Kolumne – Student sein

Student sein. Student sein? Was bedeutet das eigentlich? Ein guter Freund von mir – Hollywood heißt er – hat mir einmal erzählt, ein Student würde sich typischerweise folgendermaßen verhalten: Feiern bis zum Exzess, Leben in kommunenartigen WGs und so oft wie möglich nackt sein. Doch gilt das auch für Augsburger Exemplare? Welche verhaltensbezogenen Feinheiten machen die Augsburger Studenten aus?

Dieses Mal: Warum gehen wir oft unter der Woche statt am Wochenende feiern?

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Text: Rebecca Naunheimer, Illustration: Marina Schröppel

Eine Verschiebung des Party-Zeit-Kontinuums

Donnerstag. Es ist 7:00 Uhr. Mein Wecker klingelt. Und zwar anders als sonst. Heute ist er lauter, greller, schriller. Wie eine schwere Bärentatze prallt meine Hand auf den Nachtisch und sucht nach dem Ursprung des Geräusches. Doch mein Wecker ist derselbe, wie immer. Dasselbe Meeresrauschen, das mich jeden Morgen sanft in den Tag spült. Was sich verändert hat, das bin ich. Stimmt ja, ich war feiern. Bis … naja … bis eben halt, also so vor zehn Minuten. „Komm noch kurz mit in die Maha Bar“, haben sie gesagt. „Uni morgen geht schon“, haben sie gesagt. Jetzt muss ich zum Seminar, aber das Einzige, das schon geht, ist mein Wecker.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich an einem Wochentag in Augsburgs Clubszene herumgegeistert bin und es am nächsten Morgen bitter bereut habe. Nein, ich kann irgendwie nicht anders. Nahezu jede offizielle Party und beinahe jeder private Umtrunk findet an einem Wochentag statt. Besonders bevorzugt: Donnerstag. Dabei war noch zu Schulzeiten das Wochenende Epizentrum jedweder markerschütternden Partyaktivität. Freitags morgens im Matheunterricht plante ich sorgfältig das Outfit und die Getränkeauswahl. Mittags – so gegen drei – begann ich dann langsam mit dem Styling. Samstags: Party. Und sonntags warf ich heimlich den Ballast der nächtlichen Ereignisse im elterlichen Badezimmer ab. Kurz gesagt: Drei feste Tage bildeten den Mittelpunkt meiner gesamten Partyaktivitäten. Freitag – Samstag – Sonntag.

Warum also verliert dieses verlässliche Gespann der Sorglosigkeit seine Bedeutung mit Studiumsbeginn? Haben wir mehr Freizeit als noch zu Schulzeiten? Eher unwahrscheinlich. Was damals die Klassenarbeit war, ist heute die Hausarbeit oder das Referat. Was damals der Unterricht war, ist heute die Vorlesung oder das Seminar. Klar beginnen nur wenige dieser Verpflichtungen vor 10 Uhr. Doch nach einer ausgelassenen Nacht scheint mir auch das etwas früh. Und was ist überhaupt mit den BWL- oder Jura-Studenten, die – Gerüchten zufolge – jeden Morgen pünktlich um 08:15 Uhr beginnen?

Mir dünkt, unkonventionellere Lösungsansätze sollten bedacht werden. Geht es möglicherweise um eine lebenserhaltende Maßnahme? Man stelle sich einen Freitagvormittag vor. Sigma Park. Massenabfertigung in der BWL-Vorlesung. Du willst einfach nur noch schlafen. Aber wie? Da labert einer die ganze Zeit. Irgendwas mit Wirtschaft oder so. Ein bisschen Schlafüberhang aus der letzten Nacht kann da sicher nur hilfreich sein.

Sicher spielt auch der biologische Ursprung des Studenten eine wichtige Rolle. Wie die meisten Lebewesen entstammt er einer im Fachjargon als „Mutti“ bezeichneten Lebensform. Und wenn Mutti mit Gerichten lockt, die kein gewisser Herr Iglo zusammengestellt hat, kann wohl keiner widerstehen. Dass sich eine ganze Partycrowd am Wochenende mit Völlerei statt mit schweren Dubstep-Rhythmen beschäftigt, ist daher nicht unwahrscheinlich. Die Kompensation dieser Dysbalance also, könnte ein Grund für die Partyaktivitäten unter der Woche sein.

Ich tendiere allerdings zu einem eher imagezentrierten Ansatz. Der Student muss sich ja irgendwie vom Schüler – einem gemeinhin als weniger lässig bekannten Wesen – abgrenzen. Sich nur am Wochenende unter das feiernde Volk zu mischen, könnte unter Umständen den Anschein des Schülerseins erwecken. Und fragt der Abendabschnittspartner beim Luftholen zwischen zwei Küssen: „Wer ist denn eigentlich deine Klassenlehrerin?“, kann man sowieso einpacken.

Alles blöder Quatsch? Okay, dann gibt es nur EINEN plausiblen Grund für die Verschiebung des Party-Zeit-Kontinuums: Einfach, weil wir es können!

Wie ist das bei euch? Geht ihr auch lieber unter der Woche statt am Wochenende in Augsburg feiern? Warum? Und was ist überhaupt aus der ehrlichen, alten Vorfreude auf das Wochenende geworden?

Alle Folgen der Kolumne „Student sein“ von Rebecca Naunheimer kann man hier nachlesen.

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