„Augsburg hat keinen Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen.“

Es gibt fast kein Land auf der Welt, in dem die Siemens AG nicht vertreten ist. Wer könnte also die Vorzüge und Schattenseiten der Globalisierung fundierter beurteilen als ihr langjähriger Chef Heinrich von Pierer? Von seiner Erfahrung profitiert nicht zuletzt die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von Pierer zu ihrem wirtschaftspolitischen Chefberater gemacht hat. Im Interview mit presstige verrät er, warum Augsburger Studenten sich im globalen Wettbewerb nicht zu verstecken brauchen, wie deutsche Unis und Studenten sich für die neuen Herausforderungen fit machen – und wie er selbst sein Studium finanziert hat.

Von Philipp Zanklmaier, Christopher Große und Michael Sentef; Fotos: Jan Koenen

presstige: Die Absolventen von heute sollen laut einer typischen Stellenanzeige so einiges mitbringen: ein hervorragendes Abschlusszeugnis, Auslandsaufenthalte, Praktika, Mehrsprachigkeit, „soft skills“, ehrenamtliches Engagement und am besten noch mehrjährige Berufserfahrung. Stellt die Wirtschaft zu hohe Anforderungen?

Heinrich von Pierer: Es stimmt, die Anforderungen an die Absolventen sind hoch. Aber eben nicht nur an die Studenten und Absolventen. Unsere Wirtschaft muss sich auf intensiveren Wettbewerb und auf höheres Tempo einstellen. Stehen bleiben und abwarten sind keine Alternativen. Wir können in einer globalisierten Welt nur dann bestehen, wenn wir uns diesem Wettbewerb stellen und wenn wir in diesem Wettbewerb zu den Besten gehören. Nur dann eröffnen sich die Chancen für dauerhaften Erfolg. Für das Land und jeden Einzelnen.

presstige: Viele Studierende bemühen sich, über Praktika wichtige Erfahrungen neben dem Studium zu sammeln und sich ein Netzwerk aufzubauen. Mittlerweile gibt es erste Unternehmen, die sich das Praktikum vom Praktikanten bezahlen lassen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Heinrich von Pierer: Ich halte es schon für wünschenswert, wenn Studenten während ihres Studiums auch praktische Erfahrungen anstreben. Wenn es geht, sollte die auch im Ausland erfolgen, und zwar ohne dafür zahlen zu müssen. Allerdings ist es nicht sinnvoll, von Praktikum zu Praktikum zu stürmen. Sich eine Art von Netzwerk aufzubauen oder mit anderen Worten: den Berufseinstieg bei einem bestimmten Unternehmen vorzubereiten, das ist sicherlich ein guter Weg.

presstige: Wie interessant sind Geisteswissenschaftler für Siemens?

Heinrich von Pierer: Bei Siemens entfallen fast drei Viertel der Neueinstellungen auf Naturwissenschaftler und Ingenieure, rund 20 Prozent der Stellen besetzen wir mit Kandidaten, die einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund haben. Geisteswissenschaftler werden vor allem in Funktionen wie Kommunikation oder Marketing eingesetzt. Neben der fachlichen Qualifikation wird in der Industrie Wert auf allgemeine Management-Fähigkeiten wie Analyse-, Kommunikations- und soziale Kompetenz gelegt – da können alle Bewerber punkten. Hinzu kommen sprachliche Kompetenzen: Hier haben die Geisteswissenschaftler mit Fremdsprachen- und interkulturellen Kenntnissen gute Chancen. Und ohne Englisch geht es heute ohnehin nicht mehr.

presstige: Wie beurteilen Sie die Qualität deutscher Hochschulabsolventen im internationalen Vergleich?

Heinrich von Pierer: Die deutschen Absolventen müssen sich hinter niemandem verstecken. Unsere akademische Ausbildung ist auf einem anerkannt hohen Niveau und braucht in vielen Feldern keinen Vergleich mit amerikanischen oder Hochschulen im europäischen Ausland zu scheuen. Aber wir sollten uns schon ansehen, was andere besser machen. Hierzu zähle ich die sehr guten Sprachkenntnisse der jungen Skandinavier. Dort ist Englisch schon keine Fremd-, sondern Zweitsprache. Ein anderes Beispiel: die Wettbewerbsorientierung an den US-Elitehochschulen. Mehr Wett bewerb innerhalb der und zwischen den Universitäten stünde auch uns gut zu Gesicht.

presstige: Was halten Sie von den neuen Abschlüssen Bachelor und Master?

