Prof. Dr. Alois Loidl – das Interview zur Ausgabe 18

presstige: Wie haben Sie von Herrn Bottkes Tod erfahren?

Von Tassilo Holz und Julia Kling

Loidl: Herr Bottkes Tod kam für mich, wie für die meisten sehr unerwartet. Ich war auf Urlaub in Österreich. Wir wurden auf (seinen) Wunsch der Familie (hin) sehr spät informiert. Es existierte eine testamentarische Verfügung mit dem Inhalt auf Beileidsbezeugungen weitgehend zu verzichten.

Ich habe mich mit dem Kanzler (Anm. d. Red.: Alois Zimmermann) telefonisch kurzgeschlossen. Herr Prof. Berchem, der Vorsitzende des Universitätsrats, war auf Urlaub und nicht erreichbar. Daraufhin haben wir Herrn Dr. Bossert (Anm. d. Red.: stellv. Vorsitzender des Universitätsrats) kontaktiert und eine Präsidiumssitzung einberufen. Es gab zwei Alternativen: bei dem zu Herrn Bottkes Lebzeit geplanten Ablauf der Wahl zu bleiben oder den Versuch zu starten das Verfahren abzukürzen. Zur Präsidiumssitzung hatten wir Herrn Prof. Berchem immer noch nicht erreicht. Eine Planänderung hätte nur zwei bis drei Monate Zeitgewinn gebracht, das hätte sich nicht gelohnt. Wir, die drei Vizepräsidenten, meinten, dass wir die zusätzliche Arbeit schaffen. Herr Bossert hat schließlich Herrn Berchem erreicht und der Universitätsrat hat dem Vorschlag, beim alten Plan zu bleiben, zugestimmt. Die Stelle wurde am 11. November ausgeschrieben, der Wahltermin bleibt. Bis dahin wird die Arbeit von vier auf drei Schultern umverteilt.

Steht der Wahltermin schon fest?

(Ich glaube, d) Der Wahltermin ist der 8. Juni 2011. (es ist auf jeden Fall Anfang Juni.)  Die einzige Änderung in der Ausschreibung ist, dass (Neuwahl und) die Besetzung, also der Beginn der Amtszeit, ursprünglich für den 1. Oktober angesetzt war. Jetzt heißt es „Besetzung zum frühest möglichen Zeitpunkt“. Das heißt, der neue Präsident oder die neue Präsidentin könnte schon am (ersten) 1. Juli anfangen.

Warum haben Sie das kommissarische Präsidentenamt übernommen?

Die amtierende Gewalt geht auf den dienstältesten Vizepräsidenten über. Das ist in der Grundordnung so festgelegt. Deshalb habe ich die Amtsgeschäfte übernommen. Das wurde auch im Präsidium besprochen und einvernehmlich beschlossen.

Im Vergleich zu Ihrem Amt als Vizepräsident: Welche neuen Aufgaben haben Sie jetzt?

Alle Vizepräsidenten behalten ihre Zuständigkeiten inklusive der Kommissionen. Das Tagesgeschäft teilen wir unter uns auf. Wir regeln das sehr kollegial. Was sich wirklich ändert, ist, dass einer den Kopf hinhalten muss, wenn es irgendwo Konflikte gibt – das bin dann ich. Ansonsten hat sich nicht viel geändert: Das Projekt „Universitätsklinikum“ übernimmt Herr Wiater, die Russlandkontakte werden zwischen ihm und dem Akademischen Auslandsamt aufgeteilt.

Welche Schwerpunkte möchten Sie in diesem Jahr als Präsident noch setzten?

Ich bin kein gewählter Präsident, sondern zusammen mit Herrn Bottke angetreten (Anm. d. Red.: Bottke als Präsident, Loidl als Vizepräsident). Alle wissen, dass Herr Bottke jemand war, der keine Revolution und Neuerung wollte und sich gegen Einflüsse von Politik und Wirtschaft stemmte: Er liebte die Universität, wie sie früher war, (erfreut) basierend auf der Freiheit  von Forschung und Lehre oder wie er es ausdrückte „die Universität Augsburg ist wesentlich ein Betrieb der Bildungs-  und Wissensproduktion.“ Alle Fakultäten sollten im Gleichklang sein. Die große Linie wird sich in dem Jahr nicht ändern.

Aber ich bin doch (ein bisschen) etwas ökonomischer und leistungsorientierter eingestellt  als Herr Bottke. Der öffentliche Diskurs, Publikationen in renommierten Journalen, nationale oder internationale Reputation, Drittmitteleinwerbung finde ich sehr wichtig.  Ich habe neben der Physik immer Gremienarbeit gemacht und darin relativ viel Erfahrung. Ich bin hier als Dekan, Prorektor und Vizepräsident groß geworden, ich kenne diese Uni und ihre diversen Pappenheimer sehr gut. Für mich ist zum Beispiel die Beteiligung an der Exzellenzinitiative wichtig und auch dass die Drittmitteleinnahmen stimmen. (Das) Diesen Trend werde ich jetzt vielleicht ein bisschen verstärken.

