Deprimierendes Stagnieren statt Freiheit

Ein Erfahrungsbericht über eines der Flüchtlingslager im Norden Griechenlands

Text & Fotos: Judith Alberth

Während meines Auslandssemester in Thessaloniki (Griechenland), arbeite ich neben meinem Studium in einem Flüchtlingslager. Seit Mai letzten Jahres ist es Freiwilligen eigentlich verboten, in den Camps zu helfen und dennoch sind viele hier. Während meinen Besuchen dort habe ich gemerkt, wie eingeschränkt meine Definition von Flüchtlingen ist und was es für diese bedeutet, frei zu sein.

Als ich vom Matsch aus durch das kleine Fenster auf Hüfthöhe in die große Halle steige, habe ich nicht das Gefühl, etwas Illegales zu tun. Ich muss mich selbst daran erinnern und es kommt mir absurd vor. Wir laufen durch die Halle an den Zelten vorbei, ich habe trotz der einfachen Struktur immer noch keine Orientierung dort. Kinder springen umher, manche sehen mich an und ich merke, wie ich dort auffalle.

Seit Mitte November gebe ich neben meinem sechsmonatigen Erasmus-Aufenthalt, Deutschunterricht im Flüchtlingslager Oreokastro im Industriegebiet Thessalonikis, in Griechenland. Was daran illegal ist? Meiner Meinung nach nichts, aber seit der Auflösung des größten Camps Griechenlands in Idomeni Mitte Mai letzten Jahres, ist es Freiwilligen verboten, die Flüchtlingslager zu betreten. Ich vermute, es soll verhindert werden, dass die Camps beginnen, sich zu organisieren. In Oreokastro hält uns aber niemand aktiv davon ab. Immer dienstags trete ich also die lange und oft unzuverlässige Busfahrt an, um mich mit Maxwell (Name von der Redaktion geändert) zu treffen, der mich vom Fenster bis ins Klassenzimmer begleitet. Den Unterricht gestalten wir zusammen: Auf der einen Seite der Tafel schreibe ich auf Deutsch – auf der anderen übersetzt er auf Arabisch, miteinander reden wir Englisch.

Nach dem Unterricht trinken wir zusammen Kaffee, rauchen und reden. Es war eines dieser Gespräche gleich zu Anfang, als mir bewusst wurde, dass die Männer welche mir gegenüber sitzen, genauso sind wie du und ich. Viel mehr noch, ich war heimlich schockiert, dass mich diese Tatsache so überrascht hat. Ich hatte vorher nicht darüber nachgedacht, dass das Professoren, Studenten, Anwälte, Väter und Freunde sind. Auch wenn ich mich eigentlich vorher schon für offen gehalten hatte, merke ich was der Begriff „Flüchtling“ für mich eigentlich bedeutet. Mir wird bewusst, wie sich mit meinen Erfahrungen im Camp der Begriff auflöst und ich stattdessen Menschen kennen lerne, Freunde gewinne.

Ein unmenschlicher Zustand

Das Flüchtlingslager befindet sich im Nordosten Griechenlands, circa 20 km vom Zentrum Thessalonikis entfernt. Es ist das größte im Umkreis der Stadt; es heißt, es wäre das Camp mit den besten Konditionen. Die Zustände dort lassen sich einfach beschreiben: Es ist unmenschlich. In dieser Situation von Menschenrechten zu sprechen, erzeugt bei mir nur ein zynisches Lachen. Eine Norwegische NGO sei für das Lager zuständig, gesehen oder getroffen habe ich davon niemanden. Seit Wochen funktioniert die Elektrizität nur spärlich bis gar nicht. Manchmal geht das Licht in dem einen oder anderen Sektor an, bald darauf aber wieder aus. Unterricht ist bis 17 Uhr möglich, danach ist es zu dunkel. Ein Heizsystem haben sie sowieso nicht.

Maxwell erzählte mir, sie hätten letztens einen ganzen Tag lang nicht einmal Wasser gehabt. Drei Mal täglich bekommen sie Essen. Sie wollten Freiheit und das soll nun die Rettung vor dem Elend sein? Wenn ich das Lager anschaue, frage ich mich, wer eigentlich der Verantwortliche dort ist. Ich unterdrücke die Frage: Wo kann man sich denn hier beschweren? Die Zelte, in denen sie leben, sind grün. Sie sind in Reihen aufgestellt, wodurch lange entstehen Korridore. An den Leinen dazwischen hängt Kleidung zum Trocknen. An manchen Ecken sind Tische wie eine Art Kiosk aufgestellt, an denen einige der Männer Essen und kleine elektronische Geräte verkaufen, wie zum Beispiel Bluetooth Boxen, mit denen sie Musik abspielen können.

Die Halle ist groß, es muss vorher eine Art Fabrik gewesen sein, am Boden lassen sich noch gelbe Markierungen mit Nummern erkennen. Es erinnert mich an eine Abflughalle. Die Wände sind hoch und die Fenster dreckig. Abgesehen von den hüfthohen Fenstern am Boden, durch die es sich leicht ein-und aussteigen lässt, gibt es noch eine Fensterreihe nahe zur Decke, durch welche die Abendsonne scheint und der Halle zu einer seltsamen Schönheit verhilft. Trotz der Sonnenstrahlen ist es kalt, manchmal riecht es nach Essen. Die Halle ist das Zuhause von circa 800 Menschen, bis vor kurzem waren es noch tausende. Ich versuche ihre Privatsphäre so gut wie möglich zu wahren und schaue nicht in die Zelte.

