Ausgeloggt – Alltag mal offline

Eine Woche ohne Internet – ein Selbstversuch

Noch vor dem Frühstück Mails abrufen, nach Mitternacht bei Facebook surfen, den ganzen Tag nur plaudern, bloggen und posten. Für viele Menschen ist ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellbar. Aber was passiert, wenn man einfach mal offline geht? Für presstige hat unsere Redakteurin Madeleine Schuster den Versuch gewagt und eine Woche auf das World Wide Web verzichtet.

Von Madeleine Schuster

Ja, es stimmt. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die noch vor dem Frühstück E-Mails checkt, die alles wikipedisiert, bevor sie ein Buch aufschlägt, und die schneller googeln als denken kann. Ich bin 21 und ich bin ein Internet-Junkie! Süchtig nach neuen Nachrichten, nach Chats und Echtzeitversteigerungen.

Aber jetzt soll Schluss damit sein! Für eine Woche möchte ich auf das Netz verzichten. Keine E-Mails, kein Google, kein YouTube, kein Facebook, kein StudiVZ, keine news-of-the-day, kein neuester Klatsch-und-Tratsch. Das wird nicht einfach, so viel steht fest. Schließlich wird heute nahezu alles über das Internet geregelt: Neuigkeiten aus der Uni stehen im Digicampus, die Buchsuche funktioniert digital und zum Weggehen verabredet man sich meist über Facebook.

Mir egal. Ich möchte mir und den Anderen beweisen, dass es auch ohne geht. Ab morgen also Internet-Abstinenz, digitale Funkstille. „Hallo Welt, ich bin dann mal offline!“, das soll vorerst mein letzter Post sein…

Montag: Von sonnig bis heiter.

Anstatt wie sonst direkt nach dem Aufstehen Mails zu checken und mein Facebook-Profil zu überprüfen, mache ich mir nach dem Aufwachen erstmal gemütlich Frühstück. Da mir der Wetterbericht im Netz verwehrt bleibt, schaue ich heute einfach mal selbst aus dem Fenster. Irgendwie genieße ich es jetzt sogar, mein netzloses Dasein. Keine wichtigen Mails, keine Terminerinnerungen und überhaupt hat man auf einmal viel mehr Zeit. Erster Gedanke: „Eine Woche ohne Internet? – Ein Kinderspiel!“

In meinem neuen, internetfreien Leben gibt es Gassen-Gossip statt FAZ-Fakten. Ganz tiefenentspannt schalte ich das Radio ein – 10.30 Uhr, Lokalnachrichten: In Merchingen ist eine Scheune abgebrannt, der FCA hat neue Trikots und draußen ist es so heiß, dass „Deo unter die Achseln“ nötig sei. „Oha!“, denke ich. Das Radio schalte ich aus. Mein zweiter Gedanke? „Eine Woche ohne Internet? – Na, das kann ja heiter werden!“

Dienstag: Nicht klicken, klotzen!

Mein Netz und ich sind wahrlich gute Freunde. Kein Wunder, schließlich sind wir zusammen aufgewachsen. Und nach beinahe 10 Jahren exzessiv miteinander verbrachter Zeit und gemeinsam durchzechten Nächten gewöhnt man sich eben aneinander. So sehr, dass mein Mauszeiger wie von Zauberhand geführt, ganz langsam und direkt nach dem Hochfahren meines Computers, auf den Firefox-Button zusteuert. Mit viel Willenskraft schaffe ich es, diesem Automatismus entgegenzusteuern. So schnell gebe ich nicht auf! Stattdessen verbanne ich den fies grinsenden Fuchs in den Papierkorb. Stolz, dieser Versuchung widerstanden zu haben, verspüre ich ein aufkommendes Hochgefühl. „Musik wäre jetzt ganz schön“, denke ich mir. Und da ich die normalerweise bei YouTube höre, schalte ich zum ersten Mal seit meiner Pubertät Viva ein: Christina Aguilera streckt mir ganz „Dirrty“ ihr Hinterteil entgegen – Retro-Charts. Angetan von diesem musikalischen Flashback denke ich an meine Kindertage ohne Internet zurück. Sicherlich könnte ich auch jetzt noch ohne Zugang leben. Vielleicht sollte ich meinen Selbstversuch sogar verlängern? Während ich mir das überlege, plärrt im Hintergrund die Aqua-Barbie: „I’m a Barbie girl, in a Barbie woooorld“ – blöde Idee, das mit der Verlängerung!

Mittwoch: Versuchung, dein Name sei Internet.

Oh vermaledeites Internet, du schnöde Quell all meiner Weisheit! Wie hast du mich heute wieder in Versuchung geführt? Zuerst klingelt mein Handy und meine Kommilitonin schreit mir ins Ohr: „Sag mal, hast du eigentlich unser Treffen vergessen? Ich hab dir gestern extra noch mal eine Mail zur Erinnerung geschickt!“ Sorry, kein Internet, keine Mails.

