Nicht nur die Big Four – Interview mit der studentischen Unternehmensberatung JMS aus Augsburg

Unternehmensberatung – der Begriff wird oft mit 80-Stunden-Wochen, übersteigertem Ehrgeiz und großen Konzernen assoziiert. Dieses Klischee muss aber nicht zutreffen, denn es sehen weiterhin viele junge Menschen ihre zukünftige Karriere in einer Beratung. Neben Ernst & Young, PwC und Co. gibt es kleinere Beratungen, sogar an der Uni Augsburg. Die studentische Unternehmensberatung JMS wurde in Augsburg 1990 gegründet. Ursprünglich wurde das Konzept universitärer, unkonventioneller Unternehmensberatungen 1967 in Frankreich initiiert. JMS bietet Unternehmen eine kostengünstigere Beratungsalternative und gleichzeitig seinen Mitgliedern wichtige Praxiserfahrung für die spätere Arbeitswelt. Des Weiteren unterstützt die studentische Beratung soziale Einrichtungen. Paul Schynoll, 1. Vorsitzender und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit, gibt uns einen Einblick in die Beratungsarbeit, karikative Projekte und die Auswirkungen der Corona-Krise. 

©JMS

Presstige: Ihr seid eine studentische Unternehmensberatung hier in Augsburg. Was macht JMS genau? 

Paul: JMS Augsburg berät Unternehmen in der Region. Das kann man sich wie konventionelle Unternehmensberatung vorstellen: Beratung im Prozessmanagement, Prozessmodellierung, strategische Beratung oder auch Search Engine Marketing für die Online-Präsenz von Unternehmen kleiner bis mittlerer Größe. Nebenher bilden wir Studierende der Uni Augsburg durch Schulungen in den Bereichen, in denen wir Unternehmen auch beraten, weiter. Zusammengefasst liegt also der Fokus auf drei Bereichen: Analysen und Umfragen, Digitalisierung und Prozessmanagement. 

Presstige: Klischeehaft stellt man sich so eine Beratung nur mit BWL-Studierenden vor. Ist das denn auch der Fall? 

Paul: Ein großer Teil bei uns sind BWLer, ungefähr 50 Prozent sogar. Insgesamt sind bei uns aber über 15 verschiedene Studiengänge vertreten. Tatsächlich sind die Sozialwissenschaften relativ weit vorne, was man am Anfang gar nicht vermutet. Wir haben BWLer, Sozialwissenschaftler, Wirtschaftsinformatiker, Informatiker. Eigentlich gibt es keinen Studiengang, der per se nicht vertreten ist. Diese bunte Mischung macht unter anderem auch die Attraktivität von JMS aus. 

Presstige: Die studentischen Berater*innen werden von euch sechs Monate, in drei Kompetenz-Centern ausgebildet. Wie sieht diese Ausbildung aus und gibt es spezifische Aufnahmebedingungen? 

Paul: Ja. Jeder sogenannte Junior führt ein Junior-Projekt aus einem der verschiedenen Bereiche durch: Da der Qualitätsstandard gehalten werden soll, kann nicht jeder Junior an einem bezahlten Projekt mit einem Unternehmen arbeiten. Deshalb gibt es interne Projekte zur Weiterbildung, beispielsweise Website-Optimierung oder Prozessmodellierung. Außerdem machen wir soziale Projekte, die ebenfalls für Juniors möglich sind, da der Haftungsausschluss bei unbezahlten Projekten greift. Insgesamt muss das Junior-Projekt mindestens fünf Beratertage, sprich 40 Stunden insgesamt, beinhalten. Des Weiteren sollte ein Junior einen Katalog aus acht Pflichtschulungen besuchen, zum Beispiel Internes wie die Vereinsorganisation oder auf Soft Skill Gerichtetes wie Präsentationstechniken, um richtig vor dem Kunden auftreten zu können. 

Presstige: Ihr unterstützt in Form eines Probono-Projekts (gemeinnützige, unentgeltliche Beratung) soziale und regionale Einrichtungen. Wie werden diese Einrichtungen ausgewählt beziehungsweise wie wählen sie euch aus?  

