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	<title>Zusammenhalt Archive | presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</title>
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	<description>Das Magazin für Studierende der Universität und Hochschule Augsburg.</description>
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		<title>Gartengeräusche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lilli Riedmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 May 2022 08:00:00 +0000</pubDate>
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									<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda lässt sich den Berg hinter der Bahnbrücke hinunterrollen. Sie Lässt den Rädern ihren Lauf, nur um kurz danach scharf abzubremsen und ihr Fahrrad in einer engen Rechtskurve in den Hof des alten Hauses an den Gleisen zu lenken. In Schlangenlinien fährt sie um die tiefen Schlaglöcher, aus denen große und kleine Steine herausbrechen und sich im ganzen Hof verteilen. Die überdurchschnittlich große Würstchen-Statue aus Stein, die sonst alle Ankommenden begrüßt hatte, ist weg. An ihrer Stelle steht mittlerweile ein blühender Fliederbusch. Links daneben beginnt der Garten des komisch rosafarben gestrichenen Hauses an den Gleisen.</span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda schwingt ihr Bein über das Fahrrad und bringt ihr Fahrrad vor </span><span lang="DE">den Unmassen an anderen Fahrrädern zum Stehen. Sie scheinen ihre eigenen Reihen zu bilden. Sie sind Hinterbliebene längst vergangener Mitbewohner und Sprösslinge frischer Neuankömmlinge. Tagein, Tagaus richten sie ihren Blick auf die Bahngleise hinter dem Zaun. Lehnen sich aneinander an und lauschen dem Leben der Bewohner hinter ihnen. Frieda dreht sich um, während sie ihren unordentlichen Dutt richtet, aus dem die langen Haare wieder anfangen herauszufallen. Vor ihr, auf dem kleinen Stück Dreck, sitzen die Bewohner des Hauses Nummer Sechs auf alten Plastiksitzgelegenheiten. Sie ruft ein gemütliches „Hey“ in die Runde und grinst. Niemand schaut sie komisch an, fragt sie was sie hier wolle. Man kennt sich. Sie läuft an Harry und Peter und Mimi und Fine vorbei, die wie immer tief im Kartenspiel stecken und all ihre Konzentration auf den nächsten Zug richten. Die Füße ruhen im Dreck, stecken in Schlappen und dicken Socken. Die Beine sind in Jogginghosen gewickelt und die Oberkörper in mehrere Schichten bunte Kleidung eingepackt, denn die Sonne hat es noch nicht ganz geschafft ihre wärmenden Strahlen auf die Bewohner:innen zu richten. </span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda läuft mit Schwung durch die durchgehend geöffnete Haustür, die nur im Winter bei Minusgraden geschlossenen ist. Fünf Treppenstufen später steht sie vor der Wohnungstür zu der sie wollte. Sie dreht den Schlüssel, der im Schloss steckt. Immer im Schloss steckt, denn irgendjemand ist immer da. Das letzte Mal, als sie geklingelt hat, ist ewig her. Die Mitbewohnerin meinte nur irgendwann: „Mach dir die Türe doch ruhig selber auf“. Seitdem öffnet sie sich die Tür selbst. Sie späht den Flur hinunter, kann aber nicht das entdecken, was sie gesucht hat. „Bist du daheim?“, schreit sie, zieht dabei ihre Schuhe aus und lässt den Rucksack von der Schulter gleiten. Die Tür zum ersten Zimmer steht sperrangelweit offen, auf dem Fenster wiegen sich die Blätter der jungen Avocadobäume in einer leichten Briese. Führen einen Tanz auf, in dem Zug zwischen Haustür, Wohnungstür und Fenster. Frieda schmeißt ihren Rucksack ins Zimmer und macht sich auf die Suche nach ihm. </span></p><p> </p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">„Erwin?“, schreit sie durch den Flur. </span></p>								</div>
