Viele Ideen, viele Reformen Direkter Weg in die Sackgasse ?

Profilschärfung, Studienbeiträge, Begabtenförderung und Bologna-Prozess.
„Experimental and Clinical Neurosciences“ klingt für die meisten wohl ebenso exotisch wie „Ethik der Textkulturen“. Beide Namen haben jedoch etwas gemeinsam: Erstens handelt es sich bei beiden um Studiengänge, und zweitens sind sie Bestandteil des Elitenetzwerks Bayern.

Von Philipp Zanklmaier

Das Elitenetzwerk besteht aus insgesamt 17 Studiengängen (an dreien ist die Uni Augsburg beteiligt) und zählt zu jenem Paket von Maßnahmen, das die Bayerische Staatsregierung innerhalb der letzten paar Jahre für die Hochschulen geschnürt hat. Oberstes Ziel ist es, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Hochschulen noch weiter zu stärken, bzw. zynisch formuliert, die sieben bayerischen Universitäten auf den Stand der beiden Münchner Unis zu bringen. Profilschärfung, Studienbeiträge, Begabtenförderung und Bologna-Prozess sind die Schlagwörter der Reform. Sie sollen den Wettbewerb um Studenten und staatliche Mittel schaffen und, ganz nebenbei, das Kostenproblem bewältigen helfen.

Die Idee der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist indes keine spezifisch bayerische. Europaweit sind die Hochschulen im Begriff, sich neu auszurichten. Exemplarisch hierfür ist die Erklärung von Bologna, in der sich 29 Bildungsminister darauf einigten, alle Studienabschlüsse auf Bachelor und Master umzustellen.

Aber während die Politik sich über die erzielte Einigkeit freut, ruft das zweistufige System von Studienabschlüssen bei den unmittelbar betroffenen Professoren und Studenten gegensätzliche Reaktionen hervor. Während die einen die erhöhte Internationalität begrüßen, befürchten die anderen Einschnitte in der Lehre. So äußerten auch die Dekane der Augsburger Fakultäten Skepsis gegenüber dem Plan, die traditionellen Abschlüsse, wie beispielsweise das Diplom, zukünftig gänzlich abzuschaffen. Viel dagegen ausrichten können sie nicht. Aber zumindest beim Inhalt der neu zu schaffenden Bachelor- und Masterstudiengänge dürfen die Dekane ein Wörtchen mitreden. Ebenso wie der Akkreditierungsrat, der darauf achten soll, dass die Qualität in Lehre und Studium trotz der neuen Abschlüsse erhalten bleibt. Dessen Arbeit wird auch dringend benötigt. Bisher gibt es nach nunmehr sechs Jahren Bologna bundesweit (erst) 2.934 Bachelor- und Masterstudiengänge (Stand: Sommersemester 2005). Bis 2010 sollen alle Studiengänge, etwa 10.800 an der Zahl, auf das gestufte Graduierungssystem umgestellt sein.

Neben der Reform der Studienabschlüsse liebäugelt der Wissenschaftsminister mit einem neuen Landeshochschulgesetz, mit dem bis 2006 zu rechnen ist. Der Geldbeutel der Hochschulen wird demnach auch weiterhin leistungs- und belastungsabhängig sein. An Bedeutung gewinnen die nichtstaatlichen Finanzierungsformen, wie etwa die Drittmitteleinwerbung und das Fundraising. Die Autonomie der Hochschulen besteht vor allem darin, dass sie befugt sind, eigenständig Entwicklungspläne zu entwerfen, welche aber der Billigung durch das Staatsministerium bedürfen. Das letztendliche Entscheidungsrecht über die Berufung eines Professors behält sich das Ministerium ebenso vor. „Wenn man fast alles aus der Steuerkasse bezahlt, ist es sinnvoll, als Staat ein Auge darauf zu behalten“, begründet Goppel dieses Prozedere. Anscheinend liberaler gibt man sich bei den geplanten Studiengebühren (s. Leitartikel Studiengebühren). Laut Entwurf heißt es, „Gebühren, Beiträge und sonstige Einnahmen verbleiben in der Regel den Hochschulen in vollem Umfang. Ausnahmen (insb. Verwaltungskostenbeitrag) regeln das Haushaltsgesetz und Zielvereinbarungen.“ Auf eben jene Regelfälle und Ausnahmebestimmungen wird es ankommen, inwieweit die Hochschulen letztlich von den Studiengebühren profitieren.

