Jugendsprache: Zwischen Rebellion und Kreativität

Autorin Stephanie Pauli fühlt in ihrem Erstlingswerk „Ey Alter, du bist voll der Wort-Checker!“ der Jugendsprache auf den Zahn.

„Check mal die Büffelhüfte da drüben aus!“ Für alle, die bei diesem Satz an etwas zu essen denken müssen, grassieren seit den letzten Jahren verstärkt Jugendsprache Lexika. Auch die 25-jährige ehemalige Germanistikstudentin Stephanie Pauli ist in ihrem Wort-Checker der Jugendsprache auf der Spur. Für presstige spricht sie über die Gründe für Jugendsprache und verrät ihr Lieblingsjugendsprachwort.

Von Lisa Hartmann

presstige: Was genau versteht man unter Jugendsprache? Wodurch ist sie gekennzeichnet?

Stephanie Pauli: Jugendsprache beziehungsweise die jugendliche Sprechweise ist eine bestimmte Art sich auszudrücken, die die meisten jungen Menschen während ihres Heranwachsens mehr oder weniger intensiv nutzen. Oft werden bestimmte Worte aber auch einfach in das Erwachsenenalter „mitgenommen“. 
Dieser Sprachstil kennzeichnet sich vor allem durch einen speziellen Wortschatz – typische Ausdrücke wären chillen, dissen oder das berühmte „Ey Alter“ – durch Änderung oder Missachtung grammatikalischer Regeln, etwa extreme Verkürzung der Sätze durch Weglassen von Präpositionen wie bei „Ich geh Kino“, sowie generell eine sehr flapsige Art zu sprechen. Jugendlichen wird häufig nachgesagt, dass sie sich viel der Vulgär- und Fäkalsprache bedienen und eine sehr aggressive Art zu sprechen haben. Oft wird aber auch der spielerische Aspekt der Jugendsprache gelobt, wenn es zum Beispiel um Geheimsprachen geht, bei denen Worte rückwärts gesprochen oder Laute zusätzlich eingefügt werden.

Gibt es DIE eine Jugendsprache?

Nein, DIE eine Jugendsprache gibt es nicht. „Jugendlich“ ist keine Sprache, die von der Grammatik oder dem Wortschatz her eigenständig ist so wie zum Beispiel Englisch oder Französisch. Außerdem verhält sich nicht jeder Jugendliche gleich und nutzt das gleiche Vokabular – soll heißen: Nicht jeder Jugendliche spricht im gleichen Maße jugendsprachlich. Es gibt Vertreter, bei denen sich mehr Merkmale in der Sprache finden lassen, aber natürlich gibt es auch Jugendliche, die sich deutlich von einer allzu vulgären oder flapsigen Sprechweise differenzieren und sich eher am sprachlichen Standard orientieren.
Dazu kommt noch, dass Jugendsprache häufig ein Gruppenphänomen darstellt. Es ist ja so, dass sich die Freundeskreise so gut wie immer nach Interessen ausbilden. Das bedeutet, dass sich immer diejenigen zusammentun, die den gleichen Sport mögen oder die gleiche Musik lieben. Gleich und gleich gesellt sich nun mal gerne. Innerhalb dieser Cliquen bilden sich – bedingt durch die ähnlichen Interessen und Erfahrungen – bestimmte Ausdrücke für Dinge oder Situationen aus. Diese Ausdrücke werden zu Insidern, werden also nicht zwangsläufig von allen anderen Jugendlichen verstanden. Dies ist nur ein Beispiel, um aufzuzeigen, inwieweit die Jugendsprache differiert.

Warum gibt es Jugendsprache?

Ein bekanntes Motiv ist das der Abgrenzung: Durch ihre bestimmte Art zu sprechen möchten sich Teenager deutlich von den Erwachsenen differenzieren. Sie möchten Protest ausdrücken und rebellieren, indem sie die sprachlichen Regeln brechen. Dadurch möchten sie deutlich zeigen, dass sie jung sind. Jugendsprache dient aber nicht nur der Abgrenzung zur Erwachsenenwelt, sondern auch der Abgrenzung zu den verschiedenen Jugendgruppen. Anhänger des Musikstils Hip Hop sprechen anders als Liebhaber von Heavy Metal. Abgesehen von diversen Fachtermina geht es hier auch um den Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls oder einer Einstellung.
Mit Hilfe der Jugendsprache werden aber auch Begriffe für Bereiche geschaffen, die für Jugendliche von der Standardsprache nur unbefriedigend abgedeckt werden. Soll heißen, dass ein Gegenstand oder eine Situation in ihren Augen überhaupt keinen Namen hat oder dass der Begriff dafür einfach zu langweilig ist. Und da kommen wir gleich beim nächsten Aspekt an, nämlich dem Sprachspiel. Jugendliche lieben es, kreativ mit der Sprache umzugehen und Regeln zu brechen.
Als letzter Aspekt sollte noch die Coolness genannt werden, denn Jugendliche fühlen sich einfach toll, wenn sie flapsig daherreden können.