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									<p><span lang="DE">Ihre Füße stecken im Dreck. Graben sich mit den Zehen immer tiefer, bis jeder Zeh mit einer hellbraunen Schicht bedeckt ist. Ihre Mutter hätte ihr das verboten. Früher im Garten, da durfte sie nie barfuß gehen. „Bienen, Scherben, wer weiß was da alles rumliegt“, hat ihre Mutter gesagt. Aber hier ist es egal, wie viel Dreck sie an ihren Füßen hat. Oder ob sie mit dreckigen Füßen ins Haus läuft. Hier kann sie sein, wie sie will. Auf einmal rauscht ein angebissener Apfel gegen ihren Kopf. Sie reibt sich über die leicht schmerzende Stelle und dreht sich um. „Du Arsch!“, ruft sie und schmeißt den Apfel dahin zurück, wo er hergekommen ist. Die anderen sitzen um sie herum und lachen, als das Stück statt Erwin den alten Schuppen trifft. Erwin lacht laut auf. Frieda streckt dem Übeltäter die Zunge raus und legt sich zurück in das Gras. Hände hinter dem Kopf verschränkt, Blick auf den blauen Himmel über sich gerichtet. Um sie herum ist milder Trubel, immer mehr Bewohner kommen aus den Wohnungen in den Garten und setzen sich auf die Wiese neben sie oder fläzen auf abgewetzten Sitzmöbeln, die irgendwer schon vor zehn Jahren als zu schäbig für den eigenen Garten empfunden hatte. „Bloß nicht auf die frisch angesäte Wiese mit den Gartenmöbeln!“, wie immer mal wieder eine Stimme schreit, sollte jemand wagen das zu vergessen. Zum Glück waren die Möbelsenioren hier an einer guten letzten Ruhestätte angekommen. Obwohl Ruhestätte vielleicht das falsche Wort für diesen Ort ist, denn eigentlich ist es hier selten leise. Während sie die Wolken vorüberziehen sieht, überlegt Frieda wie viel ihrer Lebenszeit sie wohl an diesem Ort, dem Haus mit dem großen kleinen Garten verbracht hat. Tage? Wochen? Und das, obwohl sie doch eigentlich immer nur zu Besuch ist. </span></p>
<p><span lang="DE">Ein schrilles Fiepen reißt Frieda aus ihren Gedanken. Baron steht an der großen Musikbox und versucht zum hundertsten Mal seine neue Spotify Playlist abzuspielen. Hinter ihm spitzt Blitzi um die Ecke des Hauses, die braunen Haare in zwei kleine Dutts gewickelt, und kommt mit schwingenden Schritten auf die Kartenspieler in der Mitte des Gartens zu. Frieda setzt sich auf und lässt ihren Blick durch den Garten wandern. Ganz auf der anderen Seite, noch hinter Baron, schraubt Bert an einem der alten Fahrräder herum, dreckige Hände und einen Kopf voller wilder Dreadlocks, die hinter den umgedrehten Rädern verschwinden. Auf der Wiese, die sich noch gar nicht lange als Wiese bezeichnen darf, liegen die anderen Gesellen, inklusive Erwin und spielen ein Spiel nach dem anderen.</span></p>
<p><span lang="DE">„Kurt, geh runter von dem Polster!“, schimpft Inge den großen Braunhaarigen, der sich gerade mit Wucht zu ihr auf das rot-braune Sitzposter geschmissen hat. Kurt kann nicht umhin, die Vorlage für eine Show anzunehmen. So springt er wieder auf, landet auf beiden Beinen, stützt die Hände auf die Knie und schaut angriffslustig in die Runde. Er Klopft sich mit den Fäusten an die Brust und macht Affengeräusche dazu. Die Diskokugel, an dem alten korsetttragenden Apfelbaum über ihm wirft kleine Lichtfunken auf Kurt, der sich nun seinen Weg zum Spieletisch bahnt. Halb laufend, halb hopsend. Kurz vor dem Tisch entscheidet er