In China essen sie Grünzeug

Beim Interview am Goldfischteich fiel es uns wie Schuppen von den Augen

Meine Nervosität steigt, als ich mich meinem Interviewpartner langsam nähere. Das Baden Verboten-Schild lasse ich mehr oder weniger lässig links liegen und trete ans Ufer des Uniteichs. Ich bin unangemeldet, aber spielt das eine Rolle, wenn man mit einem Goldfisch sprechen will?

Von Hermès-Marie de Lamensonge

Beim Interview am Goldfischteich fiel es uns wie Schuppen von den Augen
Meine Nervosität steigt, als ich mich meinem Interviewpartner langsam nähere. Das Baden Verboten-Schild lasse ich mehr oder weniger lässig links liegen und trete ans Ufer des Uniteichs. Ich bin unangemeldet, aber spielt das eine Rolle, wenn man mit einem Goldfisch sprechen will?
Meine Nervosität steigt, als ich mich meinem Interviewpartner langsam nähere. Das Baden Verboten-Schild lasse ich mehr oder weniger lässig links liegen und trete ans Ufer des Uniteichs. Ich bin unangemeldet, aber spielt das eine Rolle, wenn man mit einem Goldfisch sprechen will? Ausgeflogen kann er ja nicht sein, sage zu mir, verwerfe den albernen Gedanken aber sofort. Leise platschend verschwindet die Spitze des Diktiergeräts im trüben Biotop. Nichts passiert. Erst als ich mit ungelenken konzentrischen Bewegungen in Hobbybiologenmanier eine ins Wasser gestürzte Fliege imitiere, kommt Bewegung in den Tümpel. Plötzlich ist er da: Carassius aureatus aureatus, vermutlich zwischen drei und 45 Jahren alt und mit zwölf Zentimetern kein Hüne für seine Art. – Jetzt schnell den richtigen Einstieg ins Interview finden, aber schon steuere ich auf die erste Gesprächsuntiefe zu: Herr oder Frau aureatus? Ein Blick auf die Afterpartie dieses Tieres könnte das klären, denn laut http://www.zierfisch-ratgeber.de/goldfische.htm haben Weibchen einen gewölbten After und sind in der Gestalt voller. Doch da das kein Jennifer Lopez-Interview ist, und meine Mutter mich zudem ein Mindestmaß an Anstand lehrte, schaue ich dem/der Goldfisch tief in die Augen und flüchte mich in eine unisex-Begrüßung: „Guten Tag, ich komme von Presstige, Augsburgs neuem und anspruchsvollen Hochschulmagazin (ich achte darauf, nicht das Band „Anzeigenakquise Vol. 1″ abzuspulen) und würde Ihnen gerne einige Fragen stellen.“ Die kleinen Augen fixieren erst mich, dann das Diktiergerät. Carassius aureatus aureatus: „Fragen Sie ruhig, junger Freund, doch beachten Sie, dass ich noch andere Verpflichtungen habe.“ Was das für Verpflichtungen sind, möchte ich gar nicht wissen von jemandem, der in Fachkreisen zur Zuchtgruppe „sehr leicht“ zählt.
Hermès-Marie de Lamensonge: „Froh, in diesem Teich zu leben oder fehlt Ihnen China?
(Goldfische kamen ursprünglich aus China.)
C.a.a. :“ Die wunderbare Volksrepublik fehlt mir nicht, junger Freund. Manche Gestalten am Ufer erinnern mich ja an jene Zeit. Doch scheinen sie nur diesen Hügel da oben im Sinn zu haben.“
H.L.: „Diesen Drang, nach oben zu kommen, haben alle Wirtschaftsstudenten. Wie ist
denn die Uferstimmung in der Nähe der Cafete?“
C.a.a.: „Die Menschen dort machen viel Nebel. Diese Nebelmacher werfen sie manchmal in den Teich. Seltsam, wie das Zeug schmeckt. Am liebsten habe ich die mit den grünen
Stückchen darin. Dann, junger Freund, werde ich wieder ganz zum Jungfisch und muss ganz doll kichern.“ (Herrlich: Er ist manchmal stoned und weiß es nicht!)
H.L.: „Ist schon mal ein Professor ins Wasser gefallen?“
C.a.a. :  „Ist ein Professor ein zerstreuter Mensch mit verstaubter Kleidung und einer
Fortbewegungsart, die lediglich auf den Schutz seines brillanten Kopfes ausgerichtet ist?“
(Touché, denke ich mir, verteidige meine Idole aber tapfer.)
H.L.: „Ich habe schon einmal von jemandem gehört, dessen Cousine eine Freundin hatte, an deren Uni es jemanden gab, auf den diese Beschreibung zutraf. Ja.“
C.a.a. (überlegt lange, ein paar Schuppen schieben sich auf seiner Stirn übereinander):
Letzten Sommer. Aber das war kein Fallen, das war Baden. Dieser Professor war nicht allein. Zwei jüngere, weibliche Menschen waren auch dabei. Ich glaube nicht, dass das
Professorinnen waren, dafür waren sie zu gut rasiert und hatten außerdem viel zu wenig an.“
(Erschüttert vom Schmutz, den ich am Grunde dieses Gewässers aufgewühlt habe, frage ich als Journalist, nicht als Mensch, weiter nach.)
H.L.: „Name? Lehrstuhl? Kommen Sie, raus damit!“
C.a.a. : „Es fiel eine Visitenkarte aus dem BH eines der Mädchen. Darauf stand: Prof. Dr. – Brzzzt – Das Diktiergerät gibt seinen Geist just in dem Moment auf, als ich im Begriff bin, eines der empörendsten Geheimnisse des Sommersemesters 2004 zu lüften! Und auch Carassius aureatus aureatus pfeift scheinbar auf seine Außenwirkung: Gemächlich schwimmt er auf  den Grund des Tümpels zurück und entzieht sich meinen flehenden Blicken. „Knapp an der Sensation vorbei“, denke ich mir und gehe, ganz in Gedanken versunken, zurück ins keusche Redaktionsbüro.

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