Blut und Dialoge

Quentin Tarantino und seine Kunst, Filme zu machen

Quentin Tarantino ist einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods. Angefangen beim großen Durchbruch mit seinem ersten Film „Reservoir Dogs“ (1992) über den Kultfilm „Pulp Fiction“ (1994) bis hin zu seinem neuesten Werk „Once Upon a Time in Hollywood“ (2019) – der Filmemacher hat längst Kultstatus. Doch seine Filme werden auch immer wieder kontrovers diskutiert. Viele empfinden die extreme Brutalität, die kennzeichnend für seine Werke ist, als unangebracht bis an Perversität grenzend. Seine Fans hingegen halten Tarantino für ein ausgewachsenes Genie. Doch einmal davon abgesehen, was man von ihm hält – es ist nicht zu leugnen, dass sein Stil unverwechselbar ist.

Es gibt kaum einen Regisseur, der seine persönlichen Vorlieben so explizit in seinen Filmen verbaut. Von den zahllosen Referenzen zu seinen Lieblingsfilmen bis hin zu den verdächtig häufigen Aufnahmen nackter Frauenfüße – es ist ein offenes Geheimnis, dass das ein Fetisch des Filmemachers ist. Als Autodidakt brachte sich der 1963 in Tennessee geborene Tarantino all sein Wissen über Regie und Drehbuch selbst bei. Dialoge schreiben lernte er in einer Schauspielausbildung. Das Filme machen durch Filme schauen. Zu seinen größten Einflüssen zählt er den italienischen Regisseur Sergio Leone, der sich in den 60er Jahren vor allem durch Western-Filme wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „The Good, the Bad and the Ugly“ einen Namen machte. Diese Filme, manchmal auch als „Spagetti Western“ betitelt (weil italienischer Herkunft), waren wegweisend für Tarantino. Er verwendet gerne Kameraeinstellungen und Musik, die typisch für Leone und das Genre sind.

Der Filmemacher bedient sich bei seinen persönlichen Lieblingsfilmen und bastelt daraus etwas Neues, Eigenes. Auch von Romanen lässt er sich inspirieren, vor allem von deren Aufbau. So unterteilt er die Storyline von „The Hateful Eight“ in sechs Kapitel, von denen das vorletzte eine Rückblende ist. In „Pulp Fiction“ und „Reservoir Dogs“ geht er noch weiter und erzählt die unterschiedlichen Handlungsstränge in nicht-chronologischer Reihenfolge. So erscheinen Charaktere, die bereits gestorben sind, in einer späteren Szene wieder, da diese zu einem früheren Zeitpunkt spielt. Das macht auch das mehrmalige Ansehen seiner Filme spannend, denn man begreift manche Zusammenhänge in ihrer Vieldeutigkeit erst nach ein paar Wiederholungen.

Filmographie (Hauptwerke, d.h. Regie und Drehbuch)

♦ 1992: Reservoir Dogs
♦ 1994: Pulp Fiction
♦ 1997: Jackie Brown
♦ 2003: Kill Bill: Vol. 1
♦ 2004: Kill Bill: Vol. 2
♦ 2007: Death Proof
♦ 2009: Inglourious Basterds
♦ 2012: Django Unchained
♦ 2015: The Hateful Eight
♦ 2019: Once Upon a Time in Hollywood

Tarantino ist, neben den bereits genannten, vor allem für zwei Dinge bekannt: ungewöhnliche Dialoge und Gewaltexzesse. Oftmals endet ersteres nach minutenlanger Spannung in letzterem. Er beherrscht es wie kein zweiter, die Nerven der Zuschauer:innen während einer vermeintlich unverfänglichen Szene bis zum Zerreißen zu strapazieren. Man ist fast schon erleichtert, wenn sich die angespannte Situation auf einen Schlag in einem brutalen Gemetzel entlädt. So zum Beispiel in der Anfangsszene von „Inglourious Basterds“, in der der SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) den Hof eines Milchbauern im von den Nazis besetzten Frankreich inspiziert. Er ist auf der Suche nach jüdischen Flüchtigen. Das Gespräch der beiden Männer beginnt harmlos – scheinbar nur eine bürokratische Formalität. Doch die Schlinge um den Hals des Bauern, der tatsächlich eine jüdische Familie unter den Fußbodendielen versteckt hält, zieht sich immer weiter zu. Allein durch die Kraft seiner Worte bringt Landa den Bauern dazu, die Familie zu verraten. An diesem Punkt ist die Spannung fast unerträglich. Sie explodiert in lautem Getöse, als Landa seine Soldaten herbeiruft, die den Boden des Hauses mit Schusswaffen durchlöchern. Tarantino spielt mit den Zuschauererwartungen. Ein kleiner Trigger reicht aus, um die Szene in eine komplett neue (meist gewalttätige) Richtung zu lenken. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, der Tropfen Provokation, der das Fass zum Überlaufen bringt. Nichts ist berechenbar.