Dann fällt mir ein, dass ich bis morgen noch passende Bücher zum Thema „Boulevardisierung der Medien“ finden muss. Anstatt wie normalerweise via OPAC zu suchen, schleiche ich heute hilflos durch die Gänge in der Bibliothek. Einzig und allein geführt von der Hoffnung, dass mich ein passendes Buch anspringt. Nach einer Viertelstunde vergeblichen Suchens bettle ich genervt die Frau an der Information um Hilfe an: „Wie finde ich ein Buch, ohne im Online-Netzwerk nachzuschauen?“ Die Frau schaut erst verdutzt, dann amüsiert. Lächelnd deutet sie auf einen Schrank mit Karteikärtchen, der mutterseelenalleine im Foyer der Zentralbibliothek steht. Abgeschottet, unbenutzt, überflüssig. Sehnsüchtig schauen wir, der Schrank und ich, auf die gut 30 Rechner neben uns. Ihm ist klar, dass er ersetzt wurde, und mir wird klar, dass er mir OPAC nicht ersetzen kann. „Tut mir leid, alter Kasten!“, murmle ich. „Das mit uns Beiden wird wohl nichts!“. Zur Verabschiedung streichle ich ihm noch einmal behutsam über den Rücken. Meine Recherchearbeit für morgen lasse ich bleiben.

Donnerstag: Die ganze Welt online.

Überall auf dem Campus sitzen Studenten mit ihren Laptops. Die ganze Welt ist online, nur ich nicht. Als sich meine Kommilitonin zu mir umdreht, hat sie plötzlich ein weißes „f“ im ansonsten blauen Gesicht. Wahnvorstellungen – ich bin ein Internet-Junkie auf Entzug. Zum Glück ist bald Wochenende. Denn am Wochenende, da muss es einfach besser werden. Am Wochenende, da ist gutes Wetter, da tobt draußen das pralle Leben, da bin ich gar nicht aufs Netz angewiesen.

Wochenende: Regenzeiten.

Es regnet. Es stürmt und blitzt sogar – Sommergewitter über Augsburg. Studenten bleiben bei schlechtem Wetter genau zwei Möglichkeiten: Sie machen was Vernünftiges, wie aufräumen und lernen, oder sie flüchten ins Internet. Löcher in die Luft starrend wiege ich die mir verbleibenden Möglichkeiten voneinander ab. Aufräumen? – Nein. Lernen? – Nein. Internet? – Hmpf.

Während die Wassertropfen provozierend gegen mein Fenster schlagen, entscheide ich mich dann doch noch fürs Lernen. Es ist Wochenende und ich schlage aus purer Langeweile ein Lehrbuch auf. Na klasse!

Sonntag: Der letzte Streich.

Ich liebe Sonntage. Sonntage sind lang und gemütlich. An Sonntagen ist einfach alles möglich: Den ganzen Tag zum Lernen nutzen oder einfach nur liegen bleiben. Aus Angst, kurz vor dem Ziel doch noch einzuknicken, bleibe ich erstmal liegen. Um zwölf stehe ich auf, weil es Essen gibt. Nach dem Essen lege ich mich wieder hin – Mittagsschlaf. Mein Laptop bleibt den ganzen Nachmittag zu. Zum zweiten Mal in dieser Woche genieße ich meine internetfreie Zeit: keine wichtigen Mails, kein Klicken, keine Virenmeldungen, die meine Sicht trüben. Ich fühle mich richtig gut!

Und plötzlich: Rückfall! Wie ein Kartenhaus breche ich zusammen. Für ein paar Minuten gehe ich ins Internet und checke meine Mails. Wie ein Kettenraucher, der nach zwei Tagen Entzug endlich die erlösende Zigarette in den Fingern hält, scrolle ich mich zuerst durch Facebook, dann durch StudiVZ, dann durch die neuesten Nachrichten. Eigentlich ist gar nicht so viel passiert…

Montag: Der Tag danach.

Das Resultat nach einer Woche ohne Internet: 25 neue Mails, vier unbeantwortete Party-Einladungen, fünf Freundschaftsanfragen, 4 vergessene Geburtstage, eine nicht gemachte Hausaufgabe, zwei verpasste Treffen.

Während meiner Internet-Abstinenz habe ich gelernt, dass man auch per Telefon soziale Kontakte aufrecht erhalten kann, dass es völlig überflüssig ist, alle fünf Minuten Mails zu checken und dass man bei Ebay von Luftgitarren bis hin zu ganzen Inseln zwar alles ersteigern kann, nur keine „wahren Freunde“. Denn die findet man, wie der Name schon sagt, dann doch nur im „wahren Leben“.

Und dennoch bin ich nach wenigen Minuten im Kosmos des World Wide Web wieder ganz die Alte: Ein Internet-Junkie, Facebook meine Droge. Echtzeitversteigerungen. Glücklich, endlich wieder auf dem Laufenden zu sein und das Gefühl zu haben, wieder ganz dazu zu gehören.

Vor einer Woche wollte ich mir und den Anderen beweisen, dass es auch ohne Internet geht. Mein Resümee: Alles kann, nichts muss!

Autor des Artikels

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