Die „Obruni“-Zeit in Ghana

Diese Erfahrungen sammelte eine deutsche Praktikantin in Afrika

Die meisten Studentenpraktika bestehen hauptsächlich aus einer langweiligen Tätigkeit vor dem Computer. Obwohl einige schon viel spannender sind als reines Kaffekochen, bleiben die großen Abenteuer und besonderen Lehren des Lebens meist auf der Strecke. Um dem Klischee ein Schnippchen zu schlagen, wählt Maike als Ort ihres Praktikums kein Büro, sondern ein Land – Ghana.

Von Ina Veneva – Fotos: privat

Gute Vorbereitung bedeutet keine Panik

Es ist extrem heiß, ungefähr 35 Grad. Trotzdem trägt Maike lange Hose und Bluse, um ihre helle Haut zu schützen. „Ich wusste, was mich erwarten wird, deshalb war ich am Flughafen in Accra, Ghanas Hauptstadt, nicht schockiert!“, erzählt die 22- jährige Medien und Kommunikation Studentin. Zwei Monate vorher hatte sie eine Infoveranstaltung von AIESEC besucht, weil sie Afrika schon immer als Urlaubsziel interessierte. In einem Praktikum wollte sie gerne mit Kindern arbeiten. Die Möglichkeit, Aufklärungsunterricht über HIV und Aids in einer Schulklasse zu organisieren, erschien also sehr passend. Vom Urlaub zum Praktikum und von der Idee bis zur Wahrheit hat sich alles blitzschnell entwickelt. Zwischendurch musste sie sich zehn Mal impfen lassen, Malariatabletten einnehmen und ein Moskitonetz kaufen.

Obwohl die Lebenssituation in Ghana vollkommen anders ist als in Deutschland, schien Maike nicht sehr besorgt zu sein. „Natürlich spielt man mit dem Gedanken an Malaria.“ Aber sie bekam große Hilfe von einer ungewöhnlichen Quelle- ihre Kommilitonin Hannah. Glücklicherweise sollten sie das Praktikum zusammen machen und zusammen wohnen. „Wir konnten uns gegenseitig beruhigen!“, freut sich Maike.

Trotz aller Vorbereitungen und Warnungen konnten die beiden nicht alle Ratschläge befolgen. Sie sollten keine geschälten Früchte und nur gekochte Produkte essen. Maike konnte nur zwei Wochen durchhalten: „Alles war zu lecker!“, rechtfertigt sie sich. Und ihre weiße Haut musste sie nicht nur vor einem Sonnenbrand schützen.

Kostet weiß mehr als schwarz?

„Warum läufst du so herum mit deiner weißen Haut?“, dachten die Einwohner von dem Alliance Viertel, wenn „Obrunis“, auf Deutsch Weiße, den Strand, an dem sie wohnten, besuchten. Die Ghanaer wollten Maike immer anfassen, um zu erfahren was mit ihrer Haut anders ist. Für die Ghanaer ist weiße Haut gleichbedeutend mit Reichtum.

Ihr „Reichtum“ hat ihr auch beim Taxifahren einen Streich gespielt. „Man muss immer die Preise kennen und hart bleiben, ansonsten werden sie dich betrügen!“ Die Preise auf dem Markt sind auch nie festgelegt. Man kann keine Preisschilder finden, sondern man muss darum handeln, wie viel die Orangen kosten werden.

Anders zu sein störte Maike aber nicht! Sie besuchte eine Strandparty von Ghanaern, die für das Fest Autoreifen angezündet hatten. „Für sie war das ihr Lagerfeuer. Sie haben eine ganz andere Vorstellung von Umweltschutz!“

Kann man mit Deutschen über Verhütung sprechen?

„Ich kann mir das nicht vorstellen“, sagt Maike, nachdem sie ihren Unterricht in der Schule gehalten hatte. Zunächst hatte sie Angst, dass sie die Fragen der Schüler nicht verstehen würde, da sie einen englischen „Slang“ sprechen. Aber nach zwei Wochen hat sie sich an die Aussprache gewöhnt. Außerdem waren die Kinder sehr interessiert und stellten viele Fragen, um mehr Informationen zu bekommen. Aids und HIV sind in ihrem Alltag präsent und sie wollen offen über persönliche Beziehungen und erste Liebe sprechen. Maike half besonders den Mädchen zwischen 11 und 16 Jahren dabei, Selbstbewusstsein aufzubauen. Mit Maike lernten sie, sich gegenüber ihren Liebespartnern zu behaupten und Nein zu sagen.

Keine Angst vor wildem Afrika

Maike wohnte in einem ganz normalen Haus „ohne Blechwände“, aber auch ohne Fließendwasser. Auf diesen Luxus musste sie natürlich verzichten. Als Dusche diente ein Wassertank und ein Eimer und es war eine große Umstellung für sie, mit fünf Menschen in einem Zimmer zu schlafen und nie allein sein zu können.

Die Lebensmittel waren für sie kein Problem- außer den täglichen Reiß und Fleisch vom Stand an der Straße konnte die Studentin in der City Mall Genüsse wie Coca Cola kaufen. Dort existierte eine andere Welt mit Marmorboden und Importprodukten.

Für Maike waren aber das Land und die Kultur von Ghanaer anziehender. Sie besuchte den Nationalpark und sah Elefanten, Krokodile und Antilopen genau neben ihr spazieren. Sie erschrak aber nicht: „In diesem Moment war es zu interessant, um mich zu fürchten!“. Solange die Tiere sich nicht bedroht fühlen, existiert keine Gefahr. „Wenn die Elefanten ihre Ohren nach vorne bogen, sollten wir uns von ihnen entfernen“, erklärt Maike.

„Ich lernte die kleinen Sachen mehr zu schätzen“. Dieser Satz ist ein Klischee. „Aber es ist wirklich so!“, behauptet sie. „In Deutschland kann ich genüsslich auf der Straße laufen, ohne zu schwitzen!“ Ghana verbesserte auch ihre Sprachkenntnisse, ihr Selbstbewusstsein und sie lehrte, sich selbst zu organisieren. „Ich würde wieder ein Entwicklungsland besuchen, um mich weiter zu entwickeln!“

Autor des Artikels