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	<title>essay Archive | presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</title>
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		<title>Diese Sache mit der Schönheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anne-Sophie Liehr]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Oct 2021 10:35:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich habe die Schönheit auf einen Kaffee eingeladen. Wir sind zum Zwiegespräch verabredet. Ich möchte von ihr wissen, warum sie so beliebt ist. Warum sie sich für so wichtig hält. Und was sich sonst noch so hinter ihrer hübschen Erscheinung verbirgt.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/10/diese-sache-mit-der-schoenheit/">Diese Sache mit der Schönheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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											<figcaption class="widget-image-caption wp-caption-text">Photo by <a href="https://unsplash.com/@wanderluly?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText" class="broken_link">Ludovica Dri</a> on <a href="https://unsplash.com/s/photos/mirror?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a>   </figcaption>
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									<p>Ich habe die Schönheit auf einen Kaffee eingeladen. Sie trinkt ihn mit laktosefreier Milch und ohne Zucker. Wegen ihrer Figur, sagt sie. Wir sind zum Zwiegespräch verabredet. Ich möchte von ihr wissen, warum sie so beliebt ist. Warum sie sich für so wichtig hält. Und was sich sonst noch so hinter ihrer hübschen Erscheinung verbirgt.</p><p>Ich nippe an meinem Kaffee. Ich mag gar keinen Kaffee, aber jetzt trinke ich einen mit laktosefreier Milch und ohne Zucker, weil ich mich neben der Schönheit schlecht gefühlt habe, <span style="color: #000000;">et</span>was anderes zu bestellen. Die Schönheit lächelt mich an wie die strahlende Sonne persönlich und ich kriege schon wieder Komplexe. Gut, deswegen sind wir ja hier.</p><p>„Was wolltest du mich denn fragen?“, fragt sie.</p><p>„Verschiedenes“, sage ich.</p><p>„Gut. Fang an“, antwortet sie. Lächelnd.</p><p>Ich räuspere mich und versuche, professionell zu wirken.  Und dann fange ich an.</p>								</div>
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									<p>Es erstaunt mich oft, dass wir ihr so viel Bedeutung beimessen. Mit ihr meine ich die Schönheit und mit wir meine ich uns, die Gesellschaft. Es mag sein, dass es einzelne Individuen gibt, die sich dem Sirenengesang der Schönheit entziehen können, die sich einfach die Ohren zuhalten und ignorieren können, was sich so schwer ignorieren lässt. Aber der gesellschaftliche Rest folgt den Sirenenrufen und kentert mit voller Wucht im Rhein. Oder so ähnlich.</p><p>Irgendwann wurden wir alle geboren. Und mit der Geburt bekamen wir einen Körper, einen Raum, um im Leben existieren zu können. Dieser Raum sieht immer sehr unterschiedlich aus. Große Augen, kleine Augen, eng, weit auseinander, große und kleine Nasen, volles oder dünnes Haar, dick oder dünn, groß oder klein, wie auch immer. Solange der Raum funktionstüchtig ist und einen zuverlässig durch das Leben trägt, ist der wichtigste Punkt erfüllt. Wie er aussieht, ist doch rein objektiv betrachtet erstmal egal.</p><p> „Ich bin egal?“, fragt die Schönheit pikiert.</p><p>„Äh…“, sage ich. „Nicht direkt egal“ sage ich. „Aber meinst du nicht, dass zum Beispiel die Gesundheit ein bisschen wichtiger ist?“</p><p>„Na hör mal“, sagt die Schönheit. „Damals bei der Evolution haben sich nur die gesündesten und schönsten Menschen fortgepflanzt.“</p><p>„Ich habe jetzt trotzdem -4 Dioptrien“, sage ich.</p><p>„Das ist nicht der Punkt“, sagt die Schönheit. </p><p>„Was ich meine, ist, dass man in unserer jetzigen Zeit nicht mehr natürlich ausselektiert wird, wenn man nichts sieht oder nicht so stark oder groß ist wie die anderen“, erkläre ich.</p><p>Wenn man geboren wird, als Baby, denkt man nicht darüber nach, wie man aussieht. Das könnte daran liegen, dass man als Baby allgemein noch nicht nachdenkt. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo der Körper mehr ist als dieser Raum, der einen durch die Welt trägt und der nervt, wenn er krank ist. Irgendwann beginnt man darüber nachzudenken, wie er aussieht. Man vergleicht. Vielleicht ordnet man sich selbst auf einer imaginären Skala ein. Oder man wird (teils unfreiwillig) von anderen eingeordnet. Je nachdem ob du bei deiner Geburt das Glück hattest, gerade diese Art von Genetik zu bekommen, die gerade dem aktuellen Schönheitsideal entspricht, tut diese Einordnung weh – oder sie bestärkt dich und macht dich stolz. Warum eigentlich? Weil das Übereinstimmen mit dem aktuellen Schönheitsideal, das normschön-sein, zu einem erstrebenswerten Zustand geworden ist &#8211; wie eine Währung, die zu zahlst. Und entweder du besitzt diese Währung bereits, dann good for you. Oder eben nicht. Dann kannst du dich entweder ändern, um die Währung auch zu besitzen oder du akzeptierst, dass du wohl einfach Pech hattest bei der Verteilung der „das-ist-gerade-schön-Genetik“.</p><p> &#8220;Aber Schönheitsideale sind ja weltweit gesehen total unterschiedlich&#8221;, verteidigt sich die Schönheit.</p><p>„Stimmt“, sage ich. „Dazu hab ich sogar eine kleine Anekdote!&#8221;</p><p>&#8220;Wie klein ist die?&#8221;, fragt die Schönheit skeptisch. &#8220;Ich habe nicht sehr viel Zeit.&#8221;</p><p>&#8220;Klein. Ich war in Irland mit einer Freundin am Strand und wir haben überlegt, wo wir uns hinsetzen.  Ich wollte mich in die Sonne setzen, weil ich braun werden wollte. Meine Freundin von den Philippinen wollte in den Schatten, sie wollte auf gar keinen Fall braun werden. Da waren die Schönheitsideale, denen wir beide entsprechen wollten, total konträr.&#8221;</p><p>&#8220;Eben&#8221;, sagt die Schönheit. &#8220;Und außerdem ändert es sich ja auch die ganze Zeit, was gerade schön ist. Alle paar Jahre werde ich neu definiert.&#8221;</p><p>&#8220;Aber es war doch immer so, dass die Abweichung vom Schönheitsideal belächelt wurde. Warum kann es nicht einfach egal sein, ob man dem Ideal entspricht oder nicht? Es ist doch prinzipiell überhaupt nicht relevant.“</p><p>Die Schönheit seufzt. „Es gibt relevantere Dinge“, gibt sie zu.</p>								</div>
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									<p>Dass es relevantere Dinge gibt, kann man schnell vergessen. Selbsternannte Kommentator:innen aus Verwandschaft, Freundes- und Bekanntenkreis teilen ungefragt ihre negative Meinung zum eigenen Aussehen und geben einem oft wohlgemeinte, aber selbstüberschätzende Tipps wie: „Nimm doch mal ab!“ „Das<span style="color: #000000;">,</span> was du da anhast<span style="color: #000000;">,</span> steht dir leider gar nicht“, „Wieso trägst du denn ein Kleid, bei so dünnen Beinen wäre eine Hose besser“ „Mach doch dies, mach doch das“ etc. etc. mit auf den Lebensweg und vermitteln das angenehme Gefühl „Kannste schon so machen, ist aber falsch“.  Plakate erinnern uns daran, dass ein Body nicht reicht, um an den Strand zu gehen, nein, es muss ein Bikini-Body her. Weh dem, der sich einfach mit einem stinknormalen Körper in die Sonne legt, ohne so ein bisschen Beauty-Druck macht der Sommer doch keinen Spaß. Instagram-Influencer:innen erzählen uns hinter Filtern, die so gut gemacht sind, dass sie einem als Filter nicht auffallen, dass wir uns doch bitte selbst lieben sollen. Hot5 von Taff bringt uns bei, dass man die Intelligenz anhand des Gesichts bewerten kann und beweist mit Sprüchen wie <span style="color: #333333;">„D</span>u solltest echt mal wieder ins Fitnessstudio gehen“, dass es Formate gibt, die man sich anschauen kann und Formate, wo man es einfach lassen sollte. Klatschzeitschriften zeigen auf Seite 5 die Paparazzi Fotos von Stars mit Bildunterschriften wie: „Achtung, Cellulite Alarm!!! Fans machen sich Sorgen!! Lässt Star xy sich gehen???“ und geben auf Seite 6 Tipps, wie man zu mehr Selbstliebe findet. Und von den Prinzessinnen in den Märchen der Gebrüder Grimm lernen Frauen schon von klein auf, dass man primär schön sein muss, um dann vom Prinzen geheiratet zu werden. Ist man schön, aber schläft die ganze Zeit, wühlt sich der Prinz trotzdem für einen durch die Dornenhecke. Ist man schön, aber tot, erweckt dich der Prinz einfach mit einem Kuss zum Leben (ob man eine tote, unbekannte Person küssen sollte, ist wieder eine andere Debatte). Und auch die Froschkönigprinzessin, die charakterlich eher ein wenig schwierig ist, wird am Ende geheiratet, sie ist schließlich die schönste Tochter des Königs. Ihre Schwestern sind (natürlich) auch alle sehr schön, das ist aber das Einzige, was man über sie erfährt. Vielleicht sind diese Prinzessinnen auch mutig, intelligent, ziemlich witzig, können boxen, erschrecken ab und zu Wanderer im Wald, diskutieren über den Sinn der Monarchie oder schreiben wütende Gedichte, aber all das erfährt man nicht. Sie sind schön, das reicht.  </p><p>„Ja, das ist doch lange her“, ruft die Schönheit etwas empört. „Gebrüder Grimm, ich bitte dich.“</p><p>„Aber es ist doch immer noch so!“, sage ich „Wusstest du, dass es mittlerweile einen Begriff dafür gibt, dass man eine gestörte Köperwahrnehmung hat, weil man dauernd Gesichtsfilter auf Instagram und Snapchat benutzt?“</p><p><a href="https://www.liebertpub.com/abs/doi/10.1001/jamafacial.2019.0328" class="broken_link">Snapchat-Dysmorphophobie ist der Begriff dafür</a>. Vor allem Jugendliche benutzen diese Filter und sie sind es auch, die dann mit der Diskrepanz zwischen dem Filter-Ich und dem echten Ich nicht mehr klarkommen. <a href="https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/studie-aus-amerika-fotofilter-schmaelern-selbstwertgefuehl-15723598.html">Außerdem kommt es immer häufiger vor, dass Menschen Schönheitschirurg:innen mit dem Ziel aufsuchen, auf Selfies besser auszusehen.</a> <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00129-019-4396-8#Sec1">Die Ärztin Dagmar Pauli</a> kommt zu dem Schluss, dass Schönheit immer mehr zu etwas wird, das man macht, nicht etwas, das man automatisch ist. Normschön geboren werden reicht nicht mehr aus, die Normschönheit muss konstant durch Diäten, Muskelaufbau, Kosmetikprodukte und ähnliches gehalten und optimiert werden.</p><p>Es gibt es auch Gegenbewegungen. Die Body-Positivity-Bewegung zum Beispiel mit dem Motto: „Alle Körper sind schön!“. Oder die Body-Neutrality-Bewegung. Diese hat zum Ziel, dem Körper und seinem Aussehen neutral gegenüberzustehen. Weder negativ noch positiv. Der Körper wird als Funktionsgegenstand verstanden und nicht als etwas, über dessen Aussehen man permanent nachdenken oder den man besonders toll finden muss.</p>								</div>
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									<p>„Hm“, sagt die Schönheit. „Aber es macht doch auch Spaß schön auszusehen.“</p><p>„Klar“, sage ich. „Aber es gibt doch so viel wichtigere Dinge!“</p><p>„Was denn?“, fragt die Schönheit.</p><p>„Zum Beispiel, dass man gesund ist. Physisch und psychisch. Oder dass man respektvoll mit anderen umgeht. Dass man sich Dinge traut. Dass man für Menschen da ist, die einen brauchen. Dass man etwas hat, was einem Spaß macht. Dass man sich für Dinge begeistern kann. Dass man Humor hat. Dass man träumen kann. Mir egal, such dir was aus!“</p><p>„Aber das eine schließt doch das andere nicht aus“, überlegt die Schönheit.</p><p>„Hm. Da hast du Recht“, sage ich. „Ich finde nur, der Fokus liegt falsch. Kennst du dieses Gedicht von <a href="https://www.instagram.com/rupikaur_/">Rupi Kaur</a>?“</p><p>„Ich fürchte, du musst ein bisschen spezifischer werden“, sagt die Schönheit ein bisschen spöttisch.</p><p>„Na gut. Es geht so:</p>								</div>
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							<div class="elementor-testimonial-content">i want to apologize to all the women<br>i`ve called pretty<br>before i`ve called them intelligent or brave<br>i am sorry i made it sound as though<br>something as simple as what you`re born with<br>is the most you have to be proud of when your<br>spirit has crushed mountains<br>from now on i will say things like<br>you are resilient or you are extraordinary<br>not because i don`t think you`re pretty<br>but because you are so much more than that</div>
			
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														<a class="elementor-testimonial-name" href="">Rupi Kaur</a>
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									<p>“Das ist ein interessantes Gedicht“, sagt die Schönheit. „Aber fändest du es nicht schade, wenn man sich gar nicht mehr sagen darf, dass man sich schön findet?“</p><p>Ich finde nicht, dass man sich und andere nicht schön finden darf. Ich finde auch nicht, dass man keine Komplimente für das Aussehen einer Person machen darf. Ich finde aber, dass man sich ab und an klarmachen kann, dass jede:r Schönheit anders definiert. Und dass man auch andere Komplimente machen kann, Komplimente, die nicht an der Fassade kratzen, sondern die ein kleines Fenster bauen und durch sie hindurchschauen. Menschen sind mehr als ihre Hülle, mehr als ihr Körper, mehr als ihre Kleidung. </p><p>&#8220;Warum geht es eigentlich immer nur um Menschen, wenn du über mich sprichst?