sich anders und klettert behände auf das Dach des kleinen Gartenhäuschens, überwuchert von Efeu und beinahe am Zusammenfallen, aber nur beinahe. Irgendjemand hatte sich eine halbe Mühe gemacht und versucht das Dach zu flicken, scheiterte an der eigenen Lustlosigkeit und so öffnete sich kurz danach an einer anderen Stelle ein weiteres Loch. Kurt findet seinen Weg um die Löcher herum und schwingt sich an die Vorderkante des Häuschens. Dreht seinen Kopf nach links und nach rechts, bevor er seinen Blick mittig auf das zweite Fenster in der untersten Reihe vor ihm fokussiert. Giesis Kopf schiebt sich langsam durch das Küchenfenster und ihre kurzen weißblonden Haare reflektieren das Licht der Sonne fast so sehr wie die Diskokugel im Apfelbaum. Auch sie schaut nach links und nach rechts, entdeckt schließlich Kurt auf der Hütte und bleibt mitten in ihrer Bewegung stehen. Einen kurzen Blickwechsel später kommt ein Knurren aus Kurts Hals und er schreit: „Futter!!!“ </span></p>
<p><span lang="DE">Rund um Frieda versetzt sich alles in Bewegung. Darauf haben die knurrenden Mägen seit einer Stunde gewartet. Die Spieler in den Kreisen schrecken hinter ihren Spielkarten hervor und packen sie eilig zurück in die Schachtel. Die Menschen rund um die Lagerfeuerstelle stehen langsam und gemächlich aus ihren Sitzmöbeln auf, packen das Plastiketwas, auf dem sie saßen, in eine Hand und die noch halbvolle Bierflasche in die andere. An dem Kartenspieltisch, mitten auf dem Stück Dreck, werden die Schafkopfgewinne in die jeweilige Hosentasche gesteckt und die Karten gleich mit dazu. Stühle werden verrückt und Tische herbeigetragen. Kurze Zeit später steht die Tafel. Giesi, Mauri und Lenni tragen die großen Kochtöpfe voll duftendem Essen aus der unteren rechten WG nach draußen. Wieder andere holen das Geschirr aus der linken WG und so ist nach wenigen Minuten auch die Tafel gedeckt, die Plätze eingenommen und die Kellen stecken in den designierten Töpfen. Das Festmahl kann beginnen. </span></p>
<p><span lang="DE">Frieda genießt das Spektakel vor sich. Sie Lässt alle Leute aufspringen und die große Tafel aufbauen. Der Tisch, an dem alle einen Platz haben sollen. Bewohner:innen, wie nicht Bewohner:innen. Alle sind willkommen. Irgendwer wird schon zur Seite rücken und Platz machen. Schon wieder schleicht sich ein Lächeln auf Friedas Wangen. Irgendwo im Haus wird noch ein letzter Fensterladen aufgestoßen, bevor die Person dahinter die Treppe in den Garten hinunterrast. Selbst die Fensterläden sind individuell, gleichen den Menschen, die hinter ihnen wohnen. </span></p>
<p><span lang="DE">An der Stelle, an der eben noch die letzten Sonnenstrahlen auf Friedas Gesicht geschienen haben, breitet sich auf einmal Schatten aus. Frieda schaut auf die nackten Füße vor sich, die haarigen Beine und schließlich auf eine ausgestreckte Hand. „Futter“, sagt Erwin, mit einem Blitzen in den Augen, und zieht Frieda hoch.</span></p>
<p></p>
<p><span lang="DE">Bert und Baron machen auf der blauen Plastiksitzbank Platz und Frieda kann sich gerade so noch mit hin quetschen. Von der anderen Tischseite wird ihr ein Teller rübergeschoben und irgendjemand steckt ihr eine Gabel in die Hand. Semmelknödel landen auf dem Teller und dazu viel Blaukraut und ein bisschen Rahmsoße. Die Kochfreudigen haben sogar für zwei verschiedene Salate gesorgt. „Jemand noch eine Gabel über?