Die Helden, die ich meine

Wer ständig von Helden spricht, sollte sich irgendwann gründlich mit diesem Begriff auseinandersetzen. Der hat nämlich eine zwielichte Geschichte. Zeit, ihn neu zu besetzen.

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Text: Christian Endt, Illustration: Marina Schröppel

Seit Wochen ist hier von Helden die Rede. Vielleicht ist es an der Zeit darüber zu sprechen, was mit diesem Wort eigentlich gemeint ist.

Der Gedanke kam mir letztens in Wien, als ich über den Heldenplatz lief. Der Heldenplatz ist ein großer Platz vor der Wiener Hofburg. An Silvester treffen sich hier tausende Menschen, sie feiern gemeinsam und tanzen mit einem Walzer ins neue Jahr. Im Sommer sitzen hier viele Leute und genießen die Sonne. Dafür gibt es im dicht bebauten Zentrum von Wien sonst nicht viele Orte. Aus diesen Gründen ist der Heldenplatz einer meiner Lieblingsplätze in der Stadt.

Das liegt aber nicht an seiner Geschichte. Der Heldenplatz hat seinen Namen, wie man sich denken kann, nicht zur Erinnerung an erfolgreiche Botaniker erhalten. Es geht vielmehr um Kriegshelden. In der Mitte des Platzes steht ein Reiterstandbild. Ein beeindruckendes Kunstwerk, denn die zehn Tonnen Metall stehen nur auf den Hinterfüßen des Pferds. Aber es bleibt halt ein Kriegsdenkmal. Die Wikipedia sagt, es “diente zur militärischen Glorifizierung der Dynastie”. Woher sie das weiß, sagt die Wikipedia zwar nicht, aber es klingt ziemlich plausibel. Der abgebildete Erzherzog Karl hat das Habsburgerreich in viele Schlachten geführt, vor allem gegen Napoleon.

Kolumne: Generation der Helden

Wir sind schlau, wir sind trinkfest und wir sehen gut aus. Mit dem Elan der Jugend, den Möglichkeiten des Internets und einem Bier vom Kiosk werden wir die Welt retten. Diese Kolumne ist nur der Trailer. Christian Endt schreibt sie meistens dienstags und immer im Wechsel mit „Student sein“ von Rebecca Naunheimer. Beide Kolumnen werden von Marina Schröppel illustriert. Alle Folgen von „Generation der Helden“ zum Nachlesen

Auch nach dem Ende der Monarchie diente der Heldenplatz nicht immer dem Frieden auf Erden. Hitler verkündete hier die Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich. Immerhin, 1993 demonstrierten Hunderttausende hier gegen die Ausländerhetze der FPÖ (Sollte man so etwas nicht auch dringend auf dem Münchner Marienplatz abhalten, als Zeichen gegen die “Wer betrügt, der fliegt”-Kampagne der CSU?). Doch noch immer findet hier jedes Jahr eine Werbeveranstaltung der österreichischen Armee statt.

Okay, das war jetzt ein etwas länglicher Exkurs über ein gepflastertes Stück Österreich. Aber ich wollte deutlich machen, welche Tradition der Begriff “Held” hat: eine durch und durch militärische. Und wenn man das Wort so exzessiv verwendet, wie es in dieser Kolumne passiert, sollte man sich damit auseinandersetzen.

Der Duden hat für die vier Buchstaben gleich fünf Definitionen am Start. Eine geht um den Held in der Mythologie, der von “edler Abkunft” sein muss. Das ist natürlich Murks. Eine andere handelt von der schon besprochenen “Tapferkeit im Krieg”, eine weitere von der DDR (“Held der Arbeit”) und die fünfte meint den literarischen Held. Für unsere Zwecke kommt eigentlich nur eine Definition in Frage: “Jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt”.

Der Kriegsheld bekommt diesen Titel in der Regel von den Machthabern verliehen, deren Befehle er im Gefecht besonders pflichtbewusst und wirkungsvoll umgesetzt hat. Wer Soldaten zu Helden glorifiziert, erklärt damit Gehorsam und Grausamkeit zu erstrebenswerten Idealen.

Wenn ich von Helden spreche, meine ich Menschen, die durch Mut, Kreativität, Intelligenz und Tatendrang dazu beitragen, dass die Welt besser wird. Das kann im Einzelfall alles Mögliche heißen: glücklicher, gerechter, freier, demokratischer, gesünder, grüner, bunter, schöner, lauter, leiser, schokoladiger. Auf jeden Fall aber heißt es: friedlicher.

Wir brauchen einen anders besetzten Heldenbegriff. Zum Glück ist Sprache wandelbar und immer ein Spiegel der Zeit. Wenn die Generation der Helden erstmal die Welt gerettet hat, wird eine neue Definition von Held ganz von selbst in die Wörterbücher einziehen. Die Kriegshelden von damals werden nach und nach verschwinden, und das ist kein Verlust.