Augsburg im Lockdown kennenlernen – Auslandssemester während Corona

Reise-Essentials in Zeiten von Corona ©Alexandra Nägele

Den kulturellen Horizont erweitern, Fremdsprachkenntnisse verbessern, neue Leute aus den verschiedensten Ecken der Welt kennenlernen, ein fremdes Land erkunden und natürlich Hauspartys, Kneipentouren und Clubbesuche bis es wieder hell ist – dies sind oft die Erwartungen, mit denen Studierende in ihr Erasmus- bzw. Auslandssemester starten. Doch die Realität sah zumindest bis vor Kurzem noch anders aus:  Anstatt sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, galt Ausgangssperre, internationale Freundschaften mussten mit Mindestabstand geschlossen werden und weder das Land noch die Augsburger Kneipenlandschaft konnten erkundet werden. Und auch wenn in den letzten Wochen Lockerungen eingetreten sind, so ist die Pandemie doch noch immer präsent und der Alltag nicht so wie gewohnt.  Doch trotz Einschränkungen und Hürden wagten sich während der Pandemie und des Lockdowns Austauschstudierende aus verschiedenen Ländern nach Augsburg, um hier an der Universität oder Hochschule ein Auslandssemester zu absolvieren.

Unter normalen Bedingungen kommen jedes Jahr zu Semesterbeginn zwischen 100 und 150 motivierte Studierende aus aller Welt an der Augsburger Uni an, die sich dazu entschieden haben, mindestens ein Semester hier zu studieren. Dieses Semester sind es circa 20. Die bürokratische Betreuung übernimmt dabei das Akademische Auslandsamt, für den sozialen Support ist das Erasmus Student Network – kurz ESN – zuständig. Die europaweite Studierendenorganisation betreut Austauschstudierende während ihres Auslandsaufenthalts und hilft den Studierenden so dabei, im Zielland Fuß zu fassen und sich zu Hause zu fühlen. Die Programmpunkte reichen dabei von wöchentlichen Stammtischen, über Feiern in der Party-Tram bis hin zu Ausflügen in ganz Bayern.

Seit knapp anderthalb Jahren sieht der Alltag jedoch anders aus. Um den momentanen Umständen gerecht zu werden, musste das ESN-Team kreativ werden und entwickelte daher neue Konzepte, um die Studierenden aus dem Ausland zu empfangen. Die Welcome-Week bspw. fand so hauptsächlich online statt. Die einzigen Ausnahmen waren eine Campus- und eine City-Tour, welche jedoch als one-on-one-Event stattfanden. Mit einem Betreuungsschlüssel von 1 ESNler : 1 Erasmi wurden den Austauschstudierenden so die wichtigsten Orte in Augsburg gezeigt. Auch ein wichtiger Teil der Augsburger Kultur, nämlich die Bierkultur, wurde den Austauschstudierenden durch ESN nahegebracht. So konnten diese an einer online Bierverkostung teilnehmen und dabei in den Genuss lokaler Biere kommen. Für das laufende Semester habe man nun den wöchentlichen Stammtisch über Zoom (als Pendant zum wöchentlichen Stammtisch in unterschiedlichen Augsburger Lokalitäten) und weitere one-on-one-events geplant, so Fabian, der Vorsitzende von ESN Augsburg. Man hoffe jedoch auch sehr darauf, dass es bald wieder einen breiteren Rahmen an Möglichkeiten gibt und Events wieder in Kleingruppen stattfinden können. So war es bspw. im letzten Sommer der Fall: Mithilfe eines Hygienekonzepts, welches mit der Stadt Augsburg abgesprochen war, konnten die Studierenden so zwar kein Bar- jedoch immerhin ein Park-hopping mit Picknick erleben. Auch wenn mit Hilfe von Video-Calls zwar einige Veranstaltungen online abgehalten werden können und die Möglichkeit zum Kennenlernen und Austausch besteht, so ist dies einfach nicht dasselbe. „Es klappt halt schon alles irgendwie, man muss nur durchhalten“, resümiert Fabian das mittlerweile dritte Corona-Semester.       

Doch nicht nur die Auslandsstudierenden, welche an der Uni studieren, erleben ihr Auslandssemester unter besonderen und erschwerten Voraussetzungen, gleiches gilt natürlich auch für die Studierende, die an der Hochschule angekommen sind.  Und auch das SWOP-Team (Student Welcome and Orientation Project), welches den Studierenden der Hochschule bei der Orientierung und dem Einleben in Augsburg hilft, erarbeitete neue Konzepte und Events, welche an die Beschränkungen angepasst sind.  

