Der Fußballschuh als Keule

Die FCA-Damen leben ihren Jagdinstinkt auf dem Rasen aus

Wer den Frauenfußball für eine modische Erscheinung hält, der irrt. „La soule“ hieß das Spiel im 12. Jahrhundert. Seinen großen Hype erfährt der Frauenfußball aber in letzter Zeit nicht nur auf Grund der großen Erfolge der deutschen Nationalmannschaft. Erst 1970 war ein langjähriges Verbot des Sports in Deutschland aufgehoben worden. Die erste Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Turin 1970 war noch inoffiziell. Mit der Einführung der ersten Profiligen in den 90-er Jahren kam der Ball aber schließlich ins Rollen. Allein in Augsburg gibt es heute über zehn Damenmannschaften, die auch mit ihren Mädchenmannschaften für Nachwuchs sorgen. Neben den zwei erfolgreichsten Traditionsvereinen TSV Pfersee und TSV Schwaben gibt es seit August 2006 auch eine Damenmannschaft des FC Augsburg. Obwohl erst seit vergangener Saison 2006/07 in der Kreisliga Süd vertreten, sind die 23 Frauen schon in die Bezirksliga aufgestiegen. Zum Team gehören die 29-jährige Mona Jäckle, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Schulpädagogik und Alessa Plass, 20, Diplom-Politik-Studentin.

 

Von Natalie Stanczak

Geplatzter Schleimbeutel und Bänderriss

Bei Alessa war die Familie ausschlaggebend für die Entscheidung für den Fußball: „Mein Vater war selber lang Fußballer und Abteilungsvorstand des TSV Göggingen.“ Sie ist nicht nur Spielerin, sondern auch Schiedsrichterin – und kommt dabei ebenfalls nach ihrem Vater. Mona dagegen hatte traumatische Erlebnisse im Ballett und wechselte die Sportart. Die Mütter allerdings sind bis heute nicht wirklich begeistert, wenn ihre Töchter verletzt nach Hause kommen. Von schweren Gehirnerschütterungen, geplatztem Schleimbeutel bis hin zur „Standardverletzung Bänderriss“ – vieles mussten sie schon mal erleben. Spricht man über Fußballerinnen kommt man an gewissen Klischees nicht vorbei. Fußballfrauen seien „Mannsweiber“ oder ein unsortierter Hühnerhaufen sind bekannte Vorurteile. „Die Fußball spielende Frau ist ein spezifischer Typ von Frau, der sich traut, gesellschaftliche Normen zu durchbrechen“, meint Mona. Menschen, die erfahren, dass sie Fußball spielt, seien oft irritiert. „Viele können sich nicht vorstellen, dass nicht nur „Mannsweiber“ Fußball spielen und sind deswegen anfangs eher verdutzt. Es sei ein Schubladendenken“, seufzt die Doktorandin.

Auch an der Universität gebe es immer wieder kleine Sticheleien vom Chef am Lehrstuhl. „Er amüsiert sich öfters und hofft, dass er mich nicht an die Nationalmannschaft verliert.“ Im Vergleich mit Männerfußball sind sich beide einig: Unterschiede gebe es vielleicht in der Schnelligkeit und im Mannschaftsverhalten, aber im Spielerischen sowie im Einsatz lasse der Frauenfußball nichts zu wünschen übrig. „Frauen können sehr aggressiv, körperbetont und auch unfair sein“, weiß Alessa. Das sehe man zum Beispiel an der hohen Verletzungsgefahr. Laut Mona gebe es jedoch gewisse „gesellschaftliche“ Einschränkungen bei den Damen: „Fußball ist generell eine Sportart, wie Boxen vielleicht, bei der eine Art Verhaltenskodex herrscht, der wahrscheinlich den gröbsten Unterschied zwischen Frauen und Männern ausmacht.“ Abgesehen vom mangelnden Interesse am Frauenfußball gebe es auch bei der Förderung Probleme. „Die Trainerfrage ist da ganz wesentlich“, meint Alessa. „Meistens nehmen es ungeschulte Trainer in die Hand, weil es einfach für andere nicht lukrativ genug ist. Auch die finanzielle Ausstattung der Damen ist bedrückend.“ Trotzdem sehen beide eine positive Tendenz in Deutschland, da vor allem junge Mädels schon ganz anders eingestellt seien. Jedoch wird es wohl noch länger dauern, bis sich der Zuschauerdurchschnitt bei den FCA-Damen erhöht – zurzeit liegt er bei etwa 30.

Fußball ist das wahre Leben

Für beide Spielerinnen ist Fußball mehr als nur ein Hobby. „Hauptsächlich ist es ein Ausgleich. Natürlich ist es Stress, jedes Wochenende früh aufzustehen. Dafür gibt einem der mannschaftliche Zusammenhalt aber sehr viel zurück“, erläutert Alessa. „Es hat etwas Archaisches. Der Ball ist die Beute und der Schuh unsere Keule“, ergänzt Mona. „Ich mag Fußball, weil es für mich ein Scharnier zwischen körperlicher und geistiger Anstrengung ist. Aus dem Elfenbeinturm der Universität ausbrechen und das wahre Leben erfahren, das sehr rigide und knallig sein kann. Wie der Fußball eben – man lernt neue Ausdrücke, mehr Selbstbewusstsein und die Zähne zusammen zu beißen.“

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