Schwimmen, fahren, rennen, denken und Taxi fahren.

Viele Hochleistungssportler verzichten auf ein Studium
anders die Augsburger Triathletin Katja Mayer

Nach der Sage brach der erste Marathonläufer der Geschichte tot zusammen, nachdem er den Sieg der Athener über die Perser verkündet hatte. Wie viele Tode er gestorben wäre, wenn er vor den gut 42 Kilometern zu Fuß noch 3,8 Kilometer geschwommen (an der griechischen Küste ohne weiteres möglich) und 180 Kilometer Fahrrad gefahren wäre (schon schwieriger), ist nicht bekannt.

Von Philipp Albers

Viele Hochleistungssportler verzichten auf ein Studium
anders die Augsburger Triathletin Katja Mayer
Nach der Sage brach der erste Marathonläufer der Geschichte tot zusammen, nachdem er den Sieg der Athener über die Perser verkündet hatte. Wie viele Tode er gestorben wäre, wenn er vor den gut 42 Kilometern zu Fuß noch 3,8 Kilometer geschwommen (an der griechischen Küste ohne weiteres möglich) und 180 Kilometer Fahrrad gefahren wäre (schon schwieriger), ist nicht bekannt.
Diese drei Distanzen sind Bestandteile eines Ironmans, der härtesten Disziplin für Triathleten.
9 Stunden und 20 Minuten ist der Ironman-Rekord der gebürtigen Augsburgerin Katja Mayer. Die 37-jährige war lange Zeit Triathlon-Profi. Nebenher studierte sie erst in München, dann in Augsburg Mathematik und Sportwissenschaften auf Lehramt und machte 1996 ihre Staatsexamina. Während ihrer Augsburger Studienzeit trainierte sie 30 Stunden die Woche. Ein Tag im Semester sah ungefähr so aus: Um halb sieben zu Hause loslaufen, eine gute Stunde später im Sportzentrum duschen, dann Vorlesungen. Zur Belohnung nach einem harten Unitag, man ahnt es: nach hause joggen. Um ihr Studium zu finanzieren, jobbte sie bei einem  Taxiunternehmen. „Wenn ich eine Pause hatte, war ich mal zwei Stunden Schwimmen.“ Das Taxi war auch Schreibtischersatz, Mayer lernte während der Wartezeiten. „Die Motivation für diesen ganzen Stress hatte ich, weil es so gut lief.“
Wie gut es lief, merkte Mayer kurz nachdem sie während des dritten Semesters mit Triathlon angefangen hatte. War Laufen oder Schwimmen ihr damals zu langweilig – die Motivation der meisten Triathleten? „Nein, ich wollte abnehmen. Ich bin vom Nichtsportler zum Triathleten geworden.“ 80 Kilo wog Mayer vorher, ihr Wettkampfgewicht lag dann bei 60. Dass etwas mehr drin war als eine sportliche Schlankheitskur, zeigten die Resultate. Bei ihrem dritten Triathlon erreichte sie bereits Spitzenzeiten, kurze Zeit später war sie in der Nationalmannschaft. 1992 qualifizierte sich Mayer zum ersten Mal für den Ironman auf Hawaii und wurde dort im gleichen Jahr Amateurweltmeisterin. Insgesamt nahm sie an 35 Ironman-Wettkämpfen teil, ihre größten Erfolge waren die Vize-Europameisterschaft 1997 und der Sieg beim Ironman in Florida 1999.
Trotz der sportlichen Erfolge behielt Mayer ihren Studienabschluss immer fest im Auge. „Ich hab es so gedeichselt, dass es immer irgendwie ging. Den Abschluss wollte ich unbedingt haben.“ Der Spaß am Studium blieb oft auf der Strecke – gerade bei Mathe. In diesem Fach hatten die Dozenten wenig Verständnis für wettkampfbedingte Fehlstunden. „Für die war das so typisch Sportler: Rennen können sie…“ Streitigkeiten mit den Professoren ging sie aus dem Weg, im Zweifel hatte die Uni Vorrang. Vier Monate im Jahr war Mayer im Ausland bei Wettkämpfen, Trainingsaufenthalten oder Lehrgängen. „Das alles unter einen Hut zu bringen und die körperliche und geistige Beanspruchung waren die größten Belastungen.“
Wer meint, sein Übergewicht mit Triathlon abzutrainieren und dabei en passant zu Reichtum zu gelangen, dem sei gesagt: „Wenn man erfolgreich ist, gehen die Unkosten gegen Null, man hat ein bisschen Preisgeld und Sponsorengelder. Aber übrig bleibt nix.“ Etwas bekannter ist der Trendsport Triathlon inzwischen geworden. „Früher hieß es oft, du machst doch das mit Schießen.“
Nach dem Studium musste sich Mayer zwischen dem Referendariat und dem Profisport entscheiden. Die Entscheidung zu Ungunsten des Lehrerberufs fiel ihr nicht schwer. „Zumal man damals nach dem zweiten Staatsexamen nur fünf Jahre Zeit hatte, in den Staatsdienst übernommen zu werden.“ Schon zu Beginn ihrer Profi-Zeit schuf sie sich ein zweites Standbein. In ihrer Agentur bietet sie Sportinteressierten online coaching an: Für zehn bis 18 Euro pro Woche erstellt Mayer individuelle Trainingspläne, wertet Zeiten aus und gibt Tipps. Ein Zurück gibt es für sie nicht mehr: „Jetzt bin ich schon zu lange selbstständig, um noch Lehrerin zu werden.“ Die Entscheidung zum Studium hat die Top-Athletin nie bereut. Wenn sie noch einmal vor der Wahl eines Studienfaches stünde, würde sie sich für die Welt von Kostenrechnung und Jahresabschluss entscheiden: „Betriebswirtschaft käme dem, was ich jetzt mache, doch näher.“ Sie rät jedem Sportler, der vor der Frage steht, ob er sein Hobby zum Beruf machen soll, zweigleisig zu fahren. „Der Profisport ist so kurzlebig. Ein Autofahrer, der nicht aufpasst, und schon ist es vorbei.“
Inzwischen hat sie die eigene Profilaufbahn beendet. Sie trainiert zwar noch, nimmt aber nicht mehr an Wettkämpfen teil. Ihre alte Wettkampfausrüstung, bestehend aus Laufschuhen, Rennrad und Neoprenanzug, hat sie mittlerweile gegen Wickeltisch, Windeln und Babynahrung eingetauscht. Seit einem halben Jahr kümmert sie sich um ihr erstes Kind.

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