Also müssen wir keine großen Veränderungen fürchten?

Ich mache nicht die geisteswissenschaftlichen Fakultäten zu. (lacht)

Zur Zukunft der Uni: Wie sieht die künftige Ausrichtung der Uni aus? Sind Neuerungen geplant?

Ich sehe es so: Zu Herrn Bottkes Zeiten hat sich die Universität sehr den Naturwissenschaften geöffnet. Die Verstetigung des EKM (Anm. d. Red.: Elektronische Korrelationen und Magnetismus) und die Gründung der Fakultät für Angewandte Informatik sind nur zwei Beispiele. In diesem Bereich hat sich die Universität sehr gewandelt.

Hinzu kommt das Institut für Material Ressource Management an der MNF (Anm. d. Red.: Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät), das Ökonomie, den Umweltgedanken und Materialwissenschaften verschneidet. Das ist meiner Meinung nach ein Alleinstellungsmerkmal und richtungsweisend. Außerdem wollen wir den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen starten, der von diesem Institut getragen wird. Diese Bereiche wollen wir stark halten und mit Stellen absichern. Aber das Gleichgewicht zwischen Natur- und Geisteswissenschaften darf dabei nicht verloren gehen. Darin liegt die Herausforderung.

Hinzu kommt noch, dass wir jetzt die Fraunhofer-Gesellschaft und die Deutsche Luft- und Raumfahrt angebunden haben. Die beginnen bereits im Süden zu bauen. Dort haben wir die ersten Professuren berufen. Das wird sicher auch ein sehr drittmittelstarker Bereich, der das Geschick der Universität Augsburg beeinflussen wird.

Ein weiterer Punkt sind die bitteren Debatten um das Klinikum, für das sich Herr Bottke aufgerieben hat. Er war sehr unglücklich, wie alles gelaufen ist. Aber: Das Kompetenzzentrum im Klinikum Augsburg ist ein kleiner Beginn. Es gibt drei Lehrstühle, davon kommt einer an die Uni Augsburg,  angebunden an die (Fakultät) WiWi Fakultät. Ein weiterer W2-Lehrstuhl „Umweltmedizin“ wird an die MNF angebunden sein. Eine W3- und eine W2-Stelle sind noch kein Uniklinikum – ich glaube das wird auch noch zehn bis 20 Jahre dauern. Auf der anderen Seite bin ich nicht pessimistisch. Herr Bottke hat das immer als persönliche Niederlage definiert. Wir haben jetzt den Fuß in der Tür und müssen schauen, wie es weitergeht. Der Anfang ist gemacht.

Welche Anforderungen muss der neue Präsident neben den Formalia erfüllen?

In einem Interview in der Süddeutschen nach Herrn Bottkes Tod hieß es: „Der Präsident/die Präsidentin muss Managementfunktionen haben.“ Ist mir alles recht. Aber die beste Managementfunktion nutzt nichts, wenn man nicht weiß, was eine Uni ist. Außerdem sollte die zukünftige Präsidentin oder der zukünftige Präsident Gremienerfahrung und Erfahrung in Forschung und Lehre haben. Das ist unabdingbar. Dann sollte die zukünftige Chefin oder der zukünftige Chef wissen, dass es unterschiedliche Kulturen an einer Universität gibt – die Geisteswissenschaften sollten die Naturwissenschaften akzeptieren und umgekehrt. Dabei muss man kommunikativ sein und den Leuten erklären können, was man will und denkt. Die erste Frau oder der erste Mann an der Universität sollte offen sein und Probleme direkt angehen. Das ist meine Meinung, aber (Aber) wählen tut der Universitätsrat.

Die Stelle ist mittlerweile ausgeschrieben. Bis 28. Januar können die Bewerbungen eingereicht werden. Wie läuft die Wahl der Präsidentin/des Präsidenten im Detail ab?

Die Findungskommission ist in der letzten EULE zusammengesetzt worden. Wahrscheinlich sitzen da alle Dekane, der Mittelbau, nicht wissenschaftliche Mitarbeiter und Vertreter der Studierenden drin.

Sie sichtet die Bewerbungen und macht dem Universitätsrat in Form einer Liste (Dreierliste) Vorschläge. Der Universitätsrat kann die Liste akzeptieren oder alle Bewerbungen noch einmal sichten und weitere Bewerber unter die Lupe nehmen. Am Ende wählt der Universitätsrat den neuen Präsidenten oder die neue Präsidentin.

Die Bewerber selbst stellen sich also erst vor, wenn die Bewerberliste vom Universitätsrat gesichtet wurde?