Doch wie empfinden Austauschstudierende selbst ihren Aufenthalt und ihr Studium an der Universität und Hochschule? Wie fasst es sich in einer fremden Stadt Fuß, während dort der Lockdown herrscht? Und welche Erwartungen werden in solchen Zeiten an ein Auslandssemester gestellt? Diese Fragen und noch mehr habe ich drei Erasmusstudentinnen gestellt, die seit ca. zwei bzw. drei Monaten in Augsburg sind.

Maria & Anastasia aus Griechenland
Die Freundinnen kamen gemeinsam nach Augsburg. (© Anastasia)

„Wir werden jetzt schon sehr traurig, wenn wir daran denken, dass wir im September Augsburg verlassen müssen“, erzählen die beiden Griechinnen Anastasia und Maria, die normalerweise an der Universität in Athen Accounting und Finance studieren, wehmütig. Sie haben bereits Anfang letzten Jahres begonnen, den Auslandsaufenthalt zu planen, wobei jedoch ursprünglich das Wintersemester 2020/21 als Zeitraum feststand. Da beide jedoch im kommenden Semester ihren Bachelor abschließen wollen, stand eine erneute Verschiebung des geplanten Auslandssemesters nicht im Raum und so wagten die beiden sich gemeinsam nach Deutschland. „In these times when everything is crazy, at least do something different”, fasst Maria ihre Entscheidung zusammen. Und obwohl die beiden berichten, dass es in Griechenland nicht nur dauerhaft 30 Grad warm ist sondern die Corona-Lockerung auch deutlich früher für Erleichterungen sorgten, sind sie sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung. 

Die beiden Freundinnen merken jedoch auch an, dass sie einen großen Vorteil davon haben, nicht nur gemeinsam nach Augsburg gekommen zu sein, sondern auch gemeinsam in einer Wohnung zu wohnen. So habe es seit ihrer Ankunft keine Zeit gegeben, in der sie sich einsam gefühlt haben. Auch durch die online-Einführungsveranstaltungen von ESN konnten sie mit anderen Austauschstudierenden Nummern austauschen, sich zu einem Kaffee to go in der Stadt verabreden und so eine kleine internationale Freundesgruppe finden. Und auch wenn sie berichten, dass sie ihre Zeit auch während des Lockdowns in Augsburg sehr genießen konnten, so freuen die beiden sich trotzdem sehr, endlich auch Augsburgs Gastronomieszene erleben und hoffentlich auch weitere Teile Europas bereisen zu können.

Milena aus Polen

Auch Milena, welche ursprünglich aus Polen kommt, jedoch normalerweise in London studiert, berichtet von einem erfolgreichen Ablauf ihres bisherigen Auslandssemesters. Sie studiert an der Hochschule interaktive Medien und ist seit circa drei Monaten in Augsburg. Ausschlaggebend dafür, dass sie sich für Augsburg entschieden hat, war und ist ihr großes Interesse an der deutschen Kultur – große Zweifel wegen Corona und den damit verbundenen Einschränkungen habe sie nicht gehabt. Sie sei vielmehr mit niedrigen Erwartungen in die neue Stadt gekommen und sah das Semester als Möglichkeit – mehr oder weniger alleine – eine neue Stadt zu erkunden.

Milena studiert interaktive Medien an der Hoschule (@Milena)
Milena studiert interaktive Medien an der Hochschule (©Milena)

Da auch ihr übliches Studierendenleben in London stark eingeschränkt ist, sah sie auch keine Vorteile darin, in London zu bleiben:  „You don’t lose anything because nothing is working as usual”.  Auch ihre Anfangszeit war durch das SWOP-Team der Hochschule  gut organisiert und es gab einige Online-Veranstaltungen, um die ersten Kontakte zu knüpfen. Besonders jedoch durch ihre Kurse an der Hochschule und ihr Wohnheim konnte sie einige Leute kennenlernen. „Because every international student is in the same situation right now, they are more eager than ever to meet new people“, berichtet Melina. Und auch wenn sie es genossen hat, Augsburg durch ausgiebige Spaziergänge kennenzulernen, so war natürlich auch die Freude groß, dass nun viele Lockerungen eingetreten sind und so endlich auch ein anderer und belebterer Teil Augsburgs entdeckt und genossen werden kann. 

Auch wenn alle drei Austauschstudierenden, mit denen ich gesprochen habe, auch während des Lockdowns eine sehr gute Zeit in Augsburg hatten, so war doch die Erleichterung groß, als Lockerungen eingetreten sind und es wird mit Vorfreude auf die restlichen Monate ihres Austauschsemesters geschaut. 

Lieben Dank an Fabian, Anastasia, Maria und Milena für die Zeit und die Beantwortung der Fragen!

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