Roter Stern über Augsburg

Damals an der Uni: Kommunisten raus!

Wir schreiben das Jahr 1976. Leise rieselt der Schnee über der weihnachtlich verträumten Fuggerstadt. Die Straßen sind wie leergefegt und die Luft erfüllt vom Duft nach Lebkuchen, Äpfeln und Nüssen. Die Innenstadt ist hell erleuchtet und auf dem Marktplatz steht ein riesiger Tannenbaum, unter dem katholische Waisenkinder für zünftige Stimmung sorgen.Das Fest der Besinnlichkeit und der Liebe steht vor der Tür.

Von Matthias Bauer

Wie aus weiter Ferne hört man ein leises Glockenläuten, das immer lauter wird und bald in jedem Wohnzimmer ertönt. Kinder stürmen in freudiger Erwartung zu ihren Eltern, erstarren sogleich vor der Schönheit des liebevoll geschmückten Weihnachtsbaumes, den hell flackernden Kunstwachskerzen und dem künstlichen Watteschnee aus FCKW-Dosen, der auf den Zweigen geheimnisvoll fluoresziert. Während sich die Buben und Mädchen artig beim Christkind für die Geschenke bedanken und die Augsburger Wohnzimmer von den schrägen Tönen der Laienmusiker erfüllt sind, stimmt auch Uni-Direktor Tröpfle artig mit in diesen Kanon der Besinnlichkeit ein. Es war ein gutes Jahr für Augsburg und seine noch junge Universität. Trunken von den würzigen Prozenten des Glühweins sammeln sich die Bewohner der Fuggerstadt auf dem Rathausplatz, um altvertraute Lieder zu schmettern und auf die heile Welt anzustoßen.

Das Outing: Ich studiere und bin trotzdem Kommunist

Zur gleichen Zeit sitzt Hans-Dieter Riesle (*Name von der Redaktion geändert) auf seinem Bett im Gögginger Studentenwohnheim. Alleine. Hans-Dieter feiert kein Weihnachten. Er ist Kommunist, ein Mitglied der „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP). Seit heute morgen ist der junge Student ein stadtbekannter Grenzgänger: „Uni-Professor verweigert DKP-Mitglied die Zusammenarbeit“, titelte die AZ am 24.12.76. Und weiter: „Kein Thema für Magisterarbeit wegen ‚einseitigem marxistischen Ansatz’“ – ein Skandal! Der Plot: Hans-Dieter Riesle bewirbt sich nach exzellentem Hauptseminar bei dem Lehrstuhlinhaber für bayerische und schwäbische Landesgeschichte, Professor Dankwart Frei, auf die Abnahme seiner Magisterarbeit. Tragisch: Dankwart will den jungen Mann nicht. Begründung: Durch dessen Mitgliedschaft in der DKP sei kein Vertrauensverhältnis zwischen Dozent und Student mehr gegeben: „Als konservativer Hochschullehrer ist der einseitige marxistische Ansatz für mich untragbar.“ Nachdem sich der Professor dennoch unverfroren auf „wissenschaftliche Pluralität“ beruft, wird es Riesle zu bunt: Er wendet sich an die Augsburger Allgemeine und ringt sich zu einem politischen „Coming out“ durch. Kommunisten an der Uni – wie werden die Augsburger Bürger auf diese Schreckensmeldung reagieren? Das politische Statement südlich des Weißwurstäquators: „Kommunisten gehören nach Moskau.“ Uni-Direktor Tröpfle übt sich zur Überraschung vieler in Toleranz und nimmt den jungen Querulanten in Schutz: „Grundsätzlich darf kein Student wegen seiner politischen Auffassung benachteiligt werden.“

Das Horrorszenario: Auswandern oder marschieren

Und das Ende vom Lied? Düpiert von dem „weltoffenen Bayern“ der 70er Jahre, in dem der stets ultraliberale „Ring christlich-demokratischer Studenten“ (RCDS) die Meinungsführerschaft erkämpft hat, setzt sich Riesle ins kommunistische Ausland ab, wird führendes Mitglied der KPdSU, um in Moskau künftig nicht mehr Christi Geburt, sondern die Ankunft von Väterchen Frost zu feiern. Oder aber: Die Uni-Leitung besinnt sich auf das Fest der Liebe, nimmt den verlorenen Sohn wieder in ihre erlauchte Gemeinschaft auf und ermöglicht ihm den Marsch durch die Institutionen.
Wie auch immer das akademische Tohuwabohu der Ideologien ausgegangen sein mag, eines aber ist schon in der romantischen Winterszeit der 1970er Jahre augenscheinlich: Wer es in Augsburg zu etwas bringen möchte, sollte sich zweimal überlegen, ob er mit seinem Parteibuch hausieren geht.

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