ANGST

Wenn ein angeborener Überlebenstrieb zur Krankheit wird

Antonia M.* ist ein Vorreiter. Ihr stehen alle Türen offen. Sie gehört zur sogenannten geistigen Elite. Und sie hat Angst. Vor  ihren Augen sieht sie nur hohe Wände, das Licht am Ende des Tunnels ist kaum noch sichtbar. Antonia fürchtet sich. Doch wovor? Eines ist sicher. Sie ist nicht allein damit.

 

Von Martina Schnitzer & Daniela Steffl

Thomas Blum, Diplompsychologe des Studentenwerks Augsburg, kennt dieses Phänomen. Das Klischee vom lockeren Studentenleben ist längst überholt. Statt bis in die Morgenstunden zu feiern, sitzen viele Studierende bereits bei Sonnenaufgang in der Bibliothek. Die Motivation dazu ist vielfältig. Thomas Blum weiß, dass nicht immer gesunder Ehrgeiz der Leistungsantrieb bei Studierenden ist. Die Bandbreite an psychischen Erkrankungen reicht bei dieser Personengruppe von „übertriebenen Realängsten wie z.B. kontraproduktiver Prüfungsangst oder Blackouts, bis hin zu behandlungsbedürftigen Angststörungen, wie Sozialen Phobien, Panikattacken oder Generalisierten Angststörungen“.

Die Angst vor dem Ungewissen

Oft können Studierende die Ursache für ihre Angst nur schwer ausdrücken. Falls sie sie überhaupt kennen. Ängste sind individuell und lassen sich nicht generalisieren. „Angst entsteht durch Projektionen in die Zukunft“, so Blum. Auch Antonia M. leidet unter Zukunftsangst. Sie liebt ihr BWL-Studium. Trotzdem fürchtet sie die Frage „Was möchtest du nach dem Studium machen?“ sehr. Eigentlich stehen ihr alle Türen offen. Doch wer sagt ihr, welche sie wählen soll? Plötzlich steht sie ganz allein da. Was ist, wenn sie sich für eine falsche Arbeitsstelle entscheidet, die ihr bald nicht mehr gefällt? Schon hat die Angstspirale im Kopf begonnen.

Ich schaff das nicht!

Thomas Blum erzählt, dass sich einige Augsburger Studierende neben der Angst vor der Zukunft auch ihren Herausforderungen nicht gewachsen fühlen. „In Bezug auf Leistung sind dies meist Versagensängste, die häufig mit perfektionistischen Ansprüchen an sich selbst einhergehen“, erklärt der Psychologe. Müssen sich die Studierenden also selbst an die Nase fassen? Machen sie es sich zu einfach, wenn sie sagen, dass die Gesellschaft schuld ist an ihrer Misere? Schließlich wird die Mehrbelastung der Studierenden durch das Bachelor- und Mastersystem immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Angst, von Anderen überholt zu werden, wird zum ständigen Begleiter. Vielleicht ist das gerade das Problem. Alle anderen scheinen mit den Herausforderungen spielend fertig zu werden. Das schwindende Selbstwertgefühl soll durch eine Fassade der Perfektion versteckt werden. Wieder einen Schritt weiter in der Angstspirale.

Antonia M. passt ins Bild, denn „Studienfächer, die sich selbst als „elitär“ verstehen, gesellschaftlich als „erfolgreich“ gelten, ein hohes Durchfallrisiko haben oder bei denen ein bestimmter Notenschnitt als notwendig für einen Berufseinstieg betrachtet wird, sind hier besonders gefährdet“ so  Blum. Das erklärt, warum manche Studierende ein größeres Risiko haben, krankhafte Angstzustände auszubilden. Abgesehen davon beeinflusst das soziale Umfeld und die genetische Veranlagung das Angstpotential eines Individuums.

Kampf gegen die Angst

Ängste sind nicht zwingend permanent. Sie entstehen im Kopf und müssen demnach auch dort bekämpft werden. „Ängste kann ich nur bekämpfen, wenn ich sie überhaupt wahrnehme. Ich muss mich ihnen stellen. Ein Vermeidungsverhalten verschlimmert die Ängste langfristig“, so Blum.  Auch Hilfsmittel, wie Alkohol und Psychopharmaka, verschaffen nur kurzfristig Linderung. Auf lange Sicht hin gesehen wird dadurch die Gefahr der Abhängigkeit vergrößert ohne jedoch die Beschwerden zu verringern. Die Decke über den Kopf ziehen und die Vorlesung ausfallen lassen, ist der schlechteste Weg. Das ist bekannt. Doch wie schaffen es Betroffene wieder zurück in ein angstfreies Studium? Sie müssen sich ins Gedächtnis rufen, dass die Angst nicht objektiv vorhanden ist. Blum: „Sie entsteht durch die eigene Bewertung von Realitätswahrnehmungen. Ich mache mir also die Angst selber. Insofern kann ich mich mit bestimmten Gedanken ängstigen, aber ich kann mich auch mit anderen Gedanken beruhigen“. Folglich gilt es, sich seiner Angst selbst zu stellen. Falls das nicht möglich ist, kann ein Psychologe ein kompetenter Ansprechpartner sein.

Antonia M. weiß, dass sie anfällig ist für Ängste. Das wird sie auch nicht ändern können. „Ich versuche mir für die Zukunft klare und erreichbare Ziele zu setzen“. Damit hofft sie ihrem Angstpotential entgegenwirken zu können.

* Name von der Redaktion geändert

 

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