Als ich später mit Maxwell und seinem Freund, dem Professor, an einem Tisch sitze und Saft trinke – heute gibt es keinen Kaffee, da das warme Wasser fehlt – unterhalten wir uns über Syrien. Sie erzählen von ihrer Heimat und der Kulturvielfalt dort. Sie versuchen mir Wörter auf Arabisch beizubringen. In einem ruhigen Moment höre ich auf die Geräuschkulisse im Hintergrund. Ich höre Männer miteinander reden, manche ganz ruhig andere intensiver. Niemand schreit. Kinder wimmern und ihre Mütter versuchen sie mit ruhiger Stimme zu beruhigen. Es hallt alles, jemand zertritt seinen Saftbecher und es knallt. Und plötzlich ist alles dunkel. Vorher war in anderen Sektoren noch Licht zu sehen, jetzt nur noch Nacht. Ich habe Angst. Es ist das erste Mal in meiner Zeit dort, dass ich Angst habe. Die Depression und Frustration der Menschen dort, ihr Leid und ihre Trauer, es erschlägt mich auf einmal. Die Dunkelheit verstärkt die depressiven Gefühle.

Die Angst vor der Dunkelheit

Das Licht geht in einem anderen Sektor wieder an und ich sehe Maxwell, er lächelt mich an. „When you are with me you are save“ waren seine Worte schon zu Beginn. Ich erinnere mich daran, wie er mich durch das Camp führt und mit mir in der Kälte auf den Bus wartet. Er beschützt mich und das auf eine friedliche, aber starke Weise. Angst brauche ich keine zu haben und erst Recht nicht vor den Menschen dort, das habe ich schnell genug gelernt. Viel mehr als mich zu beschützen, kontrolliert er die Situation, indem er mich begleitet und baut durch Vertrauen eine Art Brücke zwischen meiner Welt und der Welt im Lager. Denn leicht ist es nicht zu verstehen, wie groß die Kluft dazwischen ist.

Desto länger ich jedoch über den kurzen Moment im Dunkeln nachdenke, umso mehr frage ich mich, wovor ich Angst hatte. Ich denke, es war mehr das Grauen, das mir auf einmal zu nahe kam, ich konnte nicht anders als mich ihnen zugehörig zu fühlen. Im Dunkeln sind alle Katzen grau, da war es mir nicht mehr möglich, mich abzugrenzen. Und so werden Syrien und die Situation der Flüchtlinge auf einen Schlag persönlich für mich. Wenn ich die Bilder von Aleppo sehe und die Nachrichten höre, spüre ich den Schmerz. Ich weiß, dass viele in dem Lager nicht schlafen können. Jeder versucht auf seine Art damit umzugehen, aber wie soll das jemandem gelingen, wenn er inmitten der Trostlosigkeit lebt? Und das nun schon seit Monaten. Das Leben dieser Menschen steht auf Stillstand, sie sitzen fest.

Die mächtigste Waffe ist Bildung

Bei all den Emotionen, die meinen wöchentlichen Ausflug in das Camp begleiten, ist es aber vor allem die Hoffnung, die ich nicht aufgeben möchte. Die Jungs, die ich unterrichte wollen lernen und sind interessiert. Mir ist natürlich klar, dass mein blonder Haarschopf den Unterricht für sie noch spannender macht. Die Deutschstunde ist immer lustig und es ist interessant, mit ihnen in Kontakt zu treten. Ich lerne jedes Mal dazu. Ich habe die Erfahrung machen dürfen, dass ich keine Angst vor „den Flüchtlingen“ haben muss, vielmehr noch, dass es wichtig ist, mit ihnen zu kommunizieren und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Vor allem aber bewundere ich Menschen wie Maxwell, die im Elend noch die Kraft haben zu kämpfen. Er organisiert die Schule im Camp und ist aufgrund seines Studiums derjenige, der vor dem Elektrokasten steht und alles gibt, um ihn wieder zum Laufen zu bringen. Mehr noch, er bringt Licht in mein Herz, wenn ich ihm zusehe, wie er die Kinder unterrichtet. Dieser Mann kämpft mit der friedlichsten und mächtigsten Waffe: Bildung.

Ich sehe auf die Uhr und merke, dass der letzte Bus bald fährt. Maxwell holt seinen Tabak und wir laufen zum Ausgang. Ich ziehe meine Mütze über und verlasse das Camp über den Haupteingang. Nachdem ich den ganzen Tag im kalten Camp verbracht habe, bin ich froh, als der Bus endlich kommt. Ich lehne den Kopf an das Fenster, während er mich wieder zurück nach Thessaloniki bringt und versuche mich wieder zu sammeln. Ich habe die Kälte in den Zehen, aber die Wärme der Menschen und ihre Freundlichkeit im Herzen. Ich erinnere mich an das erste Wort, das ich auf Arabisch gelernt habe: Danke.