Wodurch wird Jugendsprache beeinflusst?

Jugendsprache wird durch die spezifisch jugendliche Interessenlage, durch Fremdsprachen, die Medien und allgemeine Trends beeinflusst. Die spezielle Interessenlage umfasst alles, was Jugendliche beschäftigt und wofür Worte oder Umschreibungen gefunden werden müssen. Da spielen Musik, Filme und Sport genauso eine Rolle wie Schule, Mode und natürlich auch Sexualität. 
Fremdsprachen üben auch einen großen Einfluss auf die jugendliche Sprechweise aus. Ganz oben auf der Liste steht hier das Englische, weil es einfach die trendigste und präsenteste Sprache ist, aber auch Französisch oder Spanisch fließen in die Jugendsprache ein. Außerdem hinterlässt die Herkunft der jeweiligen Teenies ihre Spuren in der Sprechweise: Kommen die Jugendlichen aus der Türkei, so benutzen sie viele türkische Begriffe, die sie auch in ihrem Freundeskreis verbreiten. Kommen sie aus Polen, beeinflusst das Polnische die Ausdrucksweise. Haben die Kinder russische Wurzeln, so verwenden sie Ausdrücke aus der russischen Heimat. Jugendsprache hat also auch viel mit Multi-Kulti zu tun.
Nicht vergessen darf man auch die Medien als „Ideenspender“ für jugendsprachliche Eigenheiten. Das Internet hat mit Foren und Chats einen großen Einfluss besonders auf die Kürzung der Sprache und bestimmte Begriffe wie zum Beispiel „lol“. Kino und Fernsehen werfen auch Begriffe für die Jugendlichen ab, die sie benutzen. Und das Fernsehen bedient sich wieder ihrer Begriffe – so beeinflussen sich beide Parteien gegenseitig. Als letztes sind noch Printmedien wie Jugendzeitschriften und natürlich Jugendsprache Wörterbücher zu nennen, aus denen die Jugendlichen schöpfen.

Gab es auch schon vor 50 Jahren Jugendsprache oder würden Sie sagen, die sprachliche Abgrenzung junger Leute nimmt erst jetzt immer weiter zu?

Jugendsprache gab es eigentlich schon immer. Die individuelle Ausprägung früherer Jugendsprachen mag uns heute eher harmloser vorkommen, da wir mittlerweile ganz anderes gewohnt sind. Viele Ausdrücke von damals sind auch in die heutige Sprache eingegangen, so dass wir teilweise gar nicht wissen, dass wir gerade ein altes Jugendsprachewort benutzen.
Dadurch, dass sich die Gesellschaft verändert hat und es viele Neuerungen zum Beispiel auf dem Gebiet der Technik und der Medienlandschaft gibt, hat sich die Jugendsprache natürlich auch dementsprechend verändert. Sie ist zum Teil härter, derber und vulgärer geworden. In den Jugendsprachen anderer Epochen sind noch nicht so viele aggressive Beschimpfungen zu finden wie heute. Was alle Jugendsprachen jedoch gemeinsam haben ist der Wunsch, etwas Neues zu schaffen und Wörter für Bereiche zu erfinden, die von der Standardsprache ihrer Meinung nach nicht genügend abgedeckt sind. Außerdem wollten die Jugendlichen schon immer etwas Eigenes schaffen und kreativ mit der Sprache umgehen, um sich von der „strengen“ Norm und der Erwachsenenwelt abzugrenzen.

Wie kamst du auf die Idee, Jugendsprache näher zu untersuchen?

Ich hatte am Anfang meiner Uni-Karriere ein Seminar über die französische Jugendsprache, das mich unglaublich fasziniert hat. Das Thema habe ich mir gemerkt, da ich damals schon dachte, dass ich meine Abschlussarbeit darüber schreiben möchte.

Kommst du selbst häufig mit Jugendsprache in Kontakt?

Durch die Beschäftigung mit Jugendsprache höre ich mittlerweile natürlich sehr genau hin und achte bei all meinen Mitmenschen auf etwaige jugendsprachliche Ausdrücke. Ich habe zudem einen 16-jährigen Cousin, den ich als „Spender“ betrachten kann. (lacht)

Worum genau geht es in deinem Buch? Wie ist es gegliedert?