“, fragt Erwin in die Runde. „Nö sind keine mehr da, aber du kannst meine haben,“ sagt Leo, der zu Erwins anderer Seite sitzt, und fügt ein genuscheltes „Ich bin eh schon fertig“ dazu. Während Frieda sich eine Gabel voll mit all dem guten Essen in den Mund steckt, schaut sie kurz in die Runde. Alle futtern und reden abwechselnd, die Stimmung am Tisch ist ausgelassen. Schließlich ist das einer der ersten Frühlingstage, an denen alle draußen gemeinsam essen können. Obwohl sich selbst im Winter manchmal fünfzehn Leute in einer Küche wiederfinden, in der normalerweise Fünf ihr Essen zubereiten und einnehmen. Für alle gibt es einen Platz. Erwin lehnt sich im Stuhl zurück und legt den Arm auf die Plastikbank hinter Frieda. Er reibt sich zufrieden über seinen Bauch und fragt in die Runde: „Wer will ein Bier?“. Fünf Arme gehen hoch. Mit einem Seitenblick auf Frieda sagt er: „Sieben Bier, kommen sofort.“</span></p>								</div>
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									<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Über den Köpfen der Bewohner:innen und Nicht-Bewohner:innen flackern die Birnen der langen bunten Lichterkette auf. Giesi hat die Lichterkette eingesteckt und fängt langsam an, den Tisch abzuräumen. Alle scheinen aus ihrer Trance zu erwachen und jeder packt mit an. Teller stapeln und das Besteck in den nun leeren Töpfen sammeln. Spülmaschinen anschmeißen und was nicht reinpasst wird von Hand gespült. Frieda hilft, Töpfe zu spülen. Auf Friedas anderer Seite klappern Leo und Giesi mit den Kühlschranktüren, führen einen Tanz in der Küche auf, voreinander und nebeneinander. Aneinander vorbei und doch miteinander. Als Kurt in der Küchentüre steht steigt er auch mit ein und die drei Mitbewohner lachen, singen und tanzen. Frieda wird mitgerissen und wackelt mit dem Spülschwamm in der Hand mit. Sie stellt die letzte Schüssel aufs Abtropfgestell, gerade als Erwin von draußen den Kopf durchs Fenster steckt: „Feuer ist an, Leute“. „Ab nach draußen“, brüllt Kurt und die braunen Locken hüpfen genauso um den Kopf herum wie seine Beine, die ihn nach draußen tragen. </span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE"> </span></p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Die Menschen sind ein bisschen weniger geworden und alle die noch am Feuer sitzen, haben mindestens zwei Pullis und eine Jacke an und selbst wenn jemand keine hat bekommt man irgendwo her eine gereicht. Das Feuer brennt munter unter dem alten Apfelbaum und wärmt die Gesichter, die fröhlich ins Feuer starren. Fast wie damals vor drei Jahren, als der ganze Keller von altem Krempel befreit wurde und daraus einer der erinnerungswürdigsten Abende in Friedas Kopf entstand. Fernseherverpackungen und alte Zeitungen wurden gleichermaßen auf ihren eigenen Scheiterhaufen geworfen. Nur die vergilbten Pornohefte, die irgendwer aus der letzten Ecke des Kellers herausgezogen hatte, wurden einmal im Kreis gereicht. Der Keller wusste damals noch nicht, was ihm bevorstand. Dass er für kleine und große und riesengroße Partys sorgen wird. Dass er für unvergessliche Erinnerungen sorgen wird. Dass neben zahllosen unglaublichen und aberwitzigen Geschichten auch ganz andere Dinge entstehen werden. Zarte und grobe Teile, Freundschaften und Beziehungen.