Heinrich von Pierer: Ich unterstütze die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge als qualitativ hochwertige und international wettbewerbsfähige Abschlüsse. Es ist meine Überzeugung, dass diese Studiengänge einen wichtigen Beitrag zu mehr und intensiverem Wettbewerb an den Hochschulen leisten. In vielen Fällen führen sie auch zu einer Beschleunigung des Studiums und damit zu jüngeren Absolventen. Bis sich Bachelor und Master durchsetzen werden, wird es noch etwas dauern. Das liegt auch daran, dass etwa der deutsche Diplomingenieur immer ein besonderes Markenzeichen war.

presstige: Wie stehen Sie zu Studiengebühren?

Heinrich von Pierer: Ich habe die Diskussion über die Berechtigung von Studiengebühren teilweise doch als überzogen empfunden. Ich habe es nie verstanden: Für meine Enkel zahlen meine Kinder beachtliche Kindergartengebühren. Ich musste für meine Kinder aber keine Studiengebühren bezahlen. Für mich nicht gerade der Gipfel an sozialer Gerechtigkeit. Studiengebühren setzen natürlich voraus, dass man für die so genannten sozial Schwächeren einen vernünftigen Ausgleich findet.

presstige: Wie haben Sie damals Ihr Studium finanziert?

Heinrich von Pierer: Ich selbst habe während des Studiums als Reporter für die Sportredaktion meiner Heimatzeitung gearbeitet und damit mein Studium finanziert.

presstige: An der Uni Augsburg studieren etwa 15.000 Studenten – das sind nicht so viele wie an der TU München oder an der LMU. Trotzdem versucht die hiesige Uni sich zu behaupten: Sieben Elitestudiengänge wurden aus dem Boden gestampft. Sehen Sie in der Profilierung den richtigen Weg für kleine, aber feine Universitäten wie die Uni Augsburg?

Heinrich von Pierer: Ich meine schon, dass die Einbindung in das Elitenetzwerk Bayern – und dazu gehören die genannten Studiengänge – den richtigen Ansatz darstellt, unabhängig von der Größe der Uni. Wobei Augsburg mit 15.000 Studenten auch diesbezüglich keinen Grund hat, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Ich bin immer dafür eingetreten, dass wir Initiative und Wettbewerb an den Universitäten forcieren. Augsburg ist ein Beispiel dafür, wie das in der Praxis gegen kann.

presstige: Zum Schluss: Wie beurteilen Sie den Aufschwung in Deutschland?

Heinrich von Pierer: Ich glaube, es besteht berechtigter Anlass, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wir in Deutschland müssen uns dem weltweiten Wettbewerb natürlich stellen. Dabei wäre Resignation aber ein ganz schlechter Ratgeber. Im Gegenteil: Wir sollten uns auf unsere Stärken besinnen und alles daran setzen, unsere PS auch voll auf die Straße bringen. Die großen Herausforderungen der Globalisierung sind auch eine Chance für Deutschland, zum Beispiel auf dem Energiesektor, bei den Umwelttechnologien oder in Fragen des Klimawandels. Denn überall dort sind Antworten gefragt, die auf Innovationen und Technologie beruhen. Und da haben wir eine hervorragende Basis und eine lange Tradition.

presstige: Können deutsche Studenten also wieder positiver in ihre berufliche Zukunft schauen?

Heinrich von Pierer: Gerade an den Universitäten kommt das zusammen, was wir in unserem Land brauchen. Nämlich das Wissen, die jungen Menschen und ihre Neugier, aus dem Wissen etwas Neues – man kann auch sagen: eine Innovation – zu machen. Nur so können wir unsere Chancen nutzen. Nur so kann Gutes für die Zukunft entstehen. Wir müssen es nur anpacken.

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