidaren Frage mit.</p><p>„Kann schon sein, keine Ahnung.“ Sie zuckte die Schultern und schlüpfte in ihren Bademantel. Ein ungläubiges Schnauben entwich ihm und er starrte sie hasserfüllt an. Packte der‘s noch?</p><p>„Was ist bitte dein Problem? Du kommst hier rein und schnauzt mich grundlos an. Bis eben hatte ich gute Laune. Schönen Dank auch.“</p><p>Seine Augen formten sich zu Schlitzen. „Eine einfache Frage, Nathalie. Hast du die Balkontür offengelassen oder zugemacht, bevor du duschen gegangen bist?“</p><p>Sie sah es gar nicht ein, ins Kreuzverhör genommen zu werden. „Hallo? Es ist eine fucking Tür. Draußen hat es 40 Grad im Schatten und hier drinnen kochen die Zimmerpflanzen sich selbst ein. Es macht keinen Unterschied, ob die blöde Tür offen oder zu ist!“</p><p>„Dein verdammter Kater hat meinen Ferdinand ermordet!“ Er brüllte sie beinahe an. Für einen kurzen Augenblick war sie sprachlos. Emil stürmte ohne ein weiteres Wort aus dem Badezimmer. Sie rannte ihm hinterher. „Hey, jetzt warte mal. Das kann doch gar nicht sein.“</p><p>In einer dramatischen Bewegung wirbelte er herum. „Ach ja? Und was ist dann das da?“ Er zeigte auf ein Stück Küchenpapier auf dem Esstisch. Sie trat näher und inspizierte den bewegungslosen Fisch, der darauf lag. Der Bauch war aufgeschlitzt, das Ding regte sich nicht mehr. Die Beinchen standen reglos vom Körper weg. Obwohl sie diese glitschigen Viecher verabscheute, überrollte sie eine Welle aus Mitleid. Sie sah zu dem Aquarium an der Wand. Dort paddelten die anderen drei Haustiere ihres Freundes vor sich hin; ahnungslos, dass sie ihren Kumpanen nie wieder sehen würden.</p><p>Sie wollte Emil trösten, doch der durchbohrte sie mit eiskalten Blicken. „<em>Du</em> bist daran schuld. Du und dein vermaledeiter Flohzirkus.“</p><p>Seine haltlosen Anschuldigungen ließen Wut in ihr hochkochen.</p><p>„Er ist nicht mein Kater und das weißt du ganz genau. Außerdem ist hier noch gar nichts bewiesen. Und überhaupt hast du noch drei andere Blobfische, also warum regst du dich eigentlich so auf?“</p><p>„Das sind keine Blobfische! Das sind Axolotls!“</p>								</div>
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									<p>Nun schrien sie sich wirklich an. Die Nachbarn würden jedes Detail ihres Streits mitbekommen. Nicht, dass es die beiden gekümmert hätte.</p><p>„Meine Güte, es sind einfach nur Fische. Hör auf, sie wie Familienmitglieder zu behandeln.“</p><p>„Axolotls sind aquatil lebende Amphibien! Und das sagt gerade die Frau, die die Drecksviecher vom Nachbarn anfüttert, um mit ihnen Geisterbeschwörungen zu veranstalten.“</p><p>Nathalie stürmte wutentbrannt zur Balkontür und rüttelte wie eine Wahnsinnige an der Klinke. Sie war fest verschlossen, auch wenn das wahrscheinlich daran lag, dass Emil sie nach dem Vorfinden des Massakers geschlossen hatte.</p><p>„Guck. Ich hab die blöde Tür nicht aufgelassen, verdammt! Und Milo kommt um diese Uhrzeit gar nie auf unseren Balkon!“</p><p>„Die Tür war offen, als ich Ferdinand gefunden habe!“</p><p>„Das ist kein Beweis, dass Milo es getan hat!“</p><p>„Dieses Vieh hat meinen Axolotl auf dem Gewissen!“</p><p>Ohne ein weiteres Wort riss sie die Balkontür auf und schmiss sie hinter sich wieder ins Schloss. Das Glas trennte sie nun, doch die unausgesprochenen Vorwürfe und Wutschreie sickerten ungefiltert hindurch. Einen Augenblick lang starrten sie sich mit funkelnden Augen an. Sie konnte nicht fassen, wie kindisch er sich benahm. Er konnte nicht fassen, wie sie dreist jegliche Schuld abstritt. Nathalie drehte sich auf dem Absatz um und begann nach Milo zu rufen. Ein schmales Holzbrett führte vom Balkongeländer steil nach unten auf die Wiese. Sie hatte es dort befestigt, damit Milo zu ihnen hinaufgelangte. Ein kurzer Gewissensbiss packte sie. Nein. Sie würde jetzt nicht nachgeben und um Verzeihung heischend auf dem Boden herumkriechen. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben. Es war bloß ein blöder Fisch. Bekam man für 5€ das Stück in der Tierhandlung. Emil hatte kein Recht, sie so anzufahren.</p><p>Milo erschien nicht. Dafür ein wutschnaubender Emil im Türrahmen.</p><p>„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ Seine Stimme war kaum mehr ein Knurren. Wütend schoss sie zurück: „Du hast ihm bestimmt etwas angetan, gib’s zu! Du widerlicher Katzenhasser. Milo ist für dich immer an allem schuld.“</p><p>Sie steigerte sich so sehr hinein, dass sie eine riesige Emotionswelle überrollte. Eine irrationale Angst befiel sie und sie verspürte den Drang, irgendetwas nach Emil zu werfen. Irgendetwas schweres und kantiges.</p>								</div>
