Pflupp!

Michael Sentef ist so erholt, dass der Chef ihm am Arsch vorbei geht, so sehr, dass er zwar Bachelors und Masters erwähnt und hinterfragt, aber nur am Rande, denn das Plumpsklo verzeiht keine Abschweifungen.

Von Michael Sentef, Foto: Jan Bürgermeister

Was weiß ich, was der Chef jetzt schon wieder will. Ruft mich extra im wohlverdienten Finnland-Urlaub an, als ich gerade auf dem Plumpsklo hocke: „Schreib eine Glosse über Bachelor und Master! Keine Widerrede, Befehl ist Befehl.“ – „Ich bin gerade auf dem Klo, und außerdem habe ich Urlaub.“ – „Egal. Wofür bezahlen wir dich teuer, du Kolumnist?“ – „Ich sehe keinen Pfennig.“ – „Pfennig gibt‘s nicht mehr, und du weißt genau, was ich meine. Los jetzt!“ Sagt‘s und legt auf, der alte Korinthenkacker. Inmitten von Birken am matschigen See in Nordkarelien sind Bachelor und Master so weit weg wie Cafeten-Kaffee von vernünftigem Kaffee oder ich (theoretischer Physiker) laut Herbert (handwerklich begabt) vom praktischen Leben. Apropos Physik: Einige Materialwissenschaftler haben ihn schon, den „Master of Materials Science“, und neuerdings gibt‘s noch den Elite-Masterstudiengang parallel. Ich sitze in der Blockhütte, während die Elite-Mawis in Blockkursen sitzen. Die schwitzen in gut betreuten Kleinstgruppen und ich in der Sauna. Und die Dozenten schimpfen, weil sie Extraschichten schieben müssen und kein Mensch weiß, wer das alles erledigen soll. Ich schimpfe höchstens, wenn mir der Klodeckel ins Plumpsklo fällt.

So ist das immer. Jemand hat eine tolle Idee, dann muss eine italienische Stadt ihren guten Namen dafür hergeben, dass sich was tut – oder bedeutet P.I.S.A. womöglich „Piesacken Ihre Schüler Abwechslungsreicher“? – und nun, da der Bologna-Prozess vor sich hin prozessiert, muss jemand die Soße auslöffeln. So ist das mit der Bolognese. Nicht dass man mich falsch verstehe: Ich bin nicht gegen Verbesserungen, aber verschulte BA/MA-Studiengänge sind nur dann besser als das Althergebrachte, wenn sie gleichzeitig mehr Orientierung und Praxisbezug bieten und zugleich Freiräume für Kreativität schaffen und Richtungsänderungen fördern, statt sie zu erschweren. Und noch eine kleine Bitte am Rande: Doktoranden sollten den Master benötigen, nicht allein den Bachelor – andernfalls müsste demnächst der Hauptteil der Forschungsleistung an deutschen Universitäten auch von Studenten ab dem siebten Semester geleistet werden, womit keinem gedient wäre. Doch so etwas wird, man soll es nicht für möglich halten, ernsthaft diskutiert. Um bei der Plumpsklo-Analogie zu bleiben: Die Kacke ist am Dampfen, und zugleich wird an anderen Stellen hastig alter Wein in neue Schläuche gefüllt, um bei der Bachelormasterisierung Schritt zu halten. Typisch Politik! Siehe Elite-Glosse, presstige #6. Ich wiederhole mich.

Neuerdings höre ich übrigens immer Geräusche. Alterserscheinungen, siehe presstige #3. Und jemand ruft, manchmal „Helga“, siehe #4. Apropos rufen: Anruf #2 vom Chef: „Ich will ja nicht stören, aber wird‘s langsam?“ – „Darf ich erstmal in Ruhe kacken?“ – „Immer noch?“ – „Nein, schon wieder.“ – „Ist die Kack… dings, die Kolumne …“ – jetzt brüllt er gleich, ich höre das Brodeln an mein Ohr kriechen – „…deine Dingskolumne, Bachelor und so weiter, langsam fertig?“ – „Brüte noch.“ Und er legt auf, wortlos.

Habe ich schon erwähnt, dass ich Geräusche höre? Klick! Ich freue mich, denn das war ein Geräusch in meinem Kopf, auch wenn der Ohrenarzt etwas anderes behauptet. Klick! macht es, als mir aufgeht, dass ich ja schreiben könnte: Niemals mehr wird es etwas Neues geben, alles ist schonmal dagewesen. Bachelors und Masters hießen früher Gesellen und Meister und schufteten mindestens so viel wie heute die geplagten Studianten, mit eng geschnürten Curricula und vielen zu erwerbenden Kreditponkten. Ponkt! Ponkt?

Nee, eher Pflupp! Pflupp! hat‘s getan, ja was denn, denke ich, schon wieder eine Erleuchtung, aber seit wann machen die Erleuchtungen Pflupp! und nicht Klick!? Ich drehe mich um, schaue hinab und mir dämmert, dass der Klodeckel ins Plumpsklo gefallen ist.

Abends rufe ich den Chef an: „Die Glosse ist  fertig.“ – „Erwähnst du mich?“ – „Würde ich nie wagen!“ – „Du sollst nicht lügen! Das hast du die letzten Male auch immer behauptet. Und worüber schreibst du noch?“ – „Über das Plumpsklo.“ – „Du solltest doch über Bachelor und Master schreiben, du dämlicher Kolumnist! Bist du wirklich so dumm, oder willst du mich nur ärgern?“ Ich ignoriere seine Beleidigungen immer. „Ich fand Bachelor und Master nicht so wichtig. Meine Leser sollen etwas fürs Leben lernen, und da fand ich das Plumpsklo-Thema schöner.“ – „War ja klar, dass du wieder deinen Fäkalhumor auspackst. Typisch deutsch!“ Sagt‘s und legt auf. Ist wohl etwas angepisst, der Chef.

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