Die Jugend von Heute – eine Jugend ohne Zukunft?

Über die Risiken und Nebenwirkungen einer Generation

Zu viel Alkohol, zu wenig Manieren. Facebook statt Fußballplatz, Porno statt Picasso. Ist die heutige Jugend schlimmer als jede zuvor? Eine Bestandsaufnahme.

Von Christian Endt

Die erste Zigarette mit neun Jahren, der Vollrausch mit zwölf. Wer sich nicht gerade vom Komasaufen erholt, hängt am Smartphone, schaut Trash-TV oder erstellt Einladungen zu Facebook-Partys. Eine ganze Generation versinkt im Sumpf von Alkohol, Drogen und ungewollten Schwangerschaften. Kein Wunder, dass der Jugend von Heute keine Zeit mehr für Werte, Anstand und Moral bleibt.

Und es wird immer schlimmer. Inzwischen sind auch die Studenten, ehemals Nachwuchs-Elite der Nation, weit vom rechten Weg abgekommen. Klar, dass bei exzessiver Feierei und unentwegtem Medienkonsum die humboldtsche (oder war es humanistische?) Bildung auf der Strecke bleibt. Professoren diagnostizieren bei ihren Studenten zunehmende Inkompetenz. So stellt Gerhard Wolf, Germanistik-Professor an der Uni Bayreuth, mangelnde Sprachkompetenz bei Erstsemestern fest. Viele Studienanfänger seien nicht in der Lage, den roten Faden eines Textes zu erkennen oder schlüssige Mitschriften aus Vorlesungen anzufertigen. Die Politik-Dozentin Christiane Florin beklagt die Unfähigkeit, alle deutschen Kanzler in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen.* Auch mit der Nennung der drei Gewalten seien ihre Studenten überfordert. Während der Bummelstudent der Siebziger seine Bildungslücken wenigstens mit unermüdlichem Einsatz für Gerechtigkeit und Weltfrieden begründen konnte, ist es heutzutage auch mit politischem Engagement nicht mehr weit her. Um es mit den Worten der Band Kraftklub zu sagen: „ Die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr.“

„Das Ende der Welt ist nahe“

Googelt man „die Jugend von heute“, findet man jede Menge lesenswerter Zitate – Beispiel: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Mit diesen weisen Worten hat der griechische Philosoph Aristoteles um 300 vor Christus den Niedergang prophezeit. Ähnliches findet man bei Sokrates: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Noch früher, bereits vor 4000 Jahren, wussten die Leute aus Ur im heutigen Irak, wo das alles hinführt: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“ Nahe ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Aber seltsam ist es schon, dass das Ende gar so lange auf sich warten lässt. Seit 4000 Jahren richtet die Jugend die Welt zu Grunde – und kein Ende in Sicht.

Weniger Drogen, weniger Gewalt

Klar, manchmal kann einem schon unbehaglich werden. Etwa beim Anblick bekiffter Zwölfjähriger nachmittags am Badesee, oder angesichts der Videoaufzeichnungen von U-Bahn-Schlägern. Bilder von krassen Einzelfällen stürzen in gewaltigen medialen Flutwellen auf uns ein. Unklar bleibt: Ist die Gesamtlage objektiv schlimmer geworden, oder verschiebt sich nur unsere Wahrnehmung, weil wir zunehmend live dabei sind? Ein Blick auf die Fakten: Laut dem Drogenbericht der Bundesregierung ging der Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zurück. Beispielsweise haben 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen im Monat vor der Befragung mindestens einmal fünf oder mehr Gläser Alkohol getrunken – nicht wirklich wenig, aber der niedrigste Wert seit dem Beginn der Statistik 2004. Auch die Jugendkriminalität nimmt seit 2004 jedes Jahr ab, wie die Statistik des Bundeskriminalamts zeigt.

Die registrierte Gewaltkriminalität unter den 14- bis 21-Jährigen ging von 2007 bis 2010 um elf Prozent zurück, so der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer.

Die Sorge um eine verwahrloste Jugend ist so alt wie die Menschheit. Der subjektive Eindruck, es werde immer schlimmer, hält einer Überprüfung jedoch nicht stand. Prinzipiell ist die Jugend immer ein Abbild der Gesellschaft, in die sie hinein geboren wird und in der sie aufwächst. Bei Problemen wie Alkoholmissbrauch wäre es sicher hilfreich, wenn man diese Vorbildfunktion etwas ernster nehmen würde. Dann können wir das Ende der Welt bestimmt noch ein paar Jahrtausende hinauszögern. Im Aufschieben ist die Jugend von Heute nämlich ziemlich unschlagbar.

 


* Richtige Antwort: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel

Autor des Artikels

Christian Endt

Begann zu schreiben, als seine Bandkollegen ihm das Singen verboten haben. War von Mai 2013 bis Mai 2014 presstige-Chefredakteur. Fährt gern Fahrrad. Bloggt auf cendt.de.

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