Eher Selbstoptimierung als Humboldt?

Ein kritischer Blick auf das Studium von heute

Humboldt_1200px
Text: Felix Veil – Illustration & Layout: Paul von Platen

Stecken noch Ideale in einem Universitätsstudium? Geht es darum, für die Berufs- und Arbeitswelt gut gewappnet zu sein oder legt die Uni Wert auf Persönlichkeitsentwicklung und Urteilskraft, wie es einst Humboldt vorschwebte?

Was sich junge Erwachsene von ihrem Studium erhoffen, kann sehr unterschiedlich sein. Sicherlich ist auch der Wunsch zu erkennen, ein breites Wissen zu erlangen. Das ruft Assoziationen mit dem humanistischen Bildungsideal à la Humboldt hervor. Dieser war jedoch nicht Befürworter einer reinen Wissensvermittlung, sondern vielmehr Verfechter einer Ausbildung der gesamten Persönlichkeit des Menschen. Mit Praktiken wie dem Auswendiglernen oder der Fokussierung auf ausschließlich berufsrelevante Themen konnte er nichts anfangen. Das Begreifen und die Reflexion des Gelernten waren ihm wichtig.

Ich denke, dass das humanistische Bildungsideal wenig Beachtung findet. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin schmückt dieses Ideal mit Begriffen wie Urteilskraft, Hintergrundwissen und Weltgewandtheit. Auf Klausuren zu lernen ist an der Uni normal. Das damit verbundene Auswendiglernen erzeugt aber weder Urteilskraft noch Hintergrundwissen, denn am nächsten Tag ist oftmals das Meiste vergessen. Dasselbe Ergebnis haben wir beim sich Berieselnlassen während der Referate, besonders wenn sie monologartig gehalten werden. Das Verfassen von Hausarbeiten sowie Seminardiskussionen auf Grundlage eines vorzubereitenden Textes können dem humanistische Bildungsideal wohl noch am nächsten kommen: Hier setzen sich Studenten wirklich mit dem Thema auseinander. Sie müssen ihre eigene Arbeit schreiben und nicht irgendwelche Skripte von Vorlesungen auswendig lernen, die sie meist nicht mal zu reflektieren brauchen.

Ich darf nicht nichts tun

Einen Hang zur Selbstoptimierung kann die Psychoanalytikerin Petra Holler bei Studenten feststellen, die ihre Praxis besuchen. Sie sieht sich in einer Studie des Bundespresseamtes bestätigt, die zeigt, dass Studenten so leistungsbewusst sind wie noch nie. Im Interview mit ZEIT Online sagte sie, Studenten verglichen sich stark mit anderen. Die ständige Einbindung in soziale Netzwerke wie Facebook oder WhatsApp sei dafür verantwortlich. Einen Zustand von Ruhe würden die Studenten laut Holler nicht kennen. Die Angst zu versagen sei dabei ein häufiger Grund, der während der Therapie zum Vorschein komme.

Den Gedanken des humanistischen Bildungsideals mag der ein oder andere Student trotzdem verfolgen. Außerdem neigt nicht jeder gleich stark zur Selbstoptimierung.

Meiner Meinung nach führen die Art der universitären Wissensvermittlung, die kurze Regelstudienzeit des Bachelors sowie die Anforderungen vonseiten der Berufswelt vom Ideal Humboldts weg. Stattdessen verstärken sie die Selbstoptimierung bei Studenten.

Ausgabe 28: Körper Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 28 unseres gedruckten Magazins.