No sex, no drugs, no alcohol!

Andere Unis, andere Sitten

Stell dir vor, du hättest bei deiner Immatrikulation ein weiteres Dokument unterschreiben müssen. Ein Dokument, in welchem du in der Zeit deines Studiums Alkohol, Koffein, Drogen und sogar jeglichem sexuellen Kontakt eine klare Absage erteilt hättest. An der Universität Augsburg ist das natürlich nicht an der Tagesordnung. Dafür aber an der Brigham Young University, BYU, in Utah.

Von Sandra Depner

Die Brigham Young Universität wurde von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gegründet. Diese Glaubensgemeinschaft und andere kleinere stellen die Konfessionsgruppe der Mormonen. Auf der Grundlage mehrere Visionen von Engeln, Jesus und Gott Vater selbst entstand diese Gemeinschaft unter Joseph Smith in den Zwanzigern des 19. Jahrhunderts. 55 Jahre später wurde die BYU in Provo, Utah, ins Leben gerufen – ausgerechnet von einem deutschen Gymnasiallehrer.

Der Ehrenkodex

Die Studenten dieser Universität unterschreiben mit ihrer Immatrikulation den Church Educational System Honor Code, der seit 1949 in dieser Form besteht. Auf den ersten Blick hört sich der Ehrenkodex gar nicht so schlecht an: „Wir wahren die höchsten Ansprüche an Ehre, Integrität, Moralität und Rücksicht auf Andere“. Aber damit endet der Ehrenkodex nicht. Natürlich verpflichtet sich jeder BYU-Student mit seiner Unterschrift dazu, die Standards des Ehrenkodex zu bewahren – ob er sich gerade auf dem Campus befindet oder auf Heimaturlaub ist. Neben der Führung eines keuschen und tugendhaften Lebens hat er oder sie auf eine saubere Sprache zu achten und regelmäßig die Kirche auf dem Campus zu besuchen.

Der Verzicht im Alltag

Der Student ist gegenüber Alkohol, Tabak, Tee und Kaffee enthaltsam. Legale oder illegale Drogen haben im Leben des BYU-Studenten nichts zu suchen. Auch der Verzicht auf das Glücksspiel steht auf der Liste des Ehrenkodex – und dabei ist Las Vegas weniger als zwei Flugstunden von Provo entfernt. Und wofür diese Stadt bekannt? Alkohol, Drogen, Gambling und Sex – Las Vegas zählt dann wohl zu jenen Orten, die ein BYU-Student als letzten besuchen würde.

Kein Sex vor der Ehe

Auch das Intimleben eines BYU-Studenten wird vom Ehrenkodex klar geregelt: Der Student sagt mit seiner Unterschrift sexuellem Fehlverhalten und vorehelichem Sex ab. Er verzichtet auf obszönes und unflätiges Benehmen. Er hat den Kontakt zu pornographischem oder erotischem Material zu verhindern.

Homosexualität ist an der BYU übrigens gar nicht gern gesehen:

So verletzt homosexuelles Verhalten den Ehrenkodex und ist unangebracht. Dazu gehört laut BYU nicht nur die sexuelle Beziehung zu einem anderen Menschen – auch all jene Formen von Intimität, die den Eindruck erwecken könnten, es liegen homosexuelle Gefühle vor, sind vom eingeschriebenen Studenten zu vermeiden.

Kurze Röcke und die Angst vor dem Versagen

Denken wir zurück an unser letztes Sommersemester. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wurden die Hosen und Röcke immer kürzer. Eine Tatsache, an der sich wohl die wenigsten männlichen Studenten an der Uni Augsburg stören. Aber wie kann man auf dem Campus dafür Sorge tragen, dass keinerlei sexuelle Anziehungskraft vorherrscht? Die BYU löst das „Problem“ mit klaren Kleidungsvorschriften: Röcke und Hosen sind stets knielang zu tragen, es sind nur Oberteile mit Ärmel zu wählen und – auf dem Campus herrscht eine strikte Schuhpflicht.

Was passiert mit den Studenten, die „versagt“ haben? Die ein Bier getrunken haben, die Ärmel hochgekrempelt haben, mit pornographischem Spam-Material auf ihrem PC erwischt worden sind oder versehentlich durch die Rauchschwaden eines Joints gelaufen sind?

Die Missachtung des Ehrenkodex kann in einer Exmatrikulation enden. Als BYU-Student hat man allerdings die Chance, sich erneut zu beweisen.

Hätten wir auch so einen Ehrenkodex, dann hätten wir vielleicht auch schon einen Weltrekord

Es muss nicht zwingend langweilig werden an der BYU im schönen Utah. Auch ohne Sex und Alkohol kann man ein so ausgeglichenes und eventgeladenes Studentenleben führen wie an jeder anderen „verkommenen“ Universität auch. Und genau das haben die Studenten der BYU im Jahr 2008 der ganzen Welt gezeigt: Zahlreiche schlaflose, kräfteraubende Nächte, Workshops in Strategie und Menschenkenntnis, intensive Handmuskelübungen. Am 20. Mai 2008 war es dann so weit: Die BYU-Studenten halten jetzt den Rekord im weltgrößten Schere-Stein-Papier-Wettbewerb inne! Wenn wir an der Uni Augsburg auch diesen Ehrenkodex gehabt hätten, dann hätten wir das auch schaffen können! Oder?

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