100 Million Dollar Baby

Wie man mit einem Online-Startup 100 Millionen Dollar gewinnen kann, erzählt der „miomi“-Gründer und Biochemiker Thomas Whitfield – und verrät sein Erfolgsgeheimnis

 

Von Christoph Kreileder & Michael Sentef

presstige: Ihr habt mit der „miomi“- Idee Zugriff auf 100 Millionen Dollar aus einem Venture Capital-Fonds gewonnen. Damit könnt ihr euch aber nicht an den Strand legen?

Whitfield: Nein. Wir haben ja nicht einen Geldkoffer mit 100 Millionen Dollar in die Hand gedrückt bekommen, sondern Zugang zu einem Fonds. Die Leute, die auf diesem Geldberg sitzen, machen das nicht aus Großzügigkeit, sondern um das Projekt dahin zu bringen, dass man es nachher verkaufen kann.

presstige: „Die Leute“ – das waren zwei Juroren beim Businessplan- Wettbewerb „Idea Idol“ in Oxford. Wie lief das genau ab?

Whitfield: Charly und ich haben mit der Umsetzung der Idee, die ursprünglich „Design the Time“ hieß, vor etwa anderthalb Jahren angefangen. Im Oktober 2006 fand der Wettbewerb statt, an dem wir mit fünf Ideen teilgenommen hatten. Mit „miomi“ sind wir überraschend ins Finale im Februar 2007 eingezogen. Das war im Stile von „Deutschland sucht den Superstar“, nur fürs Business. Am Finaltag musste jeder der acht Finalisten vor eine Jury treten und innerhalb von 120 Sekunden die Idee präsentieren.

presstige: Und wie habt ihr euch auf dieser großen Bühne durchgesetzt?

Whitfield: Für die 120 Sekunden haben wir uns eine richtige Choreographie überlegt, um herauszustechen. Während die anderen Teams ihre Ideen runtergerattert haben, habe ich den Leuten gesagt: „Schließen wir doch jetzt einfach mal die Augen und erinnern uns an besondere Momente in unserem Leben!“ Schließlich ist das die Idee hinter „miomi“ – an unsere persönliche Geschichte zu erinnern.

presstige: Ihr habt also den Wettbewerb gewonnen?

Whitfield: Nein, wir haben keinen der offiziellen Geldpreise gewonnen. Aber uns wurde gesagt: „Schaut her, da sind zwei Leute aus der Jury, die sind so begeistert von eurer Idee, die stellen euch einen Blankoscheck über 100 Millionen Dollar aus!“ Auf dem Scheck stand in Worten: „Whatever it takes!“

presstige: Die Idee hieß ursprünglich „Design the Time“ und bestand darin, Zeit sprichwörtlich zu „verkaufen“?

Whitfield: Die Idee wurde abgewandelt. Wir arbeiten an einer Homepage, auf der jeder gratis seine Erinnerungen ablegen kann – in Texten, Fotos, Tonband- Aufnahmen, Videos. Alles, was Geschichte ausmacht, kann dort mit einer Zeitangabe verknüpft werden. Wie man bei „Google Maps“ durch Orte browsen kann, soll man bei„miomi“ durch Zeit browsen können. Damit soll Geschichte demokratisiert werden – Geschichte ist mehr als das, was am Jahresende in einem Almanach und zehn Jahre später in einem Lexikon steht – womöglich verkürzt auf eine einzige Schlagzeile.

presstige: Ihr setzt dabei sehr auf den „user generated content“. Besteht da nicht die Gefahr des Missbrauchs?

Whitfield: Das nehmen wir sehr ernst – und versuchen das durch die Community selbst zu unterbinden. Jeder Nutzer kann jeden Beitrag als ungeeignet markieren und falls das gerechtfertigt ist, wird gelöscht. Als Grundgerüst für die Beiträge von den Nutzern speisen wir alleWikipedia-Beiträge in unsere Zeitleiste ein – mit Wikipedia haben wir eine Kooperation und wir haben „Natural Language Processing“- Algorithmen entwickelt, die das gesamte Internet nach Informationen durchforsten und diese zu „miomi“ hinzufügen – wie etwa Nachrichten von Agenturen.

presstige: Hand aufs Herz: Sind 100 Millionen Dollar eine „realistische Summe“ für ein Online-Start up?