Mein Buch ist zweigeteilt in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Im Theorieteil wird das Phänomen Jugendsprache beleuchtet – es geht darum, wie Jugendsprache definiert werden kann, was sie ausmacht, welche Eigenschaften und Kennzeichen sie hat und warum sich Jugendliche gerne so äußern. Im praktischen Teil habe ich eine Fragenbogenstudie unter Schülern eines Gymnasiums und einer Hauptschule sowie unter ihren Lehrern durchgeführt, um die Spracheinstellungen zur Jugendsprache zu erfahren. Da geht es auch um Begriffe aus Jugendmagazinen und -wörterbüchern sowie die Bewertung der Sexualsprache.

Wie entstand der Titel Ey Alter, du bist voll der Wort-Checker!? Was hast du dir dazu überlegt?

Ich dachte mir, es muss ein Buchtitel sein, der sofort ins Auge springt und neugierig auf mehr macht, der jugendsprachlich ist und das ausdrückt, worum es im Buch geht. Und ich denke mit „Wort-Checker“ kommt der Bezug zu den Spracheinstellungen gut rüber.

Benutzen wirklich viele Jugendliche solche Wörter? Kennst du Jugendliche, die sie verwenden?

Einige Wörter findet man wirklich im alltäglichen Sprachgebrauch der Jugendlichen. Viele konnte und kann ich weiterhin bei meinem Cousin beobachten. Aber meine Studie hat auch gezeigt, dass gerade Wörter, die in den Jugendsprache Wörterbüchern proklamiert werden, gar nicht so exzessiv genutzt werden.

Gibt es Unterschiede beim Gebrauch von Jugendsprache zum Beispiel je nach Geschlecht, Alter, Bildungsgrad?

Ja! Man kann das natürlich nicht so pauschal sagen, da ja jeder anders spricht, aber es gibt auf jeden Fall Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs. Mädchen sprechen generell gemäßigter, Jungs wollen sich sprachlich profilieren. Alter und Bildungsgrad spielen auch eine Rolle. Mir ist aufgefallen, dass gerade Schüler niedrigeren Bildungsgrades häufig aggressiver sprechen als ihre Kollegen, die ein höheres Bildungsniveau aufweisen. Das kann man nicht verallgemeinern und es soll auch nicht diffamierend wirken, aber es ist schon auffallend.

Was sind die verrücktesten Bezeichnungen aus der Jugendsprache, die dir bei deinen Nachforschungen untergekommen sind?

Da gibt es viele, zum Beispiel „Cellulitezentrum“ für Schwimmbad, „Büffelhüfte“ für etwas breitere Hüften, „hlsm = handy-lipgloss-shopping-mäßig“ für übertrieben tussig oder „den Aal catchen“ für Zungenküsse austauschen. Das sind schon abgefahrene Ausdrücke.

Was ist dein persönliches Lieblingswort aus der Jugendsprache?

So pauschal kann ich das gar nicht sagen. „Smirten“ hat mir immer gut gefallen oder „korall“ für cool.

Und welches ist dein persönliches Unwort?

Begriffe wie „Melkmaschine“ für Frau oder „Arschgeburt“ als Schimpfwort lassen mir die Haare zu Berge stehen. So was geht meiner Meinung nach gar nicht.

Was gab es für Reaktionen unter den Jugendlichen, die du befragt hast?

Die Reaktionen auf die Jugendsprache waren sehr gespalten. Die einen sehen diese Sprechweise eher kritisch, die anderen stehen absolut dahinter und es war sehr interessant, herauszufinden, was genau kritisch betrachtet wird und welche Aspekte gelobt werden.

Was meinten die Lehrer zu deiner Untersuchung?

Die Lehrer fanden es toll, dass sich jemand so mit dem Thema beschäftigt. Sie konnten den jugendsprachlichen Floskeln auch durchaus etwas abgewinnen, konnten viele Begriffe sogar übersetzen. Man merkt, dass Lehrer täglich mit dieser Sprechweise in Berührung kommen und der Abgrenzungsaspekt schwindet dadurch ein bisschen. (lacht)

Willst du dich auch über das Buch hinaus weiterhin mit Jugendsprache beschäftigen?

Da ich mich so intensiv dem Thema gewidmet habe, kann ich gar nicht so einfach damit aufhören. Das wird wohl eine Art Berufskrankheit beziehungsweise Linguistenkrankheit bleiben. (lacht)

Willst du in Zukunft weitere Bücher veröffentlichen?

Ja, es gibt ein Projekt, das ich unbedingt noch realisieren möchte. Es wird in eine ganz andere Richtung gehen. Das Konzept ist in meinem Kopf auch schon fertig, ich muss nur noch mal Zeit haben, um alles auf Papier zu bringen.

Vielen Dank für das Interview!

 

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