Nicht mit mir

Porträt eines mutigen Mädchens

Nur wenige Menschen, die mit ihrem Leben hadern, ändern es tatsächlich. Insbesondere nicht im Alter von acht Jahren. Julia K.[1] jedoch nahm ihr Schicksal selbst in die Hand, um häuslicher Gewalt und einem Leben auf der Flucht zu entkommen.

Von Ann-Christin Fürbaß – Illustration: Katharina Netolitzky

Wenn man junge Erwachsene nach einem Familienfoto fragt, dann erwartet man, dass sie eine Kiste mit alten Fotografien oder ein eingestaubtes Bild hervorholen. Die meisten würden wohl ein Foto wählen, das sie an einen schönen oder zumindest verklärten Tag ihrer Kindheit erinnert. Wenn man die heute 26-jährige Julia um ein Bild ihrer Mutter bittet, dann reicht sie ihrem Gegenüber einen Zeitungsausschnitt. In groben Rasterpunkten ist das Gesicht einer Frau zu erkennen, die ihren Kopf zurückgeworfen hat und lasziv in die Kamera blickt. Es ist eine schöne Frau und es ist eine Seite aus einem Erotikmagazin. Die Beamten des Jugendamtes sagten einst, es sei unfassbar, dass eine Frau mit einer solchen Ausstrahlung ihr Leben so wenig im Griff habe. Denn wenn eine erwachsene Person regelmäßig so viel trinkt, dass sie auf ihre Tochter einprügelt, dann weiß sie weder mit ihrem Leben, noch mit ihrer Tochter umzugehen. Julia hingegen „wusste schon immer alles“, erzählt sie beim Interview in ihrer Wohnung. Sie wusste, dass sie nur auf der Welt ist, weil ihrer Mutter Angst vor den Schmerzen einer nunmehr fünften Abtreibung hatte. Sie wusste, was Sex ist, da sie ihre Mutter mit Freiern dabei sah. Sie wusste, dass es sich bei ihrem „Erzeuger“ um einen unbekannten Kunden ihrer Mutter handelt. Und eines wusste sie bereits als Vierjährige ganz sicher: Ihre Mutter war nicht die Mutter, die sie sich wünschte.

Against all odds

Als Julia fünf war, entzog das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht. Diese jedoch entschied sich für eine Kindsentführung. Nach einigen Monaten wurden sie von der Polizei geschnappt und Julia kam ins Kinderheim. „Dort gab es Kinder, es gab Regeln. Der Alltag war ganz normal. Das war toll!“ schildert Julia. Eine Adoption wurde durch Julias Mutter mehrmals verhindert. Schließlich, so insistierte sie damals, wäre eine Besserung ihrer mütterlichen Qualitäten noch möglich. Sie bekam ein regelmäßiges Besuchsrecht eingeräumt. Bei einem dieser Treffen jedoch, entführte sie die damals Achtjährige erneut ins Ausland. Später sollte Julia verstehen, dass ihre Mutter sie brauchte, damit sie nicht einsam war. Schon damals hingegen wusste Julia, dass sie ihre Mutter nicht mehr brauchte.

Der Wendepunkt kam eines Tages in Budapest. Julias Mutter war schon den ganzen Tag unruhig. Bei einer Zigarette redet Julia ohne lange nachzudenken und dennoch ist ihre Wortwahl sehr bedacht „Da wusste ich, heute ist es wieder so weit. Heute schlägt sie wieder zu. Als wir in der Stadt unterwegs waren, kamen wir an einer Polizeistation vorbei. Eigentlich war es unbewusst, aber ich merkte mir den Weg dorthin. Erst später in einer Kneipe als sich meine Mutter zulaufen ließ und ich mal wieder neben ihr auf meine Schläge warten musste, war mir schlagartig klar: Nee, heute nicht!“ Sie lacht bei diesem Satz, zufrieden mit sich selbst. Dabei zieht sie ihre Augenbrauen nach oben und macht mit ihrem rechten Arm eine schwungvolle Abwehrgeste. „Ich sagte ihr ich müsse auf’s Klo. Dann bin ich zur Hintertür raus und so schnell ich konnte zur Polizei. Dort hat ein überforderter Beamter eine Dolmetscherin geholt und zu der sagte ich: ‚Ich möchte bitte nachhause.‘“ Damit meinte Julia das Kinderheim. In Julias Jugend gab es dann noch einige Treffen zwischen den Beiden. Heute hat Julia keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter, da diese ihr kein schlechtes Gewissen mehr machen kann. Außerdem weiß Julia, dass sie ihr nicht gut tut.

Eine Charakterfrage

Sind Menschen widerstandsfähig, sprechen Psychologen von „Resilienz“. Diese ist zu Teilen angeboren, hängt aber ebenfalls von der Erziehung ab. Als wichtigste Faktoren, um diese Widerstandsfähigkeit zu erwerben, gelten vertrauensvolle Bezugspersonen und Geborgenheit. Diese wurden Julia damals kaum zu Teil. Resiliente Persönlichkeiten handeln lösungsorientiert. Das hat Julia verinnerlicht. Bereits als Vierjährige schuf sie sich ihre eigenen Alltagsriten und verbrachte einen Großteil des Tages bei hilfsbereiten Menschen aus ihrem Stadtviertel. Mittlerweile prahlen die Erzieherinnen mit ihrer Musterabgängerin, die sie als Jugendliche noch als schwererziehbar einstuften. Denn sie hat ihren Weg gemacht. Nach einer Ausbildung zur Bürokauffrau hat sie das Abitur und später einen Fachwirt nachgeholt und arbeitet heute bei einer renommierten Firma.

Julia hat viele Fotos in ihrem Wohnzimmer hängen. Die Holzrahmen haben alle die gleiche Farbe und passen vom Ton zur gestrichenen Wand. Denn Julia mag es, wenn die Dinge miteinander harmonieren. Die Bilder zeigen sie mit Menschen, die ihr viel bedeuten und denen sie viel bedeutet. Denn Julia ist eine offene, herzliche Persönlichkeit, die sich ihre eigenen Vertrauenspersonen gesucht und letztendlich auch gefunden hat.

 


[1] Name von der Redaktion geändert

Autor des Artikels

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