Whitfield: Natürlich unterscheiden wir uns von typischen Start ups, die mit viel weniger Geld auskommen. Zum Einen rechnen wir mit sehr großen Nutzerzahlen – schon vor dem Start der Seite stehen wir in UK auf Platz acht der Internetseiten. Wir haben mehr als 120.000 registrierte Nutzer. Zudem ist die nötige Bandbreite sehr teuer: „YouTube“ etwa gibt allein dafür jeden Monat etwa eine Million Dollar aus.

presstige: Im Gegensatz zu Wikipedia seid ihr kommerziell.

Whitfield: Das stimmt schon – wir wollen „miomi“ später verkaufen. Aber wir haben mit Wikipedia den Erziehungsanspruch gemein. Wenn ein Schüler einen Aufsatz über Napoleon schreiben soll, kann er zu „miomi“ gehen und die komplexen Zusammenhänge bildlich auf einer Zeitleiste verfolgen. Die Stärke von „miomi“ ist die Visualisierung komplexer Daten.

presstige: Eure Zielgruppe sind also vor allem junge Leute? Aber gerade die älteren Menschen haben doch Geschichte gemacht und erlebt. Whitfield: Genau – und die sollen ihre Erlebnisse ins Netz stellen. Wir rechnen mit einer sehr polaren Zielgruppe: junge technophile Nutzer ebenso wie „Silver Surfer“ über 50. presstige: Wie sind eure Zukunftspläne?

Whitfield: Ich bin gerade in der Endphase meiner Doktorarbeit. Ich wollte aber schon immer Entrepreneur werden und nicht in die Wissenschaft gehen. Ich werde auch nicht ewig bei „miomi“ sein, sondern noch andere Ideen verwirklichen und Leuten bei der Verwirklichung ihrer Ideen helfen.

presstige: Zum Schluss: Verrätst du uns und den Studenten dein Erfolgsgeheimnis?

Whitfield: Ich tue das, wofür mein Herz wirklich schlägt. Entrepreneurship: Allein das Wort fasziniert mich, und noch mehr das, was dahinter steckt. Nur Forschung oder nur Unternehmensberatung – das war nie mein Ding. Es gibt nichts Faszinierenderes, als im Bus eine Idee zu haben, und ein paar Wochen später wache ich auf und andere Leute reden von meiner Idee. Ein paar Monate später wache ich auf und die Idee wird umgesetzt – weil auch andere davon überzeugt sind, das man damit etwas bewegen kann. Also: Man sollte sich nicht in Schablonen pressen lassen und tun, was die Gesellschaft erwartet. Sondern Dinge der Liebe wegen tun. Und vor allem: Nicht für den Lebenslauf leben!

presstige: Aber nicht in jedem steckt ein Unternehmer.

Whitfield: Nein. Wer nicht mit dem Abenteuer klarkommt, dass einem jeden Tag der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann – und genau so ist es, wenn man Entrepreneur ist – der sollte die Finger davon lassen. Ich habe Typen erlebt, die in jeder Unternehmensberatung besser aufgehoben gewesen wären, aber unbedingt Entrepreneure sein wollten – die waren todunglücklich. Dennoch: In Deutschland muss die Kultur des Entrepreneurship gestärkt und kultiviert werden. Gute Ideen sind unsere Stärke – aber es ist kein Zufall, dass „miomi“ größtenteils durch Ressourcen in England umgesetzt werden konnte. Da hat Deutschland noch ordentlich Nachholbedarf – und ich möchte mich gern dafür einsetzen, dass sich da etwas tut.

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