„In Uniform ist man mehr Mensch“

Schwitzend durch den Dreck – Wie sich zwei Augsburger Studenten in ihrer Freizeit als Soldaten engagieren

Von Dominik A. Hahn

Man erkennt es am Schritt. Selbstsicher, zielgerichtet, geradlinig. Militärisch eben. Leonard ist Student – und Soldat. Reserveunteroffizier der 3. Kampfkompanie des Jägerbataillons 292 in Donaueschingen. Einmal pro Jahr verwandelt sich der 22-Jährige vom Juristen zum Reservisten. Dann tauscht er Bürgerliches Gesetzbuch mit dem Sturmgewehr, Kugelschreiber mit Panzerfaust. So etwas erträgt man nur, wenn man Gefallen gefunden hat an dem, was man tut. Und das hat Leonard. „Wenn du selbst keine Freude an deiner Arbeit hast, dann kannst du das auch niemanden vermitteln,“, so der Gruppenführer, der vergangenes Jahr vier Wochen lang junge Rekruten gedrillt hat. „Erst wenn du dich mit ihnen gemeinsam durch die 100 Liegestütze, den 30km-Gefechtsmarsch mit 20kg Gepäck quälst und dabei alles ein bisschen besser wegsteckst, bekommst du den Respekt der Jungs. Dann gehorchen sie dir auch, weil sie wissen, dass du sie nicht triezen willst.“ Wenn Leonard so von „seinen Männern“ spricht, spürt man seinen Enthusiasmus und seine Entschlossenheit. Man merkt, dass er seine Aufgabe ernst nimmt. „Das muss man auch“, bekräftigt er. „Schließlich ist man nicht nur Vorgesetzter, sondern auch Vertrauensperson und Ansprechpartner für die Frischlinge in einem.“

‚Full Metal Jacket’ einmal anders

Gerade der Zugewinn an Menschenkenntnis, die Verantwortung durch die Führung der Gruppe und die Fürsorgepflicht gegenüber den ihm anvertrauten Soldaten findet Leonard reizvoll. „Das sind alles neue und interessante Erfahrungen, die man so in kaum einem anderen Nebenjob machen kann“, meint der Stabsunteroffizier aus Westfalen. Dabei hat er keineswegs seine rosa-rote Flecktarnbrille auf. Es gibt auch negative Erfahrungen. Denn nicht alle neuen „Jäger“ wollen so, wie ihr Gruppenführer will. „Abiturienten sind oftmals die schwierigsten Rekruten“, grollt der überzeugte Heeressoldat. Nicht so Haupt- oder Realschüler: „Starallüren kennen die nicht.“ Bildung zähle beim Bund aber sowieso nicht mehr – zumindest nicht während der Grundausbildung. „ Jeder wird nur noch nach seiner erbrachten Leistung und der Art, mit Problemsituationen umzugehen, bewertet“, philosophiert der Berufsarmee-Gegner. „In Uniform ist man sozusagen mehr Mensch.“ Und Mann! Jener kommt nämlich laut Leonard erst in der puren Wildnis zum Vorschein: „Richtige Männer stinken nach Schweiß, haben Tarnschminke in der Fresse und kaputte Füße“, meint er lachend. ‚Platoon’ lässt grüßen.

„Das Puppenhaus daheim lassen“

Mit dieser „martialischen“ Einstellung steht Leonard nicht alleine da. Daniel, ebenfalls Jura-Student an der Uni Augsburg und Reserveoffizier, sieht das genauso. „Ganz unten in der Scheiße zu liegen, das gehört einfach dazu“, meint der 22-Jährige Augen zwinkernd. Daniel weiß, wovon er spricht. Als Soldat im Gebirgsjägerbataillon 232 erfuhr er eine der härtesten Ausbildungen der Armee. „Der sportliche Aspekt steht hier klar im Vordergrund. Gebirgs- und Skimärsche von rund zwölf Stunden Dauer gehören da zum täglich Brot“, schildert der Fünftsemester seine Eindrücke. „Da muss man dann durch und das Puppenhaus einfach mal daheim lassen.“ Memmen können die Elite-Soldaten aus den Alpen nicht gebrauchen. Dafür, dass es erst gar nicht so weit kommt, sorgt Daniel mittlerweile selbst. Als Gruppenführer ist er maßgeblich für die Ausbildung der frisch eingezogenen Rekruten verantwortlich. „Klar macht das nicht immer Spaß, aber man lernt ungemein dazu“, rekapituliert der Fahnenjunker seine Erlebnisse. „Und die Erfahrungen in Sachen Führung helfen dir später im Beruf mit Sicherheit weiter.“

Der Soldat als High Potential

Viele Manager geben Daniel Recht. Reservisten sind gern gesehen und haben durch ihre soldatischen Tätigkeiten gute Chancen auf Führungspositionen. „Neben dem Wunsch dauerhaft fit zu bleiben und die Verbindung zur Truppe aufrechtzuerhalten, war das meine Hauptmotivation, als Reservist weiterhin Dienst zu tun“, erklärt Daniel, der wie Leonard für seinen „Dienst an der Gesellschaft“ die einen oder anderen Semesterferien opfert. Dabei betrachtet der gebürtige Hesse die Ausbildung zum Reserveoffizier nur als notwendige Zwischenstufe auf dem Weg zum eigentlichen Ziel. „Die eigene Kreativität und Entscheidungsfreiheit sind als Gruppenführer noch stark eingeschränkt.“ Aber Daniel denkt bereits in die Zukunft. „Staatsanwalt oder juristischer Berater im militärischen Bereich, das sind mögliche Berufsziele“, sinniert der Berufsarmee-Befürworter. Leonards Wunschjob wäre eher eine Beschäftigung bei der UNO. „Aber das Studium hat erstmal Vorrang“, gibt er sich konsequent. Dabei können sich die beiden glücklich schätzen, dass ihre Zukunftspläne nicht per Dienstanweisung durchkreuzt werden. Denn als Reservisten bleiben beide von Einsätzen am Hindukusch oder Horn von Afrika verschont.

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