“, fragt die Schönheit. „Du findest doch auch das Meer schön. Und Musik. Und den Mond.&#8221;</p><p>„Ja das stimmt“, sage ich. „Ich glaube, weil ich Menschen zutraue, mehr zu sein, als nur ihre äußere Hülle.“</p><p>„Der Mond kann auch mehr“, sagt die Schönheit. „Er kontrolliert Ebbe und Flut. Und das Meer ist überlebenswichtig für den Menschen. Sie sind viel mehr als nur die äußere Hülle.“</p><p>„Hm“, gebe ich kleinlaut zu. „Das weiß ich ja.“</p><p>„Aber sagst du es auch?“, fragt die Schönheit.</p><p>„Selten.“</p><p>„Vielleicht dürfen Dinge und Menschen auch einfach schön sein“, sagt die Schönheit. „Solange man nicht vergisst, dass es nur eine Hülle ist. Solange man genau so sehr sieht und wertschätzt, was sie noch ausmacht. Und man ihre Diversität annimmt und nicht alle in eine normierte Form, in ein Schönheitsideal zu pressen versucht.“</p><p>„Das hast du schön gesagt“, sage ich.</p><p>„Ist eine Berufskrankheit“, sagt die Schönheit.</p><p>Sie fragt nach Zucker und schüttet sich eine große Menge davon in die Tasse.</p><p>„Scheiß auf die Figur“, sagt sie und ext den Kaffee.</p>								</div>
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		<title>Die Dialektik in der Menschlichkeit &#8211; ein Essay der Gedankenspiele</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Valentin Erhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jul 2021 08:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Da sich zur Zeit alle Welt über Semantik aufregt und mit linguistischen Kunststücken liebäugelt, statte ich diesem Trend jetzt auch mal einen Besuch ab, verbringe einen netten Abend mit ihm und schütte ihm was ins Glas.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/07/die-dialektik-in-der-menschlichkeit-ein-essay-der-gedankenspiele/">Die Dialektik in der Menschlichkeit &#8211; ein Essay der Gedankenspiele</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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									<p>Da sich zur Zeit alle Welt über Semantik aufregt und mit linguistischen Kunststücken liebäugelt, statte ich diesem Trend jetzt auch mal einen Besuch ab, verbringe einen netten Abend mit ihm und schütte ihm was ins Glas. Kommen wir gleich zur Sache.</p><p>Die Kategorisierung von Fremd- und Eigenverhalten in gut und schlecht, moralisch wertvoll oder verwerflich et cetera ist elementar für den Menschen, der Zeit seines Lebens in Bergspitzen und Lochböden zu denken vermag, ohne allzu viel Aufmerksamkeit an Steigungen und Gefälle zu vergeuden. These und Antithese, Pro versus Contra, Positiv zum Negativ, bla bla bla; zum größten Teil sind diese Einordnungen genauso uninteressant, wie sie subjektiv sind.</p><p>Es gibt allerdings ein Negativ, das mich stört, seitdem ich das Denken erlernte: „unmenschlich“, genauer, der fahrlässige Gebrauch dieses Begriffes.</p><p>Eric Harris und Dylan Klebold bekommen häufig die zweifelhafte Medaille dieses Begriffes umgehängt, ebenso Elliot Rodgers und Adam Lanza. Für Josef Stalin und Adolf Hitler fahren manche sogar noch größere Geschütze auf, identifizieren sie als „Inkarnation des Bösen“ und sprechen Ihnen jedwede Menschlichkeit ab. Im Hinblick auf die Gräueltaten, die diese sechs Männer verübt haben, durchaus verständlich, das gebe ich zu – aber unüberlegt.</p><p>Hass, Mord und Genozid sind nicht die feine Art, klare Sache, keine Debatte notwendig. Aber sind sie unmenschlich? Ich weiß nicht so recht.</p><p>„Unmenschliche Taten“, wie sie genannt werden, werden zu 100% von Menschen verübt. <span style="color: #00ccff;"><a style="color: #00ccff;" href="https://edition.cnn.com/2019/11/15/us/2019-us-school-shootings-trnd/index.html" target="_blank" rel="noopener">In den ersten 46 Wochen des Jahres 2019 gab es in den Vereinigten Staaten 45 School Shootings.</a></span> Hitler und Stalin hatten beide einen Staatsapparat voller Menschen, die hinter ihnen standen, Soldaten, die ihren Befehlen gehorchten, sie ausführten, für ihr Oberhaupt hassten und mordeten. Die Teilnehmer des Milgram- und des Standford-Prison-Experiments zeigten alle Verhaltensmuster, die in realer Situation juristische Folgen und soziale Ächtung nach sich gezogen hätten. Sollen all diese Menschen keine Menschlichkeit besessen haben? Und falls ja, wie viele von uns sind menschlich, wenn moralisch verwerfliches oder antisoziales Verhalten als unmenschlich gilt?