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									<p>„Willst du mich verarschen? Der hockt jetzt irgendwo im Schatten und leckt sich genüsslich die Pfoten. Aber klar, ich bin hier der Böse! Dir ist es doch scheißegal, dass ich das Vieh noch nie ausstehen konnte. Dir ist immer alles scheißegal, wenn es um mich geht. Wieso solltest du auch Kompromisse machen? Ich bin ja nur dein Freund.“</p><p>Er redete sich so in Rage, dass kleine Tröpfchen Spucke aus seinem Mund sprühten.</p><p>„Ah super, jetzt packen wir also die Strohmann-Argumente aus. Weißt du was? Du bist ein Riesen Arschloch. Ich wollte deine blöden Blobfische auch nicht in unserer <em>gemeinsamen</em> Wohnung haben. Aber wurde ich gefragt? Natürlich nicht. Sorry, dass ich mir mein eigenes Haustier gesucht habe!“</p><p>„Es ist nicht mal dein Haustier! Er gehört unseren Nachbarn und ist dort bestens versorgt. Kein Wunder, dass du das noch nicht mitgekriegt hast. Du lebst ja in deiner eigenen, egozentrierten Welt!“</p><p>Das war so unerhört, dass sie nur atemlos schnauben konnte. Doch gleich darauf fand sie ihre Stimme wieder: „Das sagt gerade Mr. &#8216;Meine-Persönlichkeit-besteht-aus-BWL-und-Axolotls&#8217;! Wie kann man nur so unfassbar langweilig sein?!“</p><p>Hätten seine Blicke töten können, läge sie jetzt neben dem aufgeschlitzten Axolotl auf dem Küchentisch. Wortlos drehte er sich um und verschwand im Schlafzimmer. Sollte der doch angepisst sein. Dämlicher Spießer. Fucking Langweiler! Sie trat heftig gegen den Holzstuhl. Er knarzte leidend. Super! Noch so ein Weichei.</p><p>Frustriert ließ sie sich darauf fallen. Stur wie ein Esel nur wegen eines blöden Fischs. Sie verschränkte die Arme und starrte bitterböse vor sich hin. Ganze zehn Minuten gelang ihr das prima. Sie musste sich lediglich Emils Anschuldigungen wieder und wieder ins Gedächtnis rufen. Das Ding mit der Wut war, dass sie wortwörtlich verrauchte, wenn man ihr ein Ventil gab. Und das hatte sie zur Genüge bekommen. Es passte Nathalie nicht in den Kram. Am liebsten hätte sie diesen hasserfüllten Zustand für immer aufrechterhalten. Was fiel diesem Vollidioten ein, sie so anzugehen? Dazu hatte er kein Recht. Egal, wie verletzt er eventuell, vielleicht, wahrscheinlich gewesen war.</p><p>Das kurzangebundene „Miau“ zu ihrer Linken holte sie aus ihrer Starre. Milo strich schnurrend um ihre Knöchel. Sie hob den Kater auf den Schoß und inspizierte ihn eingehend. Keine Blutspuren an den Tatzen. Auch das Maul sah sauber aus. Wenn sie hier den Täter vor sich hatte, so hatte dieser seine Spuren gut verwischt. Oder weggeschleckt, um genau zu sein. Der Täter. Milo sah nicht aus wie ein Täter. Er war kuschelig und weich und schnurrte wohlig. Die anderen drei Axolotls schwammen friedlich in ihrem Aquarium dahin. Ferdinand konnte sie von hier nicht sehen. Nur das weiße Küchenpapier lag dort wie ein Leichentuch.</p>								</div>
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									<p>Realistisch betrachtet hatte Milo Ferdinand wahrscheinlich getötet. Katzen und Aquarien – diese Leidensgeschichte würde nie enden. Sie setzte den Kater zu Boden und ging zu Ferdinand. Er lag dort in derselben Position wie vor zwanzig Minuten. Die viel geehrte Totenruhe hatten sie beide erfolgreich zerstört.</p><p>Nathalie legte Ferdinand, den Axolotl, mitsamt Küchenpapier in eine alte Zigarrenschachtel; ein Erbstück ihres Großvaters. Sie zog sich etwas über, suchte sich eine kleine Schaufel und ging hinunter in den Vorgarten. Neben einer hübschen blauen Blume grub sie ein Loch. Sie grub tief. Niemand sollte Ferdinands ewig Ruhe von nun an stören. Die Erde fiel scheppernd auf die kleine Holzkiste. Nathalie wischte sich salzige Tropfen aus der Stirn. Bei diesen Temperaturen sorgte selbst die kleinste Anstrengung für Schweißausbrüche.</p><p>Auf den angehäuften kleinen Erdhügel legte sie aus Steinen ein Kreuz. Dann richtete sie ein paar Worte an Gott. Sie redete nicht oft mit ihm und kam sich komisch dabei vor. Ein Paar Arme zog sie an einen warmen Oberkörper. Emil legte sein Kinn auf ihre Schulter. Schweigend betrachteten sie das Grab. Niemand sagte etwas, niemand entschuldigte sich. Sie waren schließlich auf der Beerdigung von Ferdinand, dem Axolotl, und deshalb ging es nur um ihn.</p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2022/01/die-leiden-des-jungen-blobfischs/">Die Leiden des jungen Blobfischs</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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