</span></p><p> </p><p class="MsoNormal"><span lang="DE">Bert hat mittlerweile fertig gedreht, was auf seinem Schoss lag und gibt weiter, sodass jeder etwas abhaben kann. Im Kreis wandert es weiter und weiter, bis Giesi den letzten Zug nimmt. Sie schaut mit beiden Augen fest ins Feuer, als wäre sie damit innerlich verbunden. Schweigt und lässt auch Frieda schweigen, die sich genauso wenig vom Anblick des Feuers losreißen kann. Selbst Baron gegenüber, der so gerne große Reden schwingt, starrt geistesabwesend ins Feuer. Das Knistern des Feuers ist für kurze Zeit das einzige Geräusch zwischen dem Dutzend Menschen. An keinem Ort können so viele Menschen zur gleichen Zeit schweigen wie hier. Obwohl man sich nicht kennt oder nicht gut kennt oder sich sehr gut kennt. Frieda hat gelernt wie es ist, einfach inmitten von anderen Menschen zu sein und nichts zu sagen. Gemeinsam nichts zu sagen bis irgendwo her wieder ein Satz in die Runde geschmissen wird. </span></p>								</div>
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									<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Frieda schmeißt ihren Rucksack in den Fahrradkorb ihres Klapprads.  Ein paar letzte Bewohner:innen und Nicht-Bewohnerinnen sitzen über dem immer kleiner werdenden Feuer. Langsam schiebt sie ihr Fahrrad rückwärts aus der Fahrradkolonie. Währenddessen fängt das Vorderlicht an schwach zu flimmern. „Danke Bert“, denkt sie sich im Stillen. Er hatte innerhalb von 5 Minuten die Lösung gefunden, über die sie mehrere Tage gebrütet hatte. „Einfach den Stromkreis schließen“, waren die einzigen Worte, die er dazu verloren hatte. Während sie ein Bein auf die andere Seite des Fahrrads schwingt, wirft sie einen letzten Blick nach oben. Manche Zimmer sind hell erleuchtet. Andere schon lange dunkel. Fensterläden werden zugezogen und auf den Balkonen werden die letzten Lichterketten ausgesteckt. Frieda atmet tief ein. Atmet ein letztes Mal für diesen Tag, der eigentlich schon der nächste ist, die Luft im Garten des komisch rosafarben gestrichenen Hauses direkt neben den Gleisen und rollt aus dem Hof.</span></p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2022/05/gartengeraeusche/">Gartengeräusche</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>So weit weg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Angela Kiser]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Jan 2021 09:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Bäume zogen an ihnen vorbei. Der grau verhangene Himmel passte zur Stimmung die im Wagen herrschte. Der Vater hatte mehrmals versucht ein Gespräch anzufangen aber niemand war so wirklich darauf eingegangen. Es war bei losen Bemerkungen zum gedrängten Verkehr auf der Autobahn und dem trüben Wetter geblieben. Alle vier bereiteten sich mental auf das vor, was sie am Ziel erwarten würde. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Die Bäume zogen an ihnen vorbei. Der grau verhangene Himmel passte zur Stimmung, die im Wagen herrschte. Der Vater hatte mehrmals versucht ein Gespräch anzufangen aber niemand war so wirklich darauf eingegangen. Es war bei losen Bemerkungen zum gedrängten Verkehr auf der Autobahn und dem trüben Wetter geblieben. Alle vier bereiteten sich mental auf das vor, was sie am Ziel erwarten würde. Einer war zu Hause geblieben. Es fragte sich niemand weshalb.</p>
<p class="has-text-align-center has-small-font-size"><em>Jetzt san die Tog schon kiazer word&#8217;n<br />Und Blattln foilln a von die Bäum<br />Und auf&#8217;m Oilmasattl liagt scho Schnee<br />A koider Wind waht von die Berg<br />Die Sonn is a scho unterganga<br />Und I hätt di gern in meiner Näh</em></p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Als sie die Nachricht erreicht hatte, war jeder von ihnen geschockt gewesen. Trotz der Umstände. Natürlich war es zu erwarten gewesen. Irgendwann.&nbsp; Aber so schnell? So verdammt schnell?