Trotz NSA: Das Internet ist ein Platz für Helden

Ja, die NSA ist böse. Trotzdem sollten wir öfter darüber reden, wie großartig das Internet ist. Für die Weltrettung bleibt es das einzig brauchbare Werkzeug.

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Text: Christian Endt, Illustration: Marina Schröppel

Wir sollten uns mal über etwas unterhalten, was schon in der ersten Folge dieser Kolumne kurz aufgeblitzt ist. Da war die Rede von den “Möglichkeiten des Internets”, die uns, zusammen mit unserem Elan und einem Bier vom Kiosk, bei der Weltrettung helfen sollten. Das Internet hatte in den letzten Monaten eine Publicity, die ungefähr so schlecht war wie die des Berliner Flughafens. Seit den ersten Snowden-Enthüllungen ist äußerst selten von den Möglichkeiten des Internets die Rede, dafür ständig von der Gefahr, die die Überwachung des Internets für unsere Freiheit und unsere Demokratie bedeutet.

Kolumne: Generation der Helden

Wir sind schlau, wir sind trinkfest und wir sehen gut aus. Mit dem Elan der Jugend, den Möglichkeiten des Internets und einem Bier vom Kiosk werden wir die Welt retten. Diese Kolumne ist nur der Trailer. Christian Endt schreibt sie meistens dienstags und immer im Wechsel mit „Student sein“ von Rebecca Naunheimer. Beide Kolumnen werden von Marina Schröppel illustriert.
Alle Folgen von „Generation der Helden“ zum Nachlesen

Die Aufregung über die grenzenlose Überwachung unserer digitalen Kommunikation ist absolut berechtigt. Aber in der Post-Snowden-Ära wird jede neue Technologie vor allem danach bewertet, welche Überwachungsmöglichkeiten sie mit sich bringt. Und da jede Innovation unserer Zeit irgendwie mit dem Erheben und Verarbeiten von Daten zu tun hat, fällt diese Bewertung meistens ziemlich negativ aus. Aktuell etwa bei intelligenten, vernetzten Hausgeräten.

Der große Interneterklärer Sascha Lobo hat kürzlich in einem Feuilleton-Artikel für die F.A.Z. sein Fazit aus der ganzen Spähaffäre verkündet: “Das Internet ist kaputt”. Der Text ist voller schiefer Bilder und hinkender Vergleiche, und im Netz findet man natürlich Quadrillionen von Erwiderungen. Ein häufiges, wenn auch banales Gegenargument: Das Internet sei eine Technologie, ein Werkzeug, und somit immer nur so gut oder schlecht wie das, was die Menschen daraus machen. Wenn also irgendetwas kaputt ist, dann die Kontrolle der Geheimdienste also die Demokratie, also die Gesellschaft, also: wir.

Schwerpunkt: Internet

Auch wenn wir es mit der NSA und anderen Datensammlern teilen müssen: Das Internet bleibt unser Zuhause. Wir essen und schlafen vorläufig noch analog, aber sonst findet unser Leben zunehmend im Netz statt. Darum widmet die presstige-Redaktion dem Internet einen Schwerpunkt. Alle bisher erschienenen Beiträge sind hier gesammelt.

Trotzdem ist es bemerkenswert, was Sascha Lobo da schreibt. Das Neue an dem Artikel ist ja nicht die Tatsache der Totalüberwachung, oder deren Gefährlichkeit, oder wie sehr uns das alle angeht. Alles schon tausendmal gesagt. Das Neue ist, das Lobo so eine Art Gesamtbilanz aufmacht, in der er quasi Vor- und Nachteile des Internets gegeneinander aufrechnet. Also: Soziale Vernetzung, Teilhabe, Informationsfreiheit, Wikipedia gegen Prism, Tempora, BND und CIA. Und unterm Strich sagt Lobo dann: “Das Internet ist kaputt.”

Ja, Herrschaftszeiten, womit sollen wir dann bitte die Welt retten? Mit der Schreibmaschine?

Nein, damit kommen wir nicht weit. Und große Teile des Netzes funktionieren ja zum Glück noch. “Die Katzengifs sind noch da, wo sie hingehören”, wie uns der Blogger Michael Seemann in seiner Replik auf Lobo in Erinnerung ruft. Überhaupt ist die freie Verbreitung von Informationen als Kernfunktion des Internets weitgehend intakt. Was eh dafür gedacht ist, möglichst viele Leute zu erreichen, das darf auch ein Geheimagent lesen. Also: Die effektive Organisation von Mobilität und Völkerveständigung via Mitfahrzentralen und Übernachtungsportale, der Einsatz von Schwarmsolidarität zur Lösung großer und kleiner Probleme, die grenzenlose Verbreitung von Wissen via Wikipedia, das Einreißen von Bildungsbarrieren durch Online-Unis, das Aufbrechen von Meinungsmonopolen durch Blogs, das alles gibt es weiterhin. Das Internet ist weiterhin das beste verfübare Werkzeug zur Weltrettung.

Überwachung ist trotzdem eine Sauerei, klar. Wer heute ein Held sein will, sollte lernen, seine E-Mails zu verschlüsseln. Und die Heldengeneration als Ganzes muss politischen Widerstand gegen die Überwachung organisieren. Aber vor allem sollten wir wieder mehr darüber reden, was für eine großartige Erfindung das Internet ist.

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