Soziales Aroma – In Augsburgs Mitte wird Ungewöhnliches alltäglich

Cafés gibt es in Augsburg wie Sand am Meer. Eines aber fällt aus dem Rahmen: das Café am Milchberg. Es wird von der Caritas getragen und beschäftigt Menschen mit Behinderung. presstige hat sich mit Frank Finkenbeiner, Freiwilligenkoordinator des Cafés am Milchberg, unterhalten.

Von Markus Kotowski – Fotos: Tobias Blaser

presstige: Herr Finkenbeiner, wer braucht das Café am Milchberg? Gibt es nicht schon mehr als genug Cafés in Augsburg?


Finkenbeiner: Zunächst einmal ist das Café für alle Bürger und Bürgerinnen Augsburgs gedacht. Die Kunden kommen, werden von behinderten Menschen bedient und es ist eine Normalität. Insofern sind wir da schon was Besonderes. Wir beschäftigen behinderte Menschen, die hier die Möglichkeit haben in der Öffentlichkeit zu arbeiten. Hier können sie ihre Leistung zeigen.

Was hebt das Café am Milchberg von einem normalen Café ab? Kommen die Gäste aus „Mitleid“ zu Ihnen?

Eigentlich möchten wir uns nicht von einem „normalen“ Café abheben. Wir wollen nicht, dass Leute nur aus sozialen Gründen hier rein gehen. Was uns unterscheidet, ist unser Träger, das sind die Ulrichswerkstätten der Caritas Augsburg. Überzeugen wollen wir aber mit unserem Angebot: dem prämierten Kaffee, ausgezeichneten Speisen und vielfältigen Veranstaltungen.

Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?

Ausgangspunkt war ein bundesweites Projekt des deutschen Caritas-Verbandes mit dem Ziel, freiwillige Menschen zu gewinnen, die sich in sozialen Einrichtungen engagieren.
Wir haben uns mit der Idee beworben, nicht nur Freiwilligenarbeit, sondern auch einen Begegnungsort zu schaffen für und mit behinderten Menschen in Form eines Cafés. Die „Aktion Mensch“ hat das Ganze unterstützt.

Was sind das für Menschen, die hier arbeiten?

Tolle Menschen! Zum einen sind da erwachsene geistig behinderte Menschen, die fest angestellt sind, zum anderen Hauswirtschaftkräfte und ein Hotelfachmann, der sehr dienstleistungsorientiert arbeitet und das nötige Know-How mitbringt. Dazu engagieren sich Freiwillige: jung und alt, behindert oder nicht.

Bewerben sich die Leute bei Ihnen selbst?

Die Vermittlung und Besetzung der beruflichen Mitarbeiter findet über die Werkstätten statt. Sie haben vorher meist in der Großküche der Behinderten-Werkstätten gearbeitet und dann Praktika durchlaufen. Die Freiwilligen finden meist über das Freiwilligen-Zentrum Augsburg, Internetbörsen oder nach Zeitungsberichterstattung zu uns.

Die Tatsache, dass die meisten Menschen ihr Konzept, mit Behinderten zu arbeiten, als „außergewöhnlich“ bis „komisch“ empfinden – sagt das ihrer Meinung etwas über unsere Gesellschaft aus?

Wir sind nach meinem Gesellschaftsbild eine Gesellschaft und dazu gehören auch behinderte Menschen. Wir wollen in einer Gemeinschaft leben, wo alle mitwirken sollen – also auch der behinderte Mensch. Es wird Zeit, dass wir behinderte Menschen haben, die nicht nur im geschützten Rahmen von Großeinrichtungen arbeiten, sondern den öffentlichen Raum finden und dort auch wirken können. Wenn unsere Gäste herausfinden, was hinter dem Ganzen steht, flüchten sie auch nicht – sie sind eher überrascht.

Was bedeutet den Menschen, die bei Ihnen arbeiten, ihre Tätigkeit? Wie wirkt sich das auf sie aus?

Durchweg positiv. Für manche war die Tätigkeit hier ein Sprungbrett – sie haben dadurch einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft gefunden. Die Jobs sind bei behinderten Menschen begehrt, hier lernen sie einen selbstständigen Arbeitsrhythmus kennen. Für die behinderten Freiwilligen bedeutet eine Mitarbeit ein enormes Prestige und eine hohe Identifikation mit dem Projekt – und das wirkt sich natürlich auf ihr Selbstbild und ihre Selbstbestimmung aus.

Welche Anforderungen werden an ihre behinderten Beschäftigten gestellt?

Natürlich wird hier im Café eine hohe Komplexität verlangt. Man braucht hier nicht nur das notwendige Know-How in der Hauswirtschaft, man muss auch auf Menschen zugehen können. Die Fachkräfte begleiten die behinderten Menschen dabei, dem Gedanken der Dienstleistung zu entsprechen, sich Freundlichkeit anzueignen – wir wollen ja schließlich guten Service anbieten.

Spielt bei der Auswahl der Mitarbeiter der „rechte Glaube“ eine Rolle?

Selbstverständlich. Wir sind ein Tendenzbetrieb, gehören zur Caritas und haben daher auch christliche Grundwerte und Leitlinien, die von den beruflichen Mitarbeitern befolgt werden müssen. Insofern spielt der Glaube natürlich eine Rolle – was nichts daran ändert, dass hier alle Konfessionen vertreten sind.

Was hat es mit dem Projekt „MIT“ auf sich?

Das „MIT“ steht für „Menschen mit Menschen“, für MITMensch, Integration und Teilhabe und versteht sich als Ort der Begegnung. Für Menschen mit Behinderung ist es nicht immer leicht, am öffentlichen Leben teilzunehmen und in ihrer Freizeit etwas zu unternehmen. Das möchten wir verändern und Menschen – egal, ob behindert oder nicht – zum Essen und Trinken, zum Ratschen und Feiern einladen.

Rein wirtschaftlich gesehen, heißt Menschen mit Behinderung zu beschäftigen oft höhere Lohnkosten, da diese zusätzliche Betreuer benötigen. Wie finanziert sich das Café?

Wir haben tatsächlich einen hohen Personalkostenaufwand, eben weil wir behinderte Menschen unter Betreuung von nicht-behinderten Betreuern beschäftigen. Dazu sind wir auch nicht hochpreisig, die Gewinnmarge ist also nicht besonders groß. Bisher ist aber unser Träger zum Glück noch gewillt, das Projekt fortzuführen, weil es sowohl wichtig als auch öffentlichkeitswirksam ist. Unser Ziel ist es, auch weiterhin mit unserem Angebot zu überzeugen, so dass wir noch mehr Menschen für unser Projekt gewinnen können.

Die Preise im Café liegen zum Teil deutlich unter dem Augsburger Durchschnitt. Kann das Café im Hinblick auf die Sparmaßnahmen bei öffentlichen Mitteln auch in Zukunft überleben?

Wir können auf jeden Fall überleben, solange die Caritas das Café als wichtigen Teil der Behinderten-Werkstätten ansieht und weiter investiert. Damit sind wir auch von der wirtschaftlichen Situation der Werkstätten abhängig, also von deren zukünftiger Auftragslage. Und die kann eben niemand vorhersagen.

Und jetzt verraten Sie uns noch ihren persönlichen Favoriten auf der
Speisekarte?

Salat Nizza. Frischer Salat mit Thunfisch und Ei. Ein Traum.

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