Das Phänomen Schwarmintelligenz

Entsteht ein neues Projekt im Netz, ist der Begriff der Schwarmintelligenz nicht weit. Doch woher kommt dieser und was bedeutet er eigentlich? Und passt die Bezeichnung überhaupt?

Schwarmintelligenz
Text: Alexandra Kiefer, Illustration: Natalia Sanderson

Wer wissen will, wie das Internet funktioniert, muss in den Wald gehen. Unzählige, durcheinander laufende, gleich aussehende Individuen, die gemeinsam intelligente Entscheidungen treffen – und das ohne einen Aufseher oder Herrscher. Das ist die Funktionsweise eines bekannten, aber komplexen Systems der Marke Mutter Natur: der Ameisenhaufen. Geht es zum Beispiel um die Futtersuche wirken viele Mechanismen ineinander. Die Sammlerinnen schwärmen aus, wenn innerhalb ihrer Gedächtnisspanne von 10 Sekunden genügend Kundschafterinnen zurück in den Hügel strömen. Dann ist der Weg zur Futterquelle sicher und sie folgen der Duftspur aus Sekret, ihrer Kommunikationsmethode. Während die Einen nun große Brocken des Futters gemeinsam zurückschleppen, kümmern sich Andere um die Reparatur des Baus.

Auch andere Tierarten wie Fische oder Vögel leben als unabhängige Individuen in Gruppen und treffen ohne jegliche Hierarchie Entscheidungen durch einfache, schnelle Interaktion. Entscheidungen, die sich für das gemeinsame Handeln des Schwarms als intelligent erweisen. Dieses Verhalten der Tiergruppen Tierschwärme bezeichnet man deshalb als Schwarmintelligenz. Richtiggehend faszinierend wirkt das Ganze, wenn der Schwarm dabei eng zusammen bleibt, wie im folgenden Video. Schließlich legen die Stare gemeinsam eine beeindruckende Choreografie hin, die wirkt als schwebe am Himmel eine einzige, schwarze Masse.

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Gemeinsam können es also relativ unintelligente Tiere wie die Ameise schaffen, einen eigenen Staat zu errichten. Mit Schwarmintelligenz ist daher auch gemeint: Das Kollektiv ist mehr als die Summe seiner Teile. Allerdings hat der Begriff Schwarmintelligenz seit einigen Jahren einen weiteren Verwendungsbereich neben der Biologie: er ist zur Standardbeschreibung für das Internet geworden. Dort sind es wie bei den Ameisen viele unbekannte Individuen, deren Handeln unkoordiniert wirkt und die meist keine Aufseher oder Anführer wünschen, und trotzdem bewältigen sie gemeinsam Projekte. Wird über digitalen Phänomene wie Wikipedia, WikiPlag, Twitter oder Liquid Democracy berichtet, fällt deshalb sofort das Wort Schwarmintelligenz. Oft ergänzt durch die verheißungsvolle Umschreibung als „Weisheit der Masse“. Aber bringen die User wirklich ihr Wissen, ihre Intelligenz ein? Vielmehr werden doch die Einsatzbereitschaft (WikiPlag, Wikipedia) oder Entscheidungskraft (Twitter, Liquid Democracy) der Vielen benötigt. Bei Wikipedia muss ein Autor nicht nur Wissen, sondern vor allem Hartnäckigkeit mitbringen, denn manche Diskussion um einen Artikel dauert mehrere Jahre und wird von hunderten Mitgliedern geführt.

Schwarmintelligenz kann zur Schwarmdummheit werden

Eine große Anzahl an Menschen soll etwas schätzen: so wie 1907 die 787 Besucher einer Viehzuchtmesse in Plymouth das Gewicht eines Ochsen. Obwohl die Werte zum Teil starkvoneinander abwichen – sie reichten von 487 bis zu 587 Kilogramm -, kam der Mittelwert aller Schätzungen, 543 Kilogramm, dem tatsächlichen Ergebnis von 547 Kilo sehr nahe.

