Philosophen als High-Potentials

Unsere Welt wird nicht nur durch BWL, Jura und Informatik zusammengehalten. Der Kitt der Gesellschaft sind die Geistes- und Sozialwissenschaften. 2007 ist das „Jahr der Geisteswissenschaften“. So sollte es zumindest sein, wenn es nach dem Bundesbildungsministerium geht.

Von Dominik A. Hahn und Jörn Reterath

Dem Anteil der Geisteswissenschaftler an den Gesamtstudierenden nach zu urteilen, müssten ohnehin drei Monate eines jeden Jahres der Philosophie & Co. gehören. Tun sie aber nicht. Denn die Phil-Studiengänge gehören – von Ausnahmen abgesehen – auch in Augsburg nicht zu den offiziellen Elitestudiengängen. Sie klingen auch nicht danach. „Top Math“ oder „Finance and Information Management“ sind Begriffe, die nach Zukunft klingen.

Alte Geschichte und Komparatistik passen anscheinend nicht in die bayerisch-deutsche Elitevorstellung. Elite in Deutschland wird mit technischem Fortschritt gleichgesetzt. Nicht Linguistik, sondern Laptop und Lederhose! Maschinenbauer, Elektrotechniker und Bioinformatiker sind gefragt. Daneben noch Wirtschaftswissenschaftler. Sie sind es, die unsere Zukunft gestalten und neue Technologien entwickeln sollen. So die vorherrschende öffentliche Meinung, die durch die Ernennung der TH Karlsruhe und der beiden Münchener Unis zu „Eliteuniversitäten“ noch bestätigt wurde. Fließt doch ein Großteil der 470 Millionen Euro Fördermittel pro Jahr in die technischen Institute der Elitehochschulen.

Alles wunderbar, solange Geistes- aber auch Sozialwissenschaftler nicht auf der elitären Strecke bleiben. Der technische Fortschritt braucht sie. Moral, Ethik und andere geisteswissenschaftliche Schlüsselkompetenzen bringt er nicht von alleine mit. Der Verkauf neuer Technologien und Produkte in einer globalisierten Welt bedarf etwa interkultureller Kompetenz seitens aller Beteiligter. Wer, wenn nicht Studierende der Phil-Fakultäten sind hier die „High-Potentials“?! Menschliches Verhalten und Zusammenleben in einer immer mehr technisierten Welt: Forschungsgebiet für Soziologen. Der kritische und reflektierende Rückblick auf Vergangenes, um Gegenwart und Zukunft zu verstehen: Aufgabe des Historikers.

Die Geisteswissenschaftler sind besser als ihr Ruf, auch wenn sie nicht mit der Auszeichnung „Elite“ geadelt wurden. Ihre Forschung findet jedoch häufig wenig Beachtung in der Öffentlichkeit. Man kann nur hoffen, dass im Jahr der Geisteswissenschaften die große Bedeutung der Disziplin sowohl in der Bevölkerung als auch bei den (hochschul-) politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen wird. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass die Geisteswissenschaft Philosophie mater omnium litterarum est.

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