Mit der Unterzeichnung des „Innovationsbündnisses Hochschule 2008“ scheinen einige Unsicherheiten vorerst vom Tisch. So sieht das Bündnis vor, die Erlöse aus den Studiengebühren den Hochschulen zu 100% zuzuschreiben. Während die Hochschulen bis Ende 2008 600 Stellen in den Innovationsfonds abgeben, sich auf kürzere Studienzeiten, eine bessere Absprache untereinander und den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen verpflichten, verspricht die Staatsregierung keine Kürzungen beim Etat bis 2008. „Es sei denn, die Steuereinnahmen brechen weg. Dann kann Finanzminister Kurt Faltlhauser auf eine Notbewirtschaftungsklausel zurückgreifen und den Etat senken“, so berichtet die SZ. Goppel bestätigte diese Einschränkung unlängst während einer Podiumsdiskussion in der Katholischen Hochschulgemeinde Augsburg.
Die Universität Augsburg erhält durch das Innovationsbündnis Planungssicherheit für ihre weitere Entwicklung. Was nutzt der Uni Augsburg aber Planungssicherheit, wenn ihr Entwicklungskonzept von der Mittelstraß-Kommission grundlegend in Frage gestellt wird. „Als noch unbefriedigend muss das Konzept der Universität Augsburg bezeichnet werden. Es erfüllt nicht die Kriterien eines Strukturkonzepts“, heißt es von der Expertengruppe. Insbesondere bedürfe es „eines wirklichen Nachweises der Zukunftsfähigkeit über die Katholische Theologie, die Politikwissenschaft und die Soziologie“. Obwohl die Uni Augsburg in der Physik und den Rechtswissenschaften überzeugende Ansätze liefert, soll sie zusammen mit Bamberg, Bayreuth, Passau und Regensburg im Schatten der „großen“ vier verbleiben. Damit sind die beiden Münchner Universitäten, Würzburg und Erlangen gemeint, die „per Dekret zu Eliteuniversitäten ernannt worden sind“, so Prorektor Loidl in einem Interview mit der Stadtzeitung. So wie einst Brecht empfiehlt die Kommission den Weg zur Landeshauptstadt. „Augsburg gehört wegen seiner fachlichen und räumlichen Nähe zu München“, lautet die Aussage der Experten. Loidl blickt misstrauisch auf den großen Bruder und betont, dass er Kooperation bejahe, aber nur auf Augenhöhe. Trotz aller Kritik sei das Strukturkonzept wohlüberlegt, erklärt er. Rückendeckung erhält er vom Leitungsgremium der Universität. In einer Pressemitteilung vom 5. April heißt es, „was die von der Kommission kritisch angesprochene Theologie, Soziologie und Politologie angeht, so ist deren Preisgabe aus der Sicht der Universität Augsburg nicht zu rechtfertigen. Im Übrigen ist die Universität Augsburg ohne ihre Geisteswissenschaften nicht vorstellbar.“ Von Augsburger Seite wird betont, man werde die Vorschläge von Mittelstraß sehr ernst nehmen. Trotzdem will man am eigenen Konzept festhalten.

Insbesondere wenn man bedenkt, dass wir uns gegenwärtig „im Auge des Reformorkans“ befinden, dürfte auf die einzige Universität Bayerisch-Schwabens noch eine turbulente Zeit zukommen. Studieren in Augsburg im Jahre 2010 wird mit großer Wahrscheinlichkeit sehr viel anders aussehen als heute.

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