</p><p>Wenn wir Diagnosen von Unmenschlichkeit und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhängen, verschleiert das unseren Blick darauf, was menschlich ist. Wir verfälschen unser eigenes Bild, kaschieren Stellen, die uns nicht gefallen, löschen sie aus, begraben sie. Wir vergessen. Ich kann verstehen, dass man nicht auf derselben Stufe wie die Menschen stehen will, die zu solch abartigen Taten imstande waren, dass man nicht über sie nachdenken will und dass die Grausamkeit der Realität einen in Schockstarre und Beschreibungsnot bringt; das alles ist nachvollziehbar. Es sollte uns jedoch nicht dazu bringen, uns der Tatsache zu verschließen, dass die Akteure Menschen waren.</p>								</div>
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									<p>Statt die Tatsachen zu vergraben, sollten wir versuchen, aus ihnen zu lernen. Statt Abgründe zu retuschieren und unser Bild von der Menschlichkeit zu verklären, sollten wir uns in Akzeptanz üben, nicht gegenüber der Grausamkeit, sondern gegenüber der Vorstellung, dass auch Grausamkeit, Hass und Sadismus menschlich sind. Wenn ihr mich fragt, entsteht ein sehr viel schöneres Bild, wenn wir Menschlichkeit nicht als statisches Set von Tugenden betrachten, sondern als eine Bandbreite unterschiedlichster Merkmale, die im Homo Sapiens in beliebiger Kombination heranreifen können.</p>								</div>
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									<p>Die sechs genannten Männer waren alle Menschen mit Gefühlen, Gedanken, Träumen, Zielen, Talenten, Ängsten und Abgründen – und ebenso menschlich wie jeder andere Vertreter unserer Spezies. Das auszublenden verwehrt uns, Menschlichkeit so zu begreifen, wie sie ist, zu akzeptieren, dass in uns allen das Potenzial zur Wohl- wie zur Gräueltat steckt. Wenn wir auch Tiefen unserer Existenz akzeptieren – nicht notwendigerweise verzeihen – könnte das dazu führen, dass wir zu mehr Verständnis gelangen. Je heller wir unsere Schattenseiten beleuchten, desto weniger verteufeln wir und desto eher lernen wir, mit ihnen umzugehen.</p><p>Natürlich soll nicht übersehen werden, welchen Einfluss der Umstand auf uns hat, dass wir keine dieser Personen je persönlich gekannt, und dass Hitler und Stalin vor unserer Zeit gelebt haben:</p><p>Die Geschichte hat einen Hang dazu, Persönlichkeiten als Knotenpunkte zu verwenden im verworrenen Netz des Zeitgeschehens. Dies ist aus zweierlei Gründen praktisch: Erstens, weil wir Menschen als soziale Wesen die Geschichte besser verstehen können, wenn sie uns anekdotisch und mit Figurenkonstellation geboten wird, zweitens, weil wir so einen Protagonisten haben, anhand dessen Leben wir Schlüsselereignisse der Geschichte erschließen können. Das geschichtliche Protagonistentum birgt aber den entscheidenden Nachteil, dass wir – die wir an religiös-moralischen Schachtelvorstellungen von gut und böse festhalten – auch hier nach diesen Kategorien einteilen. Dadurch werden aus Menschen Pappgestalten in starren narrativen Rollen, denen wir keine Attribute zuschreiben wollen, die nicht ihrer Rolle entsprechen. Hitler darf kein talentierter Zeichner gewesen sein, weil er böse war; Gandhi als stereotyper Weltverbesserer keine rassistischen oder frauenfeindlichen Züge gezeigt haben.</p><p>Zuletzt vielleicht ein Beispiel, das meine Gedankenspiele näher an unsere tägliche Realität bringt: Denk an das Schlimmste, was du jemals getan hast. Vielleicht hast du jemanden verletzt, betrogen, belogen oder misshandelt, vielleicht hast du jemandes Leben zerstört oder es sogar beendet. Nun stelle dir vor, man würde dich anhand dieser Tat charakterisieren, dein ganzes Leben um diesen Punkt auf deiner Lebenslinie auffädeln und aus dem entstehenden Ballen streichen, was nicht ins Bild hineinpasst. Oder, andersherum, stelle dir vor, man würde dasselbe Vorgehen bei deiner <strong>besten</strong> Tat anwenden. Was kommt dabei heraus?</p><p>Durch welche Linse man einen Menschen auch betrachtet, das entstehende Bild kann niemals vollkommen akkurat sein. Verfolgt man aber zusätzlich noch ein Narrativ, demzufolge man Dinge unter- oder ausstreicht, wird das Bild erst recht verzerrt.