</p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Auch wenn der Kontakt zwischen ihnen eingeschlafen war, waren die Anzeichen nicht zu übersehen. Dass ihm manchmal die Wörter für die einfachsten Dinge fehlten oder man manche Fragen dreimal stellen musste, bis man eine Antwort von ihm bekam, waren nur die kleinsten Auswüchse dessen gewesen, was sich langsam in sein Gehirn eingeschlichen und dort eingenistet hatte.</p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Dann der Unfall. Er hatte beim Überholen ein entgegenkommendes Auto übersehen. Der Zusammenstoß hatte wohl einen Schalter in seinem Kopf umgelegt, denn man konnte anschließend dabei zusehen wie seine Erinnerungen verblassten, wie ihm das Alltägliche schwerer fiel und die Krankheit immer mehr von seiner Persönlichkeit Besitz ergriff. Es ging bergab. Und alles was man tun konnte war zusehen und hoffen. Hoffen, dass ein bisschen länger Zeit blieb. Denn Besuchen war schwer. Die Einrichtung, die nach dem Unfall sein zu Hause geworden war, hatte seit der Pandemie strenge Auflagen wer, wann und wie lange besuchen durfte. Das Hoffen hatte nichts gebracht. Und nun saßen sie in dem Wagen und hingen ihren Gedanken nach, während der Nieselregen die Scheiben benetzte.</p>
<p class="has-text-align-center has-small-font-size"><em><em>Jetzt bist so weit, weit weg<br />So weit, weit weg von mir<br />Jetzt bist so weit, weit weg<br />So weit, weit weg von mir<br />Das tuat mir schiach, und wia</em></em> </p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Sie waren zu früh. Wie immer. Sie schwiegen und warteten, während die feuchte Kälte in ihre Schuhe kroch. Die anderen kamen kurz vor knapp. Auch wie immer. Es war früher bei den Familientreffen auch schon so gewesen. Als diese noch stattfanden. Irgendwann war es jeder Leid gewesen, dass jedes dieser Treffen in einem Streit endete und so wurden diese immer unregelmäßiger und der Kontakt war nur auf das beschränkt was alle verband: Die Krankheit und das was sie aus dem Menschen gemacht hatte, den sie liebten.</p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Man nickte sich gegenseitig zur Begrüßung zu. Ein Zettel am Kircheneingang verwies auf die einzuhaltenden 2 Meter Abstand. Keine große Schwierigkeit. Wie ein Mahnmal stand der Sarg vor der Familie. Umgeben von Rosengestecken. Die Lieblingsblumen. Die Trauerrede der Pastorin flimmerte in ihren Ohren und Tränen trübten die gesenkten Blicke. Bekannte Töne aus einem alten CD-Player, der aufgrund des Gesangverbots aufgestellt worden war, füllten die Kirche. Die Masken verbargen die Gesichter, aber die unter den dunklen Mänteln schluchzenden Angehörigen offenbarten den Verlust, den die Familie erlitten hatte.</p>
<p class="has-text-align-center has-small-font-size"><em>Du woarst wia der Sommerwind<br />Der einifoahrt in meine Hoarn<br />Als wia a woarmer Regen auf der Haut<br />Ich riach&#8217; nua deine nassen Hoar<br />I gspiar&#8217; nau deine Händ im G&#8217;sicht<br />Und wie du mir ganz tief in d&#8217; Augen schaust</em></p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Nach dem Geleit zu seiner letzten Ruhestätte, der allen von ihnen unwirklich erschien, verabschiedete sich die Pastorin von den Trauernden und ließ sie allein zurück. Eine Ewigkeit verstrich bis sich die ersten aus ihrer Starre lösten und vor das Loch im Boden traten, um Rosen und Erde hinab zu werfen. Einer nach dem anderen trat vor das Grab und taumelte dann mit Tränen verhülltem Blick in die Arme des nächstbesten Angehörigen. Leise unterhielten sie sich.</p>