Paul: Die letzten drei Jahre haben wir eine sehr breite Akquise-Phase gestartet: Zunächst haben wir nach regionalen Sozialangeboten in Augsburg recherchiert und im Anschluss Kriterien festgelegt, welche Organisationen in Frage kommen. Dieser Kriterienkatalog beinhaltet beispielsweise die Hilfsbedürftigkeit. Große Organisationen wie das Bayerische Rote Kreuz machen sich zwar gut in der Vermarktung, allerdings ist es deutlich charmanter eine kleinere Organisation zu unterstützen, die auf die Hilfe angewiesen ist. Nach einem ersten E-Mail-Kontakt fanden drei Erstgespräche statt, wo wir uns mit den Vereinen über die Projektidee unterhalten und abgewägt haben, ob diese in unserem Kompetenzbereich liegen. Nach diesem doch recht langen Auswahlprozess sind wir schließlich zum Deutschen Kinderschutzbund Kreisverband Augsburg e.V. gekommen. Übrigens: Dieses Jahr wird es sogar ein zweites Probono-Projekt geben, da es sich in der momentanen Situation anbietet und wir schon auf bestehende Kontakte zurückgreifen konnten. 

Presstige: Und wie wird dieses unbezahlte Probono-Projekt finanziert? 

Paul: Das ist generell die Beratungsleistung, sprich die geistige Arbeit, die uns lediglich Zeit kostet. Die Finanzierung ist quasi die mediale Präsenz. Wir sprechen also Medienpartner an und sind für die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts verantwortlich: Das ist PR sowohl für uns aber vor allem auch für den Kinderschutzbund. Wichtig ist uns besonders der soziale Gedanke, um der Region etwas zurückgeben zu können. Wir selbst als Verein finanzieren uns über andere Projekte mit Augsburger Unternehmen.  

Presstige:  Wie sieht die Arbeit des Deutschen Kinderschutzbund e.V. denn aus? 

Paul: Der Verein ist eine Dachorganisation für eine Vielzahl an Projekten, wie beispielsweise Stadtteilmütter-Gruppen in verschiedenen Sprachen, die an Familien, die noch nicht den Anschluss in Deutschland gefunden haben, vermittelt werden. Insgesamt sind acht Projekte unter diesem Träger, wie die Betreuung für Kleinkinder oder ein Spielmobil, mit dem der Verein durch Augsburg fährt und Kindern in sozial benachteiligten Vierteln die Möglichkeit bietet, Spielzeug auszuprobieren. Im Fokus der Vereinsarbeit stehen die Ausbildung von Tagesmüttern sowie deren Vermittlung an berufstätige Eltern. 

Presstige: Du hast bereits über die Projekt- und Öffentlichkeitsarbeit für den Kinderschutzbund gesprochen. Natürlich ist jetzt aber die Frage, wie sich die Beratung durch die Corona-Krise verändert hat? 

Paul: Beim JMS war auf Projektbasis ein Fernsehbeitrag geplant, was jetzt natürlich sehr schwierig ist. Das Projekt ist beendet, wir haben noch kein gemeinsames Bild zur Vermarktung, sondern momentan nur die Geschichte. Da wir uns in Präsenz nicht treffen können, ist das wirklich sehr schade. Ein Fernsehbeitrag muss natürlich gedreht werden, was einfach nicht möglich ist. Das heißt also, dass die Situation auch die Öffentlichkeitsarbeit sehr eingeschränkt hat. 

Presstige: Was ist das zweite Probono-Projekt dieses Jahr? 

Paul: Da kann ich gar nicht so viel spoilern! Vermutlich fängt das Projekt in den kommenden zwei bis drei Wochen an. Wir haben uns allerdings noch nicht entschieden, mit welcher Organisation wir arbeiten möchten. Wir gehen aber nochmal ein paar Kontakte in der Region an. 

Presstige: Abschließend: Wie blickt ihr als studentische Unternehmensberatung in der aktuellen Situation in die Zukunft? 

Paul: Ja, mit dieser Frage beschäftigen wir uns momentan sehr viel. Denn die Projektlage ist momentan extrem schwierig. Die Unternehmen sehen zu, dass sie ihre eigenen Leute wieder in Vollzeit zurück ins Unternehmen bekommen. Unabhängig von der studentischen Beratung sind auch konventionelle Unternehmensberatungen die Ersten, die leider abgesetzt werden. Aus diesem Grund initiieren wir zum Beispiel nochmal ein soziales Projekt, da wir so unserer Leidenschaft nachgehen können und das zu einem Punkt, wo wir zwar keinen monetären Anteil, aber eben den sozialen Gedanken verwirklichen können. Außerdem bleibt die Weiterbildung von neuen Mitgliedern wichtig sowie die mediale Präsenz. Auch auf Netzwerkveranstaltungen möchten wir gehen, um zu sagen: Wir sind da, wir können mit der Krise umgehen und weiter Projekte durchführen. Wenn in zwei, drei Monaten die Situation hoffentlich anders aussieht, möchten wir auf diese Weise wieder in eine gute Projektlage kommen. Das ist also unser Fokus für die nächsten Monate. 

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