</p><p>Dieses Spiel mit der Dialektik lässt sich natürlich auch auf andere Themengebiete ausweiten. Durch das Wunder der Assoziation verbindet jeder von uns Ablehnung und Zuneigung mit den verschiedensten Gruppen. Wenn ich euch auffordere, einen strohdummen und uninformierten Menschen zu imaginieren, stellt der eine sich einen Neo-Nazi vor, der andere einen Antifa-Aktivisten, wieder ein anderer vielleicht mich im Speziellen (und jeder hätte in seiner Welt vollkommen Recht damit). Jeder von uns hegt Abneigungen gegen menschliche Eigenschaften, die er aus mehr oder weniger guten Gründen nicht ausstehen kann. Und ich gehe so weit zu sagen, dass jede dieser Abneigungen menschlich ist, einige bei entsprechender Argumentation vertretbar, manche sogar gesellschaftlich opportun. Nur sollten wir uns vor Augen halten, dass auch die verhassten und verpönten Eigenschaften Teil der menschlichen Natur sind – sowohl unserer als auch der unserer Mitmenschen.</p>								</div>
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		<title>Von Gurken, die auf Bäumen wachsen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anne Eberhard]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Apr 2021 08:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dass man Gurken auch am Baum züchten kann, war neu für mich. Meine Oma erzählte begeistert davon: Sie hat da ein Video gesehen. Tolle Idee. Das probiert sie doch glatt aus. Auch das ist neu: Meine Oma ist jetzt im Internet. Mit 85 Jahren nimmt sie zum ersten Mal ein Tablet in die Hand und ist im Internet unterwegs, auf der roten, der blauen oder der grünen App.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/04/von-gurken-die-auf-baeumen-wachsen/">Von Gurken, die auf Bäumen wachsen</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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									<p>Die Gurke, das Gemüse des Jahres 2020, gehört zur Familie der Kürbisgewächse. Während Feld- und Essiggurken im Beet am Boden liegend wachsen, benötigen Salatgurken ein Rankengerüst. Dass man Gurken aber auch am Baum züchten kann, war neu für mich. Meine Oma erzählte begeistert davon: Sie hat da ein Video gesehen. Leere Plastikflaschen oben aufschneiden, mit Erde füllen und den Keimling so unten einstecken, dass er aus dem Flaschenhals herauswächst. Die Flaschen an Bäumen aufhängen, sodass die Gurke nach unten herauswächst, selbst vom Baum hängend. Tolle Idee. Das probiert sie doch glatt aus.</p>								</div>
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									<p>Auch das ist neu: Meine Oma ist jetzt im Internet. Mit 85 Jahren nimmt sie zum ersten Mal ein Tablet in die Hand und ist im Internet unterwegs, auf der roten, der blauen oder der grünen App. Einfach alles gebe es da, einfach toll. Beethovens 6., 7., 8., 9., einen Schokokuchen, den bäckt sie morgen nach. Ob ich Grünkohlauflauf kenne? Sie auch noch nicht, seit 20 Jahren hat sie keinen Grünkohl mehr gekauft, aber im Internet, da gibt es den und schwer sah das da auch nicht aus.</p>								</div>
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									<p>Meine Oma war sehr skeptisch am Anfang, ob sie das noch lernen kann, mit dem Internet. Als der Nachbar, ein alter Schulkamerad, ihr vor einigen Jahren einmal erzählte, dass er „da dabei sei“, war ihr das noch recht suspekt. Sowas brauche sie nicht, sie habe ja genug zu tun, und verstehen würde sie da sowieso gar nichts von. Das stimmte auch, verstehen tat sie davon nichts. Denn dass die Buchstaben auf einer Tastatur in einer bestimmten Reihenfolge (nicht alphabetisch) angeordnet sind, ist genauso wenig verständlich, wie das ein „Pausenzeichen“ aussieht wie zwei mahnend in die Luft gereckte Zeigefinger oder dass 2.320.000 Suchergebnisse in 0,40 Sekunden erscheinen, wenn man „Gartentipps“ bei Google sucht. Das ist für Digital Natives manchmal unbegreifbar und oft lustig – sollte aber kein Problem sein, solange das zu wohlwollendem Schmunzeln führt.</p>								</div>
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									<p>Diesen Winter packte meine Oma dann die Neugier. Ein altes iPad 4 aus meiner Schulzeit konnten wir entbehren und das WLAN reichte vom Haus meiner Eltern bis ins Nebenhaus zu ihr. Seit Dezember schreiben wir Anleitungen und sitzen beim Lernen manchmal neben ihr. Dass sie das Internet nun doch „braucht“, würde sie dem Nachbar gegenüber nie zugeben. Doch die Ideen sprudeln mit den Google Ergebnissen nur so aus iPad und Oma heraus.</p>								</div>