<p class="has-text-align-center has-small-font-size"><em>Jetzt bist so weit, weit weg<br />So weit, weit weg von mir<br />Jetzt bist so weit, weit weg<br />So weit, weit weg von mir<br />Das tuat mir schiach, kumm her zu mir</em></p>
<p class="has-text-align-justify has-small-font-size">Nach einigen Minuten zog sich die Familie geschlossen von dem Friedhof zurück. Vor den Toren des Friedhofs standen sie unbeholfen zusammen, während der ein oder andere von einem Fuß auf den Anderen tänzelte, um sich die Kälte aus den Knochen zu treiben. Sie standen noch lange da. Und während sie sich zum Abschied gegenseitig in den Armen hielten, deren Finger sie nicht mehr spürten, sagte jemand: „Vielleicht können wir uns ja an Opas Geburtstag mal wieder treffen, wir haben uns alle schon so lang nicht mehr gesehen.“</p>
<p class="has-text-align-right" style="font-size:11px">Liedtext: Weit, weit weg von Original Alpinkatzen </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/01/so-weit-weg/">So weit weg</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Ein Weihnachtswunder &#8211; entstanden durch Zusammenhalt und Liebe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Clarissa Bilevitz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Dec 2020 09:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter.“ Doch was, wenn du weißt, dass es wirklich dein letzter sein könnte? Ich lebe, so wie ich es immer nenne, auf Bonus. Eigentlich sollte ich vor ungefähr einem Monat ein Engel geworden...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2020/12/ein-weihnachtswunder-entstanden-durch-zusammenhalt-und-liebe/">Ein Weihnachtswunder &#8211; entstanden durch Zusammenhalt und Liebe</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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<p>„Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter.“ Doch was, wenn du weißt, dass es wirklich dein letzter sein könnte? Ich lebe, so wie ich es immer nenne, auf Bonus. Eigentlich sollte ich vor ungefähr einem Monat ein Engel geworden sein. Doch das bin ich nicht. So lag ich hier, in meinem Krankenbett, alleine, an Heiligabend. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und die Liebe meines Lebens kam herein. Er kam zu mir und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Ich werde dich heute entführen“, seine Augen funkelten wie Millionen Diamanten. Er hob mich aus meinem Krankenbett in meinen Rollstuhl hinein und zog mir Jacke und Mütze an. Draußen schlug mir sofort die kalte Winterluft entgegen. Mit seiner warmen Stimme erzählte er mir bedeutungslose Sachen. „Wohin bringst du mich jetzt?“, fragte ich ungeduldig. „Zu mir nach Hause. Oder denkst du ich lass dich Weihnachten alleine?“ „Warte! Was? Du bringst mich zu dir und ich hab nur meine Jogginghose und ein altes Top an!“, rief ich aufgebracht. Er lachte. „Du bist so oder so die Schönste.“</p>



<p>Je weiter wir uns vom Krankenhaus entfernten, desto nervöser wurde ich. „Hier können wir leider nicht mit dem Rollstuhl rein, deshalb werde ich dich tragen.“ Drinnen lag der Duft von Plätzchen in der Luft, Weihnachtslieder waren zu hören und ich konnte die Liebe spüren. Ich hatte leider keine Familie. Nicht mehr. Er brachte mich ins Wohnzimmer, in welchem seine Mama, sein Papa und seine kleine Schwester auf der Couch vor einem wunderschönen Christbaum saßen. „Willkommen, Schätzchen. Wir haben schon so viel von dir gehört.“ Sofort wurde ich von ihnen herzlich umarmt. „Danke“, flüsterte ich gerührt. Sanft ließ mich mein Junge auf der Couch nieder. Und so saßen wir schweigend da und sahen seiner Schwester zu, welche zu den Weihnachtsliedern tanzte, seiner Mutter, welche das Essen in der Küche zubereitete und seinem Dad, welcher alles filmte.</p>