Und dabei müssen sich die Dialoge nicht einmal um ein brisantes Thema drehen. Die Gespräche der Charaktere sind oft alltäglich, oberflächlich gesehen unwichtig. Tarantino lässt seine Figuren für sich selbst sprechen. Durch die Art, wie sie reden und was sie sagen, lernen die Zuschauer:innen mehr über ihre Persönlichkeit. So nimmt der Filmemacher in der Anfangsszene von „Reservoir Dogs“ – beim Essen im Diner – bereits die Handlung des ganzen Films vorweg: ACHTUNG SPOILER! Mr. Pink (Steve Buscemi) ist ein Prinzipienreiter, Mr. White (Harvey Keitel) ein Gentleman-Gauner, Mr. Orange (Tim Roth) ist der Verräter und Mr. Blonde (Michael Madsen) ein Mörder. Und das alles in einem Gespräch, in dem es um Madonnas Musik und Trinkgelder geht.

Ein weiteres Tarantino-typisches Stilmittel ist die Übertreibung. Seine Figuren sind oft überzeichnet und tragen ikonische, auffällige Outfits, wie zum Beispiel der kanariengelbe Trainingsanzug der Protagonistin Beatrix Kiddo (Uma Thurman) in „Kill Bill“. Tarantino nutzt gerne knallige Primärfarben und bestimmt mit ihnen Ton und Emotion einer Szene. Auch die Soundkulisse ist häufig überzogen. Soundeffekte in Kampfszenen sind oftmals vollkommen übertrieben und erinnern an Kung-Fu-Filme à la Bruce Lee und Jackie Chan. „Kill Bill“ ist hierfür ein Paradebeispiel. Auch hier finden sich wieder die persönlichen Vorlieben des Regisseurs. Als Kind wuchs er im Einzugsgebiet von Los Angeles auf und besuchte dort liebend gern kleine Vorstadtkinos, die vor allem Martial-Arts- und B-Movies zeigten.

Übertreibungen erzeugen eine gewisse Komik, die die Zuschauer:innen auch in ernsten Passagen zum Lachen bringen. Wie realistisch das Ganze wirkt, ist zweitrangig. Als großer Filmliebhaber will Quentin Tarantino den Kinobesucher:innen vor allem ein gutes Filmerlebnis bieten. Man bezahlt schließlich für ein Kinoticket, um unterhalten zu werden. Jede:r weiß, dass es sich um Fiktion handelt. Mit diesem Argument begründet er auch die exzessive Gewaltverherrlichung in seinen Filmen. Er ist der Meinung, dass bereits Kinder zwischen realer und fiktiver Gewalt unterscheiden können. Deshalb pries er „Kill Bill“ bei der Veröffentlichung als Familienfilm für Kinder ab zwölf an. Zum Vergleich: In Deutschland ist der erste Teil ab 18, der zweite ab 16 Jahren freigegeben. Tarantino bestreitet jegliche Auswirkung von Filmgewalt auf echte Gewalt. Auch weist er konsequent jeden Vorwurf von sich, er trüge Verantwortung für die Handlungen seiner Rezipierenden. Mittlerweile ist er dieser Diskussion, mit der er seit Jahrzehnten in Interviews konfrontiert wird, so überdrüssig, dass er sich inzwischen weigert, darauf einzugehen. Zwei seiner früheren Statements zum Thema sind folgende:

"But still this is a movie. The bottom line is, I'm not responsible for what some person does after they see a movie. I have one responsibility. My responsibility is to make characters and to be as true to them as I possibly can."
Quentin Tarantino in der Zeitung Chicago Tribune (1993)
"Violence is just one of many things you can do in movies. People ask me, 'Where does all this violence come from in your movies?' I say, 'Where does all this dancing come from in Stanley Donen movies?' If you ask me how I feel about violence in real life, I have a lot of feelings about it. It's one of the worst aspects of America. In movies, violence is cool. I like it."
Quentin Tarantino in der Zeitung Newsday (1994)

Seine Filme haben längst in die Popkultur Einzug gehalten. Ikonische Szenen wie das Gespräch in „Pulp Fiction“ von Vincent Vega (John Travolta) und Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) über Hamburger sind jedem schonmal irgendwo über den Weg gelaufen (Stichwort: Royal mit Käse). Das ist auch kein Wunder – Tarantinos Art, Filme zu machen, bedient sich eines Phänomens, das mit ein Grundpfeiler der Popkultur ist: Anspielungen, Verweise, Referenzen, Easter Eggs und Zitate aus anderen Publikationen. Ein Geben und Nehmen sozusagen. Die Werke des Filmemachers haben Generationen geprägt. Doch ein Ende seiner Laufbahn ist bereits in Sicht: Quentin Tarantino verkündete schon zu Beginn seiner Karriere, nach seinem zehnten Film sein Handwerk niederzulegen. Denn er ist der Meinung, dass jede:r Regisseur:in eine Blütezeit hat, die irgendwann vorbeigeht. Da er „Kill Bill“ 1 und 2 als einen Film sieht, hat er mit „Once Upon a Time in Hollywood“ seinen neunten Film vollendet. Das „Grande Finale“ kann also mit Spannung erwartet werden.

Anmerkung: Die Bildrechte liegen bei den jeweiligen (oben genannten) Produktionsstudios. Da dieser Artikel eine Filmanalyse ist, beziehe ich mich bei der Verwendung auf das Zitatrecht nach § 51 UrhG.

1 thought on “Blut und Dialoge”

  1. Well done, Michaela! Mich würde interessieren, wie Du auf Quentin gekommen bist. Ist ja kein alltäglicher Typ. Liebe Grüße Mini

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