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									<p>Heute komme ich sie besuchen, es gibt Kaffee. Kekse werden auf den Tisch gestellt, der Duft des frisch gemahlenen Pulvers zieht in meine Nase, lange bevor mir der heiße Kaffee die Zunge verbrennt. Denn an der Kaffeemaschine stehend fällt meiner Oma die nächste Geschichte ein &#8211; ein anderes Projekt. Ob sie mir schon erzählt habe, dass sie jetzt Sütterlin lernt? Diesmal bejahe ich, das Projekt ist mir bekannt. Sütterlin wurde bis 1942 an deutschen Schulen gelehrt, die Buchstaben sehen in ihr ebenso elegant wie krakelig aus. Ein bisschen wie meine Oma. Sie selbst hat die Schrift aber nicht mehr gelernt; sie kann die Briefe, die ihr Papa im Schützengraben geschrieben hat, nicht lesen. Die Briefe kamen aus dem Krieg zurück, mein Uropa nicht. 78 Jahre später belebt seine Tochter nun die Geschichte neu, seine Geschichte, und lernt Sütterlin im Internet. A, a, B, b, C, c, D, d, E, e, damit kann man schon Ade, Bad, Da und Bea schreiben. Den Rest lernt sie auch noch.</p>								</div>
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									<p>Als die Geschichte zu Ende ist, ein paar historische Ausschweifung und Projekte später, ist mein Kaffee leer und Omas Kaffee kalt. Und so gern ich meinen Kaffee auch heiß trinke, so sehr bewundere ich diese Frau für ihre Passion. Mit 23 auf der Suche nach neuen Ideen und Input zu sein ist spannend. Mit 85 so energiegeladen zu sein wie meine Oma, ist revolutionär. Darum geht es hier. Und nicht – ihr habt es schon selbst gemerkt – um Gurken, die an Bäumen wachsen. Bis ich 85 bin, werde ich daran arbeiten, so weltoffen und innovativ zu sein wie sie.  Oder auch länger, man weiß ja nie. Vielleicht gibt es dazu einen Tipp im Internet?</p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/04/von-gurken-die-auf-baeumen-wachsen/">Von Gurken, die auf Bäumen wachsen</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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		<title>Wir sind doch alle Menschys</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sarah Schuster]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Apr 2021 03:29:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Frau kann genauso maskulin sein wie ein Mann, ein Mann so feminin wie eine Frau. Jeder kann so maskulin und feminin sein, wie er möchte.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/04/wir-sind-doch-alle-menschys/">Wir sind doch alle Menschys</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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									<p style="text-align: justify;">Eine Frau kann genauso maskulin sein wie ein Mann, ein Mann so feminin wie eine Frau. Jeder kann so maskulin und feminin sein, wie er möchte.</p><p style="text-align: justify;">Ich fühle mich nicht ausgeblendet oder unterrepräsentiert, wenn sich Markus Söder an seine „Mitbürger“, anstatt an seine „Mitbürger und Mitbürgerinnen“ wendet. Genauso wenig fühle ich mich vergessen, wenn Klaas Heufer-Umlauf in seiner Late Night Show nur seine „lieben Zuschauer“ begrüßt. Schließlich bin ich als Frau auch ein Mitbürger und Zuschauer; ich gehöre dazu.</p><p style="text-align: justify;">Meiner Meinung nach ist das selbstverständlich. Und doch hat Late Night Berlin seit ein paar Wochen auf einmal anscheinend auch Zuschauerinnen. Ach, bin ich doch nicht die einzige Frau in Deutschland, die die Sendung ansieht? Wahnsinn.</p><p style="text-align: justify;">Jedes Mal, wenn ich das Suffix „-innen“ höre, fühle ich mich als Frau wie das Mitglied einer eigens auszuweisenden, besonderen Gruppe. Warum muss man jetzt an jedes Pluralwort die weibliche Endung mitanhängen? Ich muss nicht daran erinnert werden, dass Frauen auch Bürger sind, auch Zuschauer, auch Kunden, Gäste und Menschen. Ich muss auch nicht daran erinnert werden, dass es Personen gibt, die sich zwischen Mann und Frau fühlen. Das ist mir bewusst.</p><p style="text-align: justify;">Ich muss nicht extra daran erinnert werden, ich brauche kein *innen. Im Gegenteil: Erst wenn ich <u>nicht</u> daran erinnert werde, fühle ich mich gleichermaßen repräsentiert und auf derselben Stufe behandelt wie ein Mann – und jeder andere Mensch auch. Ich bin ein Bürger. Ich bin ein Zuschauer. Ich bin ein Fahrradfahrer, und wenn ich mich ganz stark anstrenge, dann kann ich auch ein Auto sein, wenn ich das so will.