Solche Experimente werden auch heute noch gerne gemacht und gelten als Beweis für die Existenz der Schwarmintelligenz. Zu diesem Ergebnis kommt es aber nicht allein aufgrund der „Weisheit der Masse“, dahinter steht schlicht ein Effekt der Statistik. Je größer die Gruppe, desto besser die Annäherung durch den Durchschnittswert aller Schätzungen. Mathematiker nennen diese Tatsache „das Gesetz der großen Zahlen“. Bei Bewertungen, die sich hinterher nicht mathematisch verrechnen lassen, wird die Nutzung derSchwarmintuition deshalb schwieriger. Außerdem passen die Teilnehmer ihre Schätzung an, wenn sie um die Werte der anderen wissen. Damit ist allerdings auch der Nutzen des Mittelwerts verloren.

Schwerpunkt: Internet

Auch wenn wir es mit der NSA und anderen Datensammlern teilen müssen: Das Internet bleibt unser Zuhause. Wir essen und schlafen vorläufig noch analog, aber sonst findet unser Leben zunehmend im Netz statt. Darum widmet die presstige-Redaktion dem Internet einen Schwerpunkt. Alle bisher erschienenen Beiträge sind hier gesammelt.

Sozialpsychologische Experimente zur „Konformität“ zeigen immer wieder, wie leicht sich der Einzelne durch sozialen Druck beeinflussen lässt. Eine Sensation war in den 50er Jahren das Experiment von Solomon Asch. Eine Gruppe von sieben Testpersonen soll die Länge von Strichen einschätzen und den längsten Strich bestimmen. Fünf von ihnen nennen eine offensichtlich falsche Antwort; sie sind eingeweihte Helfer. Der sechste Teilnehmer, die eigentliche Testperson, muss sich als Vorletzter äußern und entscheidet sich in 37 Prozent der Fälle der Mehrheit zu folgen und seine eigene Einschätzung nach wenigen Durchläufen zu verwerfen. Genauso springen viele User auf den Zug der Beleidigungswelle gegenüber den Urhebern von Youtube-Videos oder Online-Artikeln auf. Zum Teil auch ohne das kritisierte Objekt überhaupt gesehen bzw. gelesen zu haben. Deshalb ist oft das Produkt einer freimütigen, anonymen Kritikabgabe mithin eher ein Ausdruck von Schwarmdummheit Schwarmfeigheit.

Der Schwarm identifiziert den Schwarm

Zuerst soll soll die Beschaffenheit des Meeresbodens auf dem Foto bestimmt werden: sandig, kiesig, steinig, mit Muschelschalen bedeckt oder bestehend aus Felsbrocken. Dazu reicht ein Klick auf die richtige Kategorie. Dann – mit etwas mehr Mausbewegungsaufwand – geht es an das Markieren und Vermessen der sich auf oder über ihm befindlichen Lebewesen: Krebse, Seesterne, Muscheln und natürlich Fische. Ich bin einer der vielen User, die für das Projekt Seafloor Explorer Inhalte der Millionen Fotos vom Meeresgrund kategorisieren und damit für die Forschung nutzbar machen. So kann der Online-Schwarm helfen den Fischschwarm zu entdecken. Eine Sammlung weiterer interessanter Projekte dieser Art findet sich auf der Plattform zooniverse.org. In einer deutschen Aktion findet die eigentliche Handlung der Teilnehmer, nämlich Stechmücken fangen, offline statt, um Forschern genügend Material zu besorgen für ihren Online-Mückenatlas. Das Schwarmengagement Vieler unterstützt also die Wissenschaft.

Das Internet mit seiner Masse an Nutzern als Schwarm anzusehen ist durchaus angemessen. Allerdings greift der Begriff Schwarmintelligenz als Überzug für alle Netz-Projekte zu kurz. Während beim Schwarmengagement gegenseitige oder gar hierarchische Kontrolle sinnvoll ist, funktioniert die Schwarmintuition am besten ohne dass der Einzelne von Klickzahlen oder Kommentaren anderer beeinflusst wird. Sonst passt er sich wahrscheinlich der Mehrheitsmeinung an. Und trägt dabei vielleicht manchmal noch mehr zur Schwarmfeigheit bei.

1 thought on “Das Phänomen Schwarmintelligenz”

  1. Pingback: Illustrating a magazine | by Natalia Sander

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