Es gibt einen Zeitpunkt in der Bewerbungsphase, an dem wir die Leute fragen, ob ihre Namen öffentlich gemacht werden dürfen. Ab diesem Augenblick können sie vom Universitätsrat gehört werden. Im Prinzip können sie auch von allen anderen gehört werden; aber warum sollen sich die Kandidaten durch die Fakultäten quälen? Höchstens die Findungskommission schlägt das vor. (schleifen?) Herr des Verfahrens ist der Universitätsrat. Dort sitzen als Professoren der Universität Augsburg nur Herr Becker, Herr Horn und Herr Zapf. Natürlich kann man sich fragen, ob es nicht besser wäre, wenn wie früher die EULE wählen würde. Aber das ist das neue Hochschulrecht. Die Hochschule soll das Management ernster nehmen und durch den Universitätsrat wird der Einfluss von außen stärker. Das sind die Bedingungen. Wie das (der) Herr  Prof. Berchem handhaben wird, weiß ich nicht.

Und die Namen werden erst zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt präsentiert?

Es gibt sicher externe Bewerber, die Wert darauf legen, dass ihre Bewerbung im Vorfeld – wenn sie vielleicht gar keine Chance haben – nicht publik wird. Diesen Punkt wartet man ab und wird den Kandidaten schreiben, dass sie ein möglicher Kandidat sind und ob ihr Name öffentlich gemacht werden darf. In dem Augenblick geht der Name dann an die Presse. (Es) Universitäspräsident  ist ein öffentliches Amt und man muss sich der Debatte stellen.

Sind schon viele Bewerbungen eingegangen?

Ich kümmere mich da nicht drum. Ich – das sage ich mal ungeschützt – kann mir nicht vorstellen, dass eine Kandidatin oder ein Kandidat von außen Unipräsidentin oder Unipräsident von Augsburg wird.

Können Sie sich vorstellen, für das Amt zu kandidieren?

Ich will es elegant umgehen: Ich habe die letzte EULE geleitet und als letzten Punkt die Benennung der Findungskommission angesetzt. Da habe ich gesagt, dass alle, die in der EULE sitzen und glauben, sie könnten in irgendeiner Weise in Frage kommen als Präsident oder Präsidentin, den Raum verlassen mögen. Dann haben den Raum verlassen: Frau Döring-Mannteufel, Herr Wiater und ich. Herr Horn ist eleganter Weise schon drei Minuten vorher gegangen (lacht).

Der doppelte Abiturjahrgang kommt – ist die Uni dafür gerüstet?

Drei Viertel der Studiengänge der Universität Augsburg können zum Sommersemester 2011 studiert werden. Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften(iBWL und iVWL) wird es aufgrund der riesigen Anfängerzahlen wahrscheinlich (zum Beispiel) nicht schaffen. Trotzdem sind wir gut gerüstet. Ich denke, sogar besser als die meisten anderen bayerischen Unis.

Für die Anfänger wird es eng werden und teilweise schwierig. Vielleicht kommen noch die Bundeswehrsoldaten, die im Rahmen der Aussetzung der Wehrpflicht nicht mehr eingezogen werden. Das bedeutet zusätzliche Belastungen und wahrscheinlich müssen die im doppelten Abiturjahrgang Studierenden mehr Einschränkungen hinnehmen und vielleicht auch effektiver arbeiten. (Das ist eine zusätzliche Anstrengung und wahrscheinlich müssen die neuen Studenten mehr tun als andere.)

Aber das Sommersemester beginnt extrem spät und ich bin sicher, dass die Klausuren einfacher sein werden. Alles andere wäre verrückt. Vielleicht haben es die Neuen, also die letzten G9er und die ersten G8er letzten Endes sogar leichter als die anderen. Sie müssen auf jeden Fall keine große Angst haben. Es ist ein Experiment und es mag teilweise sehr schwierig sein und phasenweise vielleicht auch chaotisch zugehen. Aber wir haben alles getan, was möglich war – und ich bin sicher, wir werden diese Herausforderung schaffen (es wird gehen).  Das Problem großer Studierenderzahlen ist ja für die Uni Augsburg nicht neu: Wir haben bayernweit am meisten Studierende pro Professor bzw. Professorin. Der Kanzler meint, wir sind effizient und schlank aufgestellt. Man kann auch sagen: „Im Bayernvergleich sind wir vergleichsweise schlecht ausgestattet und  (Wir sind) arm!“

Darum hoffen wir, dass uns die Kürzungen durch den Freistaat Bayern (das Land) nicht zu stark treffen. Der Zeitpunkt ist denkbar blöd. Die CSU will keine Nettoneuverschuldung. Aber es gibt politische Signale, dass uns die Stellen für den doppelten Abiturjahrgang wie geplant zugewiesen werden. Die Sorge, dass an anderer Stelle gekürzt wird, bleibt. Wichtig ist, dass die Studienbeiträge immer der Verbesserung der Lehre dienen. Es muss jeder Eindruck vermieden werden, dass Studienbeiträge eine Querfinanzierung von Leistungen sind, die der Staat kürzt. Ich hoffe, diese Message kommt bei den Politikern und Politikerinnen an und sie halten sich daran.

Vielen Dank für das Interview.

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