</p><p style="text-align: justify;">Gleichberechtigung geht für mich mit Einigung einher, nicht mit Abgrenzung. Dadurch, dass wir sprachlich Frauen von Männern differenzieren, und Intersexuelle von Männern, Frauen von Transpersonen und so weiter, kommen wir nur zu einer weiteren Entfremdung der Menschen voneinander. Ideale Gleichberechtigung wäre doch eine Einigung, oder nicht? Dieselbe, einende Endung für alle Geschlechter. Genauso, wie wir es gehandhabt haben, bevor „Gästin“ in den Duden aufgenommen wurde. Ein Gast ist ein Mensch. Ob die Gäste einer Veranstaltung nun weiblich, männlich, binär oder sonst etwas sind, kann einem doch gehörig Wurst sein. Alle sind willkommen, wenn niemand ausgeschlossen wird.</p><p style="text-align: justify;">Differenzierungen haben uns erst so weit gebracht, dass es Geschlechtsdualismen gibt. Nach dem Aufklärer Jean-Jaques Rousseau waren Frauen gänzlich unterschiedliche Wesen als Männer, nicht einmal Menschen. Ihm zufolge war „die Frau eigens dazu geschaffen […], dem Mann zu gefallen“, darüber hinaus dazu geschaffen, dem Mann „zu gefallen und sich zu unterwerfen“. Dass das kompletter Schwachsinn ist, sollte im 21. Jahrhundert jedem mit einem Hirn klar sein. Indem wir in unserer Sprache extra darauf hinweisen müssen, dass es auch Frauen unter den Nutzern einer Webseite, unter den Lesern einer Zeitung gibt, begeben wir uns in die Geisteshaltung zurück, dass Frauen nicht von Haus aus dazugehören.</p><p style="text-align: justify;">Im Lateinischen verwendet man für einen gemischt-geschlechtlichen Plural einfach die männliche Endung des Wortes. Römer sind Romani, die weiblichen Romanae mit den männlichen Romani vereint. Auch interessant: Das lateinische Wort für Bürger („civis“) ist neutral. Im Englischen gibt es bekannterweise gar keine Geschlechter: Ein <em>teacher</em> kann sowohl weiblich als auch männlich als auch alles dazwischen sein. Es ist simpel, es ist platzsparend, man hat keinen Unter-, Schrägstrich oder *, den man beim Lesen dechiffrieren muss und der meine Hausarbeit über das öffentliche Bild John F. Kennedys wie eine mathematische Gleichung aussehen lässt.</p><p style="text-align: justify;">Warum also die Sprache mit Mehrfachnennungen und unnatürlichen Pausen verdicken, wenn es einen einfacheren Weg um das Problem herum gibt? Wenn wir alle Geschlechter, alle Menschen, Sexualitäten und Orientierungen in unsere Sprache miteinbeziehen wollen, ohne dabei wie Vollidioten zu klingen, weil wir in einem Satz 10 Sternchen und Pausen sprechen, dann müsste eine gemeinsame Endung für alle her. „Liebe Bürger“ oder vielleicht „Liebe Bürgera/Bürgerli/Bürgsen/Bürgys.“</p><p style="text-align: justify;">Letztere Wortneuschöpfung stammt vom österreichischen Schriftsteller, Aktionskünstler und Talkshowmoderator Hermes Phettberg, welcher sich schon vor Jahren eine neue Endung für alle ausgedacht hat. Leser sind bei ihm „Lesys“, Ärzte „Ärztys“ und Gott ist ein „Gotty“. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das noch niedlich klingt oder schon bescheuert, aber es ist allemal einfacher, als von Gött_er/innen, Les*er+innen oder Kraftfahrzeugführern und Kraftfahrzeugführerinnen zu sprechen.</p><p style="text-align: justify;">Sprache ist komplex, und Sprache ist schön. Sprache ist eine Kunst, und als solche verändert sich Sprache stetig, eben wie sich die Gesellschaft verändert. Doch ich finde, Sprache darf nicht so verändert werden, dass sie als Mittel zum Zweck genutzt wird. Wir wollen inklusiver werden und niemanden mehr diskriminieren? Dann sollten wir anfangen, dementsprechend zu denken und zu handeln, anstatt zu versuchen, Toleranz durch das Einführen einer unpraktikablen Universalendung zu erzwingen. Das löst das Problem nicht.</p><p style="text-align: justify;">Für mich sprechen Taten der Gleichberechtigung mehr als schöne Worte. Wer nur mit Phrasen um sich wirft, die sich tolerant anhören, weil es zur gesellschaftlichen Norm geworden ist, aber nichts tut, um tatsächlich Toleranz zu zeigen, der ist für mich nur ein Großmaul im Schafspelz.</p><p style="text-align: justify;">Am Ende des Tages diskriminieren nicht Worte Menschen, sondern Menschen andere Menschen.</p>								</div>
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		<p>Der Beitrag <a href="https://presstige.org/2021/04/wir-sind-doch-alle-menschys/">Wir sind doch alle Menschys</a> erschien zuerst auf <a href="https://presstige.org">presstige – Das Augsburger Hochschulmagazin</a>.</p>
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