<p>„Papa, tanz mit mir!“, rief die Kleine fröhlich und zog an der Hand von ihrem Dad. „Wollen wir auch tanzen?“, wurde ich gefragt. „Du weißt, dass ich es nicht kann“, flüsterte ich traurig. Ich war zu krank. „So etwas möchte ich nie wieder hören, okay? Wir zwei schaffen alles“, meinte er weich. Ein weiteres mal hob er mich hoch und ging in die Mitte des Raumes. Ganz langsam ließ er meine Beine los und setzte meine Füße auf seine. Sein Griff blieb fest um meine Taille. Ich sah wieder hoch in diese wunderschönen Augen. „Vertraust du mir?“, flüsterte er. „Immer“, antwortete ich sofort. Langsam begann er, uns im Takt zu bewegen. Ich hatte mich so in ihn verliebt. Ich wollte nicht gehen. Er war der Grund, warum ich immer mehr wollte. Mehr Zeit. Wenn man niemanden hat den man liebt, oder der einen liebt, dann ist es leicht zu gehen. Er war mein einziger Grund, warum ich jeden Tag gerne diese Schmerzen auf mich nahm.</p>



<p>„Essen ist fertig“, unterbrach seine Mom die Stille. Das Essen schmeckte wirklich köstlich. „Ich werde kurz auf die Toilette gehen“, meinte mein Junge und stand auf. Wenig später läutete es auf einmal. „Das Christkind! Das Christkind!“ Die Kleine sprang ganz aufgeregt auf. „Na los, lass uns ins Wohnzimmer gehen“, sagten die Eltern lächelnd. Und schon stürmte sie los. Wir setzten uns auf die Couch und sahen zu, wie sie begeistert ihre Geschenke auspackte. Ihre Freude war so ansteckend, dass wir uns alle mit ihr freuen mussten. „Ich glaube es wird langsam Zeit für dein Geschenk, aber da müssen wir in mein Zimmer gehen.“ „Was? Nein, du musst mir doch nichts schenken“, meinte ich hektisch. Ich hatte nichts für ihn. „Keine Angst, es ist nichts Großes.“ Er öffnete eine Tür. Bevor er jedoch hineinging, blieb er stehen.</p>



<p>„Schau nach oben“, hauchte er. Neugierig folgte ich ihm und sah einen Mistelzweig. „Du weißt was das heißt?“, seine Stimme war ganz sanft. Ich nickte und mein Herzschlag beschleunigte sich. Langsam beugte er sich zu mir herunter. Seine Lippen waren nur noch einige Millimeter von meinen entfernt. „Ich habe mich wahnsinnig in dich verliebt“, murmelte er und schloss schließlich den Abstand zwischen uns. Vorsichtig erwiderte ich den Kuss. Eine Glücksträne rann über meine Wange. „Ich habe mich auch in dich verliebt“, flüsterte ich überglücklich. Ich wusste, dass es falsch war, dass ich ihn nur noch mehr verletzte, aber ich konnte nicht anders. Mein Herz konnte nicht anders. Ich vergaß, dass ich morgen vielleicht nicht mehr aufwachen würde, ich vergaß meine Schmerzen. Es zählte nur er. Für ihn würde sich der Kampf lohnen. Für unsere Liebe. Er hatte mir heute das größte Geschenk gemacht, das ein Mensch einem anderen machen kann. Jeder redet doch immer von einem Weihnachtswunder, vielleicht war das meins. Vielleicht war meine Situation doch nicht so hoffnungslos. Vielleicht würde ich es zusammen mit ihm ja schaffen. Vielleicht gab es ja doch noch ein morgen für mich. Vielleicht…</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" src="http://presstige.org/wp-content/uploads/2020/12/Ein-Weihnachtswunder.jpg" alt="" class="wp-image-16835" width="495" height="421"/><figcaption>© Pixabay</figcaption></figure></div>



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